Komaglotzen auf gut Schweizerisch

Eine ausführliche Kritik von Playsuisse: Der neue Schweizer Streamingdienst der SRG hatte keinen Glanzstart und noch Potenzial für Verbesserungen. Doch alles in allem ist er der richtige Dienst zu einem guten Zeitpunkt.

Die Startseite von Playsuisse erinnert irgendwie an Netflix.

Mein Anlauf neulich, den neuen Streamingdienst Playsuisse zu besprechen, hat eine unerwartete Wendung genommen. Er beschäftigte sich mit der Strategie 2024 des Schweizer Fernsehens und Radio. Und er gipfelte in der Erkenntnis, dass SRF in einer Identitätskrise steckt.

Nun wage ich einen zweiten Anlauf zu der Frage: Was taugt der neue Streamingdienst?

Zuerst ein paar Fakten: Man kann ihn unter playsuisse.ch via Browser am Computer verwenden – das ist schon einmal praktisch fürs Homeoffice (räusper, räusper). Wichtiger sind indes die Apps: Es gibt sie für Android, fürs iPhone und inzwischen auch mit einer angepassten iPad-Version.

Empfangsmöglichkeiten

Am wichtigsten sind indes die Apps für die Smart-TVs: Die App für den Apple TV ist hier zu finden, und um das schon einmal vorwegzunehmen: Die erfüllt ihren Hauptzweck. Wir haben mit ihr mehrere Folgen der neuen Serie «Frieden» angeschaut, ohne dass ein Unterbruch oder ein Hänger zu beklagen gewesen wäre. Damit ist das erste Urteil klar: Feuertaufe bestanden.

Die Bedienung empfand ich als wackelig. Das ist inzwischen aber auch bei der Teleboy-App und selbst bei Netflix der Fall. Das liegt an Mängeln der Siri-Remote (siehe Etwas Gemotze und 15 Tipps für den AppleTV) und daran, dass das 2015er-Modell des AppleTV, das wir noch immer verwenden, den Zenit längstens überschritten hat. Dass Apple noch immer kein aktualisiertes Modell auf Lager hat, finde ich mehr als bedenklich (Hey Apple, wo bleibt die neue Fernsehbox?).

Schliesslich gibt es auch Apps für smarte Fernseher mit Android TV und auch für die Kunden von Swisscom Blue TV. Wie angenehm die Benutzung auf diesen Geräten ist, kann ich nicht beurteilen, da mir entsprechende Hardware fehlt. In der Presse gab es Meldungen zu Anlaufschwierigkeiten, zum Beispiel hier bei Watson.

Bei Swisscom Blue TV sei die App nicht auffindbar gewesen. Hier im FAQ der SRG heisst es allerdings, die App sei verfügbar und Gespräche mit weiteren Telekom- und Internet-Anbietern seien im Gang. Gemeint sind damit vor allem Kunden von Sunrise und UPC. Salt-Kunden bekommen eine AppleTV-Box und sind damit fein raus.

Smarte Fernseher sind ein hoffnungsloser Fall

Was unseren Sony-Fernseher angeht (siehe Smarte Fernseher sind ganz schön blöd) scheint es mir aussichtslos, auf eine native App zu hoffen. Ich sehe keine Anzeichen, dass es bald eine App für Fernseher mit Linux geben wird.

Aber das hat niemand anders erwartet, oder? Die Fernsehhersteller haben die Sache mit den smarten TVs grandios in den Sand gesetzt. Wenn man einigermassen flexibel sein wird, braucht man eine Apple-TV-Box oder zumindest einen Chromecast-Adapter von Google (siehe Naja, es geht so). Playsuisse funktioniert mit beiden Adaptern – und damit sind die Grundvoraussetzungen erfüllt, dass sich niemand zurückgesetzt fühlen muss. Einen Chromecast-Adapter gibt es schon für unter 50 Franken.

Noch einige weitere Eckdaten: Playsuisse wird gemeinsam für alle Sprachregionen angeboten und es gibt Inhalte auch vom französischsprachigen Fernsehen TSR und vom TSI aus dem Tessin. Beim Start waren ungefähr 1000 Titel verfügbar; mittelfristig sollen es 3000 sein. Es sind Inhalte, die fürs lineare Fernsehen produziert wurden; exklusive Playsuisse-Titel sind vorerst die absolute Ausnahme.

Und: Werbung gibt es keine und die Nutzer müssen auch nicht extra bezahlen. Die Kosten für Playsuisse werden über die Radio- und Fernsehgebühren abgegolten.

Netflix lässt grüssen

Sieht man sich Playsuisse an, sticht die frappante Ähnlichkeit mit Netflix ins Auge: Man scrollt vertikal zwischen den verschiedenen Rubriken, horizontal zwischen den Titeln einer Rubrik. Die Gliederung der Startseite ist einem Netflix-Nutzer sofort vertraut: Man findet unter Weiterschauen die angefangenen Titel, darunter die allgemeinen Empfehlungen, Neuerscheinungen und Schwerpunkte wie die «Dramen, die die Schweiz bewegten» etwa zum grossen Postraub, den ich hier thematisiert habe.

Es gibt auch die Neuerscheinungen und Rubriken wie Komödien, Drama, Naturdokus, etc. Über das Menü kann man sich auch Kategorien aufrufen, die auf der Hauptseite nicht erscheinen, zum Beispiel Comedy, Gesundheit, Kochen, Musik, Thriller, etc.

Es gibt auch einen Algorithmus à la Netflix, der aufgrund persönliche Empfehlungen macht. Wie gut der funktioniert, kann ich nicht abschliessend beurteilen, da mich Playsuisse für gute Tipps noch zu wenig gut kennt. Ich bin aber eh kein grosser Fan dieser besserwisserischen Algorithmen – noch nicht einmal bei Netflix. Denn wer will sich von einem Algorithmus bevormunden lassen?

Und wie immer bei solchen Algorithmen stellt sich die Frage nach dem Datenschutz. Werden hier Profile erstellt, die als Nebengeschäft an interessierte Kreise veräussert werden. Im FAQ heisst es dazu aber klar:

Die Algorithmen werden auf unserer Datenplattform aufgrund der von uns gesammelten Nutzerdaten vom Play-Suisse-Team entwickelt. Diese Daten verlassen das System der SRG nie. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Bleibt die Frage nach dem Angebot: Ob man das gut oder schlecht findet, hängt von den Erwartungen und Vorlieben ab. Ich habe nichts zu mäkeln, denn ich finde alle die Serien, die ich bislang verpasst habe: Wilder, zum Beispiel, oder Der Bestatter, wo ich nur ungefähr die erste Hälfte der ersten Staffel mitbekommen habe. Die nun unkompliziert nachholen zu können, ist erfreulich.

Beim «Tatort» klaffen Lücken

Aber wie steht es zum Beispiel um den Tatort? Zu dieser Serie fällt auf, dass zum Stichwort «Tatort» nur die Schweizer Produktionen vorzufinden sind, nicht aber die Produktionen von ARD und ORF.

Eine lückenhafte Auswahl – und nach einem unerfindlichen Kriterium sortiert.

Und auch das Schweizer Angebot ist lückenhaft: Neun Folgen sind aufgeführt, plus eine Doku, in deren Beschrieb das Stichwort «Tatort» vorkommt. Gemäss dieser Liste müssten es 17 aus Luzern sein, plus einer aus Zürich (die Nummer gibt die Folge innerhalb der Reihe an).

1140: ❌ Züri brännt
1099: ❌ Ausgezählt
1077: ✔️ Friss oder stirb
1063: ❌ Die Musik stirbt zuletzt
1028: ✔️ Zwei Leben
1013: ✔️ Kriegssplitter
993: ✔️ Freitod
979: ✔️ Kleine Prinzen
954: ✔️ Ihr werdet gerichtet
953: ✔️ Schutzlos
915: ❌ Verfolgt
908: ✔️ Zwischen zwei Welten
879: ❌ Geburtstagskind
862: ✔️ Schmutziger Donnerstag
840: ❌ Hanglage mit Aussicht
839: ❌ Skalpell

Entschuldigung, aber aus meiner Sicht des Konsumenten ist das völlig willkürlich. Einige Folgen sind vorhanden, andere fehlen. Warum ist die grandiose Folge Die Musik stirbt zuletzt nicht verfügbar?

Ausserdem fällt auf, dass die Sortierung in den Suchresultaten keinem erkennbaren Muster folgt. Denkbar ist, dass die Liste nach Popularität geordnet ist. Doch im Fall einer Serie wie «Tatort» hätte man die Folgen natürlich lieber chronologisch. In den Suchresultaten ist kein Produktionsjahr erkennbar. Man findet das in der Detailansicht – aber auch nur, wenn man ganz gut sucht.

Ich musste lange suchen, um herauszufinden, wann diese «Tatort»-Folge gedreht worden ist.

Mit anderen Worten: Es ist nicht unmöglich, aber sehr aufwändig, in diesem Interface die Folgen in der richtigen Reihenfolge aufzufinden. Beim «Tatort» sind die inhaltlichen Bezüge zwischen den Folgen nicht so gross, dass man das unbedingt tun müsste, um einer übergeordneten Handlung folgen zu können. Aber als bewusster Konsument würde man trotzdem die Entwicklung über die Zeit verfolgen wollen.

Und noch etwas hat mich enttäuscht: Die neueste Folge Züri brännt fehlt. Bei der bin ich am Schluss eingeschlafen – was nicht am Film, sondern an meiner Müdigkeit lag –, und darum hätte ich das Ende gerne nachgeholt.

Fazit: Erfreulich, aber mit Verbesserungspotenzial

Mit Playsuisse geht das leider nicht. Trotzdem bin ich gewillt, Nachsicht walten zu lassen: Ich nehme an, dass das mit der verzwickten Rechtesituation zu tun hat, für die die Filmbranche bekannt ist. Sobald mehr als zwei Geldgeber mit im Spiel sind – und wann sind nicht mindestens zehn Geldgeber mit im Spiel – dann ist es für uns Nutzer völlig unabsehbar, was wo wie lange auf welchem Kanal zur Verfügung steht.

Also, alles in allem ein gelungener Start, mit Potenzial zur Detailverbesserung. Übrigens auch beim Einrichten des Logins. Ich habe fast ein Ei gelegt, bis es mir gelungen ist, ein Passwort zu erstellen, dass alle Anforderungen erfüllt – vor allem die Längenbeschränkung hat mich geärgert. Aber auch das kann ja noch besser werden.

Beitragsbild: Sie war definitiv gegen Nobillag (Jeshoots.com, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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