Superhelden wider Willen

In «Helix – Sie werden uns ersetzen» spekuliert Marc Elsberg, wie es sein wird, wenn die ersten genetisch optimierten Menschen über ihre Existenz nach­denken und sich nicht damit abfinden können, etwas so Beson­deres zu sein.

Nach meiner Lektüre von «Blackout» (Zappenduster und eiskalt) war mir sofort klar, dass ich von diesem Autor noch mehr würde lesen wollen. Ich habe mich also sogleich dem nächsten Werk von Marc Elsberg zugewandt. Das ist das Buch von 2016. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der dritte Elsberg, nämlich das brandneue Buch Der Fall des Präsidenten bereits in der Pipeline steckt.

Ein bisschen am Erbgut herumzubasteln, wird demnächst ganz normal sein.

Aber das Buch, um das es jetzt geht, stammt von 2016 und heisst Helix – Sie werden uns ersetzen. Wenn man davon absieht, dass das Buch eigentlich Doppelhelix heissen müsste, bringt der Titel die Geschichte auf den Punkt: Die Helix bezieht sich auf unser Erbgut, das bekanntlich als Doppelstrang angelegt ist …

… und es tut mir leid, dass ich an dieser Stelle ein Detail einflechten muss, das ich mir nicht verkneifen kann, wenn von der Desoxy­ribonuklein­säure die Rede ist, seit ich beim Surfen im Netz (hier, PDF) zufällig darübergestolpert bin. Also, Zitat: „Superhelden wider Willen“ weiterlesen

Zappenduster und eiskalt

In «Blackout» malt sich Marc Elsberg aus, wie Europa von einem gross­flächi­gen, lang­an­dauern­den Strom­ausfall betrof­fen ist: Glaub­würdig – und gleich­wohl spannend und unter­halt­sam.

Ein beliebter Buchtitel. Auch Andreas Eschbach hat ihn schon benutzt.

Was würde passieren, wenn uns von einem Moment auf den nächsten das Internet abhandenkäme? Dieses Szenario führt die westliche Gesellschaft innert kürzester Zeit an den Rand des Abgrunds. Zumindest hat sich das Wolf Harlander im Buch «Systemfehler» so ausgemalt.

Dieses Buch habe ich kürzlich besprochen, und es hat mich auf den Geschmack gebracht. Was wäre die nächste Katastrophe, mit der ich mich auseinandersetzen könnte? Natürlich sollte sie noch verheerender sein als die vorherige. Denn man will sich schliesslich menschlich und als Leser weiterentwickeln.

Die Wahl lag auf der Hand: Es ist das Buch Blackout von Marc Elsberg.

Der Name des Autors war mir bislang nicht geläufig, was nur mit einem massiven Versagen zu erklären ist: „Zappenduster und eiskalt“ weiterlesen

«Cell» ist das perfekte Buch für alle Mobiltelefon-Hasser

Stephen King hat ein techno­phobes Buch über unsere moder­nen Kommuni­kations­gewohn­heiten geschrieben. Das würde mich nicht stören – aber leider ist die Story nicht sonderlich gut.

Was für ein fulminanter Anfang! Clayton Riddell sitzt, nichts Böses ahnend, in einem Kaffee, während plötzlich das Pandämonium ausbricht: Um ihn herum fallen Leute tot um, beissen sich die Ohren ab, schlagen sich die Köpfe ein und verhalten sich so, als wären sie allesamt verrückt geworden.

Mit der Abschaltung von GSM hat sich das mit den Pulsen auch erledigt.

Und das sind sie. Zumindest jener Teil der Bevölkerung, der sein Mobiltelefon mit dabei hatte. Offenbar hat ein über das Netz verbreitetes Signal die kognitiven Funktionen der Teilnehmer ausgelöscht und eine Art animalisches Verhalten ausgelöst. Später sollte dieses Signal «Puls» genannt werden. Doch erst einmal sieht Clayton, der eigentlich Grund zum Feiern hätte, weil er  sein Comic «Dark Wanderer» einem Verlag verkaufen konnte, wie sich die Zivilisation von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst.

In seinem Buch Cell (Amazon Affiliate), in Deutsch Puls (Amazon Affiliate) kommt Stephen King untypisch schnell auf den Punkt: „«Cell» ist das perfekte Buch für alle Mobiltelefon-Hasser“ weiterlesen

Wie wäre es, so plötzlich ganz ohne Internet?

Im Thriller «Systemfehler» von Wolf Harlander bringen Cyberterroristen das Internet zu Fall. Das Ende unserer Online-Gesellschaft ist eine unterhaltsame Angelegenheit – auch wenn das Buch ebenfalls einen Systemfehler aufweist.

Juhuu, ich bin Literatur-Influencer!

Zumindest vermute ich das, nachdem ich neulich unaufgefordert ein Rezensionsexemplar eines Buchs erhalten habe. Es handelt sich um das brandneue Werk von Wolf Harlander. Es läuft unter dem Titel Systemfehler, und es passt tatsächlich hervorragend in mein literarisches Beuteschema. Das spricht für die Pressearbeit des Rowohlt-Verlags. Und ich weiss das zu würdigen. Ich habe das Buch nämlich gelesen und schreibe nun auch gerne eine Besprechung für die Nerdliteratur-Rubrik hier im Blog.

Also, der Klappentext verspricht nichts weniger als die kommunikative Apokalypse: „Wie wäre es, so plötzlich ganz ohne Internet?“ weiterlesen

Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress

«Relive» von KJ Nelson ist eine fulminante Zeitreisegeschichte über eine Gruppe von Menschen, die nach dem Tod zurück in ihre Jugend geworfen werden. Nicht ganz so charmant wie «Back to the Future», aber locker und spannend erzählt.

Es war nun wirklich wieder einmal Zeit für ein Buch mit einer Zeitreise – das letzte ist auch schon wieder zwei Jahre her.

Doch wie immer, wenn mich die Lust auf eine Geschichte packt, die das temporale Gefüge durcheinanderbringt, stellt sich eine bange Frage: Erwische ich dieses Mal eine Geschichte, die ein bisschen abgefahren aber nicht zu schräg ist, die nicht dieselben alten Paradoxa bemüht oder ihnen zumindest etwas Neues abgewinnen kann? Das Problem mit diesen Büchern über Zeitreisen besteht darin, dass sie oft die Erwartungen nicht zu erfüllen mögen – und man am Ende der Geschichte gerne zu dem Zeitpunkt zurückkehren würde, an dem man sich unglücklicherweise zur Lektüre entschlossen hat.

Der Autor ist auch sein eigener Verleger

Vom Jugendlichen zum alten Mann – und wieder zurück.

Dieses Mal hatte ich Glück. Ich habe mich für Relive von KJ Nelson ent­schie­den. Der Name des Autors war mir bislang nicht geläufig und seine Website legt die Vermu­tung nahe, dass er noch nicht lang im Ge­schäft ist. Es gibt dort näm­lich nur einen zweiten Titel namens «Warlord», und Nelson scheint seine Bücher auch selbst digital zu verlegen. Es gibt «Relive» als E-Book für den Kindle und als Hörbuch, aber nicht in gedruckter Form. Dabei wäre es meines Erachtens so gut, dass es auch in ein traditionelles Verlagsprogramm passen würde. Zumindest, wenn dort bereits Titel aus dem Bereich des Fantastischen verlegt werden. „Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress“ weiterlesen

Retten wird uns nur der Fortschritt

Nach der Pandemie ist vor der Klimarettung. Und darum sollten wir uns überlegen, ob wir uns diese ständige Bedenkenträgerei noch leisten können – findet übrigens auch Frank Schätzing.

Wir dürfen die leise Hoffnung hegen, dass das, was wir in diesem Pandemie-Tunnel sehen, das Licht am anderen Ende ist.

Der Hauptgrund für den leisen Optimismus sind die Impfungen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir ohne die grandiose Leistung der Biotech-Unternehmen noch lange an dieser Seuche herumgedoktert hätten. Darum freue ich mich, dass der technische Fortschritt wieder einmal gezeigt hat, wozu er in der Lage ist.

Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der Fortschritt ein Schimpfwort war. Das war in den 1980er-Jahren, in denen man bei diesem Stichwort daran dachte, wie Computern zu wegrationalisierten Arbeitsplätzen führen.

Tschernobyl und Waldsterben

Man dachte an das vergiftete Geschenk der Atomspaltung, die uns nicht wie erhofft unbeschränkte Mengen an sauberer Energie, sondern Tschernobyl und die atomare Aufrüstung gebracht hatte. Man dachte an ungebremstes Wachstum, Luftverpestung und Waldsterben. „Retten wird uns nur der Fortschritt“ weiterlesen

Eine Begegnung der ganz anderen Art

Ich mache etwas, das man als Science­fiction­literatur­kritiker nie tun sollte: Ich lobe ein Buch vor der letzten Seite. Aber «Project Hail Mary» von Andy Weir ist eine so grossartige Geschichte, dass ich nicht anders kann.

Andy Weir hat mit «The Martian» ein Buch abgeliefert, das mich 2014 in atemloser Spannung gehalten hat: Mark Watney bleibt während einer abrupt abgebrochenen Marsmission alleine auf dem roten Planeten zurück und kämpft mit wissenschaftlicher List um sein Überleben und seine Rückkehr. Sein nächstes Buch spielte auf dem Mond, hatte eine Frau (Jasmine «Jazz» Bashara) als Heldin und erreichte nicht mehr ganz die Flughöhe des Vorgängers – war aber nichtsdestotrotz ein erfreuliches Stück Sciencefiction-Literatur.

Ein Höllenfahrtskommando!

Und jetzt Project Hail Mary, zu Deutsch Der Astronaut. Das ist nun ein ful­minan­tes Science­fic­tion-Aben­teuer, das alles hat, was man sich wünscht. Ich gehe so weit, es noch höher zu hängen als «The Martian» – und ich würde mein Taschengeld von den nächsten fünf Jahren darauf verwetten, dass die Welt nicht lange auf eine Verfilmung wird warten müssen¹.

Also, ohne Spoiler und ohne Umschweife mein Fazit, das auf eine vorbehaltlose Lese- bzw. Hörempfehlung hinausläuft. Die Geschichte hat gewisse Ähnlichkeiten mit «The Martian», sodass ich am Anfang gewisse Befürchtungen hatte, der Autor hätte sich dazu hinreissen lassen, das Erfolgsrezept seines ersten Buchs zu kopieren.

Doch diese Befürchtung zerstreut sich bereits nach ein paar Kapiteln: „Eine Begegnung der ganz anderen Art“ weiterlesen

Mord und Schwarzgeld in Athen

Im deutschsprachigen Raum wurde das Hörbuch lange Jahre sträflich vernachlässigt. Das ändert sich jetzt – zur Freude von Krimifans wie ich einer bin.

Ein Merkmal des Hörbuchs ist, dass es längst nicht in allen Welt- und Sprachregionen gleichermassen Fuss fassen konnte. Am weitesten verbreitet ist es in den USA, die man als dessen Mutterland bezeichnen könnte. Dort erlangten sie schon ab 1975 dank Books on Tape zu beachtlicher Beliebtheit. Das Unternehmen vertrieb ungekürzte Aufnahmen auf Kassette.

Im deutschsprachigen Raum haben die Hörbücher eine noch längere Tradition, wie man bei Wikipedia nachlesen kann: Erste Produktionen brachte 1954 die deutsche Blindenstudienanstalt mit ihrer Blindenhörbücherei auf den Markt. Einen Vorläufer gibt es als sogenanntes Hörbild, das auf Tonwalzen oder Wachsplatten gespeichert ist, schon seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Doch obwohl die Tradition im Vergleich zu den USA weiter zurückreicht, ist das Angebot bedeutend kleiner. Ich sehe dafür zwei Gründe: „Mord und Schwarzgeld in Athen“ weiterlesen

Weltrettung aus dem Pulp-Fiction-Regal

Das Trauma meines Germanistikstudiums überwinde ich, indem ich Unterhaltungsliteratur lese und ernsthaft rezensiere. Dieses Mal hat die Selbsttherapie aber nicht wirklich funktioniert.

Zu meinen Jugendsünden gehört, Germanistik studiert zu haben. Was mich damals genervt hat – und noch heute auf den Senkel geht –, ist das Literaturverständnis. Das zeichnet sich dadurch aus, dass nur ein paar wenige grosse Schriftsteller ernsthafte Literatur produzieren. Im Gegensatz dazu stehen die Autoren, die sich der Unterhaltung verschrieben haben. Sie tragen nichts zur Erhellung des Geistes bei und ihre Machwerke sind es ergo nicht wert, von einem beseelten Liebhaber auch nur mit der Kneifzange angefasst zu werden.

Und ja – das ist vor allem ein Mittel der Selbstüberhöhung: Der kleine Germanistikstudent kann sich schon im allerersten Proseminar als Teil einer erlauchten Elite betrachten, wenn er nur Goethe, Schiller, Heine, Mann, Böll und Grass fehlerfrei aussprechen kann.

Mir wäre das niemals eingefallen. „Weltrettung aus dem Pulp-Fiction-Regal“ weiterlesen

J.K. Rowlings liebenswürdiges Moormonster

Hier bespreche ich das perfekte Buch, um sich mit warmen Pantoffeln vors Cheminée zu setzen. Oder auf der Couch mit einem heissen Punsch zu geniessen.

In einer Pandemie sollte man wenigstens etwas Gutes zu lesen haben. In normalen Zeiten natürlich auch – aber jetzt ist es fürs Seelenheil besonders wichtig. Und ein solches Buch ist ohne Zweifel The Ickabog von Erzählmagierin J. K. Rowling (Amazon Affiliate). Es gibt auch eine deutsche Übersetzung mit dem Titel Der Ickabog. Ich würde aber unbedingt die englische Hörbuchvariante empfehlen, weil die von Stephen Fry gelesen wird.

Ja, auch sowas gilt als Nerdliteratur.

«The Ickabog» ist ein Märchen für Kinder ungefähr ab sieben Jahre. Aber bei dieser Autorin kommt man in aller Regel als Erwachsener auf seine Rechnung.

Und das gilt ganz besonders auch für dieses Buch, das eine doppelbödige politische Note hat und sich um eine Verschwörung dreht, die die ich sehr genossen habe. Und überhaupt: Das ist eine kluge, warmherzige Geschichte, die auch eine Moral hat, wie es sich gehört. Die Moral ist, dass Gutes Gutes und Böses Böses gebiert.

Und ja, das klingt nicht nach einer sonderlich tiefen Einsicht. Doch es gibt ein Aber: „J.K. Rowlings liebenswürdiges Moormonster“ weiterlesen