Wie Youtube von Verschwörungstheoretikern ausgetrickst wird

Inakzeptable Videos können bei Youtube gemeldet werden. Nur dumm: Manche Urheber rechnen von vornherein damit, dass ihre Machwerke gelöscht werden und haben eine Gegenstrategie.

Beitragsbild: Entschuldige, aber du hast da eine Videoplattform vor dem Kopf (Rachit Tank, Unsplash-Lizenz).

Was tun, wenn einem ein Video wirklich gegen den Strich geht? Ich habe neulich über im Beitrag So radikalisieren sich die Verschwörungstheoretiker über einen solchen Fall geschrieben. Und mich gefragt: Muss man so ein Video wirklich tolerieren?

Vermutlich muss man, wenn jemand das Video auf seiner eigenen Website platziert. Allerdings richtet es auch weniger Schaden an als auf einer grossen Videoplattform wie Youtube. Dort ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Leute darauf stossen, die nicht explizit danach gesucht haben.

Denn wie ich von meiner eigenen Statistik weiss, ist der Vorschlagsalgorithmus von Youtube ein potenter Publikumslieferant: 46 Prozent der Zuschauer werden über die Funktionen zur Auswahl von Inhalten angeliefert. Das klingt etwas kryptisch. Youtube sagt, dahinter würden die «Zu­grif­fe über die Start­sei­te/den Start­bild­schirm, den Abo­feed und son­sti­ge Funk­tio­nen zur Aus­wahl von In­hal­ten» stecken. 13,8 Prozent der Klicks kommen über die Videovorschläge.

Man kann davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Zuschauer durch die Plattform vermittelt wurden. Wie wichtig sie ist, ist schon am Umstand ersichtlich, dass landläufig von «Youtube-Stars» und nicht von «Webvideo-Promis» die Rede ist. Gäbe es das Phänomen überhaupt, wenn Youtube nie erfunden worden wäre?

Natürlich werden wir das nie mit Sicherheit wissen. Aber die meisten grossen Internetphänomene sind zentralen Ursprungs. Es gibt nur wenige Beispiele, die dezentral entstanden sind und prosperiert haben.

Mir fällt das Blogging ein. Doch das ist nun auch nicht die grosse Erfolgsgeschichte für das unabhängige Internet. Erstens gab es auch hier den Einfluss der grossen Plattformen wie Tumblr. Zweitens «bloggen» viele Leute, wenn man so sagen darf, lieber auf Facebook und auf Twitter, denn auf ihrer eigenen Website. Und drittens ist das Bloggen eh tot, wie man alle zwei Tage irgendwo lesen kann.

Also, zurück zur Frage, wie man ein Video zwar nicht aus dem Internet, aber immerhin von einer grossen Plattform wie Youtube herunterbekommt.

Weg! Aber für wie lange?

Es gibt bei Youtube die Möglichkeit, ein Video zu melden (hier die Hilfe dazu). Es taucht dann bei den Moderatoren auf, die es sich ansehen und entscheiden, ob es den berühmt-berüchtigten Community-Richtlinien entspricht oder nicht.

Wie genau der Prozess vor sich geht, wie intensiv sich ein Moderator mit dem Clip auseinandersetzt und welche Kriterien im Einzelfall dafür entscheiden, ob ein Video verschwindet oder online bleibt, ist für die Nutzer nicht ersichtlich.

Das ist ein Mangel an Transparenz, wie ich finde. Wie man es anders machen könnte, ist bei Wikipedia ersichtlich. Dort wird meiner Meinung nach zwar zu viel gelöscht. Aber immerhin sind auf der entsprechenden Seite die Argumente dafür und dagegen ersichtlich. Was spricht dagegen, bei einem Video zumindest kenntlich zu machen, weswegen es entfernt worden ist?

Ich habe das eingangs erwähnte Video gemeldet, und es wurde auch relativ zügig entfernt.

Auch die Kriterien, wann ein Youtube-Video gegen die Richtlinien verstösst, sind schwer fassbar. Das sind die Kriterien im Einzelnen, gegen die man verstossen kann:

  • Nacktheit oder sexuelle Inhalte
  • Schädliche oder gefährliche Inhalte
  • Hasserfüllte Inhalte
  • Gewalttätige oder grausame Inhalte
  • Belästigung und Cybermobbing
  • Spam, irreführende Metadaten und Betrug
  • Drohungen
  • Urheberrecht
  • Identitätsdiebstahl
  • Schutz von Kindern
  • Weitere Richtlinien, u.a. zu vulgärer Sprache und der Aufforderung zum Verstoss gegen die Nutzungsbedingungen

Vieles davon scheint auf den ersten Blick klar, zum Beispiel die «Nacktheit» und die «sexuellen Inhalte». Doch natürlich lauern auch da Fallen. Ist Nacktheit verboten, wenn es sich um Kunst handelt? Oder wenn eine Mutter ihr Kleinkind stillt? (Wir erinnern uns vielleicht noch an jene Debatte bei Facebook.)

Doch in welche Kategorie passt das Video eines Verschwörungstheoretikers? Ist es ein «hasserfüllter Inhalt»? Oder «schädlich oder gefährlich»? In extremen Fällen trifft beides zu. Doch wenn ein Verschwörungstheoretiker die alt bekannte Masche anwendet, lediglich Suggestivfragen zu stellen und Dinge zu insinuieren, dann wird man ihm weder das eine noch das andere vorwerfen können.

Ich gebe zu, ich möchte nicht in der Haut des verantwortlichen Content-Moderators bei Youtube stecken. Es ist schwierig bis unmöglich, solche Kriterien zu formalisieren. Und wenn man sowohl der Meinungsfreiheit als auch dem gesellschaftlichen Anspruch auf Schutz vor Falschinformationen und Manipulation Rechnung tragen will, dann muss man die Quadratur des Kreises leisten.

Und es bleibt die Frage, ob das Prinzip «Erst veröffentlichen und bei Regelverstössen löschen» überhaupt noch funktioniert. Im fraglichen Video ruft «Dr. Leonard Coldwell» explizit dazu auf, das Video immer wieder bei Youtube hochzuladen, auch wenn es wenig später wieder gelöscht werde. Er trete dafür die Rechte ab, wenn es nur überall in ganzer Länge veröffentlicht werde.

Das lässt keinen Zweifel daran, dass manche Akteure gewillt sind, das System auszutricksen – und dass sie auf genügend Helfershelfer zurückgreifen können, um das auch immer wieder zu schaffen.

Ich kann nun nicht beurteilen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt und ob solche immer wieder gelöschten und neu hochgeladenen Videos auf nennenswerte Klickzahlen kommen. Doch den Akteuren kann es egal sein. Sie haben keinen Aufwand mit dieser Guerrilla-Taktik, da die Arbeit kostenlos von willigen Helfershelfern erledigt wird.

Jedenfalls macht das eine unbefriedigende Angelegenheit noch viel frustrierender. Youtube kommt nicht darum herum, sich rasch ein besseres System zu überlegen – und zwar eines, bei dem solche Videos noch vor der Veröffentlichung erkannt und aussortiert werden.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

6 Gedanken zu „Wie Youtube von Verschwörungstheoretikern ausgetrickst wird“

  1. Ist es in einer Demokartie nicht üblich, dass es verschiedenen Meinungen gibt? Oder gibt es nur Ihre, die Richtige Meinung und alle anderen Meinungen sind Verschwörungstheorien?

    „Was tun, wenn einem ein Video wirklich gegen den Strich geht?“

    Einfach ignorieren? Ginge das nicht?

    1. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht das Recht auf seine eigenen Fakten. So lange ein Video eine Meinung vertritt, die mir nicht passt, habe ich absolut nichts dagegen. Wenn ein Video aber falsche Dinge behauptet, lügt, verzerrt und manipuliert, dann stört das mich und jeden anderen Menschen, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt.

      Und ja, ich ignoriere solche Videos, weil ich nicht selbst danach suche. Wenn meine Freunde sie mir allerdings in den sozialen Medien präsentiere, dann erlaube ich mir, meine Meinung klar und deutlich dazu zu sagen. Denn wie Sie ja sagen: In einer Demokratie hat jeder das Recht darauf.

      1. Leider gibt es aber „die Wahrheit“ gar nicht. Gläubige Menschen halten z.B. die Existenz Gottes für wahr, obwohl es dafür nicht den geringsten wissenschaftlichen Beweis gibt. Als Atheist kann man jetzt natürlich auf die Idee kommen, dass so ein Quatsch doch nicht auf Youtube verbeitet werden darf. Schließlich können andere das dann ja auch glauben. Trotzdem sollte man auch solche Videos aushalten, die einen gegen den Strich gehen und nicht versuchen alles zu löschen zu lassen, was nicht der eigenen Anschauung entspricht. Freiheit ist eben immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.

        1. Doch, es gibt Wahrheiten: Nämlich Fakten, die sich überprüfen und unabhängig von Weltanschauungen bestätigen lassen. Und klar: Religionen sind gefährlich, sobald ein gewisser Grad an Missionierung überschritten ist oder Ungläubige diskriminiert werden. Selbstverständlich müssen Regeln gegen Hassrede auf solche Videos angewandt werden.

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