Wie man kurze Aufmerksamkeitsspannen maximal ausreizt

Die Prequel-App motzt Fotos und Videos nach allen Regeln der Kunst auf: Mit Effek­ten, Anima­tio­nen, Texten, Vor­spännen und 3D-Schnick­schnack erhält man Kurz-Clips, die sich in den sozia­len Medien gut machen.

Hier im Blog wurde schon öfters das Instagram-Zeitalter für beendet erklärt. Das nicht deswegen, weil sich dieses Netzwerk von einer Foto-Plattform in einen Hort der Eitelkeit, der Schleichwerbung und der Selbstdarstellung verwandelt hat – diese Metamorphose habe ich zum zehnten Geburtstag ausführlich angeprangert und hier erläutert.

Nein, vor fünf Jahren habe ich Instagram aus technischer Sicht zu einem Ding der Vergangenheit erklärt: Die simplen Effekte, die ursprünglich das Markenzeichen waren, sind nicht mehr das Nonplusultra. Heute sind die Ansprüche höher: Wenn nicht mindestens KI mit im Spiel ist, lockt eine Foto-App niemand mehr hinter dem Ofen hervor.

Das gilt auch für die App Prequel, die fürs iPhone und iPad und für Android existiert. Sie sieht zwar aus wie eine aufgebohrte Variante von Instagram, hat jedoch mehr auf dem Kasten:

Der Nebel des Grauens… oder zumindest eine Möglichkeit, einen unerwünschten Hintergrund zum Verschwinden zu bringen.

Prequel deckt mehrere Bereiche ab: Sie hält Effekte bereit und betreibt Bildbearbeitung mit einem klaren Ziel – und das ist nicht die Fotoretusche und Bildnachbearbeitung.

Das Einsatzgebiet dieser App verorte ich bei den sozialen Medien: Wer auffällige Posts und Meme-artige Veröffentlichungen fabrizieren möchte, der liegt mit Prequel richtig. Die grössten Stärken hat sie beim Video. Man kann zwar Standbilder herstellen, doch das Potenzial schöpft man mit den Kurzvideos aus. Sie macht aus einem Bild einen kurzen Clip bzw. eine Animation, die eher dazu geeignet sind, beim wilden Scrollen aus der Masse der Bilder herauszustechen, als ein statisches Foto.

Eine weitere Eskalationsstufe in den sozialen Medien

… und klar, man könnte an dieser Stelle die Diskussion über Sinn und Unsinn dieses Trends vom Zaun brechen. Denn in der Tat ist das eine weitere Eskalationsstufe im Kampf um die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Es bringt noch mehr Nervosität, wenn jeder popelige Post in animierter Form aufs wehrlose Publikum hereinbricht. Aber diese Debatte soll an anderer Stelle geführt werden. Hier wäre festzuhalten, dass es sinnvolle Einsatzgebiete für Apps wie Prequel gibt – wenn man mit ihnen umzugehen weiss.

Ein simpler Bildeffekt, wie er auch in Instagram zu finden sein könnte.

Prequel hält in Form eines vertikalen Menüs am rechten Rand die Bereiche Effects, Filters, Adjust, Text, Beauty, Canvas, Stickers, Music und Intro. Die meisten der Punkte sind selbsterklärend und zeigen, wo die App den Schwerpunkt setzt: Man wird vor allem die beiden oberen Punkte nutzen, also die Effekte und Filter, mit denen man seinen Bildern ihren Stempel aufdrückt. Die anderen Punkte sind für die zusätzliche Würze, bzw. fürs Vor- und Nachbearbeiten zuständig.

Erklärungsbedürftig ist womöglich der letzte Punkt, Intro: Damit versieht man sein filmisches Meisterwerk mit einem kurzen Vorspann – falls man einen hektischen Clip noch hektischer haben möchte.

Also, bei Effects finden sich die vorgefertigten Bild- bzw. Animationseffekte, die man auf Live-Fotos, auf Videos oder Standbilder anwendet. Sie sind in die 19 Kategorien Trends, Holidays, New, Retro, Stars, TV, Y2K, Zoomers, D3D, Films, Lovely, Cyberpunkt, Optical, Poster, Halloween, Text, Events, All is love und Beauty sortiert.

Die Organisation der Effekte lässt sehr zu wünschen übrig

Die App hat auch AI-getriebene Effekte auf Lager. (Und nein, ich habe diese Weihnachtskarte nicht verschickt.)

Hier zeigt sich das Hauptproblem dieser App: Erstens sind die Bezeichnungen der Kategorien vergleichsweise nichtssagend. Zweitens präsentieren sich die Effekte sehr unterschiedlich, was Anspruch und Ausprägung angeht. Manche sind vergleichbar mit den Effekten aus Instagram, die bloss Farbe und Anmut verändern. Andere verwandeln das Bild in eine Animation oder in Computerkunst, wie man es von Photoshop Camera (Jetzt haut sie mich doch aus den Socken!) kennt.

Drittens sind sie oft auch reichlich speziell und müssen gezielt eingesetzt werden, um nicht deplatziert zu wirken. Wenn man die App nicht hervorragend kennt und oft benutzt, kommt man – wie bei Instagram – ums Durchprobieren nicht herum. Das kann aufgrund der grossen Anzahl der Effekte in Frust ausarten.

Dieser Effekt ist in der App animiert: Die Flocken, Sujet und Hintergrund bewegen sich leicht hin und her.

Einige Beispiele, was es an Effekten so gibt:

  • Hero (in der Kategorie Holydays) verwandelt die Person im Bild in einen grün gefärbten Grinch und das Foto in ein Filmplakat für einen fiktiven Blockbuster.
  • Polar in der Kategorie Retro verleiht dem Foto die Anmutung einer analogen Aufnahme aus den 1970ern. Scratch aus der gleichen Kategorie fügt Kratzer und Flecken ein, wie man sie von abgenutzten Analogfilmen kennt.
  • Die Effekte der Kategorie Stars sollen einem ein glamouröses Aussehen verleihen.
  • In der Kategorie D3D verwandelt sich das Bild in eine Pseudo-3D-Aufnahme, die durch Bewegung den räumlichen Effekt erzeugt und bei der Elemente in den Hintergrund eingefügt werden, unter anderem seltsame Flügel, Fledermäuse oder Konfetti.
  • Bei Cyberpunk gibt es schräge Bildfehler und expressionistische Effekte.
  • Die Kategorie TV gibt einem Foto die Anmutung einer Szene aus einer Fernsehserie, die irgendwann zwischen den 1970er- und 2000er-Jahren gesendet worden ist. Mit News kann man auch eine Breaking-News-Schalte aus der Gegenwart simulieren.
  • Bei Y2K finden sich schräge Effekte, deren Sinn und Zweck sich mir nicht ganz erschliesst. Bei Plastic wird das Foto bzw. die abgebildete Person in Plastik eingepackt. Bei Space landet das Sujet vor einem blauen Himmel, wobei eine automatische, allerdings nicht wirklich perfekte Freistellung stattfindet.
  • In der Kategorie Zoomers verwandelt man sein Bild in eine CD-Hölle oder in das Cover-Art, das in einer Musik-App sichtbar ist.
  • Mein Lieblingseffekt ist Prophet in der Rubrik Poster: Er macht aus dem Bild ein Foto in einer Zeitung, auf das elegant gezoomt wird.
Das entspricht in der Tat etwa meiner Laune während der Feiertage im letzten Jahr.

Die Effekte gibt es jeweils in verschiedenen Varianten. Beim erwähnten Hero-Effekt stehen anstelle des Grinchs auf dem Filmplakat auch «Harry Potter», «Home Alone», «Gatsby», «Nightmare before Christmas» und «Star Wars» zur Auswahl. Diese Varianten sind über Nümmerchen oberhalb der Reihe mit den Effekten zugänglich. Tippt man den Effekt ein zweites Mal an, gibt es weitere Optionen. Beim «Star Wars»-Kinoplakat kann man als Sith oder Jedi in Erscheinung treten und es lassen sich auch Position und Ausprägung des Lichtschwerts anpassen. Man darf auch den Text editieren und andere, Effekt-spezifische Änderungen vornehmen.

Man sollte wissen, was man tun will

Die Effekte lassen sich anpassen – aber nicht gänzlich umbauen.

Fazit: Wenn man weiss, was man tut, kann man diese App produktiv einsetzen. Diese Bedingung ist entscheidend – für unbedarfte Anwender taugt sie nichts, bei denen schätze ich die Gefahr von unfreiwillig komischen Resultaten hoch ein. Das ist ein Problem, da Prequel nicht den Eindruck einer Pro-App erweckt, sondern so tut, als ob sie für Hinz und Kunz geeignet wäre.

Die Anlehnung an Instagram erscheint mir falsch. Die grosse Zahl an Effekten müsste irgendwie anders, intuitiver und systematischer erschlossen werden. Sinnvoll wäre ein Auswahlverfahren, bei dem man nicht über die Effekte einsteigt, sondern über den Zweck, den man verfolgen möchte. Trotzdem ein Tipp für Spielkinder – und für Social-Media-Produzenten, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, wie ihre Posts aus der Masse der Veröffentlichungen herausstechen könnten.

Und zu kritisieren ist auch das Preismodell: Man kann die App gratis nutzen, aber man wird ständig auf das Abo aufmerksam gemacht. Das kostet 5.50 Franken pro Monat, was ich als zu teuer erachte – ausser natürlich, wenn man mit dieser App als Influencer tagtäglich einen lukrativen Instagram-Kanal bespielt.

Beitragsbild: Damit ein Post beim Durchscrollen auffällt, muss man sich etwas einfallen lassen (Kerde Severin, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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