Lichtspielereien

Im Beitrag Da weinen Bildbearbeiter vor Glück! habe ich eine Besprechung der App Apollo: Immersive Beleuchtung versprochen. Ich war damals so begeistert, dass ich bereits ausgeplaudert habe, was diese App so besonders macht. Das widerspricht sämtlichen Gesetzen von Medienteasern, und es schmälert die Spannung an dieser Stelle. Nicht nur das: Ich habe die App auch noch im Tagi-Artikel Wie Software die Fotografie verändert erwähnt. Aber mit etwas Glück haben die meisten von euch den erwähnten Artikel nicht gelesen oder bereits wieder vergessen.

Also, die Apollo-App rechnet künstliches Licht auf die Bilder. Der naheliegende Einsatzzweck ist die Rettung eines Schnappschusses, der ein hübsches Portrait hätte werden können, dann aber doch eher in die Kategorie der missratenen Fotos fällt, weil das Gesicht der Hauptperson im Schatten versinkt.  In einer «normalen» Bildbearbeitung würde man das ganze Bild heller machen, was unter Umständen jedoch die Stimmung zerstört. Und bloss das Gesicht mehr oder minder gut zu maskieren und selektiv aufzuhellen, sieht wahrscheinlich auch hässlich aus.

Das Original ist bei Tageslicht aufgenommen worden, doch weil die Statue im Schatten steht, ist sie relativ dunkel geraten.

Apollo macht sich die Tiefeninformationen im Bild zu Nutze. Die Doppelkamera mancher iPhones (iPhone 7 Plus, iPhone 8 Plus und iPhone X und neuer) nimmt, wie ich auch schon hier erklärt habe, im Portraitmodus Tiefeninformationen auf. Bei jedem Bildbereich ist bekannt, wie weit er bei der Aufnahme vom Objektiv entfernt war. Dadurch lässt sich ein Kopf (inklusive der dazu gehörenden Haaren und allfälligen Kopfbedeckungen) gut vom Hintergrund trennen. Die App kann so selektiv nur das Gesicht beleuchten, wodurch es sich besser vom Hintergrund abhebt.

Aber nicht nur das: Die Tiefeninformationen sind fein genug, um Lichtquellen zu simulieren. Je nach Position der virtuellen Lampe verändern sich Lichteinfall und Helligkeitsverlauf auf der Oberfläche. Das ist bei der Anwendung der App noch spektakulärer als im fertigen Resultat: Da sieht man tatsächlich einen Lichtkegel über die fotografierte Gestalt wandern. Das macht die Dreidimensionalität von Gesichtern und menschlichen Körpern spürbar – und geht über das hinaus, was man sich von normalen, «platten» Fotos gewöhnt ist. Im Vergleich wirken die stereoskopischen Effekte bei 3-D-Fotos (siehe hier oder hier) doch eher plump. Wenn man bedenkt, dass diese Technik erst in den Kinderschuhen steckt, kommen da noch wirklich spannende Dinge auf uns zu.

In der Apollo-App hat man einen hellen Punkt, den man so verschiebt, dass er das Sujet wunschgemäss beleuchtet. Ein Problem ist, dass er standardmässig nah am Sujet sitzt: So dicht vor dem Gesicht oder am Körber, wie ein Fotograf seinen Blitz oder Scheinwerfer niemals vor seinem Kunden platzieren würde. Ausserdem macht es die Szene unter Umständen auch irreal – weil man als Betrachter spürt, dass man die Lichtquelle, die das Gesicht erhellt, eigentlich im Bild sehen müsste.

So sieht es aus, wenn man einen Spot nahe am Sujet platziert. Diese Lichtquelle müsste im Bild zu sehen sein.

Die App stellt aber die Option Abstand zur Verfügung, mit der sich die Lichtquelle wegschieben lässt. Der Punkt behält dabei seine Position, was etwas verwirrend ist. Ich nehme an, der Punkt gibt nicht den Ursprungspunkt, sondern vielmehr eine Art Vektor an. Man verschiebt die Lichtquelle auf dem Display nur horizontal und vertikal, aber offensichtlich nicht in auf der Z-Achse. Sie befindet sich daher mutmasslich auf der Höhe des Fotografen. Man kann sie offenbar nicht neben das Sujet stellen oder es von hinten anstrahlen. Und man kann den Abstand nicht so sehr vergrössern, wie ich es gerne hätte – für ein mehr Ambient-artiges Licht.

Diese Beschränkungen sind einleuchtend, da die Tiefeninformationen von der Doppelkamera für eine völlig freie Beleuchtung kaum genügend Informationen hergeben. Aber man könnte die Funktionsweise dieses Vektors und die Begrenzungen im Interface der App besser verdeutlichen.

Hat man die Lichtquelle ausgewählt, kann man nebst dem Abstand auch die Farbe (Lichttemperatur) und die Helligkeit bestimmen. Spread gibt den Winkel der Lichtquelle an – von Spot bis relativ weit streuend.

Die Option Maske erlaubt es, virtuelle Lichtformer bzw. Gobo-Masken einzusetzen. Wie seinerzeit im Publisher-Beitrag Effektvolles Spiel mit Licht erklärt, ermöglicht das zum Beispiel den dramatischen Effekt eines Scheinwerfers, der durch eine Jalousie fällt. Das in Photoshop auf ein flaches Bild zu rechnen, ist nur mit viel Aufwand überzeugend – oder wahrscheinlich überhaupt nicht. Aber mit den Tiefeninformationen wird es besser. Es braucht aber trotzdem das richtige Bild und einiges an Gefriemel, dass etwas Brauchbares herauskommt. Ich nehme an, dass der analoge Weg hier noch immer der bessere ist – also ein entfesselter Blitz, der durch eine echte Jalousie hindurch blitzt.

Schliesslich darf man seine Lichtquelle via Duplizieren auch klonen. Auf diese Weise hat man mehr als Lampe auf die Szene gerichtet, so wie das ein Fotograf auch tun würde. Man kann bis zu 30 Lichtquellen verwenden.

Hat man keine Lichtquelle ausgewählt (um sie abzuwählen, tippt man das Foto an), fügt man über das Plus-Symbol Standard-Lichtquellen hinzu. Die Option Schatten gibt an, wie stark der Hintergrund abgeschattet wird. Mit Effektspanne steuert man, ob die Lichtquelle auch den Hintergrund tangiert oder nicht. Mit Hintergrundentfernung lässt sich die Umgebungsszene auch komplett eliminieren und einschwären. Doch diese drei Einstellungen können zu unschönen Kanten führen.

Mit Nebel kaschiert man den Hintergrund mit künstlichem Dunst, den man in Farbe und Helligkeit anpassen kann. Halo steuert die Kanten ums Sujet, wobei hier eine möglichst neutrale Einstellung angezeigt ist. Und der Effekt Drama erhöht oder verringert die Kontraste im Bild.

Fazit: Apollo ist eine spannende App, die die Möglichkeiten – und die Grenzen – der virtuellen Beleuchtung aufzeigen. Man kann wunderbar mit den Einstellungen spielen und die unterschiedliche Wirkungsweise von geführtem Licht ergründen. Bei mir hat das vor allem die Lust geweckt, mit echtem Licht zu arbeiten. Da sind die Gestaltungsmöglichkeiten und die dramatischen Effekte einfach noch viel grösser.

Beitragsbild: Die Beleuchtung hier ist echt. (Noir Guy von Ryan Hyde/Flickr.com, CC BY-SA 2.0)

Autor: Matthias

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