Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!

Ich bespreche drei Bücher: Zwei überzeugen und eines habe ich eines fertig gelesen. Und dieses dritte Buch macht klar, dass J. K. Rowling auch der grösste Shitstorm nichts anhaben kann.

Meine Ausbeute bei den Hörbüchern war in der letzten Zeit nicht gut. Von drei gekauften Werken habe ich nur eines fertig gelesen. Dabei gehöre ich zu denen, die angefangene Dinge meistens zu Ende bringen – auch bei der Lektüre.

Die drei Bücher waren NPC von Jeremy Robinson, Brave New World von Aldus Huxley (deutsch Schöne Neue Welt) und Troubled Blood von
Robert Galbraith alias J. K. Rowling (deutsch Böses Blut). (Links jeweils Amazon Affiliate.)

Wenn ihr mich und dieses Blog hier gut kennt, dann erratet ihr sofort, bei welchem Buch ich drangeblieben bin.

Ja, natürlich, «Troubled Blood», der neueste Fall von Cormoran Strike und Robin Ellacott. Ich habe The Cuckoo’s Calling gelesen und hier besprochen und dann mit The Silkworm und Career of Evil nachgedoppelt. Und anhand des bücherübergreifenden Handlungsbogens ist mir aufgefallen, dass ich eine Folge verpasst haben muss.

Eine kleine Nachforschung hat ergeben, dass dem tatsächlich so ist. Mir ist Lethal White von 2018 entgangen. Das ist die vierte Folge, die ich mir sogleich besorgt habe – nicht ohne mich darüber zu ärgern, nun die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge geniessen zu können.

Dieses Versäumnis lässt den famosen Amazon-Algorithmus in  schlechtem Licht dastehen. „Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!“ weiterlesen

Sommerferien in Gilead

Ich hätte ahnen können, dass «The Handmaid’s Tale» keine leichte Sommerlektüre ist.

The Handmaid’s Tale (Amazon Affiliate), zu Deutsch «Der Report der Magd» (Amazon Affiliate) ist eine bei Amazon Prime zu sehende Serie. Aber vor allem auch einer der grossen dystopischen Zukunftsvisionen, die von manchen im gleichen Atemzug mit George Orwells 1984 genannt wird.

Das Buch von Margaret Atwood ist von Audible 2017 neu aufgenommen worden, und zwar mit Claire Danes als Sprecherin und als Stimme von Offred. Es gibt am Ende ein Nachwort von Margaret Atwood, das sie selbst liest. Und das letzte Kapitel zum Symposium, an dem Forschungsergebnisse zu der Gilead-Periode präsentiert werden, ist als Hörspiel inszeniert. Das ideale Ferienprogramm, also!

Braucht es eine inhaltliche Zusammenfassung, oder kennt hier schon jeder die Geschichte? Wie Atwood im Nachwort erklärt, kam die Inspiration zum Buch aus der Bibel: Rahel, eine der wichtigeren Figuren aus dem alten Testament, hat wegen ihrer Unfruchtbarkeit ihren Mann Jakob mit der Magd Bilha ein Kind zeugen lassen.

Da in den postapokalyptischen USA viele Männer und Frauen steril sind, wird die biblische Geschichte zur Staatsraison umfunktioniert. Die herrschende Klasse vermehrt sich mithilfe ihrer Dienerinnen fort, während den Frauen jegliche Rechte aberkannt wurden. „Sommerferien in Gilead“ weiterlesen

Identität ist dort, wo man sich gerade hochgeladen hat

Ein gelungenes Stück Sciencefiction mit einem hartgekochten Detektiven und Technik, die wir jetzt schon gerne hätten: «Hologrammatica» von Tom Hillenbrand.

Sosehr ich auch versuche, meine Bücher mithilfe von künstlichen Intelligenzen und klugen Algorithmen zu finden – siehe Eine neue Liebe finden – sosehr komme ich immer wieder zur Erkenntnis, dass nichts über die Tipps von Freunden gehen. So auch bei dem Werk, das ich euch heute näherbringe. Das ist eine Empfehlung meines Mitnerdfunkers Kevin Rechsteiner, der es in unserer Sendung Endlich Spass am Stubenhocken kurz vorgestellt hat.

In diese Zukunft würde ich mich sofort hochladen lassen.

Es heisst Hologrammatica (Amazon Affiliate) und stammt von Tom Hillenbrand. Weder das Buch noch der Autor war mir vorher geläufig. Schlecht zu fühlen brauche ich mich deswegen nicht, weil der Hillenbrand gemäss Wikipedia erst seit knapp neun Jahren fiktionale Werke schreibt. Der Erstling von 2011 war ein «kulinarischer Krimi», was nicht gerade meinem literarischen Beuteschema entspricht. Mit Siencefiction ging es 2014 los – und sechs Jahre Verzögerung bei der Entdeckung eines neuen Sterns am Firmament sind für einen Hobby-Kritiker vertretbar. Finde ich.

Also, zum Buch: Ich bin noch nicht ganz durch, doch ich mache mich trotzdem schon an die Rezension. Erstens, weil ich so nicht Gefahr laufe, unabsichtliche Spoiler von mir zu geben. Und zweitens, weil mir der Stil und die Geschichte so gut gefällt, dass ich jetzt schon weiss, dass selbst ein völlig missratenes Ende mir den Spass nicht (komplett) verderben würde. „Identität ist dort, wo man sich gerade hochgeladen hat“ weiterlesen

Zuckerberg sollte den Hut nehmen

Das sieht nicht gut aus für «the blue app»: Einige Erkenntnisse aus dem Facebook-Buch von Steven Levy.

Ich fand und finde es heute noch irritierend, wenn von einer «juristischen Person» gesprochen wird. Das sind eben keine Personen, sondern Organisationen – Kapitalgesellschaften, Vereine, Stiftungen und Genossenschaften.

Doch vielleicht ist die Bezeichnung nicht ganz so unsinnig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass einem manche Unternehmen sympathisch sind und man andere für ziemliche Kotzbrocken hält. Die Handlungen der einen Organisation leuchten einem ein, während man sich bei anderen bloss wundern kann.

Ein Unternehmen, über das ich mich in den letzten Jahren immer wieder gewundert habe, ist Facebook. Wenn man sich dieses Unternehmen als Person vorstellt, dann hat man einen geltungssüchtigen, unreifen, rabiaten und rücksichtslosen Nerd vor Augen. Diese Person hat ohne Zweifel ihre Ideale. Und ich gestehe ihr auch zu, dass sie tatsächlich im Glauben handelt, die Welt zu verbessern – und ich teile ihre Ansicht, dass die Vernetzung von Menschen im Kern etwas Gutes ist.

Das Problem dieser Person ist jedoch, dass ihr Verständnis für die Menschen und soziale Mechanismen erstaunlich unterentwickelt ist. „Zuckerberg sollte den Hut nehmen“ weiterlesen

Was Buchverlage von Fernsehserien lernen könnten

Schauen Buchautoren manchmal fern? Die Frage klingt polemischer, als sie gemeint ist. Ich will der buchschreibenden Zunft keine Abgehobenheit attestieren – obwohl ich mich schon ein bisschen wundere.

Der Ausgangspunkt für mein Erstaunen ist folgender: Sowohl im Fernsehen als auch beim Buch gibt es die sogenannte Serie. Sie entsteht dann, wenn ein Werk nicht in einem Stück an den Rezipienten überantwortet wird, sondern in Segmenten. Die Daseinsberechtigung für diese sequenzierte Form der Erzählung wird von Wikipedia einleuchtend beschrieben:

Um Spannung und Interesse der Zuschauer zu erhalten, ist ein Drama in seiner Länge zeitlich beschränkt. Geduld, Konzentrationsfähigkeit und schiere körperliche Ausdauer des Publikums lassen eine Aufführung von mehr als drei, maximal vier Stunden nicht zu.

Übertragen auf Bücher hat das Serienprinzip praktische Gründe. Man stelle sich George R.R. Martins «A Song of Ice and Fire» als Einzelausgabe vor: Die wäre (gemäss Amazon) fast 23 Zentimeter dick und 3,9 Kilogramm schwer.

Und natürlich gibt es auch kaufmännische Gründe. Mehrere dünne Bücher ergeben einen höheren Verkaufserlös als ein dickes. „Was Buchverlage von Fernsehserien lernen könnten“ weiterlesen

Diese Türken! Dieser Türkentrank!

Über die Wunderwirkung von Kaffee – und meine eigene, 75’000 Stunden andauernde Abstinenz von dieser Wahnsinnsdroge.

Ich bin nun 8½ Jahre Kaffee-abstinent. Zugegebenermassen: Das ist eine zu krumme Zahl, als dass eine grosse Jubiläumsfeier angesagt wäre. Im August 2021 wird es so weit sein, dass ich auf eine Dekade ohne die aufgebrühten Bohnen werde anstossen können. Das werde ich selbstverständlich mit einem alkoholischen Getränk tun – ich bin schliesslich kein Puritaner.

Dieser Blogpost hier kommt jedenfalls anderthalb Jahre zu früh. Bis zu meiner Überprüfung jetzt gerade war ich der festen Überzeugung, der Jahrestag sei in Reichweite. Diese Fehleinschätzung lässt sich wahrscheinlich mit Koffeinmangel erklären. Oder aber mit meinem grundsätzlichen Unvermögen, Zeitabstände richtig einzuschätzen. „Diese Türken! Dieser Türkentrank!“ weiterlesen

Wer nimmt Androiden vor uns Menschen in Schutz?

Machines like me, bzw. in Deutsch Maschinen wie ich ist ein Buch eines Autors, dessen Name sich wie ein schottischer Zungenbrecher anhört: Ian McEwan. Es passt wunderbar in meine Nerdliteratur-Rubrik. Es beschäftigt sich nämlich mit einer Frage, die jeder literarischen oder auch journalistischen Beschäftigung mit Technologie gut ansteht: Dem Verhältnis von Technologie und Humanität.

Adam, wie er aus der Zellophanverpackung kam.

Dieses Verhältnis wird im Buch auf der Ebene einer menschlichen Dreiecksbeziehung erörtert. Das Buch spielt wie Andreas Eschbachs Buch «NSA – Nationales Sicherheits-Amt» in Gegend des Multiversums, in der der technische Fortschritt etwas schneller Fuss gefasst hat als bei uns. Bei «Machines like me» liegt es daran, dass der Vater des Computers, Alan Turing, nicht in den Selbstmord getrieben wurde. Er hatte die Chance, seine Arbeit fortzusetzen.

Das hat die Folge, dass der Fortschritt in den 1980er-Jahren schon weiter gediehen ist als bei uns heute. Mobiltelefone sind gang und  gäbe und die künstliche Intelligenz alltagstauglich. Sie ist ausgereift genug, um autonom agierende Androide zu ermöglichen.

Die sind zwar teuer und nur in einer limitierten Menge erhältlich. Doch sie können aber trotzdem von Privatpersonen erworben werden. „Wer nimmt Androiden vor uns Menschen in Schutz?“ weiterlesen

Buchtipps und Buchschelte

Ich nehme mir mal wieder vor, kurz zu schreiben. Heute drei Besprechungen von zwei Fachbüchern und einem Thriller – einmal Lob und zwei Verrisse.

Ein bisschen Schadenfreude war beim Lesen schon mit dabei.

Tausend Zeilen Lüge von Juan Moreno. Dieses Buch zum, wie es in der Unterzeile heisst, «System Relotius und dem deutschen Journalismus», ist für Leute wie mich Pflichtlektüre. Aber man kann das Buch auch sehr gut als Nichtjournalist lesen. Moreno rollt nicht nur die Betrugsfälle von Claas Relotius auf, sondern gibt auch eine Analyse ab, wie es dazu kommen konnte.

Diese Analyse überzeugt, wie ich finde. Ich kenne die Spiegel-Redaktion zwar nicht von innen, aber es dieses fehlgeleitete Verständnis von Journalismus auch anderswo. „Buchtipps und Buchschelte“ weiterlesen

Reykjavík dunkelgrau

Ich habe ein kleines Flair für Islandkrimis – siehe hier, hier oder auch hier. Darum habe ich mich gefreut, neulich bei Audible ein schönes Hörbuch namens Snare von Lilja Sigurdardóttir. Es gibt das unter dem Titel Das Netz auch in Deutsch – wobei die Titel verwirrend sind. Es handelt sich nämlich um eine Trilogie, bei der in Englisch der erste Teil den Titel «Schlinge» (Snare) trägt, in deutsch jedoch der zweite Teil. Der zweite Teil heisst in Englisch Trap und der dritte Cage. In Deutsch: Der Käfig. Immerhin hier waren sich die Übersetzer einig.

Lilja Sigurdardottir legt in «Snare» nicht nur zwei, sondern drei Handlungsstränge aus.

Das ist die Ausgangslage: Da ist Sonja, die sich mit ihrem Exmann Adam um das Sorgerecht des Sohns Thomas streitet und zwecks Bestreitung des Lebensunterhalts Kokain ins Land schmuggelt. Da ist Agla, die beim isländischen Bankencrash tief gefallen ist und nun den Kopf hinhalten soll für die Verfehlungen all ihrer Banken-Kollegen und -vorgesetzten, die sich vor dem grossen Knall 2008 eine goldene Nase verdient haben. Und da ist der erfahrene Zollbeamte Bragi, dem Sonjas häufige Grenzübertritte am Flughafen Keflavik längst aufgefallen sind und der sein eigenes Bündel zu schultern hat. Seine Frau ist an Alzheimer erkrankt und sein Chef droht im mit der Pensionierung.

Das ist eine spannende Ausgangslage – und Lilja Sigurdardóttir macht eine solide Geschichte daraus. Ich fühlte mich gut unterhalten – aber hundertprozentig zufrieden bin ich nicht. „Reykjavík dunkelgrau“ weiterlesen

Kinder retten die Welt

Stephen King ist Schriftsteller mit 72 Lenzen auf dem Buckel, der den Output eines fünfzig Jahre jüngeren Springinsfeld aufweist. Vielleicht hat er keine Hobbys und keine Lust, Kürbisse zu züchten oder seinen Tag damit zu verbringen, auf Twitter über Trump herzuziehen. Vielleicht braucht er das Geld … aber wahrscheinlich nicht. Darum muss es wohl so sein, dass er sein literarisches Pulver noch nicht verschossen hat – und sich nicht aufs Altenteil zurückziehen kann, weil noch so viele Geschichten in seinem Kopf herumspuken.

Auch Eisenbahnfans kommen auf ihre Rechnung.

Was auch immer ihn antreibt: Das jüngste Resultat seiner Schaffenskraft heisst The Institute (Amazon Affiliate), bzw. zu Deutsch Das Institut (Amazon Affiliate). Das stellt sich, meiner bescheidenen Meinung nach, in eine Reihe mit seinen grossen Werken: The Stand oder 11/22/63, aber natürlich vor allem «It»: Hier gibt es zwar keinen bösartigen Clown. Doch die Hauptfiguren sind, wie beim Horrorklassiker von 1986, Kinder. Oder Heranwachsende, wenn man genau sein will.

Natürlich kann man als Erwachsener der Meinung sein, dass man lieber seinesgleichen als Hauptfigur hätte. Aber King erzielt einen grossen erzählerischen Hebel, wenn er das personifizierte Böse (wie bei «It») oder die menschlichen Abgründe (wie bei «The Institute») auf Figuren prallen lässt, die noch keine Gelegenheit hatten, sich die Hände schmutzig zu machen.

Die Last der Welt, die auf unschuldigen, zarten Schultern junger Menschen: Das ist eine starke Konstellation, wie uns auch Harry Potter gelehrt hat. Und auch wenn ich verstehe, dass King sie nicht überstrapazieren will, so war die Zeit (nach der hervorragenden zweiteiligen Verfilmung von «It») nun reif für eine Neuauflage. Denn wir erinnern uns an die Trump-Camps: „Kinder retten die Welt“ weiterlesen