Wenn sich Windows aktiv gegen den Shutdown sperrt

Es ist eine Kleinigkeit, die mich regelmässig auf die Palme treibt: Microsofts Betriebssystem bricht das Herunterfahren ab, wenn irgendwo ein ungespeichertes Dokument offen ist. Das ginge auch schlauer.

Etwa fünfmal die Woche passiert es mir, dass ich glaube, meinen Windows-PC heruntergefahren zu haben, nur um Stunden später festzustellen, dass er noch immer läuft. Es heisst dann, Programm sowieso hätte das «Herunterfahren verhindert». In früheren Zeiten, in denen ich noch ins Büro ging, gab es die verschärfte Variante: Nach zwei Wochen Ferien feststellen, dass der Computer die ganze Zeit durchgelaufen ist – und aus unerfindlichen Gründen noch nicht einmal in den Energiesparmodus ging.

Die Ursache des Problems ist einfach: Ist während des Shutdowns ein Programm aktiv, das eine ungespeichertes Dokument offen hat, dann erscheint eine Dialogbox mit der Frage, ob man speichern möchte – und der Computer bleibt eingeschaltet.

Windows will oder kann nicht in den Feierabend.

Natürlich ist es sinnvoll, dass in so einem Fall das Programm nicht einfach abgewürgt wird. Das hätte Datenverlust zur Folge, was unbedingt vermieden werden sollte. Aber trotzdem müsste sich Windows nicht derartig dumm anstellen und wochenweise weiterlaufen. Das ist eine nutzlose Vergeudung von Ressourcen.

Warum nicht eine temporäre Sicherung anlegen?

Es gäbe mehrere Möglichkeiten:

  • Falls der Nutzer nicht innert nützlicher Zeit reagiert, könnte das System sich in den Ruhezustand versetzen.
  • Es wäre keine Sache, wenn in so einem Fall das Betriebssystem das offene Dokument eigenmächtig abspeichern und dann den Shutdown fortsetzen würde.

Natürlich müsste man sich überlegen, wie diese automatische Speicherung idealerweise vonstattengehen müsste. Bei einem Dokument, das noch niemals gespeichert wurde und dementsprechend keinen Namen im Dateisystem hat, hielte ich eine Kopie für sinnvoll, mit einem Dateinamen à la «Automatische Speicherung beim Shutdown am 15.10.2021».

Bei Dokumenten, die bereits gespeichert sind, könnte Windows eine Sicherung des aktuellen Zustands veranlassen. Es wäre aber auf alle Fälle wichtig, dass die Version, die der Benutzer zuletzt selbst gespeichert hat, als Kopie erhalten bliebe. Denn es ist schliesslich denkbar, dass der Benutzer seitdem Änderungen vorgenommen hat, die noch nicht definitiv sind und die er unter Umständen wieder rückgängig machen möchte.

Die Gefahr der Verschlimmbesserung besteht

Nach einem Neustart mit automatischer Speicherung ist das jedoch nicht mehr möglich. Die Gefahr von Verschlimmbesserungen ist somit nicht ganz ausgeschlossen.

Übrigens gibt es einen solchen Mechanismus bereits. Er existiert in Form der Dokumentenwiederherstellung von Microsoft Office, die dafür sorgt, dass Dokumente bei einem Absturz nicht verloren gehen. Auch InDesign hat eine solche Recovery-Funktion.

Es ist nicht einleuchtend, dass dieses Feature nur für Abstürze zur Verfügung steht und nicht generell genutzt wird, dass man seinen Computer herunterfahren kann, ohne sich vorher um die Speicherung sämtlicher offener Dokumente kümmern zu müssen.

Man kann sich sowieso fragen, ob dieses Konzept – das vor fünfzig Jahren sicherlich sinnvoll war – nicht ein Zopf wäre, der abgeschnitten gehört.

Ein modernerer Ansatz müsste so aussehen, dass Dokumente nicht mehr explizit gespeichert werden müssen. Ausserdem sollte eine Versionierung betriebssystemweit für alle Benutzerdokumente zur Verfügung stehen. Dann wäre es nämlich auch kein Problem, wenn ein Nutzer auch einmal selbst eine Datei speichert, nachdem er eine Verschlimmbesserung angebracht hat.

Wir lernen: Anstelle des Speichern unter-Rituals sollten Dokumente persistent abgelegt werden. Wenn man ein Dokument nicht dauerhaft benötigt, löscht man es nach Gebrauch. Wenn man es behalten will, vergibt man einen sprechenden Dateinamen. Vielleicht macht man sich sogar die Mühe, es in ein passendes Verzeichnis zu schieben.

Dieser Automatismus existiert bei Office in Kombination mit Microsofts Online-Ablage Onedrive. Bei Dokumenten, die in der Cloud gespeichert sind, hat man das automatische Speichern zur Verfügung – aber auch nur, wenn man für ein Microsoft 365-Abonnement zahlt.

Ein Beispiel, bei dem man sieht, wie Microsofts Geschäftssinn echte Innovationen verhindert. Es müsste natürlich so sein, dass dieses automatische Speichern in allen Programmen für alle Vorlieben zur Verfügung steht – gleichgültig, ob der Nutzer auf die Cloud schwört oder die lokale Datenhaltung  bevorzugt.

Apple hat es bei Mac OS X probiert

Übrigens: Manche von euch erinnern sich vielleicht daran, dass Apple die Funktion Automatisch sichern/Versionen in Lion (Mac OS X 10.7) eingeführt hat. Ich habe sie vor gut zehn Jahren in meiner Besprechung thematisiert.  Die grundsätzliche Idee fand ich gut: «Wir verwenden eindeutig viel zu viel Zeit aufs Speichern und Dokument-Verwalten», fand ich damals. Ich habe die neue Lösung als sinnvoll bezeichnet, die allerdings «erst ein erster Schritt in eine neue Dateiverwaltungs-Zukunft darstellt».

Ein Problem gab es aber auch damals schon: «Für mich bringt die Neuerung auch die Notwendigkeit mit, immer mal wieder Dokumente explizit schliessen zu müssen. Ich mache oft Notizen in ein TextEdit-Dokument, die ich gar nicht speichern will. Beim Schliessen der Anwendung habe ich die verworfen, indem ich die Frage nach dem Speichern verneint habe. Jetzt muss ich das Dokument schliessen oder leeren, um obsolete Notizen zu verwerfen.» Das Problem habe ich noch einmal separat im Blogpost Zombie-Fenster abwehren thematisiert.

Die grundsätzliche Lösung – plus eine pragmatische Umgehungsstrategie

Ich habe beim Mac die Autosave-Option abgeschaltet; was man übrigens in den Einstellungen bei Allgemein tut, indem bei der Option Fragen, ob Änderungen beim Schliessen von Dokumenten beibehalten werden sollen das Häkchen entfernt wird. Die Idee war gut – aber die Implementation hat mich nicht überzeugt. Auch haben kaum andere Hersteller nachgezogen – bei den meisten Programmen funktioniert es noch wie seit eh und je.

Darum wäre ich auch schon zufrieden, wenn Windows die automatische Sicherung nur dann durchführt, wenn ich den Computer herunterfahren will, obwohl noch Anwendungen mit ungesicherten Dokumenten laufen. Als pragmatische Methode versuche ich mir anzugewöhnen, nicht den Editor zu verwenden, sondern Simplenote (Die schnelle Notiz-App ohne Schnickschnack). Die App synchronisiert, d.h. speichert automatisch und blockiert das Herunterfahren nicht.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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