Lies das!

Der Titel über einem Artikel soll eine Ahnung davon vermitteln, worum es im Beitrag geht. Klar. Er soll aber auch Interesse wecken und den potenziellen Leser dazu bringen, zu einem tatsächlichen Leser zu werden. Das nennt sich Leseanreiz, und ist an sich ein alter Hut. Bei den Printprodukten versuchen Journis und Produzenten seit eh und je, mit knackigen Überschriften, prägnanten Leads, interessanten Bildlegenden und Neugierde weckenden Zwischentiteln, den Text schmackhaft zu machen. Und auch ein gelungenes Bild hilft bei dieser Mission.

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Huch, wer spricht mich hier unvermittelt an?

Bei einer Zeitung braucht man die Sache mit dem Leseanreiz nicht zu übertreiben. Der potenzielle Leser hat die Zeitung bereits gekauft. Ob er sich nun viele oder nur wenige Artikel zu Gemüte führt, macht finanziell keinen Unterschied. Im Internet allerdings zählt jeder Klick – und darum spitzt sich die Lage zu.

Starke Anreize
Der Zwang zum starken Leseanreiz ist im Web entsprechend grösser als bei einem Printprodukt. Bei (manchen) Printmedien darf man sich als Autor durchaus selbst gefallen, indem man hintergründige, humorvolle oder ironische Formulierung wählt… wobei, nein, Ironie wird nie goutiert, weil die meisten Leute Ironie angeblich nicht verstehen. Apropos: Ist diese mehrheitliche Ironieunverträglichkeit eigentlich wissenschaftlich bewiesen?

Online geht das nicht – da ist die Aufgabe von Titel und Lead, den Leser zum Lesen zu bewegen, mindestens so wichtig, wie die Informationsvermittlung selbst. Was das in letzter Konsequenz heisst, demonstriert der Titel dieses Beitrags.

Mir ist nun aufgefallen, dass gerade bei US-amerikanischen Medien tatsächlich versucht wird, den Leser direkt zu involvieren. Nicht unbedingt indem man ihm befiehlt, sich gefälligst ans Lesen zu machen. Aber indem man ihn emotional verwickelt. 10 Things You Didn’t Know About ‘Dr. Strangelove’ schreibt flavorwire.com, als ob die wüssten, was ich über Filme weiss und was nicht.

Gawker ist in dieser Disziplin auch ganz gut: What’s Like the Craziest Shit You’ve Ever Seen. Der britische Telegraph weiss, was mich zum Lächeln bringt: This little boy singing Beatles’ song will make you smile. Thedailybeast.com wiederum will mich traurig sehen: 10 Facts about the 2014 Oscar Nominations That Will Make You Sad.

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Hass, und noch mehr Hass.

Die Gefühlsmasche
Man kann das Spielchen mit der Google-News-Suche mit fast jeder Gefühlsregung durchspielen: Heulen: Old Spice moms make you cringe, Olympic moms make you weep. Wut: Sad Pictures of a Sears Store That Will Make You Angry. Unwohlsein, nochmals der Telegraph: Why night shift and jet lag make you feel so bad. Glück: Why a stock market correction should make you happy. Hass: Justin Bieber playing basketball will make you hate him even more (Video). Nur Geilheit habe ich nicht gefunden. Eigentlich schade.

Auch das altehrwürdige Rolling-Stones-Magazin braucht diese Masche: 20 People You Won’t Believe Have Grammys. Da liegt mir folgende Replik auf der Zunge: «Dann tut was gegen euer Glaubwürdigkeitsproblem!»

Ihr merkt, worauf ich hinaus will. Ich kapiere die Masche, aber ich halte sie für anbiedernd und für überheblich. Will ich, dass mir ein Medium vorschreibt, was ich zu fühlen habe? Nein, will ich nicht. Ich will den Quatsch lesen und mir hinterher meine eigene Meinung bilden. Die Gefühlsmasche ist auch deswegen daneben, weil 99,99 Prozent dieser Artikel mich persönlich eben überhaupt nicht tangieren und darum komplett kaltlassen können. Vermutlich habe ich sie drei Minuten nach der Lektüre auch schon wieder vergessen.

Das eigentliche Problem ist: Wenn einer meint, mir meine Gefühle vorschreiben zu dürfen, dann ist der nicht mehr weit davon entfernt, auch für mich zu denken: 10 reasons why you should take a P&O Cruises holiday in 2014. 3 Reasons Why You Should Go to Hackathons and Bring Your Female Friends. 10 Reasons Why You Should Go to the Opera Right Now.

Der letzte Tipp – übrigens von Paula mit dem emotionalen Nachnamen Froelich, ist besonders dämlich. Ich habe ihren Beitrag um kurz vor 10 Uhr morgens gelesen. Wenn ich, wie empfohlen, jetzt sogleich zur Oper gehe, dann stehe ich vor verschlossener Tür und entpuppe mich definitiv als Vollhorst.

Watson, wollt ihr euch bei euren Überschriften nicht vielleicht etwas kürzer fassen? Weil so eine lange Überschrift oder ein nicht mehr endenwollender Zwischentitel doch irgendwie etwas Lächerliches hat?
Hierzulande hat sich diese Dummdödelmasche noch nicht etabliert; zumindest wären mir bislang keine entsprechenden Überschriften aufgefallen. Bei Watson dürfte es allerdings nicht mehr allzu lange dauern: Die Schweiz holt in Sotschi 16 Medaillen. Glauben Sie nicht? Wir sagen Ihnen, welche Sportler sie gewinnen

Ach ja: Was ist eigentlich die maximale Titellänge bei den Freunden von Watson?

Autor: Matthias

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