Realität ist, was ist

Ich bin euch noch einen SdM für Juni schuldig. Und ich bin geneigt, den SdM zum SdM zu erklären. Denn wie soll man entspannt bloggen, wenn man eine Rubrik mit eingebauter «Deadline» zu befüllen hat? Die schreit nach Postings, ohne sich an der Nachrichtenlage zu orientieren. Aber die Pein der Themensuche bleibt dem Blogger nicht erspart. Auch wenn Blogger gern so tun, als würden ihnen die Themen schon zufliegen, wenn sie am morgen die Jeans über den Hintern streifen.
Also, als ich mich heute Morgen angezogen habe, ist mir in den Sinn gekommen, dass ich mich gestern bei meiner Abendlektüre ein bisschen aufgeregt habe. Ich lese gerade «Die dunkle Seite» von Frank Schätzing. Ein zentrales Element ist die Virtualisierung des Lebens. Vera Gemini, eine der Hauptfiguren, betreibt ihr Geschäft der privaten Ermittlungen hauptsächlich virtuell. In ihrer DeTechTei (ein Wortkombination aus Technik und Detektei) steht ein Datentisch von IBM, der fast alles kann – und zu dem ich bemerken müsste, dass Gadgets vor allem klein, handlich und schnuckelig sein müssen und von Apple kommen, aber ganz sicher nicht von IBM. Hätte Schätzing Microsoft als Erfinder und den Datentisch seinerseits «Surface» genannt, dann hätte er einen Volltreffer gelandet. Bei einer zweiten High-Tech-Errungenschaft, die Schätzing 1997 beim Schreiben des Buchs vorweggenommen hat, stimmt aber sogar der Name. Das Computerspiel «Second Life» heisst zwar Intertown. Frau Wüllenrath, die dieses Game exzessiv spielt, sagt aber, es sei ihr zweites Leben. (Wobei ich nicht die Erstausgabe, sondern eine überarbeitete Neuauflage von 2006 lese.)
Ein zweites Beispiel für die Virtualisierung ist real. Schätzing nennt den zweiten Golfkrieg von 90/91, der von CNN in Echtzeit übertragen wurde und wo man den Einschlag von Bomben aus der Perspektive der «intelligenten» Waffen sah. Es kommt dann ausführlich ein Armeeexperte namens Stephan Halm zu Wort, der diese und alle anderen Formen der Virtualisierung zum Ausgangspunkt nimmt und so weit zuspitzt, bis sie zum Ende jeder Reflexion führen und zum Ende des realen Lebens und jeder Form der direkten und unmittelbaren Interaktion.
Natürlich, in Romanen ist das erlaubt. Da man dieses Untergangsszenario aber auch immer wieder in nichtfiktionaler Form geboten kriegt, erkläre ich es zum SdM des Monats Juni und erkläre meinerseits: Die Menschheit wird nicht vervirtualisieren. Und wenn sie untergeht, dann nicht, weil sie Intertown nicht mehr verlässt. Denn solche virtuellen Welten sind, das lehrt uns «Second Life», strunzlangweilig. Da liest man dann doch lieber ein Buch (es muss noch nicht mal gut sein), und daran ist die Menschheit bekanntlicherweise seit Jahrhunderten nicht untergegangen. Womöglich wird «Second Life» in Version 15 oder 343 dann irgendwann mal zu einem glaubwürdigen Abbild unserer Realität. Dann würde es mir da vielleicht sogar gefallen. Trotzdem; der Mensch ist ein körperliches Wesen, wie man aktuell bei den Sommertemperaturen in Tram und S-Bahn zu riechen bekommt. Wir werden unsere physische Präsenz nicht aufgeben, ganz gleichgültig, wie gut die virtuellen Scheinwelten noch werden sollten. Es wird die Eskapisten geben, die nur noch virtuell leben wollen, aber um die geht es nicht. Die Mehrheit wird es dann doch nach Kongruenz von Sein und Tun verlangen. Hier zu existieren und dort zu agieren, das ist kein Dauerzustand. Ich mag Sitcoms, aber will in Gotteswillen in keiner leben. Das gleiche gilt für Computersoftware. Wieso hocken die Leute trotz Tour de Suisse selbst auf Velo? Wieso klettern sie auf Bergen rum oder tauchen in die Tiefe, obwohls im Imax viel geiler ist? Ich hätte ja nie gedacht, dass ich irgendwann mal Sport als Argument für irgend etwas anführe, aber als Argument gegen die Vervirtualisierungsthese ist es eben nicht zu schlagen.
Natürlich kann man den Bogen weiterspannen und behaupten, die Datenanzüge würden irgend einmal perfekt sein und vollkommene Sinneseindrücke liefern. So toll, dass damit jeder im Wohnzimmer eine absolut realistische Mount-Everest-Besteigung erleben kann. Die künstlichen Empfindungen wären nicht von echten unterscheiden und sogar die Lebensgefahr könnte man einprogrammieren.
Aber eben. Selbst wenn man die Gedanken direkt manipuliert, werden wir wissen oder spüren, das alles falsch ist. Es wird Leute geben, die das nicht stört. Von diesen leben heute schon ganze Industriezweige wie etwa die Brustimplantathersteller. Ich vertraue aber fest auf den Ehrgeiz, der die meisten antreiben wird, «richtig» zu leben, reale Grenzen zu erforschen oder, eine Nummer kleiner, unsere eigenen kleinen Erlebnisse zu haben, so banal sie gemessen an einer Mount-Everest-Besteigung auch sein mögen. Was ist schon eine Mont-Everest-Besteigung wert, die jeder Cyberjunkie haben kann? Nichts. Eben.

Autor: Matthias

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