Instagram und ich, wir haben uns nichts mehr zu sagen

Aus einer ehemals tollen Foto­platt­form, auf der die Schnapp­schuss­kul­tur eine Hoch­blüte erlebte, ist eine banale, ver­kommer­zia­li­siert­e Selbst­ab­feierungs­ver­an­stal­tung ge­wor­den. Das ist schade – und ein Grund, «Influ­encer» für ein Schimpf­wort zu hal­ten.

Instagram? Das ist dieses Ding, wo Influencer im Reagenzglas gezüchtet und wie im Zoo gehalten werden. Wieso schreitet nicht schon längst die UN-Menschenrechtskommission ein?

Und nein, das ist nicht zu harsch formuliert. Genau so klingt es, wenn Zuneigung verraten und Liebe enttäuscht wird. Und genau das ist das Thema in diesem Beitrag hier: Um eine Beziehung, die über die Jahre immer mehr gelitten hat. Und bei der es an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen.

Okay, den letzten Satz habe ich des Effekts wegen geschrieben. Ich werde mein Instagram-Konto (@mrclicko) nicht löschen. Aber ich halte fest, dass mir Instagram je länger je weniger geheuer ist und ich jedes Mal zusammenzucke, wenn die insidrige Kurzformel #insta an mein Ohr dringt (zum Beispiel von Sara Satir in diesem Podcast hier). Oder wenn einer von #instagold schwadroniert (zum Beispiel Olli Schulz in diesem Podcast hier).

Ja, vermutlich meint es der Schulz sogar ironisch. Doch ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis meine Schwiegermutter mich fragt, wie sie Influencerin für … äh, ihr bevorzugtes Themengebiet behalte ich aus Gründen jetzt für mich.

Klar, das ist der gleiche Effekt, wie wenn wir früher über diese oder jene Band hergezogen sind, mit der stehenden Redewendung «Ich habe die schon gehört, als sie noch nicht so kommerziell war!» Man kann diese Formulierung auf jede Musikgruppe anwenden, die nicht mit ihrer allerersten Single in allen Hitparaden weltweit auf Platz 1  gelandet ist. Und sie ist, natürlich, in den allermeisten Fällen ungerecht, weil man den Bands das Recht abspricht, sich weiterzuentwickeln und mit der Zeit professioneller und womöglich auch etwas zugänglicher zu werden.

Ich war einer der Pioniere, verflixt noch einmal!

Dieses Bild hat seltsamerweise keine Influencer-Karriere begründet.

Aber trotzdem: Ich habe Instagram schon benutzt, als es noch nicht für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft worden war. (Mein allererstes Bild stammt vom 11. Mai 2011 und vom Hund meines damaligen Arbeitskollegen. Der Kauf durch Herrn Zuckerberg erfolgte im Jahr danach, 2012.)

Was mir damals gefallen hat, war die Idee, das Polaroidbild auf digitalem Weg wiederauferstehen zu lassen – und solche Schnappschüsse spontan mit der ganzen Welt zu teilen. Im Beitrag Spezielle Webdienste für besondere Bilder habe ich am 16. Mai 2011 (also fünf Tage nach meinem ersten Instagram-Bild) Folgendes geschrieben:

Instagram (www.instagr.am) zelebriert seit Ende letzten Jahres eine neue Schnappschusskultur. Die mit iPhone-App geschossenen Bilder werden sofort öffentlich gemacht und mit vielen knalligen Effekten ausgestattet. Die quietschbunten Alltagsimpressionen sind auf Facebook und Twitter omnipräsent. Längst gibt es Trittbrettfahrer-Dienste, zum Beispiel Picplz.com.

Damit ihr nicht nachsehen müsst: Picplz.com gibt es natürlich nicht mehr.

Aus spielerischer Leichtigkeit wird ungesunder Ehrgeiz

Die Schnappschusskultur ist dem Kommerz gewichen. Denn wenn man sogar auf Websites wie der von «Pro Sieben» Artikel mit dem Titel Wie werde ich Instagram-Influencer? lesen kann, dann ist wohl nicht mehr zu leugnen, dass die spielerische Leichtigkeit einem ungesunden Ehrgeiz weichen musste. Einem Ehrgeiz, der im besagten Artikel von Pro Sieben wie folgt angeheizt wird:

Kostenlose Produkte testen, auf coole Partys eingeladen werden und oder sogar ein eigenes Parfum oder eine eigene Beauty-Reihe auf den Markt bringen: Klingt zu gut, um wahr zu sein? Mit einem erfolgreichen Instagram-Account und vielen, vielen Followern könnte dein Traumszenario Wirklichkeit werden.

Dass man dieses Traumszenario erreicht, dazu muss man gemäss Artikel «möglichst sich selbst bleiben». Das scheint mir eine glatte Lüge zu sein. Denn als Influencer ist man ein Marketinginstrument. Als solches hat man eine Rolle zu spielen und in die Strategie der Unternehmen zu passen, die einen für das Influencertum bezahlen sollen. Es ist zwar nicht ganz ausgeschlossen, dass man, so wie man ist, auch für die grossen Kampagnen mit den dicken Budgets geeignet ist. Aber wahrscheinlich ist es nicht.

Viel wahrscheinlicher ist, dass man eine ziemlich plakative Variante seiner selbst spielen muss, um nur ansatzweise interessant zu sein. Noch Erfolg versprechender dürfte sein, sich als reine Kunstfigur neu zu erfinden.

Influencer zu sein ist keine Freude

Das mag in manchen Ohren zwar spannend und vielleicht auch verlockend klingen. Aber es ist mutmasslich nicht ansatzweise so beglückend, wie es sich anhört. Man wird sich jedenfalls damit abfinden müssen, sich von einer Influencer-Agentur herumkommandieren und auf Massentauglichkeit bügeln zu lassen: Es gibt Erzählungen von Leuten, die das ausprobiert haben (z.B. hier). Ich habe bislang keine gefunden, die von einem erfüllenden Selbsterfahrungstrip gehandelt hätte.

Man kann sich aber auch gleich dazu bekennen, dass Idealismus und Instagram zwar beide mit I anfangen, aber ansonsten wenig gemeinsam haben – und sich einfach die passende Anzahl an Followern kaufen. Siehe Das falsche Spiel der Influencer:

Rüegg ist sich sicher, dass die Influencer neue Methoden finden werden, sich unfaire Vorteile zu verschaffen: «Da sind sie kreativ. Und das Influencer-Marketing ist im Kommen, und man kann krass viel Geld verdienen», sagt der Instagram-Experte.

Lustigerweise habe nicht nur ich Mühe mit Instagram. Es geht auch Leuten so, die bekennende Fans des Influencertums sind.

Sie liebte es zu scrollen

Zum Beispiel schreibt im «Glamour»-Magazin eine gewisse Samantha McMeekin:

Ich habe immer noch Instagram, ich benutze Instagram immer noch, aber ich bin zunehmend frustriert und uninspiriert von dieser Foto-Sharing-Plattform.

Ich habe das endlose Scollen  geliebt und fand es toll, von Outfits und exotischen Orten zu schwärmen, von Beauty-Accounts eine neue Mischtechnik zu lernen und Fotos von meinen Freunden zu sehen, die ihr bestes Leben leben.

Sie nutzt Instagram ausdauernd und begeistert. Doch in letzter Zeit steigert ihre Frustration. Denn es ist nur noch seelenlose Show. Jeder Depp und sein Hund posiert fürs #oodt – ich gebe zu, ich musste googeln, um herauszufinden, dass das Outfit of the day heisst. Und dann hängt jeder Depp und sein Hund auch noch den Hashtag #ad für Werbung an, obwohl niemand eine müde Mark für den Auftritt bezahlt hat – weil es halt «professionell» wirkt.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Influencer und folge vielen von ihnen (Desi Perkins ist mein aktueller Favorit), aber es ist ein übersättigtes Phänomen, bei dem jedermann und sein Hund #ootd, #fitnessroutine und sogar #ad (wenn ihr Beitrag alles andere als das ist) verwenden, um wie ein «Profi» zu erscheinen.

Kurz: Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen.

Ich spüre nur noch Leere

Und darum spüre ich in dieser Beziehung nur noch Leere. So, wie es ist, wenn sich einer nicht mehr offenbaren mag, sondern sich nur noch um die makellose Erscheinung kümmert. Dann hat man sich irgendwann nichts mehr zu sagen. Ausser vielleicht: «Ganz am Anfang war es schön mit dir.»

Darum finde ich übrigens am nächsten Montag heraus, ob sich mit Hipstamatic das alte Feuer neu entfachen lässt.

Beitragsbild: Was zum Teufel tue ich hier? (Athena Kavis/Unsplash, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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