Wenn eine künstliche Intelligenz Farbe herbeizaubert

Wie gut sind Soft­ware­programme, die aus Schwarz­weiss­auf­nahmen bunte Bilder machen? Ich habe das anhand eines authen­tischen Jugend­selfies ausprobiert.

Es ist beeindruckend, was künstliche Intelligenz bei altem Bildmaterial zu leisten vermag: Sie erhöht die Auflösung, rechtet ruckelige Filmsequenzen ruhig, entfernt Bildstörungen und macht Schwarzweiss-Aufnahmen bunt.

Diese Restauration verändert unsere Wahrnehmung: Digital aufgefrischte Zeitdokumente wirken nicht mehr wie historische Artefakte, die uns heute nichts mehr angehen. Die gefühlte Distanz wird kleiner – auch wenn uns die Bilder natürlich niemals so direkt betreffen, wie ein Selfie, das wir selbst vor drei Tagen fabriziert haben.

Diesen Effekt habe ich im Beitrag Und plötzlich wirkt die Vergangenheit frisch und lebensecht (Abo+) beschrieben und einige eindrückliche Beispiele zusammengesucht, die die Möglichkeiten solcher Algorithmen demonstrieren. Es gibt inzwischen nämlich eine lebendige Szene, die sich der Aufgabe verschrieben hat, das letzte aus alten Filmaufnahmen herauszuholen.

Seit ich den Artikel geschrieben habe, wollte ich selbst eine solche Software ausprobieren. Als Testobjekt habe ich folgendes Foto ausgesucht, das mich in meinem Jugendzimmer zeigt – und das ich ohne Koketterie als Perle aus meinem Fotoarchiv bezeichnen würde. Es ist eine authentische Schwarzweissaufnahme, die um die 35 Jahre auf dem Buckel hat und die ich seinerzeit mit dem im Beitrag Dias scannen im Akkord beschriebenen Gerät ab Filmnegativ digitalisiert habe.

Ein analoges Original, in mittelmässiger Qualität digitalisiert.

 

 

 

 

Also, welche Farbe dieses Hemd damals hatte, weiss ich beim besten Willen nicht mehr. Bei den Hosen könnte es sich um helle Jeans handeln, aber das ist auch nicht so ganz klar. Sicher ist aber, dass die Holztäfelung irgendwie holzfarbig sein sollte.

Die eigentliche Herausforderung ist die Figur im Hintergrund: Das ist ein Wandgemälde, dass ich noch als Primarschüler eigenhändig angebracht hatte. Es zeigt Wickie aus Wickie und die starken Männer und war farblich dem Original verpflichtet: Es müsste also ein türkisfarbenes Oberteil und eine hautfarbene Hand zu sehen sein.

Und ja, natürlich: Ich habe daran gedacht, ein aktuelles Foto zu nehmen, es zu entsättigen, um dann das eingefärbte Resultat eins zu eins mit der Vorlage in Originalfarben zu vergleichen. Vielleicht werde ich dieses Experiment bei Gelegenheit nachholen.

Doch bei diesem Experiment wollte ich erst einmal herausfinden, ob das Resultat authentisch wirkt. Dass die Software Fehler macht, ist unvermeidlich: Es gibt keine Möglichkeit, aus einer Schwarzweiss-Aufnahme die Farben zu rekonstruieren. Die Software muss raten. Es geht also nur darum, wie gut sie rät – und ob sie Holz, Haut, Textilien und ähnliche Dinge als solche erkennt.

Misosuppe. Und farbige Fotos

Um euch nicht weiter auf die Folter  zu spannen: ich habe meinen ersten Test online unter colorize.dev.kaisou.misosi.ru durchgeführt. Das ist eine etwas dubios anmutende Website mit russischer Top-Level-Domain, auf der hauptsächlich um japanische Misosuppe geht (味噌汁世界). Dass man hier auch Bilder einfärben kann, ist nicht zwingend – allerdings besteht der Charme des Internets darin, dass man als Aussenstehender gewisse Zusammenhänge nicht durchschaut.

Also, und das ist das Resultat:

Die Einfärbung von 味噌汁世界.

Die Bettwäsche und Wicke sind zu blass, aber das Resultat ist annehmbar.

Gelbsucht?

Zweiter Versuch: algorithmia.com. Der Betreiber wirbt damit er würde die Zukunft der Infrastruktur für maschinelles Lernen aufbauen. Und das ist das Resultat.

Die Einfärbung von Algorithmia ist etwas gar gelbstichig geworden.

Kein Zweifel, massiv schlechter. Dieser Gelbstich ist nicht schmeichelhaft.

Der dritte Versuch erfolgt mit einer lokal installierten Software Color Surprise AI von einem Unternehmen namens Pixbim, als Downlaod immerhin über 400 MB gross. Diese Software zu verwenden, ist deutlich umständlicher als ein Webdienst – aber dafür muss man seine Fotos nicht auf seltsame Misosuppen-Websites hochladen, was unter Umständen ein Vorteil ist. Ausserdem berechnet sie das bunte Foto in der Original-Auflösung, fügt in der Gratis-Testversion aber ein Wasserzeichen hinzu. Um das wegzubekommen, benötigt man die Vollversion für 40 US-Dollar.

Die Variante von Pixbim. Die Farbgebung beim Hemd ist mir zu spekulativ.

Auf den ersten Blick nicht schlecht, doch die Einfärbung des Hemdes überzeugt nicht – derartig verwaschene Klamotten habe nicht einmal ich getragen. Den Schatten am linken Unterarm als Dunkelrot zu interpretieren, ist schlicht falsch.

Auch Wickie bleibt schwarzweiss. Interessant finde ich allerdings, dass alle drei Programme, das Bild rechts oben rot gemacht haben. Ob das stimmt, weiss ich nicht – aber es könnte darauf hindeuten, dass überall ähnliche Algorithmen zugrunde liegen.

Das Interface der Pixbim-Software. Man könnte noch ein paar Dinge einstellen, die an der Einfärbung aber nichts Grundsätzliches ändern.

Fazit: Wie zu erwarten war, sind keine Wunder zu verzeichnen. Ich halte aber vor allem das erste Resultat für brauchbar. Wenn man also einmal in die Verlegenheit kommen sollte, ein Schwarzweiss-Foto einzufärben, dann lohnt es sich, es erst einmal mit einer KI zu probieren.

Beitragsbild: Hier hätten etwas weniger Farben auch nicht geschadet (Joel Filipe, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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