Wie man sozialmediales Rauschen generiert

Es gibt gute Gründe, mehr als eine App für den Videoschnitt zu verwenden. Denn auch die Projekte unterscheiden sich: Manche sind aufwändig und kompliziert, mit mehreren Kameras, Audiospuren und Sequenzen, die aus mehreren Elementen aufgebaut sind. Für solche Produktionen halte ich das klassische Videoschnittprogramm für die beste Wahl.

Dann gibt es auch die kleineren Projekte: Zum Beispiel Filme von Familienfesten und Ferienvideos. Siehe: So werden Ferienerinnerungen präsentabel. Eine dritte Kategorie sind Clips für die sozialen Medien. Die haben plakativen Charakter und dürfen Züge eines Werbeclips aufweisen – schliesslich sollten sie im Strom der Nachrichten und Postings nicht untergehen.

Ich würde diese Form als animierten Verwandten des Text-Memes betrachten (Memes im Eigenbau). Solche Clips müssen unbedingt ohne Ton funktionieren, weil die absolute Mehrheit der Videos auf Facebook stummgeschaltet laufen (85 Prozent, wird hier behauptet). Es bringt also nichts, ein schönes Voiceover einzusprechen oder einen liebevollen Soundtrack zu basteln. Es reicht, wenn ein Stück Untermalungsmusik mit CC-Lizenz vorhanden ist – sodass der Konsument nicht glaubt, sein Lautsprecher sei kaputt, falls er zufälligerweise die Lautstärke aufdreht.

Die Botschaft muss somit über kurze Texteinblendungen transportiert werden. Die sollten nicht wie die klassische Bauchbinde im Fernsehen wirken, sondern als Gestaltungselement eingesetzt werden und zu einem integralen Teil des Gesamtkunstwerks werden.

Ausserdem wichtig: Ein schneller, vorwärts hastender Schnitt und genügend Abwechslung fürs Auge. Darum dürfen hier auch all die Effekte zum Zug kommen, von denen man bei seinen erzählenden Videos lieber die Finger lässt. Denn das hier ist kein Storytelling, sondern allenfalls Shortstory-Telling. Man könnte eventuell auch von witticism-telling oder one-liner-telling reden. Aber es gibt sicher einen richtigen Fachbegriff dafür, den ich bloss nicht kenne.

Die Themen: Sie geben Farbe, Typografie, Effekte und Musik vor.

Die Apps für diese Aufgabe sind Quik von Gopro und Spark von Adobe. Um die App soll es hier heute gehen.

Es gibt sie fürs iPhone und iPad, eine Android-Variante soll folgen. Und Spark ist nicht allein: Die App hat zwei Kompagnons namens Spark Post (für iPhone und iPad und für Android) und Spark Page (für iPhone und iPad). Mit der ersten App bastelt man Grafiken für die sozialen Medien – ähnlich wie man das mit der erwähnten Textograph-App tut. Die zweite App ist dazu da, Web-Sites oder Web-Stories zu basten, wie das in schönstem Adobe-Marketing-Slang heisst.

Natürlich sind diese Apps nicht nur untereinander verbandelt, sondern auch alle in die Creative Cloud hineingestrickt. Denn Adobe verfolgt die Strategie, die auch Microsoft und Apple verfolgen und die beide Unternehmen zur Perfektion getrieben haben: Alles ist mit allem irgendwie verhakt und verbandelt. Das hat zur Folge, dass der Nutzer, wenn er einmal A gesagt hat, fast zwingend auch B sagen muss. Und natürlich sind A, B und sämtliche anderen Buchstaben des Alphabets Produkte aus dem Portfolio des einen Herstellers.

Man nennt das dann auch gerne Ökosystem. Und wie wir wissen, können Ökosysteme auch als Ganzes umkippen – und dann ist man als Nutzer wirklich in den Arsch gekniffen. Siehe Adobe und Venezuela (Abo+).

Spark Video immerhin kann man auch eigenständig nutzen, und zwar sogar kostenlos. Allerdings muss man dann mit einem kleinen Wasserzeichen leben, dass in einer Ecke des Videos sitzt. Das wird man nur los, wenn man es wegpixelt oder ein Abo für die Creative Cloud abschliesst. Aber wenn man nur mal ein Video für zwischendurch zu produzieren hat, kennt man sicher jemanden mit einem solchen Abo, der das Video für einen rausrendert(*). Oder man beisst in den sauren Apfel und schliesst das Abo für einen Monat ab (10.50 Franken).

Die Layout-Varianten.

Die App ist nun kein Geniestreich. Aber sie erfüllt ihren Zweck, würde ich sagen – wie üblich bei Adobe gibt es einen soliden Funktionsumfang und Vorlagen, mit denen man nicht als Hobbyist rüberkommt.

Um ein Video zu basteln, legt man ein neues Projekt an und fügt ein paar Fotos hinzu. Daraufhin betreibt die App irgendwelchen Voodoo und erklärt, das Video sei verfügbar. (Ich nehme an, die Bilder werden sogleich in die Cloud hochgeladen – aber ohne, dass man als Nutzer darüber klar informiert würde.)

Im Editor stellt man, falls nötig, die Reihenfolge der Bilder um und spricht einen Kommentar ein (auch wenn, wie geschrieben, das Video auch ohne Ton funktionieren sollte).

Nun gibt man ihm den gewünschten Look:

  • Erstens über Layout: Hier hat man die Varianten Vollbild, Bildschirm teilen, Beschriftung und Titel und Text zur Auswahl. Bei der Variante zwei erscheint neben dem Foto eine Fläche, die man mit einem Bild, einer Texttafel oder einer Texteinblendung füllen kann. Bei der dritten Variante platziert man einen Text am unteren Rand im Bild, bei der vierten in  der Mitte.
  • Zweitens über Thema: Das ist die Vorlage, die die Farbgebung, die Typografie und die Effekte bestimmt. Man kann die Hintergrundfarbe mischen, d.h. mehr oder weniger zufällig bestimmen lassen und aus ein paar Varianten auswählen.
  • Drittens über Grösse ändern. An dieser Stelle wählt man zwischen Breitbild und Quadrat. Eine Option für vertikales Video gibt es aus unerfindlichen (?) Gründen nicht.
  • Viertens über Musik. Da gibt es ein paar Stücke ab Stange aus Kategorien wie Fröhlich, Verspielt, Entspannt, Stürmisch oder Besinnlich. Man kann auch Songs aus seiner iTunes-Mediathek hinzufügen. Selbstverständlich begibt man sich mit dieser Option in eine urheberrechtliche Teufelsküche.
Bei den Beschriftungen muss man sich kein Bein ausreissen.

Nun platziert man seine Textelemente im Video. Das tut man jeweils über ein Plus-Symbol, das bei jedem Foto erscheint. Anstelle von ein paar Worten gibt es via Symbole auch Icons und grafische Elemente zur Auswahl. Man darf die Grösse seines Textes bestimmen, kann ansonsten aber keine Formatierungen bestimmen – die werden, natürlich, von der Auswahl bei Thema vorgegeben.

Mittels Finger kann man das Foto skalieren und den Ausschnitt verschieben. Auch die Platzierung des Textes lässt sich verändern. Das ist schick gelöst: Man tippt das Textelement an, hält den Finger gedrückt und zieht ihn an die Stelle, wo man ihn haben möchte: Mittig, rechts oben, links unten – was am besten mit dem Motiv korrespondiert.

Das wars. Über den Teilen-Knopf speichert man das Video in der Foto-App oder gibt es gleich per Facebook, Twitter, Mail oder via Nachrichten-App weiter.

Fazit: Klar – die Videos, die so entstehen, glänzen nicht gerade durch Individualität. Aber es geht auch nicht darum, sich und seiner Kreativität ein Denkmal zu setzen. Das Ziel ist vielmehr, seinen videomässigen Anteil am Rauschen in den sozialmedialen Kanälen beizutragen. Und das erreicht man mit dieser App flott und ohne Umwege.

(*)Bleibt die Frage, wie man ein Projekt zu einem anderen Creative-Cloud-Nutzer transferiert. Ich habe leider keinen Schimmer, wie das geht. Hier gibt es einen länglichen Artikel dazu, den in Gänze zu lesen ich mich nicht überwinden konnte. Falls jemand einen Tipp dazu hat: Gerne in die Kommentare damit!

Beitragsbild: Kein Feuerwerk, aber ein sichtbares Fünkchen (Free-Photos/Pixabay, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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