Eine unterbewertete Datenschutz-App

Gestern ging es an dieser Stelle im Beitrag Den Datensammlern eine lange Nase! um den Schutz der privaten Daten im Netz und um den Brave-Browser. Bei meinen Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf einen einheimischen Kämpfer für die Privatsphäre gestossen. Er heisst Snow Haze und ist bislang fürs iPhone erhältlich.

In der Schweiz haben sich diverse Medien mit der App beschäftigt. SRF hat die App und die Macher 2018 vorgestellt. Laut «Blick» verhindert sie sogar «peinliche Porno-Pannen». Allerdings hat es die App nie über die Landesgrenzen hinaus geschafft. Ich habe auf keiner der grossen internationalen Tech-Websites einen Artikel zu Snow Haze gefunden, weder in Deutsch noch in Englisch.

Das kann zwei Dinge bedeuten: Entweder haben die internationalen Medien nur den eigenen Bauchnabel vor Augen – und nicht kapiert, dass auch die kleine Schweiz nennenswerte Beiträge zur digitalen Welt beiträgt.

Oder die App ist nicht so herausragend, dass sich eine Würdigung aufdrängen würde.

Wenn man die Berichte der Schweizer Medien liest, dann bekommt man leider den Eindruck, dass das zweite der Fall ist. Es wird vor allem der Gründungsmythos des Startups breitgetreten. Fünf Freunde, die um den Mont Blanc wandern und dabei beschliessen, etwas gegen die Datensammelwut der Konzerne zu unternehmen.

Da schwingt die Legende von Arnold von Winkelried mit, der sich im Kampf gegen die Habsburger in die Bresche geworfen hat. Und wenn man das, was man hierzulande unter Geschichtsunterricht versteht, über sich hat ergehen lassen müssen, dann kann man fast gar nicht anders, als Google, Facebook und Konsorten mit diesem Aldelsgeschlecht gleichzusetzen, dass die aufrechten Eidgenossen über so lange Zeit knechten wollte.

Wenn man es eine Nummer kleiner haben will, dann können wir mit solchen Artikeln uns selbst beweisen, dass es auch in der Schweiz so etwas wie eine Startup-Landschaft gibt. Denn böse Zungen behaupten gerne, dass die Tech-Giganten wie Google, Adobe und Apple hierzulande so grosse Niederlassungen unterhalten, weil die Schweizer zwar gut ausgebildet sind, sich aber lieber anstellen lassen, als selbst ein Unternehmen zu gründen.

Die Vorgaben, die man pro Website treffen darf.

Ich vermute nun, dass Yvan Monneron und seinen Mitstreitern von Snow Haze ihre eigene Erzählung in die Quere gekommen ist. Ein wirkungsvoller Datenschützer ist nun mal nicht einer, der um den Mont Blanc wandert. Das ist einer, der die Sonne nie sieht, weil er vor lauter Programmieren selten bis nie nach vor die Türe kommt.

Ausserdem interessiert sich in massgeblichen Kreisen kaum jemand für die alpine Bergwelt. Denn dort oben in Berlin und Hamburg ist es bekanntlich ziemlich flach. Aber dort ist nicht nur der CCC zu Hause. Es gibt eine sehr lebendige Szene, die nicht nur tech-, sondern auch datenschutzaffin ist. Wenn man mit einer Datenschutz-App dort Fuss fassen und Nutzer für sich gewinnen würde – dann hätte sich womöglich eine Dynamik entwickeln können, die Snow Haze über die Landesgrenzen hinausgetragen hätte.

Die Frage ist also: Ist Snow Haze eine gute – oder vielleicht sogar die beste Datenschutz-App überhaupt?

In den Medien-Einstellungen legt man fest, ob Videos und Audio-Dateien automatisch abgespielt werden oder nicht.

Die werde ich in diesem Blogpost leider nicht beantworten können. Aber auf mich macht sie einen sehr guten Eindruck. Snow Haze ist absolut ebenbürtig mit der gestern hier vorgestellten App Brave und in Sachen Datenschutz auch der mobilen Variante von Firefox überlegen.

Man kann pro Website diverse Vorgaben machen und entscheiden, was man zulässt oder blockiert: JavaScript, Canvas Fingerprint, Fingerprinting generell, HTTP (entspricht HTTPS everywhere), Tracking Scripts, Werbung, Teilen-Knöpfe und Cookies. Man darf auch festlegen, ob die Website im Verlauf gespeichert wird oder nicht – eine sehr nützliche Option.

Sehr gut gefallen mir auch vielfältigen Einstellungen: Man darf für die Suche aus vielfältigen Suchmaschinen wählen: Nebst Bing und Google stehen auch Duck Duck Go, Ecosia, Wolfram Alpha, Startpage oder Swisscows zur Auswahl.

Der Content Blocker schaltet Medien, Style Sheets oder Schriften aus.

Es gibt einen Nachtmodus, Blockierung von Popover und Warnungs-Einstellungen, mit denen man sich z.B. vor gefährlichen Inhalten schützen kann. In der Rubrik Medienwiedergabe lassen sich eingebettete Audio- und Videodateien blockieren. Man darf den Umgang mit Cookies vorgeben und bei User Agent sogar vorgeben, wie sich der Browser identifiziert.

In der Rubrik Content Blockier lassen sich auch Bilder, Style-Sheets, eingebettete Fonts und Medien generell blockieren – das hilft beim Datensparen.

Beim User Agent segelt man unter falscher Flagge.

Schliesslich kann man über die App ein VPN zuschalten. Das ist allerdings nicht kostenlos, sondern braucht ein Abo. Das kostet im Monat 7 Franken oder pro Jahr 50 Franken. Deutlich teurer als PureVPN, das ich mit einem günstigen Fünf-Jahres-Abo nutze – aber wenn man auf einen Schweizer Anbieter setzen möchte, sicherlich eine gute Wahl.

Für mich wäre allerdings Bedingung, dass man das VPN auch via Windows und Mac nutzen könnte. Ob das der Fall ist, habe ich über die Website nicht herausbekommen.

Ein VPN ist auch mit dabei. Das kostet allerdings Abo-Gebühren.

Fazit: Snow Haze ist obendrein Open-Source. Mich überzeugt die App (abgesehen von der hässlichen Typografie). Ich werde sie jedenfalls im Auge behalten – und hier im Blog etwas zur internationalen Bekanntheit beitragen. 😉

Beitragsbild: Der Mont Blanc – für den Beitrag hier eigentlich völlig irrelevant (Francesco Ungaro/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Eine unterbewertete Datenschutz-App“

  1. Traurig ist, dass man immer häufiger auf Gegenwehr von Websites stösst, wenn man nicht alle Cookies und Tracker zulässt. Blockiert man Tracker (und damit Werbung von fremden Servern), muss man sich schnell einmal überlegen, wie man die „ohne Werbung keine Inhalte“-Overlays ausblendet.

    Neuerdings kann man die Websites der grossen Schweizer Medien nicht mehr besuchen, ohne Cookies zuzulassen. Ansonsten wird man auf der Startseite und bei jedem Artikel sehr aufdringlich darauf hingewiesen, man solle sich bitte einloggen.

    Früher hat man ganz nervige Werbung per Eintrag in der hosts-Datei weggefiltert. Heute filtert man Tracker und muss dann per Greasemonkey das CSS dynamisch verändern, um die Overlays weg zu bringen. Aufrüstung auf beiden Seiten…

Kommentar verfassen