Lightroom auf den Fersen

Besprechung von Pixelmator Photo, einer sehr günstigen iPad-Alternative zu Lightroom von Adobe.

Pixelmator ist ein Softwarehersteller aus Litauen, der sich in den letzten Jahren mit zwei Dingen einen Namen gemacht hat: Erstens mit Bildbearbeitungsprogrammen von modernem Zuschnitt, die man guten Gewissens auch für professionelle Zwecke verwenden kann. Zweitens mit Kampfpreisen: Die Programme für den Desktop sind für einen zweistelligen Betrag zu kaufen – und damit auch interessant für Leute, die Software nicht von Adobe mieten möchten.

Ich habe diverse Produkte von Pixelmator im Einsatz, die ich jeweils auch hier besprochen habe: Im Beitrag Bildbearbeitung abseits von Adobe die Variante für den Mac-Desktop und im Beitrag Pixelmator macht auch auf dem iPad eine gute Falle, wie der Titel schon verrät, die iPad-Version.

Ich kann beide empfehlen – wobei mir die Produkte von Affinity inzwischen noch etwas lieber sind. Siehe dazu Affinity Photo (Ernsthafte Bildbearbeitung mit dem iPad) und die Layoutsoftware Affinity Publisher (Eine vielversprechende InDesign-Alternative). Diese Programme sind preislich ähnlich gelagert, sodass man sich nicht in übertriebene Unkosten stürzt, wenn man sie alle benutzt: Im täglichen Einsatz werden sich dann auch spezifische Stärken und Schwächen zeigen, sodass man je nach Aufgabe das optimale Werkzeug zur Verfügung hat.

An dieser Stelle soll es nun um Pixelmator Photo gehen. Das ist das Bildbearbeitungsprogramm für Fotos – ganz in Analogie zu Adobe, wo Photoshop das universelle Werkzeug für die Bildbearbeitung und Lightroom der Foto-Spezialist für die schnelle, nichtdestruktive Nachbearbeitung ist. Es ist seit Kurzem für 5 Franken bislang nur fürs iPad erhältlich.

Natürlich beherrscht das Programm RAW, weswegen ich keine Skrupel habe, es in meine epische RAW-Konverter-Serie einzusortieren. Es geht in der zwar vor allem um Programme für den Desktop. Aber ich kenne Leute, die ihre Foto-Entwicklung schon jetzt mehrheitlich am Tablet abwickeln. Und auch wenn das für mich nicht in Frage kommt, so spricht nichts dagegen, es von Fall zu Fall zu tun – wenn es schnell und unkompliziert gehen soll.

Eine erste Auffälligkeit bei Pixelmator Photo besteht darin, dass man seine Bilder nicht in der Fotomediathek bearbeitet, sondern über den Pixelmator-Ordner der Dateien-App. Das ist ungewöhnlich, und es hat Vor- und Nachteile.

Ein offensichtlicher Nachteil ist, dass man ein Bild aus der Fotos-App importieren muss, bevor man es bearbeiten kann. Und man muss es auch wieder dorthin exportieren, um es zurück in den normalen Fotopool zu verfrachten. Das bedeutet auch, dass Dubletten entstehen: Man hat das Original und die bearbeitete, exportierte Variante in der Fotomediathek. Immerhin: Es gibt auch die Möglichkeit, das Original in der Fotomediathek zu aktualisieren.

Wie es scheint, muss man Bilder in Pixelmator Photo einzeln importieren. Das ist umständlich und steht einer schnellen Massenbearbeitung entgegen. Immerhin: Über die Dateien-App von iOS kann man auch mehrere Bilder auswählen und via Teilen > In Dateien sichern auch im Pixelmator-Ordner ablegen. Trotzdem ist dieser Weg nur für einzelne Fotos oder Shootings praktisch, nicht aber für die routinemässige Nachbearbeitung der iPhone- und iPad-Fotos.

Es ist aber auch ein Vorteil: Man kann seine Fotosammlungen komplett auseinanderhalten. Das ist dann erwünscht, wenn man via Pixelmator Auftragsarbeiten ausführt und die Kundenfotos nicht unbedingt in seiner privaten Mediathek haben möchte. Eine solche Trennungsmöglichkeit habe ich auch schon gefordert.

Hat man ein Bild geladen, dann erscheint es in einer sehr aufgeräumten Umgebung. Es gibt in der linken oberen Ecke die Möglichkeit, Änderungen zu widerrufen und zur letzten Version zurückzukehren. Rechts oben gibt es sechs Befehlsknöpfe:

  • Einen mit den Buchstaben ML angeschriebenen Zauberpinsel, der wahrscheinlich mit maschinellem Lernen operiert.
  • Einen Retuschepinsel, der die markierten Bereiche automatisch eliminiert.
  • Ein Werkzeug fürs Beschneiden, Geraderücken und Spiegeln.
  • Ein Menü fürs Teilen und Exportieren. Er hält die drei Befehle Original in Fotos ändern, In Fotos speichern und Exportieren bereit.
  • Die Einstellungen
  • Und natürlich der Knopf mit den Reglern, über den die eigentliche Bearbeitung stattfindet.

Dieser Knopf mit den Reglern bringt vom rechten Rand her eine Bearbeitungsleiste zum Vorschein, die sehr an Lightroom erinnert: Zuoberst gibt es ein Histogramm, das Helligkeits- und Farbverteilung aufzeigt. Darunter stehen Werkzeuge in den folgenden Kategorien zur Verfügung: Weissabgleich, Farbe & Sättigung, Helligkeit, Farbbalance, Selektive Farben, Tonwert, Kurven, Farbersatz, Schwarzweiss, Monochrom, Sepia, Verblassen, Kanalmixer, Negativ, Schärfen und Körnung.

Man kann jedes Werkzeug aktivieren/einblenden und deaktivieren/ausblenden, sowie über das Schlösschen-Symbol fixieren (dann sind keine Änderungen mehr möglich). Und es gibt bei vielen, aber nicht bei allen Werkzeugen den ML-Knopf, der wiederum mit Machine-Learning-Magie eine automatische Optimierung vornimmt. Nach einigen willkürlichen Tests komme ich zum Schluss, dass die gar nicht so schlecht ist. Wenn man nicht genau weiss, was man tun möchte, ist es nicht verkehrt, den einmal anzutippen und zu sehen, was herauskommt.

Die Werkzeuge funktionieren ähnlich wie bei Lightroom: Man hat in jeder Kategorie eine Sammlung von Reglern, bei Helligkeit etwa, Belichtung, Lichter, Schatten, Helligkeit, Kontrast und Schwarzpunkt. Am rechten Rand steht eine Prozentangabe. Die braucht man bloss anzutippen, wenn man den Wert numerisch exakt über die Tastatur eingeben möchte. Ein Doppeltippen auf den Regler setzt ihn auf die Standardeinstellung zurück. Und mit dem Undo-Knopf am oberen Rand kann man alle Veränderungen in der jeweiligen Kategorie ungeschehen machen – auf diese Weise fällt das Experimentieren und Herantasten an das gesuchte Resultat leicht.

Ohne die Werkzeuge hier nun einzeln durchzukauen, kann ich sagen, dass mich gerade die Möglichkeiten zur Farbkorrektur überzeugen:

  • Die Korrektur erfolgt bei Farbbalance übers Farbrad, bei 3-Wege-Farbtöne sogar für Schatten, Mitteltöne und Lichter.
  • Selektive Farbe stellt Farbbereiche zur Verfügung, bei denen man den entsprechenden Farbton, die Sättigung und Helligkeit verändert. Hier dreht man zum Beispiel rote Bildpartien ins Grüne und macht sie heller oder nimmt die Farbsättigung zurück.
  • Bei Tonwert arbeitet man im Histogramm, wahlweise für den Grauwert, Rot, Grün oder Blau oder die Farbsumme.
  • Bei Kurven hat man das klassische Histogramm zur Verfügung, auch hier für Grauwert, Rot, Grün, Blau und die Summe. Es gibt bei Tonwert und Kurven auch ein Pipettenwerkzeug, mit dem man einen Wert aus dem Bild für Lichter, Mitten und Schatten aufnimmt.
  • Bei Farbersatz wählt man die zu ändernde Farbe im Bild und gibt die Ersatzfarbe an. Über Bereich steuert man die Toleranz, via Intensität die Deckkraft der Ersetzung.
  • Mit Schwarzweiss, Monochrom und Sepia verwirft man die Farben im Bild. Der Unterschied zwischen Monochrom und Sepia ist mir allerdings nicht klargeworden – bei ersterem kann man die Farbtonung selbst bestimmen, bei letzterem ist sie gegeben. Das hätte man auch selbst so hinbekommen.

Ein leistungsfähiges Element bei Lightroom und anderen Programmen dieser Art sind die Entwicklungseinstellungen. Es gibt sie auch bei Pixelmator Photo: Dort erscheinen sie als eine Art Effektstreifen am unteren Rand: Schwarzweiss, Filmisch, Klassische Filme, Moderne Filme, Landschaft, Altmodisch, Urban, Nacht und Pixelmator Pro. Man kann die gerade aktiven Entwicklungseinstellungen auch als benutzerdefinierte Voreinstellungen abspeichern.

Das macht das meines Erachtens grösste Manko von Pixelmator Photo zumindest teilweise wett: Es gibt keine Möglichkeit, mehrere Bilder aufs Mal zu bearbeiten. Ein typischer Workflow in Lightroom und anderen RAW-Entwicklern ist nämlich, ein Referenzbild zu bearbeiten und dann die Bearbeitungschritte auf die ganze Bilderserie übertragen: So hat man einen einheitlichen Look und braucht bloss noch hier und dort etwas nachzubessern.

Diese Arbeitsweise ist bei Pixelmator Photo nicht möglich: Man kann die Entwicklungseinstellungen nicht in einem Rutsch mehreren Bildern zuordnen. Man muss sie einzeln öffnen, um dann über die Voreinstellungen die Bearbeitungsparameter zu übertragen. Da müsste der Hersteller bei einem künftigen Update noch nachbessern: Denn das dauert bei grösseren Bildersammlungen einfach zu lange.

Gut hingegen gefällt, dass man die Voreinstellungen sehr leicht exportieren und an andere Leute weitergeben kann. Schön wäre, wenn man sie noch benennen könnte. Pixelmator nummeriert sie durch und scheint auch keine Möglichkeit zu kennen, sie wieder zu löschen. So ist damit zu rechnen, dass die Liste bald lang und unübersichtlich wird und einem abverlangt, sich die Nummer des aktuellen Projekts zu merken.

Pixelmator Photo zeigt zwar die Medadaten an, erlaubt es aber leider nicht, Tags zu setzen oder eine Bildbeschreibung zu vergeben.

Wenn wir bei den Dingen sind, die in der ersten Version fehlen: Es gibt keine Objektivkorrekturen, keine Vignette, keine lokalen Korrekturen mit Verlauf, Pinsel oder Bereichswerkzeug. Das ist im Vergleich zu Lightroom und den besten RAW-Konvertern im Desktop-Bereich ein klares Manko. Allerdings ist die App brandneu – es kann gut sein, dass diese Möglichkeiten mit der Zeit auftauchen werden. Auch so halte ich es für akzeptabel, wenn man am iPad global korrigiert und bearbeitet und spezifischere Arbeiten am Desktop vornimmt.

Praktisch fände ich allerdings eine Möglichkeit, Metadaten zu bearbeiten – selbst wenn die nur rudimentär wäre: Schlagworte setzen, eine Bildbeschreibung vergeben und ein Copyright setzen – das möchte man allenfalls auch schon am Tablet tun, gerade, wenn man die Bilder direkt ab Tablet an jemanden weitergeben möchte.

Fazit: Pixelmator Photo ist nicht perfekt. Aber ein guter Anfang ist gemacht. Ich hoffe auf sinnvolle Weiterentwicklungen. Aber auch jetzt werde ich sie gerne ab und an verwenden.

Beitragsbild: Pixelmator Photo mit «Suchen-Ersetzen» für Farben.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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