Foodporn für die Krankenkasse

Meine Krankenkasse hat eine App namens Sanitas Active (iPhone/Android), die Bewegung mit Münzen belohnt, die sich in Gutscheine, zum Beispiel von Digitec umwandeln lassen. Dazu wird meine tägliche Schrittzahl erfasst. Auch Schwimmen und Velofahren wird berücksichtigt.

Ich habe die App vor bald drei Jahren im Beitrag Wie gross wird die Reue sein? vorgestellt. Und um die Frage im Titel zu beantworten: Bis jetzt habe ich es nicht bereut. Ich denke, sie übt einen gewissen Ansporn auf mich aus, das Ziel zu erreichen, das mir die App setzt. (Es sind 10’000 Schritte, wobei man die Zahl mit Schwimmen oder Velofahren entsprechend reduzieren kann.)

Die Datenschutzbedenken sind in der Zeit nicht komplett gewichen – aber wie auch im Beitrag Die Schweissmasche ausgeführt, ist meine Schrittzahl keine sonderlich intime Information. Es gibt kein wirkliches Missbrauchspotenzial. Ein Problem könnte sich dann stellen, wenn ich plötzlich beschliessen würde, mich nicht mehr zu bewegen und die Leistungskurve drastisch nach unten ginge. Das würde Misstrauen wecken, falls tatsächlich jemand auf einzelne Nutzerdaten schaut. Aber dann könnte ich auch einfach die App löschen und erklären, mir sei das Tracking verleidet.

Es war damals richtig, den Datensammel-Apps der Versicherungen mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen. Aus heutiger Sicht ist es aber klar, dass dieses Misstrauen unbegründet war: Die Apps, so weit ich sie kenne, sind harmlos. Das gilt namentlich für Sanitas Active.

Trotzdem sollten wir Nutzer und Tech-Journalisten wachsam bleiben: Denn je alltäglicher es wird, dass wir unsere Daten abgeben, desto schwieriger wird die Sache mit dem Datenschutz: Es muss zum Beispiel immer so bleiben, solche Daten-Beiträge der Nutzer freiwillig sind. Nutzer, die sich dazu bereiterklären, müssen einen Bonus erhalten.

Es darf nie so weit kommen, dass sich das dreht und dass die Datenabgabe der Standard ist. Dann müssten Nutzer, die ihre Daten für sich behalten wollen, mit einem Malus rechnen. Und das wäre auf alle Fälle unfair.

Sportaktivitäten lassen sich nur bei Fitess-Studios, nicht aber im freien Gelände erfassen.

Aufmerksam hinsehen sollen wir auch, wenn das Spektrum der gesammelten Daten ausgeweitet wird. Das ist bei der Sanitas-App der Fall. Ich teste momentan die Beta-Version der Active-App, die ein zwei neue Funktionen aufweist. Es gibt erstens die Möglichkeit, Sportaktivitäten über einen Checkin zu erfassen. Zweitens findet sich ein neues Ding namens Foodscanner in der App.

Erstens die Option Sports Check-in: Tippt man darauf, müsste man das Sportangebot auswählen, in dem man sich befindet. Damit ist, nehme ich an, ein Fitnessstudio, Hallenbad, eine Rennbahn oder etwas in der Art gemeint.

Da ich keine Sportstätten frequentiere, konnte ich diese Funktion nicht testen. Sinnvoll wäre aus meiner Sicht, dass man für die Jogger, Velofahrer, und was es sonst noch so gibt, auch eine Aktivität im Freien angeben könnte.

Da ist zwar auch noch Couscous dabei… aber egal.

Zweitens der Foodscanner. Tippt man darauf, wird die Kamera aktiviert, die man auf den Teller vor sich richten sollte. (Daraus wird klar, dass diese Funktion nur während Mahlzeiten sinnvoll nutzbar ist.)

Die App versucht dann, die einzelnen Bestandteile des Menüs zu erfassen und ihren Nährwert zu ermitteln. Das funktioniert mal besser, mal schlechter: Falls die Polenta auf dem Foto mehr nach Soylent Green aussieht (oder umgekehrt), muss man der App auf die Sprünge helfen. Sie will in manchen Fällen auch genauere Details haben: Ist in der Pasta noch etwas drin: Schweinefleisch, Huhn, Lamm, Rind, Fisch?

Foodscanner: Was soll dieser Bollen hier?

Hat man die Komponenten des Menüs entsprechend aufgedröselt, erhält man eine Auswertung: Die Kalorienzahl und eine Aufteilung nach Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen.

Das ist einerseits faszinierend. Andererseits wirft es auch einige Fragen auf, natürlich speziell die nach der Genauigkeit. Lässt sich anhand eines Fotos die der Nährwert vernünftig bestimmen? Es gibt viele Unsicherheitsfaktoren: Die Grösse des Tellers, die sich nur näherungsweise bestimmen lässt.

Der Scanner sieht bei einer Aufsicht nicht, wie hoch meine Lasagne nach oben ragt. Die Qualität der Lebensmittel lässt sich auf den Fotos kaum bestimmen, eben sowenig verborgene Zutaten wie Öle, Fette und Zucker.

Das Verdickt des Foodscanners: Mit diesem Salatteller wird man sich nicht überfressen.

Für die Nutzer stellt sich die Frage, ob sie Lust haben, sich vor jeder Mahlzeit den Aufwand zu machen, ihr Essen zu vertaggen. Das macht ein bisschen Arbeit und ist nur bedingt sozial verträglich. Damit die Daten aussagekräftig sind und der Vergleich von Tagesbedarf und tatsächlicher Zufuhr einen Wert hat, müsste man jede einzelne Mahlzeit und jedes Snäcklein zwischendurch scannen.

Und da wären wir an einem heiklen Punkt angelangt. Will man seiner Krankenkasse wirklich seine ganzen Ernährungsgewohnheiten offenbaren? Ich würde sagen: Nur, wenn man sich vorbildlich und äusserst gesund ernährt – aber dann braucht man die App nicht.

Wenn man sich umgekehrt dreimal am Tag eine üppige Portion Fastfood gönnt, dann könnte die App den gewünschten Aufrüttelungseffekt haben – aber wenn man das über die Krankenkassen-App in Erfahrung bringt, muss man sich wirklich nicht wundern, wenn hinterher die Prämie «angepasst» wird.

Fazit: Spannend. Aber mir macht der Foodscanner zu viel Arbeit. Und ich würde ihn nur nutzen wollen, wenn die Krankenkasse komplett transparent wäre und mir absolut glaubwürdig mitteilen würde, was sie mit den Daten zu tun gedenkt.

Beitrag: Ja, genauso sieht mein Frühstück jeden Morgen aus (Trang Doan, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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