Zeitreisen schützt vor Torheit nicht

Oder auch: Alter schützt vor Zeitreisen nicht.

Frederik Pohl, seines Zeichens Science-Fiction-Autor, wird folgendes Zitat zugeschrieben:

A good science fiction story should be able to predict not the automobile but the traffic jam.

Ein guter Scifi-Autor sollte nicht das Automobil vorhersagen, sondern den Verkehrsstau. Das ist natürlich absolut wahr. Eine technische Errungenschaft zu skizzieren, ist im literarischen Kontext langweilig. Spannend wird es erst, wenn man als Leser erfährt, was eine Erfindung auf gesellschaftlicher oder persönlicher Ebene, im privaten oder globalen Ausmass anrichtet. Trotzdem haben Nerds wie ich einen kleinen Einwand: Wir wollen dennoch ganz genau wissen, wie eine Erfindung funktioniert und arbeitet, welche Benutzerschnittstellen sie hat und welche Version von Windows auf ihr läuft. Um zum Zitat zurückzukehren: Wenn es nur um den Verkehrsstau geht, dann fehlt unsereins die technische Glaubwürdigkeit. Auch das Automobil als Erfindung, als Maschine und als künstliche Entität muss uns begeistern.

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Wenn man seinen Bruder retten will und aus Versehen in der Kreidezeit landet. (Bild: 100million, Jason Boldero/Flickr.com, CC BY 2.0)

Dieses Dilemma gibt es bei vielen der Geschichten, die ich hier bespreche – bei denen es um Zeitreisen, um Paralleluniversen und alternative Realitäten geht. Ich will die Auswirkungen eines Zeitsprungs oder eines Risses zwischen den Dimensionen spüren. Es muss nachfühlen können, wie sich das gesellschaftliche Klima verändert, nachdem der Geschichtsverlauf eine andere Abzweigung genommen hat und die Nazis auch heute noch an der Macht sind. Oder, um die zwei beliebtesten Topoi zu nennen, JFK nie ermordert wurde. Eine Geschichte ist dann überzeugend, wenn ich die Angst des Protagonisten spüre, der sich plötzlich in einer Welt befindet, die er kennt und doch nicht kennt – weil manche Dinge ihre Vertrautheit behalten haben und andere fremd und befremdlich wirken.

Das funktioniert aber nur, wenn die Erzählmechanik greift und die technischen Belange einleuchten, selbst wenn sie nur nebenbei Erwähnung finden. Die Gesetze der Zeitreise müssen eingehalten werden. Es interessiert mich, wie die Hauptfiguren dem linearen Zeitablauf entkommen sind und was für Konsequenzen das hat. Und die Auswirkungen davon müssen eine echte Rolle für die Handlung spielen und nicht bloss Staffage sein – um beispielsweise einfach nur die alte Geschichte einer unmöglichen Liebe nochmals aufzuwärmen oder eine Antikriegsgeschichte zu erzählen (Temporales Treibgut).

Darum stellt hohe Anforderungen. Der Autor muss einerseits evozierend schreiben und erfundene Zeitachsen genauso überzeugend literarisch zum Leben erwecken wie reale. Und er muss die Gesetze seines Universums genau kennen und einleuchtend beschreiben können. Das ist ein ziemlicher Spagat, der häufig auch nur halb gelingt. Manchmal ist die evozierende Ebene wunderbar, aber man hätte sich auf der technischen und der Plot-Ebene mehr gewünscht. Manchmal wird zu wenig greifbar, was in der anderen Welt denn anders ist. Manchmal ist die Sache zu plakativ. Manchmal ist das Hirnkonstrukt des Autors ein wenig zu kopflastig geraten. Und manchmal ist eine Geschichte auch ein zu bunter Flickenteppich von zu vielen Ideen, die nur halb zusammengehen.

Doch A Gift of Time (Amazon-Affiliate) von Jerry Merritt ist eine wunderbare Zeitreise-Geschichte, die alles hat und bei der alles zusammenpasst: Eine schöne Zeitmaschine mit einem wissenschaftlichen Unterbau, einen sympathischen Helden mit einer Mission, der nicht einfach nur zum Spass den temporalen Rückwärtsgang einlegt. Und einen stimmungsvollen Plot, der glaubwürdig bleibt, selbst wenn er den Leser in die Bürgerkriegszeit der USA und in die Kreidezeit zu einer angriffigen T-Rex-Herde zurückversetzt.

Die Geschichte, die es anscheinend nicht in Deutsch gibt, bringt uns viele sympatische Figuren nahe: Micajah (Cager) Fenton, der Zeitreisende. Eine vorwiegend nackt herumlaufende Alien-Frau namens Lovely Pebble, die nicht von ungefähr eine grosse Sympathie für Wale hat und die Sache mit der Zeitreise komplett durchdrungen hat. Aunt Sealy, die die alte, weise Einsiedlerin verkörpert, die zwar ein Klischee ist, hier aber eigenständig genug erscheint, um glaub- und liebenswürdig zu sein. Und natürlich Arlie, der Jugendfreund, mit dem Cager so einiges mitmacht, um sich dann für Arlene in die Bresche zu werfen – obwohl er sich doch eigentlich sosehr als Misanthrop sieht.

Es gibt eine Zeitreise, die eine starke Motivation hat. Die ist zwar nicht neu oder sonderlich überraschend – die Motivation, einen Fehler wiedergutzumachen, ist sogar extrem naheliegend –, doch sie funktioniert auf der erzählerischen und auf der technischen Ebene. Und auch wenn ich persönlich anders an die Sache herangegangen wäre als Cager, so hat es doch Spass gemacht, mit ihm Zeit zu verbringen.

Natürlich, auch bei «A Gift of Time» könnte man kritisieren, dass das Ende ein bisschen unter den Erwartungen bleibt. Ich hätte Spass daran gehabt, wenn Cager es mit mehreren Durchläufen seines Lebens versucht hätte – und Merritt die alle beschrieben hätte, so wie es Ken Grimwood in «Replay» beschreibt (Jahrzehntlich grüsst das Murmeltier). Auch der Coming-of-Age-Abschnitt nach Cagers Rückkehr zu seinem jüngeren Ich hat manche gestört. Mich nicht; ich mag diese Art Literatur und beim vorliegenden Plot war sie gerade zwingend. Die Geschichte bleibt auch bei slapstickhaften Momenten wie dem abgestürzten Raumschiff oder der unerwarteten Verwandlung von Arlie glaubwürdig. Was beim Hörbuch auch daran liegt, dass es Christopher Lane so wunderbar authentisch und nahbar liest.

Und hier noch eine kurze inhaltliche Zusammenfassung mit einigen Spoilern: Micajah Fenton will mit 80 Jahren seinem Leben ein Ende setzen, wird jedoch von diesem Plan abgehalten, als er ein abgestürztes Raumschiff in seinem Garten findet. Die Pilotin namens Lovely Pebble ist zwar nur eine Projektion einer virtuellen Alien-Existenz in seinem Bewusstsein, aber offensichtlich sympathisch genug, dass Cager ihr helfen will, den Raumgleiter wieder flottzubekommen. Im Lauf dieser Aktion erhält Cager die Möglichkeit, in sein grundschulpflichtiges Ich zurückzukehren. Er will den Tod seines Bruders verhindern, der, wie man als Leser vermuten muss, einem Kinderschänder-Duo zum Opfer gefallen ist. Das funktioniert nicht, weswegen Cager selbst eine Zeitmaschine bauen will. Die Idee: So viele Anläufe zu bekommen, wie halt nötig sind. Lovely Pebble hat sich inzwischen als (halb-)echter Mensch inkubiert, weswegen sie ihm bei diesem Unterfangen behilflich ist. Als solcher hat sie auch nur beschränkte Kenntnisse der Zeitreisetechnologie, die ihrem virtuellen Ebenbild zur Verfügung steht.

Das ist eine offensichtliche Verzweiflungstat – und es ist auch eine fragwürdige Sache, eine Technologie mit einem so gigantischen Missbrauchspotenzial in die Welt zu bringen. Dessen ist sich Cager bewusst. Dennoch geht er verblüffend leichtfertig mit seinem ersten funktionsfähigen Prototypen um. Das führt dazu, dass er und seine Begleiterin sich vor wilden Dinosauriern retten müssen und der Gleiter zum Fetisch von Verschwörungstheoretikern und Ufologen wird.

Das Ende bringt eine Lobrede auf die Menschlichkeit, die mir etwas zu lang und zu moralisch ausgefallen ist. Aber es lohnt sich durchzuhalten, da es ganz am Schluss noch einmal eine überraschende Wendung gibt, die dann wirklich die ganze Menschheit betrifft.

Autor: Matthias

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