Ein Ding fehlt dem E-Book noch zur Perfektion

Der Tolino Vision 6 im Test: Zum perfekten digitalen Leseglück fehlt ein kleines, aber entscheidendes Detail: Die Reader brauchen einen App-Store, damit die Leserin und der Leser digitale Bücher so einfach verwenden können wie gedruckte.

Ich habe einen Tolino Vision 6 zum Testen erhalten. Das ist ein schmucker, leichter E-Book-Reader, den ich gerne empfehle – und im Beitrag Zeit, vom gedruckten Buch Abschied zu nehmen in gewisser Weise auch schon empfohlen habe. Der Tolino Vision 6 ist nämlich fast identisch mit dem damals getesteten Kobo Libra 2: Äusserlich sind sie nicht zu unterscheiden (ausser am Logo).

Die Punkte, die mir an beiden Geräten gefallen, kurz zusammengefasst: Der Reader ist leicht und hat (anders als frühere Modelle) nun ein ansehnliches Design. Es war eine vernünftige Entscheidung der Produktgestalter, anstelle der Verlängerung am unteren Rand eine vertikale Griffleiste einzuführen. Diese ist normalerweise am rechten Rand, was Rechtshändern entgegenkommt. Man kann die Anzeige drehen und quer oder mit der Leiste links lesen. Und das Gerät ist leicht genug, dass man es nicht festhalten, sondern in der Hand ruhen lassen kann. Das ist deutlich angenehmer als wenn man selbst ein dünnes Taschenbuch halten muss – von den dicken Wälzern nicht zu reden.

Zügig blättern

Fürs Blättern verwendet man die Tasten, oder man tippt aufs Display. Rechts tippen blättert vorwärts, links zurück. Der Seitenwechsel geht inzwischen flott, was mir als ehemaligem Nutzer des Kindle 3 noch immer auffällt. Ich schätze auch die in Stufen regelbare Beleuchtung, die es bei meinem ersten E-Book-Reader nicht gab, sowie die Tatsache, dass die neuen Modelle wasserdicht sind. (Ich habe jedoch auch mit dem Kindle in der Badewanne gelesen, den aber zum Glück nie reinfallen lassen.)

Hardware top, Software mit Verbesserungspotenzial

Mit anderen Worten: In Sachen Hardware sind die E-Book-Reader meines Erachtens ausgereift. Wo ich noch immer grosses Potenzial sehe, ist die Software: Ein App-Store für E-Book-Reader ist längst überfällig.

Ein solcher Store mit Apps von Drittherstellern würde das Problem lösen, dass der Umgang mit Inhalten umständlich wird, sobald man sie nicht im eingebauten Store kauft. Das «Fremdgehen» ist möglich, weil die deutschsprachigen Buchhändler seit 2016 auf ein DRM verzichten und auf ein Wasserzeichen setzen.

Man kann seine digitalen Bücher in einem beliebigen Store kaufen und per USB-Kabel aufs Lesegerät verfrachten. (Nachtrag: Es geht auch via Cloud, wie ich erst nach Veröffentlichung dieses Beitrags erfahren habe. Ich widme dieser Möglichkeit den Beitrag Wie man Bücher per Cloud auf den Tolino bekommt.)

Auch zu erwähnen ist die Möglichkeit, weitere Stores hinzuzufügen. Das tut man beim Tolino im Menü bei Meine Konten & meine Familie und dann bei Bibliothek-Verknüpfung.

Nebst Orell Füssli stehen Talia.de und Thalia.at, Weltbild mit den Stores für die Schweiz, Deutschland und Österreich, Hugendubel.de, Bücher.de, Meine Buchhandlung, eBook.de, Libris Osiander.de, ibs.it, und Libraccio.it zur Auswahl. Das ist ein Anfang – aber ein freier App-Store, in dem jeder noch so kleine Buchhändler oder Verlag seine App einstellen könnte, wäre besser. Beim Kobo fehlt die Möglichkeit, Store-Verknüpfungen zu ergänzen.

Theoretisch müssten die Reader auch die eigenen Bücher anzeigen – aber klappt das auch?

Ich habe ausgetestet, wie einfach sich freie Lesestoffe auf die beiden Geräte verfrachten lassen und zu diesem Zweck einen Probelauf mit E-Pub- und PDF-Dateien gemacht, die ich auf meiner Festplatte vorgefunden habe.

Bei Orell Füssli lassen sich gekaufte Bücher auch auf den Computer herunterladen, um sie manuell auf einen Reader zu verfrachten.

Zum Testaufgebot gehören «Und morgen das Glück» von Franziska Stalmann, das ich via Orell Füssli für meine Mutter gekauft und via Windows-Computer heruntergeladen habe. «Winnetou II» von Karl May und «Die Zeitmaschine» von George Wells. Diese beiden Bücher stammen vom Projekt Gutenberg und wurden über den Gutenberg Epub-Generator erzeugt. Ausserdem «Permanent Record» von Edward Snowden, von dem ich nicht mehr weiss, wo ich es erworben habe. Bei Orell Füssli war es nicht, weil es da nicht in der Kaufhistorie auftaucht. Ferner «Barbarians Led by Bill Gates» von Jennifer Edstrom und Marlin Eller, das ich als PDF eerhalten habe. Und ich habe die Bücher, die auf dem Libra 2 vorhanden waren, auf den Tolino übertragen.

Eigene Inhalte auf dem Tolino

Man schliesst seinen E-Book-Reader per USB an und verfrachtet die Bücher in den richtigen Ordner (wie oben erwähnt kann man auch die Cloud verwenden): Beim Tolino kopiert man die eigenen Bücher in den Ordner Dieser PC\tolino vision 6\Interner gemeinsamer Speicher\Books. Alle Bücher tauchen auf, sogar dasjenige im PDF-Format, das sich aufgrund der kleinen Schrift nicht sonderlich angenehm lesen lässt. Die Bücher vom Kobo Libra 2 sind erst erst nicht sichtbar. Das liegt wohl daran, dass sie auf dem Gerät ohne Dateiendung abgelegt sind. Nachdem ich sie manuell hinzugefügt habe, klappt es.

Beim Tolino kommen die Bücher in ein Unterverzeichnis.

Eine Beobachtung ist allerdings, dass es mitunter lange dauert, bis der Tolino merkt, dass neue Bücher auf ihm deponiert wurden. Die Synchronisation bewirkt keine Aktualisierung, ebenso wenig ein Neustart. Falls die Inhalte nicht erscheinen, kann es aber helfen, ein USB-Kabel an- und wieder abzustecken.

Eigene Inhalte auf dem Kobo Libre 2

Der Kobo Libre 2 weigert sich erst standhaft, meine aufkopierten Bücher zu berücksichtigen. Wie ich herausfinde, liegt das daran, dass ich sie ins falsche Verzeichnis gelegt habe. Ich habe dazu den Ordner .kobo\kepub benutzt, wie es logisch erscheint. Doch wenn man die Hilfe konsultiert, kommt man zum Schluss, dass die ins Rootverzeichnis gehören. Das mag naheliegend für  wenig versierte Anwender sein, aber für Leute, die gerne ordentliche Dateiablagen haben, ist das ein Graus.

Beim Kobo-Book-Reader sind die aus dem Store geladenen Bücher hier zu finden – eigene Inhalte gehören hingegen ins Rootverzeichnis.

Es fällt jedenfalls auf, dass sich die Ordnerstruktur bei Kobo und Tolino frappant unterscheiden, obwohl die Geräte Hardware-mässig fast identisch sind. Bei der Software gibt es an der Oberfläche und im Untergrund markante Differenzen.

Auch beim Libra 2 brauche ich zwei Anläufe, bis die App das Verzeichnis aktualisiert und die neuen Bücher anzeigt.

Das ist nervig – und es kann so schwierig nicht sein, Änderungen im Dateisystem festzustellen.

Trotzdem: Im Vergleich zu früher ist das ein Fortschritt.  Zu Zeiten, als sämtliche digitalen Bücher noch einen Kopierschutz hatten, musste man mit einer der grauenhaftesten Software hantieren, die die Welt je gesehen hat – nämlich Adobe Editions. Dass niemand elektronische Bücher kauft, wenn man sich mit so einer Krücke herumschlagen muss, sollte niemanden wundern. (Entsprechend würde ich Orell Füssli dringend raten, die Hilfeseiten anzupassen. Hier ist nämlich noch davon die Rede, man müsse vorab dieses grauenhafte Stück Software herunterladen und installieren.)

Es leuchtet ein, dass ein Store für Reader-Apps den Umgang mit den Inhalten massiv vereinfachen würde, allein, weil die USB-Synchronisation wegfällt. Die ist für viele Nutzer ein unüberwindliches Hindernis.

Mit der entsprechenden App wäre es einfacher: Man könnte Bücher über einen beliebigen Clouddienst synchronisieren. Und es wäre denkbar, dass Amazon eine App anbietet, mit denen Leute wie ich ihre für den Kindle gekauften Bücher auf dem Tolino oder dem Kobo lesen dürften. Das ist bisher unmöglich, weil Amazon seine digitalen Bücher mit einem Kopierschutz (DRM) ausstattet, das die Nutzung auf fremden Readern verunmöglicht.

Die Interoperabilität würde allen nützen – auch den Buchhändlern

Natürlich leuchtet es mir ein, dass weder die deutschen Buchhändler noch Amazon ein Interesse an einer derartigen Interoperabilität haben. Diese Form von literarischer Freizügigkeit wäre nur für die Leserinnen und Leser interessant. Zumindest kurzfristig: Mittelfristig hätten alle etwas davon, weil eine wesentliche Hürde bei der Nutzung von digitalen Büchern fallen würde. Denn ist und bleibt der grosse Vorteil von gedruckten Büchern, dass niemandem einem vorschreiben kann, wie und wo man sie liest.

Darum sollten die Buchhändler ihre protektionistische Haltung aufgeben. Oder, falls sie das nicht tun, sollten die Gesetzgeber sie zur Öffnung zwingen. Warum nicht DRM-Mechanismen für illegal erklären? Information wants to be free!

Ein paar Worte zu den Hardware-Unterschieden des Tolino Vision 6 und Kobo Libra 2

Zurück zum Vergleich von Tolino Vision 6 und dem Kobo Libra 2:

Intern gibt es ein paar Unterschiede zwischen den beiden ansonsten fast identischen Modellen. Der grösste besteht darin, dass der Libra 2 Bluetooth hat und sich dadurch auch für den Konsum von Hörbüchern eignet, die über drahtlose Kopfhörer gehört werden können. Für mich fällt diese Funktion nicht ins Gewicht, weil ich für das Smartphone bevorzuge: Es passt, anders als der E-Book-Reader, gut in die Hosentasche.

Äusserlich abgesehen von der Farbe fast nicht zu unterscheiden, innerlich mit einigen Unterschieden ausgestattet: Der Tolino Vision 6 links und der Kobo Libra 2 rechts.

Weitere unterscheiden sich die Geräte beim Speicher: Der Libra 2 hat 32 GB, der Tolino Vision 6 nur 16. Dafür ist der Prozessor beim Tolino mit 1,8 GHz getaktet, beim Libra 2 nur mit einem GHz. Den schnelleren Prozessor würde ich höher gewichten als den grösseren Speicher, zumal der beim Libra natürlich auf die Hörbuch-Funktion zurückzuführen ist. Für E-Books sind 16 GB ausreichend, zumal selbst dicke Wälzer kaum grösser als ein, zwei Megabytes werden. (Das E-Pub-Format ist eine per ZIP komprimierte Ordnerstruktur, in der die Inhalte gepackt sind.)

Der schnellere Prozessor wiederum ist ein Vorteil für den Tolino, auch wenn der bei meinem Test nicht deutlich spürbar war. Denkbar, dass man davon mehr merkt, wenn man den Reader zum Beispiel zum Surfen nutzt – was ich nicht tun würde, weil dafür ein Tablet nach wie vor die bessere Wahl ist.

Beim Store gewinnt der Tolino klar

Es entscheidet sich daher bei der Software. Und auch da haben beide Modelle ihre Vorteile: Der Tolino Vision 6 hat den besseren Store, nämlich (bei meinem Testmodell) denjenigen von Orell Füssli, plus, wie erwähnt, die Möglichkeit, Store-Verknüpfungen hinzuzufügen. Der Orell-Füssli-Store ist besser bestückt als Kobo.com. Jenen digitalen Bücherladen finde ich in der Schweizer Variante nach wie vor annähernd unbrauchbar, weil selbst mit der Sprachauswahl Deutsch die meisten angebotenen Bücher französisch sind.

Im Gegenzug synchronisiert der grössere Bruder des Libra 2, der Kobo Sage Inhalte auch via Dropbox. Beim Libra 2 habe ich diese Funktion nicht gefunden. Möglich, dass sie über ein Update demnächst nachgereicht wird. Jedenfalls ist bei den Beta-Funktionen Unterstützung für Pocket.com eingebaut. Dieser News-Aggregator vereinfacht es, Artikel aus dem Web auf dem E-Book-Reader zu lesen. Das ist ein handfester Vorteil, wenn man sich daran erinnert, welche Verrenkungen ich machen musste, um Internet-Lektüre aufs E-Book-Lesegerät zu bringen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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