Ein Hoch auf den Datenschutz

Die Kontakttracing-Apps bringen manche Nutzer dazu, erstmals ernsthaft über den Datenschutz nachzudenken. Eine gute Gelegenheit, dieses Thema zu vertiefen.

Ich habe neulich in einem Video die Schweizer Corona-App Swisscovid vorgestellt. Inzwischen müsste die App weitherum in Verwendung sein, sodass ich an dieser Stelle nicht mehr viele Worte dazu verlieren muss. Die App hat eine gewisse Verbreitung erlangt – aber keine so grosse, dass man nicht noch einmal darauf hinweisen könnte, dass die Verwendung sinnvoll ist!

Darum sei das Video hier noch einmal verbloggt – mit dem Hinweis, dass ich ausführlich erkläre, wie man die App nutzt und konfiguriert und wie man die Kontaktdaten bei Bedarf auch wieder löscht.

Das Video findet sich am Ende des Beitrags. Hier geht es nun erst einmal um etwas anderes. Nämlich um den Datenschutz. Wegen der Kontakttracing-Apps haben viele Leute ihre besondere Neigung für den strengen Schutz persönlicher Daten entdeckt. Wie wichtig die für sie sind, tun sie nun via Facebook und Whatsapp kund.

… und ja, ich kann mir an dieser Stelle einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen. Es ist natürlich sinnvoll, sich für den Schutz der digitalen Privatsphäre einzusetzen. Es fällt aber auf, wie selektiv das manche Leute tun: Der Staat und staatsnahe Betriebe werden mit grösstem Misstrauen bedacht – was im Fall der SBB jedoch nicht unbegründet ist. Private Unternehmen andererseits geniessen weitreichendes Vertrauen, selbst wenn sie wie Facebook bewiesen haben, wie wenig das gerechtfertigt ist.

Bei manchen Leuten lässt sich diese Diskrepanz mit einem grundsätzlichen Misstrauen dem Staat gegenüber erklären. Bei anderen Leuten ist Denkfaulheit zu vermuten. Oder einen Hang, nur den persönlichen Nutzen im Auge zu haben. Sprich: Wenn eine App einen direkten Vorteil verspricht, dann schlagen die Leute datenschutzmässige Bedenken in den Wind. Wenn eine App wie die Kontakttracing-Apps jedoch vor allem zum Wohl der Öffentlichkeit gedacht sind, dann haben sie plötzlich einen hohen Stellenwert.

Das ist bedauerlich, aber in gewisser Weise auch menschlich. Trotzdem mag ich es nicht entschuldigen: Leute, denkt über eure Nasenspitze hinaus! Es lohnt sich, weil es eine schöne Erfahrung ist und die Welt besser macht.

Jedenfalls nehme ich die Gelegenheit wahr, diese plötzliche Popularität des Datenschutzes noch etwas weiter zu fördern. Und darum hier eine App-Empfehlung.

Der Startbildschirm. Und da weiss auf Gelb nicht sonderlich gut zu lesen ist: Die Rubrik dort heisst «Reporter».

Die App von Datenschutz.ch gibt es fürs iPhone und für Android. Sie stammt vom Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich, und sie ist mehr Nachschlagewerk als interaktive Anwendung.

Man kann in der Rubrik Passwortcheck zwar Passwörter überprüfen lassen und sich davon überzeugen, dass es genügend Schutz gegen Brute-Force-Attacken bietet, doch abgesehen davon gibt es Hintergrundinformationen zum Thema in schriftlicher Form:

  • In der Rubrik Lexika findet sich Informationen zum Datenschutz an den Volks-, Mittel-, Berfussfach- und Hochschulen, bei der Einwohnerkontrolle und fürs Smartphone.
  • Bei Auskunftsrecht erfährt man, dass Ämter, Gemeinden, Schulen, Spitäler und andere öffentliche Organe verpflichtet sind, einem darüber Auskunft zu geben, welche Informationen sie über einen gespeichert haben. Dazu gibt es ausführlichere Hinweise unter Meine Rechte.
  • Via Reporter kann man direkt in der App als Whistleblower tätig werden und potenzielle Missstände melden. Es ist möglich, auch Dokumente und Fotos mitzuschicken.
  • Schliesslich erfährt man mehr über die Publikationen und die Veröffentlichungen des Datenschutzbeauftragten auf Twitter und Youtube.
Hier betätigt man sich als Whistleblower.
Informationen zu den Datenschutz-Rechten.
Das einzige interaktive Element ist der Passwortchecker.

Fazit:

Die App macht einen altbackenen Eindruck, und vielleicht hätte auch ein simples PDF gereicht, dass alle nicht-interaktiven Informationen bereithält, ohne dass man dafür ohne Internetverbindung zur Verfügung haben müsste.

Aber abgesehen davon ist die App nützlich – und vielleicht werden ja noch ein paar interaktive Instrumente hinzugefügt.

Dazu nochmals einen Tipp: Praktisch finde ich nach wie vor tosdr.org, seinerzeit hier vorgestellt:

Das Kleingedruckte ist auch im Web schwer zu lesen und meistens wegen unverständlicher Formulierungen auch kaum zu durchschauen. Terms of Service Didn’t read (tosdr.org) steht für «Keiner hat die Nutzungsbedingungen gelesen» und ist ein Dienst, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die möglichen Gefahren klar und deutlich hervorzustreichen. Die Erweiterung (für Firefox, Chrome, Safari, Opera) zeigt bei der geöffneten Website per Mausklick eine Zusammenfassung an und signalisiert durch Symbole, welche Bedingungen in Ordnung sind und wo man vorsichtig sein sollte.

Und jetzt wie versprochen zum Video zur Swisscovid-App:


So verwenden Sie die Schweizer Kontakttracing-App

Beitragsbild: Wenn Facbebook starrt, ist es egal – aber wehe, wenn der Staat nur ein bisschen etwas über seine Bürger digital speichern will (Glen Carrie, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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