Die Vergadgetisierung der Stirnlampe

Ich habe festgestellt, dass jeder noch so popelige Alltagsgegenstand in den Händen von Nerds zu einem Instrument – und einem Monument – des Nerdtums wird. Okay, das ist eine schwer verständliche Prämisse für einen Blogbeitrag, der nicht von einem Philosophieprofessor geschrieben wurde. Aber vielleicht wird sie mit einem Beispiel klarer:

Ich habe mir neulich eine Stirnlampe angeschafft. Ja, ich gebe zu, das klingt sehr nach Midlife-crisis. Manche Männer kaufen sich in meinem Alter einen Sportwagen, andere suchen sich eine junge Freundin. Und die völlig Verkorsten entwickeln einen Bewegungs-Spleen. Die gehen dann bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit rennen oder velofahren, als ob sie ihrer verlorenen Jugend hinterherhecheln würden.

Ich bilde mir ein, in Würde zu altern. Daraus ergibt sich, dass bei mir diese Sportsache nicht pathologisch ist, sondern mit den Sachzwängen zu tun hat. Früher ging ich gern auf längere Velorunden. Da mir heute aus Gründen dafür die Zeit fehlt, kompensiere ich das mit Joggen. Das ist mir etwas peinlich, da ich früher über mittelalterliche Männer in Laufdresses gespottet habe. Zum Beispiel mit Sprüchen wie diesem: «Langläufer leben nicht länger, sie sehen nur älter aus». Aber so ist das, mit dieser jugendlichen Überheblichkeit: Irgendwann fällt sie brutal auf einen zurück.

Immerhin, ein Laufdress habe ich keines. Ich benutze banale Turnhosen und manchmal sogar normale Strassenkleidung. Aber ich habe mir ein Pärchen der famosen Laufschuhe dieses Zürcher Herstellers besorgt, der noch nicht einmal eine Wikipedia-Seite hat.

Stirnlampe für Nicht-Sport-Nerds wie mich!

Und Also, was ich sagen will, ist, dass ich zwar im richtigen Leben ein Nerd bin. Doch was den Sport angeht, bin ich Puritaner und Minimalist. Die Stirnlampe ist darum ein dreckbilliges Modell, das es bei Tchibo für 15 Franken gab und mit dem ich einen Geschenkgutschein aufbrauchen konnte. Es hat drei Helligkeitsstufen und lässt sich per USB-Kabel aufladen. Mehr brauche ich nicht.

Doch eben: Es gibt auch Strinlampen in der Nerd-Variante. Zum Beispiel in eine Mütze integriert. Es gibt Stirnlampen mit Rücklicht, was aus Sicherheitsgründen natürlich eine gute Idee ist. Es gibt die Variante mit 180-Grad-Leuchtradius. Und hier eine multifunktionale Lampe, die auch als Powerbank, Velolicht und Campingleuchte benutzt werden kann. Bzw. könnte, wenn die Kickstarter-Kampagne nicht gescheitert wäre.

Doch das beste kommt jetzt: Es gibt Stirnlampen mit Bluetooth. Denn wie wir von Sheldon Cooper wissen, ist mit Bluetooth alles besser.

Aber Stirnlampen? Ich habe mir den Kopf zermartert, wozu das gut sein könnte. Steuerung des Lichtkegels? Aber wäre das nicht einfacher mit einem Knopf? Automatische Anpassung der Helligkeit? Auch da wäre ein Sensor an der Lampe praktischer. Automatische Alarmierung eines Swat-Teams, wenn der Lichtkegel auf einen Terroristen oder einen Zombie fällt? Sinnvoll – aber man ist trotzdem schon tot, bis die da sind.

Die Website des Herstellers klärt mich wie folgt auf:

Mit der mobilen Applikation MyPetzl Light kann der Benutzer die verbleibende Leuchtdauer auf seinem Smartphone oder Tablet in Echtzeit kontrollieren und die Leistungen der Stirnlampe seinen Aktivitäten (Trailrunning, Bergsteigen, Trekking, Biwak) anpassen. Er muss dazu nur die vorgegebenen Profile herunterladen oder seine eigenen benutzerspezifischen Profile erstellen.

Und man kann sogar ein Video dazu ansehen:

Das wäre für meine Zwecke tatsächlich etwas überzogen, aber wenn man damit rechnet, während seinen sportlichen Aktivitäten in Fels- oder Gletscherspalten zu fallen, dann ist eine Lampe, die in diesem Fall ein heimeliges Lagerfeuer simuliert, natürlich eine gute Sache.

Und wenn ihr denkt, meine Sticheleien sei hier etwas überzogen, dann sei euch gesagt: Nur ein winziges kleines bisschen: Nein, die Lampe kann sogar SOS morsen. Und das ist nun wirklich ganz ohne jeden Spott oder Zweifel grossartig für heimliche Morse-Fans wie mich. Auch wenn ich daran zweifle, dass die Lampe die zurückgemorste Antwort mit den Instruktionen zur Rettung für Morse-unkundige Nutzer auch dekodieren kann…

Eine Stirnlampe hier wäre dem Erscheinungsbild abträglich. (Und überflüssig, weil Tag.) (Pexels/Pixabay, CC0)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen