Keine Fleets – dafür jede Menge nützlicher Funktionen

Manchmal gelingt es doch, das Rad neu zu erfinden. Der Beweis ist Aviary, der beste Twitter-Client für die Apple-Welt – der heute obendrein gratis ist.

Der Twitter-Client meiner Wahl war lange Zeit Tweetbot. Ungefähr seit 2012 verwende ich diese App. Ich habe sie hier besprochen und bin ihr erst kürzlich untreu geworden. Als Twitter 2018 die Twitter die API-Daumenschrauben angezogen hatte, haben die Apps der Dritthersteller an Nützlichkeit eingebüsst. Aber auch Tweetbot war irgendwie nicht mehr so charmant wie einst – und nicht mehr so benutzerfreundlich.

Ich bin bei der offiziellen Twitter-App gelandet, die es fürs iPhone und Android gibt. Die ist einigermassen benutzerfreundlich und erfüllt ihren Zweck. Aber eigentlich muss man den Client eines Drittherstellers verwenden, finde ich. Aus Prinzip, und weil man etwas auf sich hält.

Und es gibt einen dritten guten Grund: Der Client des Drittherstellers unterstützt wahrscheinlich diese Twitter Fleets nicht. Sie sind die Dinger, die man aus anderen sozialen Netzwerken als Storys kennt, und die bei Twitter genauso nervig und überflüssig sind wie schon bei Instagram und Facebook. Hey, originell waren sie nur bei Snapchat.

Die Timeline – übersichtlich und gut lesbar. Und in der Darstellung sehr flexibel anpassbar.

Ich habe darum die Gelegenheit wahrgenommen und mir Aviary besorgt. Das ist ein relativ neuer Twitter-Client fürs iPhone, iPad und den Mac, der viel Lob erfahren hat. Hier zum Beispiel von 9to5mac.com.

Gelobt wird in diesem Artikel die Möglichkeit, auch auf zeichnerischem Weg Tweets abzusetzen. In der Ansicht zum Verfassen eines neuen Tweets enthält die Symbolleiste nebst den Knöpfen für Kamera, Fotos, Standort und Giphy-GIFs auch die Drawing-Taste bereit. Mit der kann man etwas Schönes zeichnen und es gleich seiner Bubble darbringen.

Das Bedürfnis, mich auf diese Weise auszudrücken, ist bei mir relativ gering ausgeprägt. Aber es gibt andere Dinge, die mir an dieser App sehr gut gefallen:

Erstens: Die aufgeräumte, unaufgeregte Oberfläche der App – so nützlich, wie ich Tweetbot in Erinnerung habe.

So präsentiert sich Aviary am iPad: Mit drei Spalten, die man natürlich nach eigenen Wünschen auswählen darf.

Zweitens: Beim Verfassen gibt es den Knopf für Ascii Faces. Die sind auch als Text faces bekannt und eine interessante Alternative zu den omnipräsenten Emojis. Wenn man sich als Twitter-Hipster und Internet-Connaisseur zu erkennen geben möchte, dann verwendet man sie und nicht die lustigen farbigen Smileys.

Die Einzelansicht eines Tweets mit jeder Menge nützlicher Funktionen.

Drittens: Die Einzel-Ansicht eines Tweets zeigt prominente Knöpfe fürs Antworten, Retweeten, Favorisieren und das Teilen. Via Teilen kann man den Text, Link zum Tweet, aber auch den Tweet als Bild kopieren: Das ist sehr praktisch für uns alle, die wir ab und zu auf Tweets von Leuten Bezug nehmen, denen wir jedoch nicht mittels eines Retweets zu mehr Reichweite verhelfen wollen.

Im Menü rechts oben stecken nützliche Befehle wie Für später speichern (Save for later), Übersetzen (Translate) und Im Browser ansehen (View in Browser). Man kann direkt zum Profil des Verfassers wechseln. Und, meine Lieblingsfunktion hier, ist die Sentiment Analysis. Sie zeigt, welche Stimmung Twitter beim fraglichen Tweet zu erkennen glaubt. Das finde ich amüsant – denn Sarkasmus entgeht diesem Algorithmus in aller Regel.

Viertens: Es gibt nicht nur keine Fleets, sondern auch keine Werbung und keine gesponsorten Tweets. Ein paar davon würden mich nicht stören – aber in der offiziellen Twitter-App bekommt man immer und immer wieder die gleichen gesponsorten Posts zu Gesicht, dass es mir zu viel wird.

Fünftens: Die Filter, die es nur am iPad gibt. Mit ihnen kann man festlegen, nach Nutzer, Schlüsselwörtern, Hashtags und sogar regulären Ausdrücken filtern. Man darf angeben, ob man Tweets mit Medien, zitierte oder retweetete Tweets sehen möchte, ein Likes-Schwellenwert einrichten oder die Ansicht auf die verifizierten User beschränken.

Die Filter, die man in der iPad-Version auf seine Timeline anwenden kann.

Sechstens: Die umfangreichen und nützlichen Einstellungen. Man kann das haptische Feedback ein- und ausschalten, die Darstellung der Tweets beeinflussen, die Wischgesten wählen. Standardmässig wird durch Wischen nach links geantwortet, durch Wischen nach rechts zitiert. Mit der Kneifgeste (Pinch) macht man einen Screenshot, den man sogleich vertwittern kann.

Man kann sich auch Siri Shortcuts einrichten (siehe Siri auf Steroiden)

Fazit: Das ist eine App für die eingefleischten Nutzer – und ein Beweis, dass es manchmal möglich ist, das Rad neu zu erfinden.

Es gibt Aviary heute noch gratis – aber auch der reguläre Preis von 5 Franken ist mehr als angemessen!

Beitragsbild: Voilà, das Rad, neu erfunden (Alessandra Caretto, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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