Der riesige Hunger der SBB nach Kundendaten

Eine neue Reise-App der Bundesbahnen sammelt ungeniert und nonstop Ortsdaten der Nutzer. Das geht sogar mir zu weit.

Auf die Empfehlung eines Lesers hin habe ich neulich für die Tamedia die Citymapper-App vorgestellt. Dabei habe ich auf frühere Tipps zur Routenplanung hingewiesen, die es hier im Blog unter dem Titel Der Komfort eines GAs, aber ohne die Fixkosten zu lesen gab.

Einer der Tipps damals war die Reiseplaner-App der SBB. Als ich die noch einmal angeschaut habe, musste ich feststellen, dass sie einen leisen Tod gestorben ist: Die App funktionierte nicht mehr und sie ist auch aus dem Store verschwunden. Eine Erklärung dazu habe ich nicht gefunden, noch nicht mal einen Hinweis, dass die App eingestellt wurde.

Das ist nicht die feine Art, liebe SBB. Wenn Ihr eine App zurückzieht, dann teilt das den Nutzern mit. Und sagt ihnen, weswegen Ihr das tut.

In dem Fall hättet Ihr auch darauf hinweisen können, dass es eine Nachfolge-App gibt. Von der habe ich nämlich erst als Reaktion auf meinen Artikel erfahren.

Dieser Nachfolger heisst SmartWay und ist fürs iPhone/iPad und für Android erhältlich. Den Namen finde ich nicht sehr geglückt: Reiseplaner war schlicht und kein Denglisch, aber wahrscheinlich zu wenig modern für ein so innovatives Unternehmen wie die Schweizerischen Bundesbahnen.

Hier musste ich erst einmal leer schlucken

Die App erfordert ein Login mit Swisspass, was gegenüber der alten Reiseplaner-App ein Nachteil ist: Die hat auch ohne Anmeldung funktioniert.

Beim zweiten Schritt wird sofort klar, warum die App ein Login braucht. Sie erklärt unverblümt ihre umfassende Datensammel-Absicht:

Mit diesem intelligenten Reiseassistenten zeichnet die SBB die Aktivitäts- und Standortdaten deines Mobiltelefons auf, auch bei geschlossener App. So können wir für dich bessere individuelle Prognosen erstellen, die auf deinem erfassten Mobilitätsverhalten basieren.

Die Aufzeichnung lässt sich unterbrechen – doch dann funktioniert die App nicht mehr.

Man kann die Standortaufzeichnung übrigens unterbrechen. Doch dann funktioniert die App nicht mehr. Will man sie nutzen, muss man die Aufzeichnung wieder einschalten.

Bin ich ein misstrauischer Mensch, wenn ich an dieser Stelle eine Theorie entwickle, weswegen die alte, passiv nutzbare Reiseplaner-App durch diese aktiv nach Reisemöglichkeiten suchende App ersetzt wurde?

Natürlich: Es ist klar, wie wertvoll Daten über das Mobilitätsverhalten der Kunden für ein Transportunternehmen sind. Sie helfen beim Optimieren des Angebots und sie sind unverzichtbar für strategische Entscheide.

Aber wieso soll ich als Kunde diese Daten gratis hergeben? Typischerweise erhält man als Kunde einen Gegenwert, wenn man persönliche Daten zur Verfügung stellt. Bei Gratis-Apps gibt es eine Dienstleistung umsonst, für die man eigentlich bezahlen müsste. Bei den SBB muss man seine Billette aber natürlich weiterhin kaufen. Von einem Rabatt – der meines Erachtens angebracht wäre – lese ich an dieser Stelle nichts.

Auch an den Fitnessdaten ist die App interessiert.

Es kommt noch dicker: Beim nächsten Schritt will die App auch auf meine Fitnessdaten zugreifen. Begründung: «Liefert dir eine genaue Schritt-für-Schritt-Navigation zu deinem Ziel.»

Das halte ich für einen hanebüchenen Unsinn. Für eine genaue Navigation braucht die App meine Fitnessdaten nicht. Die braucht sie, um eine Einschätzung vorzunehmen, ob sich ein Nutzer viel oder wenig bewegt.

Und diese Fitnessdaten haben nun definitiv ihren Preis: Ich liefere meine tägliche Schrittzahl an meine Krankenkasse – aber nur, weil ich dafür etwas zurückbekomme. Die neueste Version dieser App habe ich im Beitrag Foodporn für die Krankenkasse vorgestellt.

An dieser Stelle bin ich kurz davor, die App zu löschen. Ich bin kein Datenschutz-Paranoiker, aber diese Anforderungen empfinde ich als übergriffig. Aber da ich den Zugriff auf meine Gesundheitsdaten auch verweigern  kann und weil ich mir Test vorgenommen habe, einen Testbericht zu schreiben, mache ich zähneknirschend weiter. Aber es ist klar: Die Empfehlungen müssen ausgezeichnet sein, um die umfangreiche Datensammelei zu rechtfertigen.

Der Fahrplan – mit dem Hinweis aufs Velo und Carsharing.

Jedenfalls stimme ich den zwingend notwendigen Anforderungen zu. Danach ist die App startbereit. Sie stellt salopp die Frage, wo es denn hingehen soll. Es fällt auf, dass man den Namen einer Haltestelle oder eines Ortes eintippen muss. Das Auswählen eines Ziels auf der Karte, wie bei Citymapper möglich, scheint nicht vorgesehen zu sein.

Ich antworte das, was ich bei Tests von öV-Apps immer als Erstes angebe: Meine ehemalige Wohngemeinde Thalheim an der Thur. Ich erhalte die nächsten Verbindungen mit der S-Bahn, mit den üblichen zwei Varianten: Ich kann entweder die Variante wählen, bei der ich auf den Bus umsteigen muss. Oder jene Variante, bei der eine Strecke von 1,1 Kilometern zu Fuss zu bewältigen ist.

Das hätte ich auch von der normalen App erfahren. SmartWay weist nun noch aufs Carsharing hin: Mit einem Auto von Mobility wäre ich am schnellsten und würde ungefähr 11.90 Franken zahlen müssen.

Die Berechnung des Fahrtpreises fürs Mietauto umfasst nur die Hinfahrt.

Bei einem Preis von 3.50 die Stunde und 0,75 Franken pro Kilometer berücksichtigt die App offensichtlich nur die Hinfahrt. Ich müsste das Auto jedoch wieder zurückbringen, und es würden auch Kosten für die Zeit anfallen, die ich in Thalheim verbringe. Es gibt zwar die One-way-Miete, aber nur zwischen Mobility-Standorten. Und im Zürcher Weinland habe ich keinen gesehen.

Mit anderen Worten: Diese Preisangabe ist nur die halbe Wahrheit. Für eine brauchbare Abschätzung müsste die App den Rückfahrpreis mit einberechnen und danach fragen, wie lange ich in Thalheim zu bleiben gedenke. Bei einem Aufenthalt von ungefähr zwei Stunden müsste ich um die 30 Franken bezahlen.

Eine Buchung des Autos direkt in der App ist nicht möglich. Es wird aber versprochen, diese Funktion werde nachgerüstet. An dieser Stelle fragt man sich, ob nur Mobility berücksichtigt wird. Bei einer Kooperation mit den SBB wäre das naheliegend.

Doch als App-Nutzer interessieren mich solche Kooperationen nicht: Er erwartet von einem multimodalen Routenplaner, dass er alle Optionen und auch die Konkurrenz berücksichtigt. Allerdings ist die dünn aufgestellt. Nachdem Sharoo am 20. Mai 2020 den Betrieb eingestellt hat, gibt es offenbar noch 2EM und WeeShare. Bei denen finde ich auf die Schnelle kein Angebot. Aber natürlich könnte ein klassischer Autovermieter weiterhelfen.

Als Nächstes möchte ich wissen, ob diese App zumindest ein Manko ausbügelt, über das ich mich schon 2011 hier öffentlich aufgeregt habe. Doch nein, Höchstädt an der Donau ist den SBB weiterhin unbekannt.

Was die individuellen Prognosen angeht, kann ich zu denen im Moment kein Urteil abgeben. Ich habe die App erst seit Kurzem auf dem Handy, und mache Corona-bedingt nach wie vor keine grossen Sprünge. Aber ich werde, allen inneren Widerständen zum Trotz, die Standortaufzeichnung vorerst  weiterlaufen lassen – und allfällige Erkenntnisse hier nachtragen.

Fazit: Leider kann ich diese App beim besten Willen nicht empfehlen. Ich halte sie aus Datenschutzgründen für höchst bedenklich und wundere mich im höchsten Mass, dass die SBB derartig wenig Fingerspitzengefühl zeigen. Das wirft für mich auch die Frage auf, wie sehr man ihr in Sachen Swisspass über den Weg trauen sollte.

Zur Erinnerung: Bei Einführung haben Kritiker moniert, der Swisspass habe das Potenzial zur Massenüberwachung. Ich gehörte damals nicht zu den Leuten, die riesige Bedenken hatten – aber das ändert sich, wo ich sehe, wie gross der Datenhunger der SBB wirklich ist.

Beitragsbild: Die Tafel ist reich gedeckt – mit den Daten der Nutzer (Obi Onyeador, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Der riesige Hunger der SBB nach Kundendaten“

  1. Man ist schon versucht zu sagen „wenigstens fragt die App nach den Daten“. Die normale App sammelt ebenfalls Daten und leitet sie in die USA weiter. So zum Beispiel Nutzungsstatistiken und Fehlerberichte. Der Gipfel ist aber, dass für die Einblendung der Werbung Benutzerdaten an Google übermittelt werden. Werbung in einer App, mit der man Billette kauft!

    Quelle: https://translate.google.com/translate?sl=fr&tl=de&u=https%3A%2F%2Fwww.rts.ch%2Finfo%2Fsciences-tech%2F11370535-l-application-cff-fournit-des-donnees-de-ses-utilisateurs-a-google.html

    Eigentlich wäre da eine genauere Untersuchung lohnenswert. Wenn ich den Datenverkehr so anschaue, wird recht viel übermittelt, und das nicht nur bei Abstürzen.

    1. Hallo Manuel
      Du kannst die standortbasierte Werbeeinblendung von Dritten in der SBB Mobile App einfach ausschalten.
      Menu (oben links die drei Striche) -> Einstellungen -> «Angebote & Werbung» -> «Werbung in der App», einfach die Checkbox bei «Werbung von Dritten anzeigen» herausnehmen.
      Die SBB übermitteln da nur die Standortdaten des Handy und lassen dann Google Ads anzeigen. Wen das stört, der kann es wie oben beschrieben, abschalten. Mache ich auch.

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