Die App für den Aha-Effekt

Universal Zoom ist eine App, die die Grössenordnungen unseres Universums verständlich macht – und bei Kindern womöglich sogar Interesse an naturwissenschaftlichen Zusammenhängen weckt.

Während meiner Schulzeit war es ein seltenes Ereignis, dass der Lehrer den Medienwagen ins Schulzimmer geschoben, eine klobige VHS-Kassette hevorgekramt und einen – meist natürlich unglaublich lehrreichen – Film hat laufen lassen.

In der Primarschule ist das überhaupt nie vorgekommen. In dem Schulhaus hat noch nicht einmal ein Medienwagen existiert. Dafür gab es Schiefertafeln, auf denen wir Schönschreiben geübt haben. Ja, liebe Kinder: Unsere Tablets waren jene Dinger, denen die Flachrechner ihren Namen zu verdanken haben.

Aber ich komme vom Thema ab. Einer jener Filme, die wir zu Gesicht bekommen haben, war «Powers of Ten» von 1977:  Wie Wikipedia verrät, ist das ein Kurzfilm von Charles und Ray Eames, der die Grössenordnungen unserer Welt begreifbar macht. Von einem Pärchen auf einer ungefähr quadratischen Picknickdecke fliegt die Kamera erst immer weiter weg in galaktische Dimensionen. Dann kehrt sie zurück, um in mikroskopische und submikroskopische Bereiche vorzustossen. Die neunminütige Reise führt von den kleinsten Strukturen, den Quarks, bis hin zu den grössten Objekten im Weltall, den Quasaren. Und ja, es gibt den Film auf Youtube:

Ich war seinerzeit sehr beeindruckt. Einerseits von den Dimensionen der Welt, in der wir leben. Andererseits von der Filmtechnik. Dieser quasi nahtlose Zoom hat mir vor Augen geführt, wozu das bewegte Bild fähig ist. Und auch wenn aus heutiger Sicht die Übergänge zwischen den einzelnen Einstellungen allzu deutlich hervortreten, so ist und bleibt das doch ein Meisterwerk.

Darum habe ich mich gefreut, als ich Universal Zoom entdeckt habe. Das ist eine App für vier Franken fürs iPad, die ohne Zweifel von «Powers of Ten» inspiriert ist. Im Zentrum der Achse befindet sich die menschliche Frau mit durchschnittlich 1,61 Metern Körperlänge, links und rechts von ihr kleinere und grössere Tiere.

Grösse ist relativ.

Zoomt man mit der Kneifgeste aus oder bewegt sich auf der oben abgebildeten Achse nach rechts, gelangt man via Elefant und Giraffe zum Airbus A380, zum höchsten Bauwerk der Welt, dem Burj Khalifa und zur Gigafactory 1, der grössten Fabrik der Welt, zum Mont Blanc, den Planeten, Sternen, dem Sonnensystem, der Milchstrasse und schliesslich zum beobachtbaren Universum.

Am kleinen Ende stösst man auf die Planck-Länge. Sie ist kein physisches Objekt, sondern eine mit 1,6×10⁻³⁵ Meter wirklich sehr kleine Masseinheit. Man begegnet auf der Ebene der Elementarteilchen dem Elektron und dem Positron, und dann dem Atomkern, den Atomen, der DNS und der Zelle.

Die einzelnen Objekte lassen sich antippen, woraufhin es weitere Informationen gibt, die man sich auch von einer künstlichen Stimme vorlesen lassen kann.

Zu den einzelnen Objekten gibt es Detailinformationen, die auch vorgelesen werden.

Es gibt ausserdem eine lustige Vergleichsfunktion, mit der man einzelne Objekte auf der Achse zueinander in Beziehung setzt. So erfährt man, wie viele Geparde es braucht, um die Höhe eines Elefanten zu erreichen. Oder, dass 2460 Menschen aufeinandergestapelt so hoch wären wie der Tschurjumow-Gerassimenko (in der App Komet 67P genannt).

Ja, zugegeben, ein fragwürdiger Vergleich: Wie viele Geparde einen Elefanten ergeben.
Nein, bitte keine Zoll!

In den Einstellungen schaltet man die Hintergrundmusik ein, wählt das System der Masseinheiten (Metrisch, imperial oder wissenschaftlich) und gibt an, mit welchem Akzent die Sprecherststimme Dinge vorlesen soll.

Leider kann die App nur Englisch und kein Deutsch. Trotzdem ist sie wunderbar geeignet, auf einem von Kindern benutzten iPad installiert zu werden. Ein Verständnis für die Grössenordnungen des Universums ist eine fundamentale Notwendigkeit für wissenschaftliches Denken. Und auch wenn man den Kindern die technischen Details der Zehnerpotenzen vielleicht erst einmal ersparen möchte, so kann diese App ihren Beitrag leisten, um Begeisterung – oder zumindest Interesse – an naturwissenschaftlichen Themen zu wecken. Mir zumindest ging es damals mit dem Film so. Wieso sollte also heute nicht eine App einen ähnlichen Aha- bzw. Wow-Effekt auslösen?

Beitragsbild: Screenshot Youtube.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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