Was auch immer diese App tut – sie tut es auf klevere Weise

Ich stelle Notion im Video vor. Das ist eine App, die wahrscheinlich gerade deswegen so nützlich ist, weil es einem schwerfällt zu beschreiben, was sie genau tut.

Das Video, um das es heute hier geht, ist zugegebenermassen nicht mehr als die Verfilmung eines Beitrags aus diesem Blog, nämlich Eine Notiz-App, die die Leute zum Schwärmen bringt. In dem ging es um die Notion. Das ist eine Anwendung, die es für den Browser, die mobilen Plattformen (iPhone, iPad und Android), sowie für Windows und Mac gibt.

Ich habe sie im ersten Beitrag als Notiz-App bezeichnet. Die Bezeichnung wird der Sache aber nicht wirklich gerecht. Man kann Notion für Notizen brauchen – und somit als Ersatz für die Apps, die ich im Beitrag Wie ich einmal die 100-Millionen-Dollar-Idee vergessen habe vorgestellt habe –, doch damit schöpft man die Möglichkeiten nicht aus. Notion ist für komplexe Informationssammlungen ausgelegt.

Damit stellt sich die Frage, welches die passende Kategorie wäre. Darüber habe ich nachgedacht, und die Frage hat sich als komplizierter entpuppt als im Vornherein gedacht. Da meinen Ausführungen zur näheren Bestimmung der richtigen Zuordnung dieses Produkts womöglich nicht alle Leserinnen und Leser folgen möchten – ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass manche die Abhandlungen unter dem Stichwort WGAS verbuchen werden – hier erst einmal das Video:


Die Alleskönner-App für Informations-Schwerarbeiter

Nachdem ihr nun hoffentlich ebenfalls beeindruckt von Notion seid, zurück zu zwei Dingen. Erstens zur Erkenntnis, warum ich kein Botaniker geworden bin – weil es mir nämlich schwerfällt, schon das einfachste Pflänzchen richtig zu bestimmen. Und zweitens zur Frage, mit welcher Sorte Software wir es hier eigentlich zu tun haben.

Die übergeordnete Gattung der Groupware oder Kollaborationssoftware kommt infrage. Wikipedia spricht bei ihr auch von sozialer Software. Aber man kann Notion auch komplett asozial verwenden. Das heisst, etwas freundlicher formuliert, auch nur für sich selbst.

Für mich steht die Verwaltung von Information im Zentrum – egal, ob das nun Film- und Bücherlisten, Rezeptsammlung, unsortierte und unausgegorene Ideen, Check-Listen, To-do-Listen oder Dokumentationen irgendwelcher Art sind. Aber «Informationssoftware» wäre eine fast komplett nutzlose Bezeichnung, da es bei den allermeisten Softwareprogrammen um Informationen im weitesten Sinn geht. Wissensmanagement-Software ist nicht falsch – aber so breit, dass er auch nicht sonderlich präzise ist.

Womit wir bei der Erkenntnis angelangt sind, dass hinter dieser vermeintlich harmlosen Kategorisierungsfrage eine viel gemeinere Angelegenheit lauert. Nämlich: Gibt es überhaupt eine verbindliche und brauchbare Methode zur Einteilung von Software?

Wikipedia hat einen Beitrag in Englisch zum Thema, der nach verschiedenen Kriterien unterscheidet:

  • Erstens die grobe Klassifikation nach Einsatzbereich: Anwendungen, Betriebssysteme und Programmierwerkzeuge.
  • Zweitens nach Status der Lizenz (freie Software, Open-Source, Copyleft-Software, freie Nicht-Copyleft-Software, Shareware und Freeware).
  • Drittens eine Einteilung in sieben inhaltiche Kategorien, deren Herkunft etwas vage mit «Microsoft TechNet und AIS-Software-Kategorien» angegeben wird.
  • Viertens horizontal und vertikal, wobei im letzteren Bereich die ganzen Branchenlösungen zu finden sind. Finde ich nutzlos.

Kurz noch einmal zu der dritten Kategorie. Das sind die folgenden sieben Bereiche, die Microsoft sich ausgedacht hat:

  1. Plattform und Management (wohl im weitesten Sinn Betriebssysteme)
  2. Bildung und Nachschlagewerke
  3. Privatanwender und Unterhaltung (da würden wohl auch die Spiele darunterfallen)
  4. Inhalte und Kommunikation (hier stecken Office, Webbrowser und Groupware-Programme)
  5. Unternehmen und Organisationen (an der Stelle bekommt man es mit Customer Relationship-Management-Werkzeugen, Supply Chain, ERP und solchen Dingen zu tun)
  6. Produktherstellung und Dienstleistungserbringung
  7. Branchenlösungen

Für einen groben Überblick passt das ganz gut. Doch würde man die Kategorien nicht noch weiter aufdröseln wollen? Oder handelt man sich so nur ständige Abgrenzungsprobleme ein, weil sich Programme weder in die eine noch in die andere Kategorie einfügen lassen? Ich denke mir übrigens auch bei mindestens jeder zweiten App, die ich in einem App-Store vorfinde, dass die nicht wirklich passend eingeordnet sind.

Der Weisheit letzter Schluss? Die Kategorien des Apple App-Stores.

Apropos: Das sind die Kategorien in App-Store von Apple:

  • Bildung
  • Bücher
  • Dienstprogramme
  • Entwickler-Tools
  • Essen und Trinken
  • Finanzen
  • Foto und Video
  • Gesundheit und Fitness
  • Grafik und Design
  • Kinder
  • Lifestyle
  • Medizin
  • Musik
  • Nachrichten
  • Nachschlagewerke
  • Navigation
  • Produktivität
  • Reisen
  • Shopping
  • Soziale Netze
  • Sport
  • Spiele
  • Unterhaltung
  • Wetter
  • Wirtschaft
  • Zeitungen und Zeitschriften

Wie grenzt man Lifestyle und Unterhaltung ab? Bücher und Bildung? Medizin und Gesundheit/Fitness?  Zeitungen/Zeitschriften und Nachrichten? Navigation und Reisen?

Ich denke nämlich, dass es ein Merkmal von wirklich nützlichen Apps sein kann, dass sie Aufgaben quer über mehrere Kategorien hinweg erfüllt – und zum Beispiel zur Bildung und Verbesserung der Kommunikation beiträgt.

Fazit: Wenn sich ein Informatikwissenschaftler der Herausforderung stellen möchte, ein stringentes Kategorisierungssystem für Apps und Software aufzubauen, dann begrüsse ich das. Ich selbst werde wie bisher mit groben Einteilungen hantieren und die Besonderheiten von Fall zu Fall hervorstreichen.

Beitragsbild: Äh, frag mich was Leichteres (Katerina Holmes, Pexels-Lizenz)!

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Was auch immer diese App tut – sie tut es auf klevere Weise“

  1. Ich merke schon, dass das nicht einfach war, hier eine gute Beschreibung zu finden. Ich frage mich nur bei dem Punkt Unternehmen und Organisationen, warum man es hier erst mit CRM und ERP zu tun bekommt. Also, es klingt so, als könnte man das auch völlig umgehen, wenn man wollte und das glaube ich kaum, denn das sind zwei ganz essentielle Dinge im Unternehmen.

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