Der neueste Wurf traut sich aus dem Bau

Wer weiterhin mit dem Internet Explorer surft, ist selbst schuld: Der neue Browser der Mozilla Stiftung ist für Vielsurfer die bessere Wahl.

Firefox 3 ist da und das ist mir doch an dieser Stelle eine Lobeshymne wert. Nachdem der Download gestern erst nach mehreren Anläufen geklappt hat – zum Glück hat er geklappt, denn bei völlig zusammengebrochenen Servern wäre der gross angekündigte Download-Day für die Mozilla-Stiftung zur Blamage geraten –, würde ich die neue Version nicht mehr hergeben wollen.

Firefox 3 hat vieles richtig gemacht, was Microsoft mit dem Internet Explorer 7 falsch gemacht hat: Man sieht der Oberfläche an, dass es sich um eine neue Version handelt.

Man fühlt sich sofort heimisch

Die Umgestaltung der Bedienelemente ist aber moderat genug, dass man sich sofort heimisch fühlt. Microsoft hingegen neigt in letzter Zeit zu radikalen Änderungen an gewohnten Interfaces: Das beste Beispiel dafür ist natürlich Office 2007. Die Multifunktionsleiste dürfte, so schätze ich, eines der besten Argumente für Lotus Symphony sein. Doch auch bei besagtem Internet Explorer 7 gibt es User, die sich nach mehr als anderthalb Jahren immer noch nicht mit dem Look abfinden wollen. Das würde mir, wenn ich den Internet Explorer denn nutzen würde, wohl auch so gehen. Die Oberfläche ist auch seltsam – ich darf hier den seltsamen Umstand erwähnen, dass es zwei Menüs mit dem Namen Extra gibt. Das eine befindet sich in der Menüleiste, die nur dann erscheint, wenn man die Alt-Taste drückt. Das andere sieht eher aus wie eine Schaltfläche, hat ein Zahnrad-Symbol und ist am rechten Bildschirmrand in der Symbolleiste zu finden. Man muss kein Usability-Experte zu sein, um das für Unsinn zu halten.

Bessere Optik

Firefox 3 sieht besser aus, auch wenn man über den neuen Navigationsblock mit der vergrösserten Zurück-Taste geteilter Meinung sein kann. Wenn er nicht gefällt, klickt man mit der rechten Maustaste auf die Symbolleiste, wählt Anpassen aus dem Kontextmenü und aktiviert im Dialog Symbolleiste anpassen die Checkbox kleine Symbole. Oder man steigt via Extras > Add-Ons > Themes ein gefälliges «Theme».

Die neue Adressleiste halte ich für praktisch. Wenn man hier tippt, erscheinen Vorschläge nicht nur aus der Chronik, sondern neu auch aus der Lesezeichen-Sammlung. Firefox macht aber immer klar, woher ein Vorschlag stammt. Ein Stern-Symbol zeigt einen Vorschlag aus der Lesezeichen-Sammlung an. Wenn man seine Lesezeichen mit Stichworten versehen hat (was ich nachdrücklich empfehlen würde), dann markiert ein Etiketten-Symbol einen Vorschlag aus der Stichwortliste.

Das ist doch sehr viel transparenter als die Vorschläge des Internet Explorer. Das merkt man dann, wenn man diese AutoVervollständigungs-Vorschläge löschen will. Wenn man den Verlauf löscht, dann wird man merken, dass nicht alle Vorschläge weg sind. Es gibt nämlich auch noch die TypedURLs, die man aus der Registry löschen muss. Das ist nicht transparent und alles andere als komfortabel. Und schlicht unnötig kompliziert.

Um Transparenz bemüht

Die Mozilla-Stiftung dagegen ist um Transparenz bemüht. Das zeigt sich etwa bei den vielen Angaben, die Firefox über den Befehl Extras > Seiteninformationen liefert. Hier hat Version 3 nochmals ordentlich zugelegt und zeigt in der Rubrik Sicherheit nun auch die zur geöffneten Seite gehörenden Cookies an.

Transparent ist auch, dass unter Extras > Add-ons in der Rubrik Plugins nun auch die Module aufgeführt werden, die zur Darstellung spezieller Inhalte benötigt werden. Als Gegensatz dazu bieten Erweiterungen zusätzliche Befehle bzw. neue Features an. In der Liste Plugins erscheinen Module für Multimedia-Formate wie QuickTime, RealAudio und Windows Media, sowie Module für PDFs und den Adobe Reader, Java von Sun und Flash.

Diese lassen sich auch deaktivieren, leider aber nicht deinstallieren. (Die Liste ist durchaus aufschlussreich, indem man hier auch Module fürs Microsoft-DRM, für die Windows Genuine Advantage-Initiative oder für Office 2007 findet.)

Apropos Erweiterung: Die Erweiterung, die ich im Moment sehr gerne nutze, ist DownloadHelper: Er vereinfacht das Speichern von eingebetteten Objekten und sichert auch Youtube-Filme lokal.

Viele wichtige Funktionen sind nicht leicht zu entdecken

Firefox ist der beste Browser für Vielsurfer wie mich. Diese Stärke ist aber auch gleichzeitig seine Schwäche. Das Bemühen um Benutzerfreundlichkeit ist zwar viel deutlicher spürbar als beim Internet Explorer, dennoch sind viele Dinge für unerfahrene Anwender nicht selbsterklärend. Ich denke an die eben erwähnte Unterscheidung zwischen Plugin und Erweiterung. Oder aber der Umstand, dass die Themes unter Extras > Add-ons zu finden sind. Das ist aus technischer Sicht natürlich einleuchtend. Ein mit der Technik nicht vertrauter User würde diese Funktion wohl aber eher unter Ansicht suchen.

Trotzdem: Die Mozilla-Stiftung ihre Position im Browser-Markt. Firefox 3 ist ein gelungener Wurf. Alte Stärken werden gepflegt. Man hat der Versuchung widerstanden, das Rad neu erfinden zu wollen. Die neue Version wurde sorgfältig geplant und, soweit man bis jetzt sagen kann, solide umgesetzt. Und nicht zuletzt lebt Firefox von der Liebe zum Detail.

Mit anderen Worten: Wer weiterhin mit dem Internet Explorer surft, ist selber schuld!

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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