Terminators melancholische Seite

Der Letzte seiner Art (Amazon-Affiliate) ist eine schon etwas ältere Geschichte von Andreas Eschbach. Von 2003 stammt sie. Sie zeichnet sich durch zwei Dinge aus: Sie ist erstens eher kurz für Eschbachs Verhältnisse, nämlich 352 Seiten oder 5 Stunden und 44 Minuten als Hörbuch. Zum Vergleich: Herr aller Dinge kommt auf 688 Seiten (23 Stunden und 40 Minuten), NSA sogar auf 800 Seiten (22 Stunden und 14 Minuten).

Das macht sich zweitens durch einen vergleichsweise geradlinigen Plot bemerkbar. Es passiert letztlich das, was passieren muss – auch wenn der Protagonist sich vor dem Moment der Kapitulation mit seiner ganzen, nicht unbeträchtlichen Kraft gegen sein Schicksal auflehnt.

Aber der Titel des Buchs macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass dieser Protagonist ein Exot ist. Ein Aussenseiter, der ein einsames Dasein fristet. Einer, der keine Chance hat, das Unabänderliche abzuändern. Und Duane Fitzgerald sagt es auch ganz klar: Er hat sich damals voller Begeisterung für dieses Schicksal entschieden. Er hat sich «Terminator», den Film, angeschaut. Und daraufhin wollte er Terminator, die Maschine sein. Aber einer Maschine ist es verwehrt, in den Kreis der normalen Menschen zurückzukehren. „Terminators melancholische Seite“ weiterlesen

Kommt ein Nerd in einen Buchladen

Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore (Amazon Affiliate), bzw. in Deutsch Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra (Amazon Affiliate) von Robin Sloan: Eine sympathische Geschichte, die die alte Art der Wissensvermittlung mittels Büchern auf ihr modernes Äquivalent prallen lässt. Das ist natürlich die Cloud mit ihrer gigantischen Rechenleistung, die innert weniger Minuten so viel zu leisten vermag wie ein paar mittelalterliche Mönche in einer Million Lebensjahren.

Mich hat das Buch sehr an «The Circle» (So borniert sind die Tech-Nerds auch wieder nicht) erinnert. Es ist auf eine gewisse Weise das negative – oder eigentlich positive – Abziehbild dieser Geschichte. In der Dystopie von Dave Eggers sind die grossen Tech-Konzerne böse, demokratiezersetzend und absolutistisch.

In der Geschichte von Robin Sloan hingegen sympathisch. Man könnte sie fast schon als Liebeserklärung an Google betrachten. „Kommt ein Nerd in einen Buchladen“ weiterlesen

Ein literarischer Klimax ist das nicht

Sorgen Sex-Podcasts für ein Prickeln in den Ohren? Eine weltbewegende Frage, die ich neulich in diesem Blog hier in Grund und Boden recherchiert habe. Die Erkenntnisse waren nicht so erhebend wie erhofft – aber lest bitte selbst.

Die Frage bleibt somit bestehen: Welches ist die anregendste Medienform, wenn die Plattformen mit den expliziten visuellen Reizen einmal ausgeklammert bleiben? Mindestens ebenso naheliegend wie Podcasts sind Hörbücher in der entsprechenden Kategorie. Audible hat in Englisch im einschlägigen Regal immerhin gut 15’000 Titel zu bieten. In Deutsch gibt es keine eigene Kategorie dafür, was im Vergleich zu den sonst als prüde verschrienen Amerikanern etwas seltsam wirkt. Aber gut, vielleicht gibt es in Deutschland irgend ein Jugendschutzgesetz, das derlei verbietet.

Sucht man nach «erotische Romane», erhält man 445 Ergebnisse. Doch sowohl die Titel als auch die Coverbilder lassen ungeniessbaren Schrott vermuten, sodass einem sogleich jegliche Lust vergeht und man sich zu seinem eigenen Schutz besser sofort den gesammelten Werken von Johannes Mario Simmel zuwendet. Apropos: „Ein literarischer Klimax ist das nicht“ weiterlesen

Das ganze Leben als Endlosschleife

The First Fifteen Lives of Harry August (Amazon Affiliate), in Deutsch Die vielen Leben des Harry August (Amazon Affiliate) ist eine Geschichte, die zwar gut in meine Nerdliteratur-Rubrik passt – aber weder mit dem Zeitreisen– noch mit dem Multiversums-Tag so richtig passend beschrieben ist (ich habe trotzdem mal beide zugewiesen). Es gibt zwar Varianten im Ablauf der neueren Menschheitsgeschichte und Informationen, die im Zeitablauf nach hinten wandern. Aber es gibt keine Methode, mit denen die Protagonisten von einem Paralleluniversum ins andere hüpfen könnten. Und auch keine Zeitmaschine.

Die Mechanik zur Durchbrechung des linearen Ablaufs der Dinge erinnert sehr ans Buch «Replay», das ich im Beitrag Jahrzehntlich grüsst das Murmeltier besprochen habe: Da geht es um Jeff Winston, der einen Teil seines Lebens immer und immer wieder erlebt. Er kann daraus Lehren ziehen, Varianten ausprobieren und sehen, was er tun muss, damit es ihm gut ergeht. Aber wie er in diese Schleife hineingeraten ist, das bleibt im Dunkeln. Es passiert einfach – und damit muss man sich als Leser zufrieden geben.

Auch Harry August erlebt sein Leben mehrfach: Wie der Titel andeutet, fünfzehn Mal. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass nach dem 15. ein 16. Mal erfolgt, und die Wiederholungen sich potenziell in alle Ewigkeit erstrecken könnten. „Das ganze Leben als Endlosschleife“ weiterlesen

Blake Crouch passt gut auf die Lesecouch

Ich bin neulich über das Buch «Dark Matter» gestolpert. Das Leseerlebnis war erfreulich, weswegen sogleich die Frage aufgetaucht ist: Wer ist der Autor, dieser Blake Crouch? Und war das nur ein Zufallstreffer oder würde es sich lohnen, noch etwas tiefer in dessen Werk einzutauchen?

Wikipedia ist kurz angebunden, und das, was man dort lesen kann, ist offensichtlich von Crouchs Homepage abgeschrieben, die auch eher auf der dürftigen, selbstgebastelten Seite angesiedelt ist. Es gibt ihn aber immerhin auf Twitter und Facebook, wobei sich aus dem Stöbern durch die sozialmedialen Ergüsse kein wirklicher Erkenntnisgewinn ergibt. Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als noch ein Buch von ihm zu lesen.

Das ist Pines (Amazon Affiliate), der erste Teil aus der Wayward Pines Trilogy. Die gibt es auch als Fernsehserie. Und in Buchform auf Deutsch, wobei der erste Band Psychose heisst. Und man kann fast nichts von der Geschichte erzählen, ohne zu viel zu verraten. Ausser natürlich den Klappentext: „Blake Crouch passt gut auf die Lesecouch“ weiterlesen

Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen

Wie hier im Blog an diversen Stellen zu lesen ist, mag ich Bücher mit alternativen Realitäten: Sie haben das Potenzial für spannende Unterhaltung und Einblicke in fantastische Parallelwelten. Doch da ist noch mehr. Ich finde nämlich, dass ein vernünftiger Mensch gar nicht anders können sollte, als sie zu lesen.

Natürlich, diese Überzeugung ist nun erklärungsbedürftig. Sie hat damit zu tun, dass ich nicht an die Vorbestimmung glaube. Wir leben nicht in einer deterministischen Welt. In jeder Sekunde gibt es unterschiedliche Wege, die die Menschheit als ganzes und ich als Individuum gehen könnte. Es gibt unendlich viele Einflussfaktoren – und viele haben mit der unmittelbaren Situation, dem Zufall und den Umständen zu tun. Und dem, was man gemeinhin als Glück bezeichnet.

Darum muss es jedem einleuchten, dass der Lauf der Dinge auch ganz anders sein könnte. Auch man selbst würde ein vielleicht völlig anderes Leben führen, wenn nur ein paar Dinge anders verlaufen wären. Das weckt, so finde ich, die Neugierde – und manchmal auch ein bisschen Sehnsucht. Ich würde nämlich schon sehr gern wissen, wie der bestmögliche Verlauf meines Lebens aussehen würde. Als vernünftiger Mensch bin ich allerdings auch ganz froh, dass es völlig unmöglich ist, das zu wissen. Denn natürlich wäre das Unglücksgefühl genauso gross wie die Diskrepanz zu diesem bestmöglichen Verlauf.

Doch immerhin gibt es Bücher, die diese Neugierde und Sehnsucht bedienen. Die das Multiversum vor uns auffächern und aufzeigen, wie es besser oder schlechter hätte laufen können und wie es wäre, zwischen den Möglichkeiten zu springen. Und das allerbeste Buch zu diesem Thema, das habe ich gerade gelesen.  „Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen“ weiterlesen

Nach den Wearables dann die Implantables

In diesem Blog ist in letzter Zeit häufig das Wort Feed gefallen. Auch heute ist das wieder der Fall. Doch während es meistens um RSS ging, kommt heute völlig überraschend die Rubrik Nerdliteratur zum Zug. Das Thema hier: Das Buch Feed von M.T. Anderson (Amazon Affiliate), das es leider anscheinend nicht in einer deutschen Übersetzung gibt.

Ich habe das Buch für meinen Tagi-Artikel Vier Bücher für den Durchblick im digitalen Zeitalter ausgesucht. Die anderen drei sind NSA und The Circle, die ich beide hier im Blog schon besprochen habe, plus Fahrenheit 451, das ich für eine ausführliche Rezension hier erst noch einmal lesen müsste. Obwohl es ein Buch für junge Erwachsene ist, passt es ausgezeichnet in die Reihe: Es erklärt ein Phänomen in fiktionalisierter Form besser, als das ein Sachbuch oder ein Erklärstück könnte.

Klar, der Einwand auf diese Behauptung liegt auf der Hand:  „Nach den Wearables dann die Implantables“ weiterlesen

Alles ausser interaktiv

Soll ich hier Night Film (Amazon Affiliate), in Deutsch Die amerikanische Nacht (Amazon Affiliate) von Marisha Pessl besprechen? Dagegen spricht, dass es kein Tech-Thriller ist, obwohl Tor-Browser und Darknet mehrfach erwähnt werden. Es ist noch schlimmer: Es ist ein Mystery-Thriller, in dem es um Okkultismus, den Leibhaftigen, sowie Hexen geht. Also Dinge, bei denen man als gestandener Nerd unweigerlich den Kopf schüttelt.

Für eine Rezension spricht, dass es ein gelungener Thriller ist, mit einer Geschichte zum Abtauchen, einer flüssigen Schreibweise und einem stimmigen Stil. Ich lehne mich nur ein bisschen zum Fenster hinaus, wenn ich behaupte, dass die Stimmung so überzeugend ist, wie wenn sich Übervater Stephen King ein bisschen anstrengt. Es gibt wunderbare Szenen, zum Beispiel wenn der abgehalfterte Investigativ-Journalist Scott McGarth mit seinen beiden unfreiwilligen Ermittler-Kollegen Nora Halliday und Hopper Cole die sehr gealterte Diva Marlowe Hughes besuchen, die wie ein lichtscheues Reptil in ihrem Luxusapartment vegetiert und Alkohol wie Wasser trinkt. „Alles ausser interaktiv“ weiterlesen

So borniert sind die Tech-Nerds auch wieder nicht

Das Buch The Circle (Amazon deutsch bzw. englisch) von Dave Eggers wäre an dieser Stelle eigentlich schon lange fällig gewesen. Es handelt sich um ein Buch, das man mit dem Prädikat Standardwerk versehen könnte, wenn das nicht einen so arrogant-abschreckenden Beiklang hätte. Ich fühle jedenfalls immer den Impuls, einen grossen Bogen um solche Titel zu machen: Ich möchte meine Bücher nämlich nicht deswegen lesen, weil man sie gelesen haben muss. Sondern freiwillig.

Also, man muss «The Circle» nicht unbedingt gelesen haben. Aber es schadet nicht. Denn der Roman ist unterhaltsam und flüssig zu lesen. Und er lässt einen verstehen, wie Silicon Valley tickt. Dort ist bekanntlich die Tech-Industrie angesiedelt. Die hat ihre eigenen Gesetzmässigkeiten, wie wir alle wissen: Sie ist arrogant, geschichtsvergessen, selbstverliebt und kindisch.

Und so widersprüchlich, dass es an Schizophrenie grenzt. Da gibt man sich cool, bescheiden und weltverbesserisch. Doch man will diesen Planeten hier nicht nur verändern und verbessern, sondern erobern und ihm den Stempel aufdrücken.  „So borniert sind die Tech-Nerds auch wieder nicht“ weiterlesen

Eine neue Liebe finden

Es ist immer das gleiche: Wenn man mit einem Buch durch ist, spürt man einen mehr oder weniger grossen Abschiedschmerz. Dieses Gefühl der Trennung ist ein guter Indikator für die subjektive Wichtigkeit – und zwar auf der Gefühlsebene. Es kann sein, dass man ein Buch intellektuell gut fand, aber keinen Abschiedsschmerz fühlt. Das ist typischerweise bei Sachbüchern der Fall, so erhellend sie auch gewesen sein mögen.

Umgekehrt kann das Lebewohl weh tun, selbst wenn wir Leser uns den Grund nicht so richtig erklären können – bei Büchern, die wir nicht unbedingt weiterempfehlen würden und die uns vielleicht sogar ein bisschen peinlich sind.

Woran das liegt? Schwer zu sagen, wie das bei Liebesdingen halt so ist. Wahrscheinlich ist einem eine Hauptfigur ans Herz gewachsen. Oder wir vermissen die Atmosphäre der Geschichte – die Geborgenheit einer Welt, die vielleicht nicht mal besonders erstrebenswert ist.  „Eine neue Liebe finden“ weiterlesen