Retten wird uns nur der Fortschritt

Nach der Pandemie ist vor der Klimarettung. Und darum sollten wir uns überlegen, ob wir uns diese ständige Bedenkenträgerei noch leisten können – findet übrigens auch Frank Schätzing.

Wir dürfen die leise Hoffnung hegen, dass das, was wir in diesem Pandemie-Tunnel sehen, das Licht am anderen Ende ist.

Der Hauptgrund für den leisen Optimismus sind die Impfungen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir ohne die grandiose Leistung der Biotech-Unternehmen noch lange an dieser Seuche herumgedoktert hätten. Darum freue ich mich, dass der technische Fortschritt wieder einmal gezeigt hat, wozu er in der Lage ist.

Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der Fortschritt ein Schimpfwort war. Das war in den 1980er-Jahren, in denen man bei diesem Stichwort daran dachte, wie Computern zu wegrationalisierten Arbeitsplätzen führen.

Tschernobyl und Waldsterben

Man dachte an das vergiftete Geschenk der Atomspaltung, die uns nicht wie erhofft unbeschränkte Mengen an sauberer Energie, sondern Tschernobyl und die atomare Aufrüstung gebracht hatte. Man dachte an ungebremstes Wachstum, Luftverpestung und Waldsterben. „Retten wird uns nur der Fortschritt“ weiterlesen

Eine Begegnung der ganz anderen Art

Ich mache etwas, das man als Science­fiction­literatur­kritiker nie tun sollte: Ich lobe ein Buch vor der letzten Seite. Aber «Project Hail Mary» von Andy Weir ist eine so grossartige Geschichte, dass ich nicht anders kann.

Andy Weir hat mit «The Martian» ein Buch abgeliefert, das mich 2014 in atemloser Spannung gehalten hat: Mark Watney bleibt während einer abrupt abgebrochenen Marsmission alleine auf dem roten Planeten zurück und kämpft mit wissenschaftlicher List um sein Überleben und seine Rückkehr. Sein nächstes Buch spielte auf dem Mond, hatte eine Frau (Jasmine «Jazz» Bashara) als Heldin und erreichte nicht mehr ganz die Flughöhe des Vorgängers – war aber nichtsdestotrotz ein erfreuliches Stück Sciencefiction-Literatur.

Ein Höllenfahrtskommando!

Und jetzt Project Hail Mary, zu Deutsch Der Astronaut. Das ist nun ein ful­minan­tes Science­fic­tion-Aben­teuer, das alles hat, was man sich wünscht. Ich gehe so weit, es noch höher zu hängen als «The Martian» – und ich würde mein Taschengeld von den nächsten fünf Jahren darauf verwetten, dass die Welt nicht lange auf eine Verfilmung wird warten müssen¹.

Also, ohne Spoiler und ohne Umschweife mein Fazit, das auf eine vorbehaltlose Lese- bzw. Hörempfehlung hinausläuft. Die Geschichte hat gewisse Ähnlichkeiten mit «The Martian», sodass ich am Anfang gewisse Befürchtungen hatte, der Autor hätte sich dazu hinreissen lassen, das Erfolgsrezept seines ersten Buchs zu kopieren.

Doch diese Befürchtung zerstreut sich bereits nach ein paar Kapiteln: „Eine Begegnung der ganz anderen Art“ weiterlesen

Mord und Schwarzgeld in Athen

Im deutschsprachigen Raum wurde das Hörbuch lange Jahre sträflich vernachlässigt. Das ändert sich jetzt – zur Freude von Krimifans wie ich einer bin.

Ein Merkmal des Hörbuchs ist, dass es längst nicht in allen Welt- und Sprachregionen gleichermassen Fuss fassen konnte. Am weitesten verbreitet ist es in den USA, die man als dessen Mutterland bezeichnen könnte. Dort erlangten sie schon ab 1975 dank Books on Tape zu beachtlicher Beliebtheit. Das Unternehmen vertrieb ungekürzte Aufnahmen auf Kassette.

Im deutschsprachigen Raum haben die Hörbücher eine noch längere Tradition, wie man bei Wikipedia nachlesen kann: Erste Produktionen brachte 1954 die deutsche Blindenstudienanstalt mit ihrer Blindenhörbücherei auf den Markt. Einen Vorläufer gibt es als sogenanntes Hörbild, das auf Tonwalzen oder Wachsplatten gespeichert ist, schon seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Doch obwohl die Tradition im Vergleich zu den USA weiter zurückreicht, ist das Angebot bedeutend kleiner. Ich sehe dafür zwei Gründe: „Mord und Schwarzgeld in Athen“ weiterlesen

Weltrettung aus dem Pulp-Fiction-Regal

Das Trauma meines Germanistikstudiums überwinde ich, indem ich Unterhaltungsliteratur lese und ernsthaft rezensiere. Dieses Mal hat die Selbsttherapie aber nicht wirklich funktioniert.

Zu meinen Jugendsünden gehört, Germanistik studiert zu haben. Was mich damals genervt hat – und noch heute auf den Senkel geht –, ist das Literaturverständnis. Das zeichnet sich dadurch aus, dass nur ein paar wenige grosse Schriftsteller ernsthafte Literatur produzieren. Im Gegensatz dazu stehen die Autoren, die sich der Unterhaltung verschrieben haben. Sie tragen nichts zur Erhellung des Geistes bei und ihre Machwerke sind es ergo nicht wert, von einem beseelten Liebhaber auch nur mit der Kneifzange angefasst zu werden.

Und ja – das ist vor allem ein Mittel der Selbstüberhöhung: Der kleine Germanistikstudent kann sich schon im allerersten Proseminar als Teil einer erlauchten Elite betrachten, wenn er nur Goethe, Schiller, Heine, Mann, Böll und Grass fehlerfrei aussprechen kann.

Mir wäre das niemals eingefallen. „Weltrettung aus dem Pulp-Fiction-Regal“ weiterlesen

J.K. Rowlings liebenswürdiges Moormonster

Hier bespreche ich das perfekte Buch, um sich mit warmen Pantoffeln vors Cheminée zu setzen. Oder auf der Couch mit einem heissen Punsch zu geniessen.

In einer Pandemie sollte man wenigstens etwas Gutes zu lesen haben. In normalen Zeiten natürlich auch – aber jetzt ist es fürs Seelenheil besonders wichtig. Und ein solches Buch ist ohne Zweifel The Ickabog von Erzählmagierin J. K. Rowling (Amazon Affiliate). Es gibt auch eine deutsche Übersetzung mit dem Titel Der Ickabog. Ich würde aber unbedingt die englische Hörbuchvariante empfehlen, weil die von Stephen Fry gelesen wird.

Ja, auch sowas gilt als Nerdliteratur.

«The Ickabog» ist ein Märchen für Kinder ungefähr ab sieben Jahre. Aber bei dieser Autorin kommt man in aller Regel als Erwachsener auf seine Rechnung.

Und das gilt ganz besonders auch für dieses Buch, das eine doppelbödige politische Note hat und sich um eine Verschwörung dreht, die die ich sehr genossen habe. Und überhaupt: Das ist eine kluge, warmherzige Geschichte, die auch eine Moral hat, wie es sich gehört. Die Moral ist, dass Gutes Gutes und Böses Böses gebiert.

Und ja, das klingt nicht nach einer sonderlich tiefen Einsicht. Doch es gibt ein Aber: „J.K. Rowlings liebenswürdiges Moormonster“ weiterlesen

Gutenacht-Lektüre für eure Nerd-Kinder

Meine Tochter und ich haben ein gemeinsames Lieblingsbuch. Das grossartige «Goodnight Stories for Rebel Girls».

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass ich mit dem heutigen Buchtipp meine Kategorie der Nerdliteratur überstrapaziere. Es geht nämlich um ein Buch, das ich meiner Tochter geschenkt habe. Sie ist 4½ und dementsprechend noch nicht in einem Alter, in dem sie Spass an schrägen Zeitreise- oder Multiversums-Abenteuern hätte. Die Helden dürfen gerne noch etwas einfacher gestrickt sein – wie die mutigen Hunde aus der (aus meiner Sicht etwas fragwürdigen) Fernsehserie «Paw Patrol».

Doch wenn man genauer hinschaut, dann ist der Nerdaspekt nicht zu übersehen. Weder bei den Fellfreunden alias Marshall, Chase, Rubble, Rocky und Zuma, noch bei dem Buch, um das es heute eigentlich gehen soll. Die Hunde in «Paw Patrol» sind offensichtliche Nerds, weil sie für alle ihre Aufgaben irgendwelche Gadgets benötigen – genauso, wie wir ausgewachsenen Nerds.

Wenn man bei Wikipedia nachliest, dann erfährt man, dass diese Serie vor allem ein Marketing-Vehikel für all die Spielzeuge, die zu ihr angeboten werden: „Gutenacht-Lektüre für eure Nerd-Kinder“ weiterlesen

Braucht eine perfekte Geschichte eine Fortsetzung?

«Ready Player one» war ein grossartiger, popkultureller Nerdgasmus. Nun ist der zweite Teil erschienen. Ich habe ihn gelesen und beschreibe, wie gross meine nerdischen Glücksgefühle dieses Mal waren.

Von Kevin habe ich in unserer letzten Sendung im letzten Jahr gehört, dass es von «Ready Player one» einen Nachfolger gibt. Dieses Buch hat einen naheliegenden und trotzdem originellen Titel. Es heisst Ready Player Two (Amazon Affiliate). Die deutsche Ausgabe trägt den gleichen Titel und wird ab 24. März 2021 erhältlich sein.

Naheliegender, und trotzdem origineller Titel.

Die erste Folge habe ich seinerzeit im Beitrag Nerd­gasmus und Pop­kultur­klimax kurz be­spro­chen. In So geht das mit den Aliens ging es um ein anderes Werk des Autors, Ernest Cline, nämlich «Armada».

Und jetzt eben ein unerwarteter Nachfolger. Unerwartet zumindest für mich: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es ein weiteres Abenteuer mit Wade Watts, Samantha Cook und den anderen High Five-Gunters geben würde.

Denn das erste Buch endet mit einem grossartigen Happy End.  Nach der erfolgreichen Jagd nach James Hallidays Easter-Egg und dem Aufstieg von Watts alias Parzival zum Erbe Hallidays und zum Herrscher über die Oasis-Simulation gibt es keine Aufgaben mehr zu erledigen. Auch für die Liebe ist gesorgt; Samantha und Wade kommen zusammen. Was bleibt da noch, ausser, dass sie, wenn sie nicht gestorben sind, auch noch heute leben?

Ein ungutes Bauchgefühl

Bei dieser Ausgangslage konnte ich nicht anders, als mich mit einem unguten Gefühl diesem zweiten Band zu nähern: „Braucht eine perfekte Geschichte eine Fortsetzung?“ weiterlesen

Eskapismus schlägt Kapitalismus

Das neue Buch von Andreas Eschbach, «Eines Menschen Flügel», erweckt den Eindruck, als ob es extra für die Pandemie geschrieben worden wäre.

Andreas Eschbachs vorletztes Buch, hier besprochen, hatte eine ganze Menge mit unserer Welt und der heutigen Realität zu tun gehabt.  Die Handlung spielte sich zwar auf einem alternativen Realitätsstrang ab; doch das Grundthema von totaler technischer Überwachung in einem Unrechtsstaat, war sehr nahe an der Diskussion dran, die wir seit dem NSA-Skandal und der fortschreitenden Digitalisierung unserer Leben führen.

Ich hatte darum vermutet, dass der Nachfolger von «NSA – Nationales Sicherheits-Amt» sich davon deutlich abheben würde. Denn so wie ich den Autoren kennengelernt habe, hat er zwar ein erkennbares thematisches Muster, doch auch einen Sinn für Abwechslung. Es war für mich darum klar, dass dieses Mal keine Nazis vorkommen würden.

Dass es so fantastisch werden würde, war dann aber doch eine Überraschung. „Eskapismus schlägt Kapitalismus“ weiterlesen

Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!

Ich bespreche drei Bücher: Zwei überzeugen und eines habe ich eines fertig gelesen. Und dieses dritte Buch macht klar, dass J. K. Rowling auch der grösste Shitstorm nichts anhaben kann.

Meine Ausbeute bei den Hörbüchern war in der letzten Zeit nicht gut. Von drei gekauften Werken habe ich nur eines fertig gelesen. Dabei gehöre ich zu denen, die angefangene Dinge meistens zu Ende bringen – auch bei der Lektüre.

Die drei Bücher waren NPC von Jeremy Robinson, Brave New World von Aldus Huxley (deutsch Schöne Neue Welt) und Troubled Blood von
Robert Galbraith alias J. K. Rowling (deutsch Böses Blut). (Links jeweils Amazon Affiliate.)

Wenn ihr mich und dieses Blog hier gut kennt, dann erratet ihr sofort, bei welchem Buch ich drangeblieben bin.

Ja, natürlich, «Troubled Blood», der neueste Fall von Cormoran Strike und Robin Ellacott. Ich habe The Cuckoo’s Calling gelesen und hier besprochen und dann mit The Silkworm und Career of Evil nachgedoppelt. Und anhand des bücherübergreifenden Handlungsbogens ist mir aufgefallen, dass ich eine Folge verpasst haben muss.

Eine kleine Nachforschung hat ergeben, dass dem tatsächlich so ist. Mir ist Lethal White von 2018 entgangen. Das ist die vierte Folge, die ich mir sogleich besorgt habe – nicht ohne mich darüber zu ärgern, nun die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge geniessen zu können.

Dieses Versäumnis lässt den famosen Amazon-Algorithmus in  schlechtem Licht dastehen. „Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!“ weiterlesen

Sommerferien in Gilead

Ich hätte ahnen können, dass «The Handmaid’s Tale» keine leichte Sommerlektüre ist.

The Handmaid’s Tale (Amazon Affiliate), zu Deutsch «Der Report der Magd» (Amazon Affiliate) ist eine bei Amazon Prime zu sehende Serie. Aber vor allem auch einer der grossen dystopischen Zukunftsvisionen, die von manchen im gleichen Atemzug mit George Orwells 1984 genannt wird.

Das Buch von Margaret Atwood ist von Audible 2017 neu aufgenommen worden, und zwar mit Claire Danes als Sprecherin und als Stimme von Offred. Es gibt am Ende ein Nachwort von Margaret Atwood, das sie selbst liest. Und das letzte Kapitel zum Symposium, an dem Forschungsergebnisse zu der Gilead-Periode präsentiert werden, ist als Hörspiel inszeniert. Das ideale Ferienprogramm, also!

Braucht es eine inhaltliche Zusammenfassung, oder kennt hier schon jeder die Geschichte? Wie Atwood im Nachwort erklärt, kam die Inspiration zum Buch aus der Bibel: Rahel, eine der wichtigeren Figuren aus dem alten Testament, hat wegen ihrer Unfruchtbarkeit ihren Mann Jakob mit der Magd Bilha ein Kind zeugen lassen.

Da in den postapokalyptischen USA viele Männer und Frauen steril sind, wird die biblische Geschichte zur Staatsraison umfunktioniert. Die herrschende Klasse vermehrt sich mithilfe ihrer Dienerinnen fort, während den Frauen jegliche Rechte aberkannt wurden. „Sommerferien in Gilead“ weiterlesen