«Sind Sie ein bisschen dumm?»

Jörg Kachel­manns le­gen­därer Twitter-Diss hat es auf T-Shirts, Jogging­hosen und Taschen­bü­cher geschafft. Grund genug für eine Huldi­gung.

Jörg Kachelmann hat es geschafft, mir eine Frage ins Hirn zu pflanzen. Ich neige zwar nicht wie er dazu, sie auf Twitter ständig zu brauchen. Aber mir fällt auf, dass der Drang, sie als sozialmediales Totschlagargument zu verwenden, mit jedem Tag grösser wird.

Die Frage lautet: «Sind Sie ein bisschen dumm?» Kachelmann verwendet sie, wenn jemand faktischen Unfug von sich gibt und insbesondere die Feinstaubbelastung von Holzöfen in Abrede stellt oder die Homöopathie verteidigt. Die Frage ist kurz davor, zu einer stehenden Redewendung zu werden: Auf Twitter wird sie längst nicht mehr nur von Kachelmann verwendet, sondern von seinen Gleichgesinnten. Es gibt auch ein Taschenbuch mit diesem Titel auf Amazon und ein schönes T-Shirt bei Spreadshirt. Und eine Jogginghose.

Eine Beleidigung? Oder eine berechtigte Frage?

Ich verwende die Frage nicht, weil ich das nicht so authentisch hinkriege wie er. Kachelmann ist ein Meister in der Kunst der treffsicheren, fiesen und trotzdem irgendwie charmanten Beleidigung. Ich würde ihn nicht als Vorbild preisen, weil ich mir auch in den sozialen Medien einen freundlicheren Umgang wünsche. Aber ihn, der (natürlich aus eigener, leidvoller Erfahrung) auch den grossen Medienkonzernen gern an den Karren fährt («Vollpfostenjournalismus»), verträgt es im Web allemal.

Der entscheidende Punkt ist nun, dass seine Frage ins Schwarze trifft – und ohne Schnörkel und Umschweife das Problem in den sozialen Medien benennt: Es gibt dort wahnsinnig viele dumme Leute.

Und wir kommen nicht umhin, das wahrscheinlich grösste Verdienst der sozialen Medien anzuerkennen: Sie lassen keinen Zweifel daran, wie viele dumme Menschen es gibt. Ich merke, wie ich 15 Jahre nach meinem Einstand bei Twitter noch immer Mühe habe, die naheliegendste Erklärung für viele der dort vorzufindenden Wortäusserungen zu akzeptieren: nämlich die haushohe, epochale, unvorhergesehene Dummheit des Verfassers.

Sind die Leute wirklich so dumm?

Ich suche noch immer reflexartig nach Entschuldigungen: Vielleicht hat er einfach nicht nachgedacht, es nicht so gemeint oder einen schlechten Tag? Schliesslich passiert es den besten von uns, dass wir Posting rauslassen, dass unter unserer Würde ist.

Sicher; für viele ist das Internet eine Art grosses schwarzes Loch, in dem sie ihre negativen Gedanken entsorgen. Ein Teil der Leute scheint auch der Ansicht zu sein, dass im Web weniger strenge Umgangsformen herrschen und man sich virtuell keine Mühe zu geben braucht, ein anständiger Mensch zu sein. Und für einige könnte man die Entschuldigung gelten lassen, dass sie nicht dumm im eigentlichen Sinn sind, sondern einfach nur denkfaul. Nach dem Motto: «Nachdenken für einen Facebook-Post? Ist das nicht abartige Zeitverschwendung?»

Trotzdem ist frei nach Hanlon die häufigste Erklärung eben doch Dummheit.

«Sind sie ein bisschen egoistisch?»

Ich habe mir den Spass erlaubt, ChatGPT zu fragen, wie gross der Anteil der Bevölkerung sei, der so richtig dumm ist. Der Bot hat wie üblich rumgeeiert¹, sich danach aber zu Ausführungen zum Intelligenzquotient hinreissen lassen. Die bringen uns aber keinen Millimeter weiter. Die Psychiaterin Heidi Kastner hat vor zwei Jahren erklärt, warum es an dieser Stelle nicht um den IQ geht:

Es ist die Tendenz, Fakten zu ignorieren. Und im Sinn des kurzfristigen, unmittelbaren und scheinbaren Vorteils langfristige negative Folgen für sich und andere zu ignorieren. Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.

Auf die Frage, ob diese Dummheit zunimmt, sagt sie:

Dummheit hat Hochkonjunktur! Es erstaunt mich immer wieder, in wie vielen Bereichen sich Menschen Wissen und Fähigkeiten zuschreiben, die sie gar nicht haben. Wenn die Waschmaschine kaputt ist, holt man mit grösster Selbstverständlichkeit einen Fachmann. Aber bei deutlich komplexeren Themen sprudeln manche Leute nur so von Gewissheiten. Eine beliebte Spielwiese ist die Medizin, wo es heute von selbst ernannten Fachleuten nur so wimmelt. Da werden gänzlich kenntnisfreie, «gefühlte» Empfehlungen an den Mann und die Frau gebracht. Der Schriftsteller Charles Bukowski formulierte es so: «Das Problem ist, dass intelligente Menschen voller Zweifel sind, während die dummen voller Vertrauen sind.» Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen.

Ein intellektueller Wichtigtuer würde an dieser Stelle den Dunning-Kruger-Effekt ins Spiel bringen. Jedenfalls ist Dummheit in dem Kontext kein angeborener Fehler, sondern eine erworbene kognitive Verzerrung. Man könnte Kachelmanns Frage somit nicht als Beleidigung, sondern als freundliche Aufforderung verstehen, diese schepse (🇩🇪🇦🇹: schräge) Wahrnehmung zu korrigieren …

Fussnoten

1) Die Frage, wie gross der Anteil der Bevölkerung ist, der «so richtig dumm» ist, lässt sich nicht wissenschaftlich oder statistisch genau beantworten. Intelligenz und ihre Messung sind komplexe Themen, und was als «dumm» angesehen wird, kann stark subjektiv und abhängig von kulturellen, sozialen und individuellen Perspektiven sein.

Beitragsbild: Die künstliche Intelligenz, die dieses Bild erzeugt hat, sollte die Frage auf sich beziehen (Dall-e 3).

2 Kommentare zu ««Sind Sie ein bisschen dumm?»»

  1. Zu behaupten, man könne die Dummheit der Bevölkerung nicht bestimmen, halte ich für eine Ausrede. Egal, wie man Dummheit definiert: Ein grosser Teil der Bevölkerung ist dumm. Die sozialen Medien machen das sichtbar. Bei der Medizin, die du erwähnt hast, betrifft das auch viele Mediziner, wie Corona gezeigt hat. Von Titel und Funktion her theoretisch nicht dumme Mediziner leugneten den Nutzen von Impfungen und Masken. Daran sieht man heute auch, dass wirklich ein grosser Teil der Bevölkerung dumm ist. Es gibt zwei einfache Kriterien: Trägt keine Maske im vollen öffentlichen Verkehr oder beim Arzttermin. Die letzte Corona-Impfung ist mehr als 6 Monate her, also nicht mit dem aktuellen Impfstoff gemacht worden.

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