Alexander, der durch die Jahrhunderte surft

Was kommt öfters vor? Dass man sich mit viel Freude an ein Buch heranmacht, um es dann (gelesen oder nicht) mit einer gewissen Enttäuschung beiseite zu lesen – oder dass man nicht viel erwartet und dann positiv überrascht wird?

Ich fürchte, der erste Fall ist viel häufiger. Aber manchmal passiert auch letzteres. Und darum geht es heute. Und um die beiden Bücher von Edward Savio: Alexander X: Battle for Forever (Amazon Affiliate) und Ancient Among Us (Amazon Affiliate). Die es meines Wissens nicht auf Deutsch gibt.

Audible hat mir das erste Buch «Battle for Forever» vorgeschlagen, doch aufgrund des Klappentexts hatte ich es schon verworfen. Denn die Hauptfigur ist ein toller Hecht, ein Superheld, der einfach alles kann:

Alexander Grant is a little too good at a few too many things. Two dozen martial arts. Twice that many languages. Chess, the piano, sports, forging excused absences, you name it. He graduated high school top of his class…

Er kann zwei Dutzend Kampfsportarten, beherrscht 48 Sprachen, Schach, Klavier, Sport, egal was. Das klingt langweilig, denn spannende Geschichten entwickeln sich aus menschlichen Schwächen, Konflikten mit ungewissem Ausgang, Selbstzweifeln und Selbstüberwindung.

Es klang also nicht danach, dass dieser Alexander etwas anderes tun würde als sämtliche Widerstände in seinem Leben mit einem Lächeln zu beseitigen. Doch zwei Dinge haben mich umgestimmt. Erstens die vielen positiven Kritiken, die echt angetan von dem Buch zu sein schienen. Und zweitens der Umstand, dass Wil Wheaton das Hörbuch liest. Anders als Wesley Crusher muss man den nämlich mögen. Und er hat auch ein gutes Händchen, was die Bücher angeht, die er liest.

Darum habe ich einen Audible-Credit für das Buch aufgeworfen und es mit geringen Erwartungen in Angriff genommen. Und wie gesagt: Ich habe es nicht bereut.

Der erste Teil: The battle for forever begins…

Die Geschichte ist tatsächlich überzogen und an den Haaren herbeigezerrt. Es geht um eine Gruppe von Menschen, die unter uns leben, aber mit einer (genetischen oder wie auch immer gearteten) Besonderheit ausgestattet sind. Sie altern nämlich viel langsamer als wir – mit einem Hundertstel der normalen Geschwindigkeit.

Während wir zehn Jahre altern, legen sie einen guten Monat zu. Das bedeutet, dass man als Teenie schon 1600 Jahre auf dem Buckel hat. Und als Greis, der nach der normalen Zählung auf die 90 zugeht, ist man prähistorisch und hat die wesentlichen Ereignisse der Menschheitsgeschichte und die allermeisten technischen und kulturellen Erfindungen miterlebt. Man hat die griechische Antike und Imperium Romanum selbst gesehen, sich durchs Mittelalter gekämpft, um dann in der Neuzeit anzukommen. Das ist eine ziemliche Reise – weswegen ich dieser Geschichte auch den entsprechenden Tag verpasst habe. Es ist aber natürlich keine klassische Zeitreise, bei der man mittels entsprechender Maschine durch die Jahrhunderte hüpft.

Der zweite Teil: Die Prähistorischen wandeln unter uns…

Wie gesagt: Auf so eine Prämisse muss man sich erst einmal einlassen wollen. Und man kann sich fragen, was erzählerisch dabei herausspringen soll. Denn natürlich: Jemand wie dieser Alexander X, der – um nicht aufzufallen – noch die Highschool geht, hat schon so viel erlebt und enormes Wissen und unzählige Kenntnisse und Fähigkeiten angehäuft, dass man ihm kaum mehr etwas vormachen kann.

Aber natürlich gibt es bei dieser Konstellation auch Potenzial für Drama und Wehmut. Wer hundertmal langsamer altert, ist einsam. Er gehört zu keiner Generation im herkömmlichen Sinn und er behält seine normal alternden Freunde nie länger als für ein paar Jahre. Denn natürlich muss diese Anomalie ein Geheimnis bleiben. Wenn sie breit bekannt würde, wären die Eternals in Gefahr. Man würde Experimente mit ihnen anstellen, sie als Bedrohung sehen oder in Zoos ausstellen wollen.

Aus diesem Grund wechselt auch Alexander alle paar Jahre seinen Wohnsitz, geht jeweils ganz normal zur Schule und verhält sich altersgemäss. Naja, soweit das halt möglich ist, wenn man fast alle der Ereignisse selbst miterlebt hat, die im Geschichtsunterricht behandelt werden.

Entscheidend ist – und das ist eine äusserst banale Erkenntnis –, was der Autor daraus macht. Edward Savio macht es richtig. Er liefert eine gute Mischung aus Humor, Drama und Abenteuer (man merkt durchaus, dass er auch Drehbuchautor ist). Und er erzählt seine Geschichte mit einem Augenzwinkern, nimmt seine Figuren aber trotzdem ernst.

Und auch die Nebenfiguren: Nebst Alexander werden auch die normalsterblichen Phoebe und Daniel in die Ereignisse verwickelt, die mit Alexanders Verwandtschaft zu tun hat. Die ist nicht wirklich entzückt darüber, welche Entwicklung die Menschheit nimmt. Denn klar: Mit Fingerabdrücken, DNS und der Ominipräsenz von Foto- und Filmkameras wird es zunehmend schwierig, als Eternal seine Anonymität zu wahren. Was die Nebenfiguren angeht, ist Daniel übrigens mein Favorit: Er ist kein wirklicher Held, aber er hat ein lockeres Mundwerk und immer die passende, nassforsche Entgegnung parat.

Ohne Zweifel würde «Alexander X» auch gut als Comic oder Netflix-Serie für Jugendliche funktionieren. Aber es passt auch als Hörbuch, wenn Wil Wheaton es liest.

Fazit: Ich kann die beide Bücher empfehlen. Das zweite hat mir, wider Erwarten noch etwas besser gefallen. Das vor allem, weil die Rückblenden in Alexanders Vergangenheit und in die Menschheitsgeschichte noch an Güte zulegen. Ohne hier zu viel zu verraten – nach der Spoiler-Warnung weiter unten erkläre ich dann dazu noch etwas mehr – taucht eine historische Figur auf, die vor 500 Jahren Geschichten der Weltliteratur geschaffen und die schönsten Sonette aller Zeiten geschrieben hat. Und die nach unserer Meinung 1616 gestorben ist – doch eben auch ein Eternal ist und heute als Produzent für Fernsehserien arbeitet.

Das zeigt, dass der Autor durchaus ein gesundes Selbstvertrauen hat. Denn einer der grössten Berufskollegen wiederzuerwecken und ihm eine Biografie und viele Worte in den Mund zu legen, bedarf einer guten Portion Tollkühnheit. Ich bin nun kein Experte für den besagten Dramatiker und kann daher nicht beurteilen, wie gut das gelungen ist. Aber mir als Laien macht das Spass.

Und auch wenn Edward Savio nicht der weltgrösste Stilistiker sein mag und keine literarische Revolution entfachen wird, so nehme ich ihm seine Leidenschaft für die Menschheitsgeschichte ab. Ich vermute nämlich, dass seine eigentliche Absicht ist, mit einer Abenteuergeschichte bei den jungen Leserinnen und Lesern ein Verständnis und ein Interesse für Geschichte zu wecken.

Das macht er ganz gut, auch wenn Kenner wahrscheinlich immer mal wieder Fehler und falsche Töne in den Rückblenden finden werden. Savio hält sich nicht allzu lang mit Beschreibungen auf und reduziert dadurch auch die Fehlerquellen. Trotzdem fand ich die Episode, die nach dem zweiten Weltkrieg im zerbombten Warschau spielte, glaubwürdig und berührend. Im ersten Buch waren diese Rückblenden, unter anderem zur Boston Tea Party noch vergleichsweise dünn…

Also: Wenn man eine lockere Geschichte mag, die quer durch die Jahrhunderte surft und uns eine Figur präsentiert, die einmal der Assistent von Leonardo da Vinci war und fast mit der Titanic untergegangen wäre, dann kann ich das Buch empfehlen. Bedenken muss man, dass es sich an eine junge Leserschaft richtet und eher auf Jungs als auf Mädchen abzielt.

Worauf es hinaus will, lässt sich auch nach zwei Bänden nicht sagen – und mir ist nicht klar, auf wie viele Teile diese Serie angelegt ist. Sie sollte nicht unendlich laufen, sondern dann irgendwann mal auf den Punkt kommen, finde ich. Eine Trilogie wäre mutmasslich ausreichend – denn allzu lang lässt sich die Frage, was nun mit Alexanders Vater los ist, nicht mehr weiter hinauszögern.

Also, noch ein bisschen was zur Geschichte, inklusive Spoilern:

Alexander X ist ein Eternal mit 1500 Jahren auf dem Buckel, der zur Tarnung wie jeder normale Teenager die Highschool besucht. Er tut es aber zum 17. Mal, und entsprechend oft schwänzt er den Unterricht. Eines Tages, nach einem Lacrosse-Spiel, findet ein Entführungsversuch statt. Alexander vereitelt ihn und ergreift zusammen mit Phoebe und seinem Freund Daniel die Flucht. Wer ihm auf den Fersen ist und warum, bleibt ein Rätsel.

Das Trio schüttelt die Verfolger mit Hilfe eines mysteriösen Halbbruders ab, der seine Hilfe mit dem Leben bezahlt. So langsam wird klar, dass sein Vater und sein Onkel hinter der Sache stecken. Alexanders Onkel nennt sich in der Gegenwart Elam Khai. Aber er ist ebenfalls ein Alexander – man könnte auch sagen: Er ist der Alexander, nämlich Alexander der Grosse. Er will die Welt um hundert Jahre zurückversetzen, weil es den Eternals in der Gegenwart sehr schwer gemacht wird, ihr Geheimnis zu wahren. Er ist der Prototyp des Technikfeindes, könnte man sagen.

Welche Rolle Alexander bei dieser Sache spielt, wird während des ersten Bandes und auch während langer Strecken des zweiten Buchs nicht klar. Es scheint jedenfalls etwas mit seinem Vater Markus zu tun zu haben. Aber der ist abgetaucht. Und so wird die Handlung hauptsächlich vorangetrieben, indem die Freunde versuchen, die Verfolger abzuschütteln und Alexanders Vater aufzutreiben. Viel mehr passiert tatsächlich nicht – zumindest nichts, was die Story vorantreiben würde. Auch wenn einige weitere Eternals auftauchen, die Alexander mal helfen, mal schaden wollen.

Da ist zum Beispiel der 9000 Jahre alte, prähistorische Eternal-Freund, der die Fälschung von Ausweispapieren zur Perfektion getrieben hat. Da ist William Shakespeare, der die Freunde durch London fährt, obwohl er nicht autofahren kann – und der Alexander dankbar ist, weil er ihn kurz vor der Premiere daran gehindert hat «Romeo and Juliet» umzuschreiben.

Da ist der Flugpionier Gustav Weisskopf, der dank – und trotz – Alexanders Hilfe noch vor den Gebrüdern Wright eine taugliche Flugmaschine gebaut hat. Und da ist Leonardo da Vinci, der zu Alexanders Betrübnis eben kein Eternal war. Trotzdem hatte die Hauptfigur das Vergnügen, Mona Lisa persönlich getroffen zu haben, sodass Alexander ganz genau weiss, ob sie auf dem Bild nun lächelt oder nicht.

Auch in der Gegenwart gibt es viele dramatische Szenen: Eine fingierte Flugzeugentführung à la David Copperfield, Verfolgungsjagden durch den Eurotunnell, eine Schnitzeljagd durch den Louvre und ähnliches mehr. Der zweite Teil des Buchs endet mit einem dramatischen Cliffhanger: Elam Khai beginnt, seinen Plan gegen den technischen Fortschritt in die Tat umzusetzen. Er bringt in Paris mit einem Elektromagnetischen Impuls (EMP) sämtliche Geräte mit Stromversorgung zum Stillstand.

Wie das weitergeht, möchte ich dann tatsächlich wissen – auch wenn kurz vorher noch eine schwer verdauliche Wendung eingetreten ist. Bei einer Explosion im Pariser Untergrund ist nämlich Alexanders Mitstreiter und Humorgarant im Buch ums Leben gekommen. Daniel, der kurz zuvor eine in einer JPG-Datei versteckte Botschaft von Alexanders Vater Markus enträtselt hatte, wurde unter Hunderten Kilos von Schutt begraben. Da hätte ich dann lieber nicht mehr weiterlesen mögen.

Es scheint mir recht wahrscheinlich, dass Savio den Stoff ursprünglich als Filmdrehbuch geplant hat und als Roman umstricken musste, weil die Geschichte den Studios zu abgefahren ist – oder dass er auf den Verkauf der Filmrechte spekuliert. Eine solche Anlehung ans Filmgeschäft lege ich meistens zu Ungunsten einer Geschichte aus. Hier jedoch nicht. Und das allein deswegen, weil auch Alexander mehrfach erwähnt, wie sehr doch das Aufkommen des Spielfilms der Kunst des Geschichtenerzählens geschadet habe…

Beitragsbild: Er lebt noch! (Placido Costanzi – Alexander the Great Founding Alexandria, Wikimedia)

Autor: Matthias

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