So borniert sind die Tech-Nerds auch wieder nicht

Das Buch The Circle (Amazon deutsch bzw. englisch) von Dave Eggers wäre an dieser Stelle eigentlich schon lange fällig gewesen. Es handelt sich um ein Buch, das man mit dem Prädikat Standardwerk versehen könnte, wenn das nicht einen so arrogant-abschreckenden Beiklang hätte. Ich fühle jedenfalls immer den Impuls, einen grossen Bogen um solche Titel zu machen: Ich möchte meine Bücher nämlich nicht deswegen lesen, weil man sie gelesen haben muss. Sondern freiwillig.

Also, man muss «The Circle» nicht unbedingt gelesen haben. Aber es schadet nicht. Denn der Roman ist unterhaltsam und flüssig zu lesen. Und er lässt einen verstehen, wie Silicon Valley tickt. Dort ist bekanntlich die Tech-Industrie angesiedelt. Die hat ihre eigenen Gesetzmässigkeiten, wie wir alle wissen: Sie ist arrogant, geschichtsvergessen, selbstverliebt und kindisch.

Und so widersprüchlich, dass es an Schizophrenie grenzt. Da gibt man sich cool, bescheiden und weltverbesserisch. Doch man will diesen Planeten hier nicht nur verändern und verbessern, sondern erobern und ihm den Stempel aufdrücken.  „So borniert sind die Tech-Nerds auch wieder nicht“ weiterlesen

Eine neue Liebe finden

Es ist immer das gleiche: Wenn man mit einem Buch durch ist, spürt man einen mehr oder weniger grossen Abschiedschmerz. Dieses Gefühl der Trennung ist ein guter Indikator für die subjektive Wichtigkeit – und zwar auf der Gefühlsebene. Es kann sein, dass man ein Buch intellektuell gut fand, aber keinen Abschiedsschmerz fühlt. Das ist typischerweise bei Sachbüchern der Fall, so erhellend sie auch gewesen sein mögen.

Umgekehrt kann das Lebewohl weh tun, selbst wenn wir Leser uns den Grund nicht so richtig erklären können – bei Büchern, die wir nicht unbedingt weiterempfehlen würden und die uns vielleicht sogar ein bisschen peinlich sind.

Woran das liegt? Schwer zu sagen, wie das bei Liebesdingen halt so ist. Wahrscheinlich ist einem eine Hauptfigur ans Herz gewachsen. Oder wir vermissen die Atmosphäre der Geschichte – die Geborgenheit einer Welt, die vielleicht nicht mal besonders erstrebenswert ist.  „Eine neue Liebe finden“ weiterlesen

Wie man Erinnerungen manipuliert

Vor einiger Zeit habe ich über die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sinniert. Wir habe immer mehr Möglichkeiten, mit Computern zu interagieren. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Was wäre, wenn wir Hirn und Chip direkt verbinden könnten? Wir würden uns Maus, Tastatur und Touchscreen sparen und könnten direkt in künstliche Welten eintauchen. Perfekte Immersion zu Lebzeiten. Und nach dem Tod womöglich die Chance, in emulierter Form weiterzuleben.

Das ist der Stoff, aus dem Sciencefiction-Romane sind. Andreas Eschbach hat ihn in seiner Black out/Hide out/Time out-Trilogie behandelt. Im (bislang offenbar nicht in Deutsch  erhältlichen) Buch Game Changer von Douglas E. Richards geht es um dieses Thema – aber aus einer etwas anderen und durchaus interessanten Perspektive.

In der nahen Zukunft haben die Neurowissenschaften rasante Fortschritte gemacht. Es ist möglich, Nanobots ins Hirn zu verpflanzen. Die interagieren nicht direkt mit einem System. Entsprechend ist es nicht möglich, mittels Gedanken zu kommunizieren und einen Computer zu steuern, so wie das in Eschbachs Geschichte passiert. Die Nanobots bauen eine Einweg-Verbindung auf: Sie beeinflussen die neuronalen Verknüpfungen und legen (komplett erfundene) Erinnerungen im Kopf eines Menschen ab. Sie können Gefühle wecken und stimulieren und einen epileptischen Anfall auslösen. Doch der Träger dieser Nanobots merkt nicht, dass sie da sind – und er ist komplett ahnungslos, während er aufs Übelste manipuliert wird.

Douglas E. Richards setzt bei den aktuellen Erkenntnissen zum Gedächtnis an, die der «New Yorker» in einem grossen Stück ausbreitet: You have no idea what happened, ist die Erkenntnis. Malcom Gladwell ist ein ehemaliger Autor des «New Yorker», und er geht dem Phänomen in den letzten drei Folgen der dritten Staffel seines «Revisionist History»-Podcasts nach (hier, hier und hier). Er macht es sehr deutlich: Unsere Erinnerungen funktionieren eben nicht wie Aufzeichnungen auf einer Festplatte. Sie sind trügerisch.  „Wie man Erinnerungen manipuliert“ weiterlesen

Steampunk minus Punk, plus Bakelit und Nazis

Heute bespreche ich das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Genau das richtige Buch zur rechten Zeit, lautet das Fazit, wenn man es in sieben Worten (und 41 Zeichen) zusammenfassen müsste. Es handelt sich um NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Amazon Affiliate) von (vielleicht nicht ganz überraschend) Andreas Eschbach.

Das Buch zeigt drei Dinge. Erstens führt es vor Augen, was ein faschistischer Staat mit moderner Massenüberwachungstechnologie anstellt: Mit gespeicherten Positionsdaten von Mobiltelefonen, persönlichen Mails, finanziellen Transaktionsdaten, aufgezeichneten Telefonanrufen, digitalen Patientenakten, Terminen in der Cloud. Und mit Gesichtserkennung und neuronalen Netzen – wenn Doktor Mengele auf künstlicher Intelligenz trifft. Nun könnte man sagen, dass das eine triviale Erkenntnis ist: Natürlich missbraucht der faschistoide Staat alle diese Mittel. Selbstverständlich werden sie dazu verwendet, Dissidenten aufzuspüren, zu verfolgen, zu beseitigen. Niemand darf sich wundern, wenn ein falsches Wort in der Öffentlichkeit dazu führt, dass die Geheimpolizei an die Türe klopft. Respektive diese eintritt.

Doch Eschbach zeigt auch auf, wie ungehinderter Zugang zu persönlichen Daten auch arglose Leute korrumpiert. „Steampunk minus Punk, plus Bakelit und Nazis“ weiterlesen

Als der Vatikan gehackt worden war

Nach meinem Eschbach-Exzess1 ist es an der Zeit, wieder andere Autoren zum Zug kommen zu lassen. Aber es ist angebracht, in Eschbachs Umfeld nach einem Nachfolger zu suchen – denn die Mischung aus Spannung, kluger Geschichten, sympathischer Helden und dem anpassungsfähigen Erzählstil ist ganz in meinem Sinn. Ich habe darum für die Büchersuche das GPS für Literatur angeworfen und bin auf Wolfgang Hohlbein gestossen. Er schreibt, laut Wikipedia, «Bücher, die ich selbst gerne lesen würde». Das klingt zwar banal, trifft aber gerade im Unterhaltungsbereich nicht für sehr viele Autoren zu. Viele schreiben Bücher, von denen sie glauben, dass die Verlagslektoren sie gerne lesen. Und das macht einen grossen Unterschied.

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Staffage. (Bild: Walkerssk/Pixabay, CC0)

Jedenfalls passt es gut, dass es in Das Paulus-Evangelium (Amazon Affiliate) um Hacker geht – da bleibe ich auch der Rubrik der Nerdliteratur treu. Und um wie üblich die Rezension mit dem Fazit zu beginnen, würde ich dieses Buch unter Vorbehalten empfehlen. Seine Bestimmung, mich als Leser zu unterhalten, erfüllt es bestens. Es ist nicht so raffiniert konstruiert wie die Plots von Eschbach und es gibt am Ende einen klassischen Showdown mit Schiesserei und Schwertkampf, aber keinen «Kampf der Hacker» und kein Kräftemessen auf der technologischen Ebene, wie man sich das als Nerd natürlich wünschen würde. „Als der Vatikan gehackt worden war“ weiterlesen

Mark Zuckerbergs feuchter Traum

Also gut, es gibt, nach dem und dem, hier noch einmal ein Eschbach-Multipack. In dem Fall ist es nahe liegend, nicht zwei, sondern gleich drei Bücher aufs Mal zu besprechen. Black Out (Amazon), Hide Out (Amazon) und Time Out (Amazon) bilden nämlich eine Trilogie mit einer durchgehenden Geschichte.

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Serenity und Christopher bei ihrer Flucht nach Europa in der Nähe von Rennes. (Bild: lisajules/Pexels, CC0)

Diese Trilogie hier zu behandeln, ist quasi zwingend. Die Hauptfigur und der Held ist nämlich ein waschechter Nerd. Kidd ist der beste Hacker der Welt, der es mit einem Coup fast geschafft hätte, die Weltwirtschaft zum Zusammenbruch zu bringen und uns alle zu Milliardären zu machen. Er hat alle Eigenschaften eines Nerds, inklusive einer nicht sehr sozialverträglichen Introvertiertheit, einer eher indifferenten Haltung der Körperhygiene gegenüber und einer bemerkenswerten Unerfahrenheit bezüglich physischer Interaktion mit den anderen Geschlecht. Und wo das erwähnt ist, verrate ich wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass es sich um eine Jugendbuchserie handelt und darum auch aufknospende Liebe unverzichtbar ist. Eschbach beschreibt die aber mit so viel Einfühlungsvermögen, dass man annehmen muss, dass ihm zumindest einzelne der Persönlichkeitszüge von Kidd persönlich bekannt sind.

Also, Kidd ist mit seinem Vater daran mitschuldig, dass ein Phänomen namens Kohärenz über die Welt hereingebrochen ist. „Mark Zuckerbergs feuchter Traum“ weiterlesen

Peak Oil mal zwei

Soll ich es noch einmal tun? Zwei Bücher von Andreas Eschbach parallel zu besprechen? Ich könnte, denn ich habe Ausgebrannt (Amazon Affiliate) und Solarstation (Amazon Affiliate) gelesen. In beiden geht es ums Erdöl – und darum, dass es irgend wann, vielleicht schon bald, knapp werden könnte. Es geht um den Unfug, einen so wertvollen Rohstoff der Fortbewegung und des Heizens wegen zu verbrennen, wo die Zivilisation doch in so vielerlei Hinsicht von ihm abhängt.

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Aus und vorbei. (Bild: ambquinn/Pixabay, CC0)

Es gibt ein Gegenargument. Die Parallelen bei diesen beiden Büchern nicht so tiefgehend wie im vorherigen Fall Doppelt unsterblich. Doch wo käme ich hin mit der Bloggerei, wenn ich mich davon abhalten lassen würde? Eben. Darum hier also die zweite Eschbach-Parallelbesprechung!

Da ich ein bisschen spoilern werde, hier voraus die unverfängliche Zusammenfassung: „Peak Oil mal zwei“ weiterlesen

Doppelt unsterblich

Wenn mich jemand fragen sollte, wer der bedeutendste Autor aus dem deutschsprachigen Raum ist, der sich um meine Lieblingsthemen Science Fiction und Fantasmen (um nicht die unpassende Genrebezeichnung «Fantasy» zu verwenden), dann würde ich ohne Zögern Andreas Eschbach nennen. Klar, man könnte auch an Frank Schätzing denken, der neulich mit dem hier besprochenen Buch wieder einen imposanten Wälzer abgeliefert hat. Aber im Vergleich ist Eschbach eben einer, der sich dem Motto underpromise and overdeliver verschrieben zu haben scheint: Seine Bücher fangen, selbst wenn sie in einem anderen Raum-Zeit-Gefüge spielen, unprätentiös an. Und dann steigern sie sich zu einer fulminanten Sause, die einen in Beschlag nimmt. Figuren, Handlung und Erzählweise, alles ist aus einem Guss. Eschbach als Autor ist zwischen den Zeilen spürbar. Aber auf unaufdringliche, fast schon bescheidene Weise – selbst wenn die Themen alles andere als bescheiden sind. Eschbach hört sich zwischen den Zeilen so an: «Ich bin hier, dir eine meiner Geschichten zu erzählen. Ich hoffe, sie macht dir Spass.» Schätzing klingt zwischen den Zeilen nach: «Boah ey, schau her, was mir hier wieder eingefallen ist! Wie könntest du da anders, als hin und weg zu sein!?»

Nach den bereits früher besprochenen Büchern1 geht es heute um Teufelsgold (Amazon Affiliate) und um Quest (Amazon Affiliate). Die beiden Bücher sind auf den ersten Blick komplett unterschiedlich. Das eine ist fest in der uns vertrauten Welt verwurzelt. Es dreht sich um einen Mann namens Hendrick Busske, der zwar durchaus Erfolg bei den Frauen hat, den man sich aber als einigermassen farblose Person von der Statur eines Versicherungsvertreters vorstellt. Das zweite ist eine Space Opera. Es hat einen Koloss von Mann als Helden, der in einem völlig irren Unterfangen ein grosses Raumschiff namens Megatao in ferne Galaxien lenkt, um … naja, um etwas ähnliches zu tun wie Captain Kirk Star Trek V.

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Nein, der lebt noch. (Bild: Yuri_B/Pixabay, CC0)

Beim zweiten Blick gibt es Parallelen in den beiden Büchern. Und da es nachfolgend nicht ohne einige Spoiler abgeht, hier die wichtigste Parallele überhaupt: „Doppelt unsterblich“ weiterlesen

Ein ungelesenes und zwei gelesene Bücher

Nach 128 Büchern, die ich fast alle fertiggehört habe, musste ich das allererste Audible-Buch ungehört zurückgeben. Es handelt sich um The Left Hand of Darkness (Amazon Affiliate) von Ursula K. Le Guin (Deutsch: Die linke Hand der Dunkelheit). Ich hatte mich auf das Buch gefreut, aber der Sprecher ist leider unterirdisch: George Guidall ist zwar einer der fleissigsten Erzähler mit mehr als 1200 Hörbüchern (Wikipedia), der in diesem Titel aber so undeutlich spricht, dass man sich fragt, ob er einen schlechten Tag hatte oder es für ein gutes Stilmittel hielt, während den Aufnahmen die Zahnprotese zu entfernen. Das Dumme ist ausserdem, dass in der Vorschau die Frau zu hören ist (Ursula K. Le Guin selbst?), die das Vorwort spricht – und nicht diese mümmelnde Darbietung, die auch anderen nicht gefallen hat. Da aber schon im ersten Kapitel Worte wie Gethen, Stabile on Ollul, Genly Ai, Diurnal und Odharhahad vorkommen, habe ich gleich die Waffen gestreckt – ein solches Vokabular passt nicht zu einer Lesung, bei der man kaum die normalen englischen Worte voneinander unterscheiden kann.

Der Rückgabeprozess ist übrigens unkompliziert und das Buch bleibt in der Bibliothek, sodass man es weiterhören könnte. Wenn man denn wollen würde.

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Wer ist hier das Schaf? (Screenshot The Big Sleep)

Ein echter Tipp ist hingegen The Big Sheep von Robert Kroese (Amazon Affiliate). Der Titel ist natürlich eine Anspielung an The Big Sleep von Raymond Chandler, dem Erfinder des prototypischen hardboiled Detective Philip Maloney Marlowe. Das Schaf ist wirklich gross – und wenn es am Anfang so aussieht, als ob es bloss einer etwas launigen Idee des Autors entsprungen wäre, um seiner Geschichte einen verrückten Auftakt zu verpassen, so täuscht das. Das Schaf ist ein wichtiges Puzzlestein und wird gegen Ende für eine echte Überraschung gut sein.

In dieser Geschichte sind die hartgesottenen Detektive auch im Jahr 2039 noch nicht ausgestorben. „Ein ungelesenes und zwei gelesene Bücher“ weiterlesen

Unauflösliche Widersprüche

Ich vermute, dass zwei Buchbesprechungen in einer Woche die Geduld meiner Leserschaft überstrapaziert. Aber hey, wir sind hier nicht zum Vergnügen.

Und darum müsst ihr nun die Besprechung von Brett BattlesSurvivor (Amazon Affiliate) über euch ergehen lassen.

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Wie würde die Gegenwart aussehen, wenn Barbaren wie diese hier Europa überrannt hätten? (Bild: Parker_West/Pixabay, CC0)

Das Buch ist der dritte Teil einer Trilogie, die mit dem Buch «Rewinder» begonnen hat, das im Beitrag Wir sind die Anomalie besprochen wird. Der zweite Teil, «Destroyer», wurde hier nur kurz erwähnt, weil sie der schwächste Teil der Miniserie ist und den Protagonisten bloss als hilflosen Statisten zeigt, der zusehen muss, wie seine Gegenspielerin Lidia die Historie der Menschheit zu Kleinholz verarbeitet – um eine plumpe Metapher für ein würdeloses Schauspiel zu verwenden.

Kurze Zusammenfassung von dem, was bisher geschah: „Unauflösliche Widersprüche“ weiterlesen