Skype, Facebook und Instagram auf Irrwegen

Skype scheint in einer Art Identitätskrise zu stecken. Letztes Jahr wollte Microsoft den altehrwürdigen Videotelefoniedienst in eine Art Social-Media-Netzwerk umbauen. Man konnte sogar eine Art Story über seinen Tag anfertigen. Ja, Microsoft hat bei Skype tatsächlich eines der Features von Facebook (oder ursprünglich von Snapchat) kopiert, die uns schon bei Snapchat kaltgelassen haben und bei Facebook auf den Wecker gegangen sind. Ob das eine vielversprechende Strategie ist?

Nein, natürlich nicht. Man hat auf diesem Weg keine neuen Nutzer dazugewonnen. Denn wieso sollte jemand, der auf Snapchat (oder meinetwegen bei Facebook oder Instagram) mit Leidenschaft jeden Tag seine Story veröffentlicht, das gleiche nochmals bei Skype tun? Und wer es bei Snapchat, Facebook und Instagram nicht tut, der tut es auch bei Skype nicht.

Das hätte Microsoft schon erkennen können, bevor sie mit viel Aufwand ein bewährtes Produkt in einen sinnlosen Snapchat-Klon umgebaut haben. Zum Beispiel anhand des Mashable-Artikels Facebook Stories is a total failure. Ein deutliches Indiz ist auch, wenn «The independent» über ein Update schreibt: Facebook making unpopular Stories feature much more annoying.

Aber Microsoft hat die Funktion eingebaut, um festzustellen, dass sie vor allem den Effekt hatte, dass langjährige Nutzer nicht mehr zurechtgefunden haben. Mir ging es auch so: Ich habe mich wie ein Depp durch die App geklickt, um irgendwann mal per Zufall auf den Knopf zu stossen, mit dem man einen Anruf tätigen kann.

Immerhin: Microsoft hat den Fehler eingeräumt und ist zu den alten Tugenden zurückgekehrt. Im Skype-Blog liest sich das dann wie folgt:

We are refocusing on the fundamentals of why most people use Skype—to make a call (often with video) and/or send a message.

Elementary, my dear Watson.

Ich hoffe nun, dass auch Facebook demnächst zur Vernunft kommt (Vernunft ist bei Facebook etwas viel verlangt) die Nutzerdaten und -reaktionen richtig interpretiert und diesem dämlichen Story-Feature den Schuh gibt. Oder mir wenigstens die Möglichkeit einräumt, diese klotzigen Icons auszublenden. Und falls es eine Begründung brauchen sollte, kann ich das gerne kurz verargumentieren:

Bei Snapchat scheinen mir die Stories ihren Zweck zu erfüllen. So vermute ich es zumindest, obwohl ich Snapchat bis zum heutigen Tag richtig durchdrungen habe (obwohl es ein Erklärvideo von mir zu diesem Dienst gibt).

Aber ich muss Snapchat auch nicht verstehen: Dieser Messenger richtet sich an eine junge Nutzerschaft mit offensichtlich anderen Ansprüchen. Die Teenies führen weniger politische Diskurse. Dafür haben sie ein berechtigtes Interesse, kleine, tagebuchartige Erlebnisschnipsel in Multimediaform für Freunde anzufertigen. Ich vermute, dass mir das mit 16 auch gefallen hätte. In dem Alter hätte ich mir sicher auch die Stories von engen Freunden angesehen. Oder meinetwegen von den jungen Frauen, für die ich gerade geschwärmt habe.

Doch als Erwachsener nutzt man seine Messenger und sozialen Netzwerke mit Vorteil nicht auf diese Weise. Aus Datenschutzgründen rate ich davon ab, allzu viel Persönliches in solche sozialen krakenhaften Internet-Institutionen zu pumpen. Doch selbst wenn es keinerlei Bedenken wegen der Privatsphäre gäbe, würde ich es nicht tun. Denn Facebook (und analog auch Instagram und Skype) war für mich nie eine auf familiäre oder freundschaftliche Kontakte begrenzte Plattform.

Im Gegenteil: Es gibt auch Arbeitskollegen und geschäftliche Beziehungen. Wenn man sich auf Facebook einigermassen prononciert äussert, dann passiert es einem sogar, dass man sich früher oder später mit Leuten verbindet, mit denen man das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat. Das macht Facebook anstrengend. Aber es beugt auch dem Filterblaseneffekt vor.

Kurz und gut: Eine solche Story ist nur dann interessant, wenn sie ausreichend persönlich ist und von jemandem stammt, an dessen persönlichen Erlebnissen man auch interessiert ist. Und damit ist Facebook komplett aussen vor: Auf der Plattform muss man eine professionelle Distanz wahren. Ich versuche bei Facebook, Sachfragen zu diskutieren und wäre schon zufrieden, wenn dabei die eine oder andere Erkenntnis herausspringen würde. Aber mein Tagebuch stelle ich dort garantiert nicht zur Schau.

Fazit: Auch wenn man Skype kritisieren muss, dass sie überhaupt auf diesen Irrweg begeben haben, ist ein Lob angebracht, dass der Irrweg innert nützlicher Frist als solcher erkannt worden ist. Storys funktionieren nur, wenn sie von Anfang an der Kern eines Dienstes bilden – und man sich dort mit dem Ziel anmeldet, einem handverlesenen Publikum ein paar Einblicke in das tägliche Leben zu geben.

Darum eine positive Erwähung von Skype. Und da der Messenger-Veteran (2003 ging er an Start) auch heute noch ein paar gute Neuerungen zu bieten hat – die Aufzeichnungsfunktion, um nur eine zu nennen –, fand ich es gerechtfertigt, mein aktuelles Patentrezept-Video diesem Software-Veteranen zu widmen.

Sinn und Unsinn von Videotelefonaten.

Beitragsbild: Okay, bei dem Anlass ist eine Facebook-Story nicht komplett daneben (Bruno Cervera/Pexels, CC0).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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