So kommt man trotz Reiseverbot in der Welt herum

Eine tolle App setzt einem nach dem Zufallsprinzip Webradiosender aus aller Welt vor. So kann man fremde Länder zumindest mit den Ohren besuchen.

Seit ich denken kann, ist Radio das Medium meiner Leidenschaft. Sosehr, dass man sich fragen kann, warum ich zum Schreiberling geworden bin. Es könnte damit zu tun haben, dass ich nicht ganz so schnell denke, wie ich spreche – und ich es darum praktisch finde, dass ich bei der Arbeit als schreibender Journalist auch einmal eine halbe Stunde über einen Satz nachdenken kann.

Meine Gefühle fürs Radio haben sich in den letzten Jahren ausdifferenziert. Meine Liebe fürs Mainstream-Radio ist erkaltet – so weit, dass ich seinerzeit gefordert habe, man möge den DRS3 (heute SRF3) doch bitte abschalten. Obwohl das der Sender war, der in meiner Jugend meine Hingabe entfacht hatte. Schuld sind die Massnahmen, mit denen die meisten grossen Stationen auf Massentauglichkeit getrimmt worden sind.

Gleichzeitig habe ich all die alternativen Formen des Radios schätzen gelernt: Die Nischensender wie Radio Stadtfilter, wo ich seit 2009 selbst Sendemacher bin. Aber auch die Radio-ähnlichen Medien wie Podcasts, die dem Radio einen neuen Sinn und eine neue Daseinsberechtigung geben – siehe dazu zum Beispiel Das Revival des Hörspiels.

Da habe ich mich sehr gefreut, als mir neulich die Website radio.garden begegnet ist. Wikipedia verrät, dass es sich um ein gemeinnütziges niederländisches Radio-Forschungsprojekt handelt, das u.a. von 2013 bis 2016 vom Niederländischen Institut für Ton und Bild und einigen Universitäten entwickelt wurde. Was genau erforscht werden sollte, ist mir nicht aufgegangen.

Radio live aus Afrika.

Aber das ist auch egal. Denn die Website ist eine Art Zufallsgenerator für Radiofans. Man dreht am Globus und lässt sich überraschen, in welchem Land er stehen bleibt – und welche Sender es dort gibt. Gerade jetzt, wo wir wegen der Pandemie nicht zum Reisen kommen, ist das eine spannende Möglichkeit, fremde Kulturen zu besuchen und in ungefilterter Form zu hören.

Und das ist wirklich spannend. Der erste Sender, bei dem ich gelandet bin, ist Radio Ndeke Luka FM 100.8 aus der Zentralafrikanischen Republik.

Da wird wenig Musik gespielt und dafür wahnsinnig viel gesprochen – in einer Sprache, bei der man ständig das Gefühlt hat, man müsste sie verstehen: Sie hat nämlich eine Aussprache, die nach Französisch klingt. Ab und zu kommen auch Vokabeln des ehemaligen Kolonialisten vor; und die Nachrichten werden in Französisch gelesen (die findet man auch auf der Website des Senders).

Der zweite Sender: DaAiRadio aus Taipei. Da verstehe ich noch viel weniger als bei Radio Ndeke Luka. Nämlich gerade gar nichts.

Es gibt eine Doppelmoderation mit Mann und Frau, die einen leicht erotischen Unterton hat. Das könnte damit zu tun haben, dass in Taiwan schon nach Mitternacht ist, während ich den Sender höre. Die Aufgabe der Frau ist es offenbar, immer mal wieder «Wow!» zu sagen – wobei ich keine Ahnung habe, ob das in Chinesisch das Gleiche heisst wie in Denglisch.

Beim dritten Drehen am Glücksrad kommt TVN Radio heraus. Der Sender ist in Panama Stadt zu Hause und spielt Musik, die auch hierzulande laufen könnte, zum Beispiel I don’t Care von Ed Sheeran & Justin Bieber. Auch die Station-IDs zwischen den Songs lässt erahnen, dass der Formatierungswahn des Radios auch Mittelamerika nicht verschont hat.

Doch der Versuch, irgend etwas von den in äusserst rasantem Spanisch vorgetragenen Moderationen zu verstehen, entschädigt für die schlechte Musik – so lässt sich sogar Mainstream-Dudelfunk aushalten, zumindest für ein paar Minuten.

Einer der Moderatoren hatte zwischendurch Rapper-Ambitionen – falls ich richtig verstanden habe, bei der Verkündigung von irgendwelchen Hörerwünschen. Man kann sich nicht nur per Telefon, sondern auch via WhatsApp dort melden. Leider ist mein Spanisch nicht gut genug, dass ich die Nummer verstanden hätte. Sonst hätte ich mir umgehend dort gemelded und irgendeinen Hitparaden-Quark gewünscht.

Die App stellt beim ersten Start – und das ist nun die reine Wahrheit – von sich aus Radio Stadtfilter ein.

Fazit: Eine tolle Website, die es auch als App gibt (fürs iPhone/iPad und Android).

Sich radiomässig quer über den Globus zu zappen und wieder zurück, weckt das Reisefieber und bekämpft es gleichzeitig.

Es bleibt dabei: Radio ist das tollste Medium, das es – wenn man es richtig einsetzt. Ich jedenfalls werde die App in nächster Zukunft immer mal wieder in Betrieb versetzen. Und herausfinden, ob es auf Kreta nicht vielleicht doch einen guten Radiosender gibt, den ich dann in Echt hören kann, wenn unsere aufgeschobenen Ferien nicht aufgehoben sind.

Und übrigens: Von den drei Sendern, die ich hier erwähnt habe, gab es immerhin auf zweien etwas zum «Corona virus» zu hören – nämlich aus Panama Stadt und aus Bangui.

Die turtelnden Chinesen waren anscheinend nicht in Virenstimmung. Oder es lag an mir, der ich nicht weiss, wie genau sich 新冠病毒 anhört…

Beitragsbild: Überall hier unten gibt es Radio (NASA, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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