Hier blüht uns ein modernes Mail-Erlebnis

In meiner kleinen Reihe zu Mailprogrammen ging es hier um Mailbird und hier um Em Client. Heute ist Mailspring an der Reihe. Dieses Programm hat einen optimistischen Namen, der einen Neuaufbruch verheisst – und eine frische, einladende Oberfläche. Und man bekommt das Programm kostenlos für Windows, Mac und Linux.

Das könnte dazu führen, dass an dieser Stelle sogleich Euphorie einsetzt. Ist das das Mailprogramm der Zukunft? Einen kleinen Dämpfer gibt es sogleich beim ersten Start. Man kann Mailspring nicht nutzen, ohne eine Mailspring-ID anzulegen. Das ist ein Nutzerkonto, das laut Supportdokument zwingend notwendig ist:

Creating a Mailspring ID is necessary because existing email protocols like IMAP and SMTP do not provide a way to associate metadata with email messages. For example, to snooze an email on your laptop and unsnooze it on your work computer, Mailspring needs to be able to store the date you’ve selected on it’s own and sync it between your devices.

Die herkömmlichen Mailprotokolle erlauben es nicht, E-Mails mit Metadaten zu versehen. Darum müssen diese Metadaten separat gespeichert werden. Und damit man sie überall zur Verfügung hat, braucht es die Cloud. Das ist einerseits einleuchtend.

Andererseits dürfte das manche Interessenten dazu zwingen, auf Mailspring zu verzichten. Wenn man es mit vertraulichen Mails zu tun hat, dann will man es vermeiden, dass Metadaten auf fremden Servern landen. Zwar werden die Mails selbst nicht durch die Mailspring-Cloud geleitet. Aber selbst die Metadaten sind unter Umständen heikel genug – auch wenn man hier lesen kann, es würden keine Daten «unnötigerweise gespeichert»:

Your email credentials, passwords, etc. are never sent to the cloud and all of your mail is synced on your local computer. Mailspring’s servers don’t collect or store any mail data or other metadata unnecessarily.

Klar – wer wie ich berufsmässig misstrauisch ist, der wird sofort darauf herumreiten, dass es im Auge des Betrachters liegt, was nötig und was unnötig ist. Diese Formulierung ist schwammig genug, um Missbrauch nicht auszuschliessen. Immerhin: Mailspring ist Open-Source, sodass man im Quellcode nachsehen könnte, wie genau diese separate ID verwendet wird. Was mit den Daten auf den Servern passiert, weiss man deswegen natürlich trotzdem nicht.

Die Pro-Funktionen kosten 8 US-Dollar pro Monat und sind teils nützlich, teils etwas fragwürdig.

Darum bleibt es dabei: Für Juristen, Whistleblower, Privatsphären-Advokaten und Prinzipienreiter ist der Mailfrühling an dieser Stelle auch schon wieder vorbei.

Ich wage es und lege mir eine Mailspring-ID an. Ich beabsichtige, das Programm mit meinem Gmail-Account zu testen. Und den verwende ich für nichts Heikles. Weil: Gmail.

Nachdem das erledigt ist, gibt man sein Mailkonto an. Gmail wird nicht über die Zugangsdaten verbunden, sondern über einen Kontozugriff. Man kann diese Verbindung (hier) auch wieder kappen, ohne dass man das Gmail-Passwort ändern müsste.

Dann gibt man an, ob man den Lesebereich ein- oder ausschalten will und erfährt, dass man Mailspring Basic nutzt. Für Mailspring Pro zahlt man 8 US-Dollar monatlich und erhält Funktionen wie Lesebestätigungen und eine Später senden-Funktion.

Es gibt auch einige Features, die die Vermutung keimen lassen, dass hinter den Kulissen doch einige Datensammeltätigkeiten von statten gehen. Es gibt nämlich auch Features wie Link-Verfolgung, Mailbox-Einblicke, Firmenüberblicke und ähnliche Dinge, die man sonst vor allem von überneugierigen Marketingmenschen kennt.

Das Programmfenster: Modern, flexibel und – schwarz!

Nach dem Pro-Dialog startet das Programm – und bin ich bei den Punkten angelangt, die ich mir schon bei Mailbird und Em Client genauer angesehen habe:

Die Oberfläche. Das Mailspring-Programmfenster macht einen aufgeräumten Eindruck: Links gibt es die Mailboxen und die Labels, dazwischen die Liste der Mails und das Lesefenster und rechts die Kontakte der beteiligten Mailparteien. Und ja: Man kann es auf dunkel umschalten. Dazu klickt man rechts oben auf die Menütaste, wählt Einstellung, öffnet die Rubrik Darstellung und klickt auf Design ändern.

Sechs Designs stehen zur Auswahl. Man kann siche auch abändern oder neue Themes installieren.

Hat man eine Nachricht ausgewählt, gibt es an deren unterem Ende einen Antworten-Befehl. Über den tippt man direkt darunter seine Replik. Das lädt dazu ein, schnell und direkt zu antworten. Wenn man seine Nachricht lieber in einem separaten Fenster tippt, klickt man in der rechten oberen Ecke auf den Knopf Verfassen abdocken.

Die Suchfunktion. Das Suchfeld findet sich direkt über der Mailliste. Tippt man hinein, werden einem in einer Liste Suchparameter vorgestellt, mit denen man die Resultate eingrenzt: From: für Absender, To: für Empfänger, in: für den Ordner oder das Label, before: und since: für Datumsangaben, is: für Kennzeichnungen mit Stern bzw. gelesen/ungelesen, has: für Anhänge und subject: für den Betreff. Die Parameter lassen sich mit UND und ODER auch kombinieren.

Das ist einleuchtend, simpel und zweckdiendlich. Genauso muss eine Mailsuche heute funktionieren!

Wählt man z.B. from: aus der Liste aus und beginnt zu tippen,schlägt eine Autovervollständigung gleich die passenden Adressen vor. Auch das ist so komfortabel, wie man es sich wünscht.

Bereinigung des Posteingangs. Über Knöpfe oberhalb des Lesebereichs lässt sich eine Nachricht archivieren, als Spam markieren, löschen, mit Stern kennzeichnen, als ungelesen markieren, in einen Ordner verschieben, mit Label versehen, zurückstellen oder mit anderen teilen.

Das Zurückstellen (mit Snooze bezeichnet) lässt die Nachricht aus dem Posteingang verschwinden. Sie erscheint dann zum angegebenen Zeitpunkt wieder, wenn man Lust hat, sich damit zu beschäftigen. Das ist eine Funktion, die viele (auch ich) bei mobilen Apps kennen- und schätzen gelernt haben. Sie gehört bei einem odernen Mailprogramm einfach dazu!

Als Standard-Optionen fürs Zurückstellen stehen Später im Lauf des Tages Heute Abend, Morgen, Dieses Wochenende, Nächste Woche und Nächsten Monat zur Verfügung. Es lebe die Prokrastination!

Interessant ist auch der Teilen-Befehl. Klickt man ihn an, wird die Nachricht bei Mailspring hochgeladen und über einen Link freigegeben. Dass wird man mit sensiblen Nachrichten nicht tun wollen. Für alle anderen ist es komfortabel.

Diese Aktionen können per Tastaturkürzel ausgelöst werden. Die Kürzel findet man bei Einstellung in der Rubrik Tastenkombinationen, und man kann sie anpassen. Und bei Einstellung unter Allgemein lässt sich im Abschnitt Lesen auch die Option Wisch-Geste und Rücktaste/Entfernen verschiebt die Nachricht in den Papierkorb einschalten.

Man darf mit Tastaturkürzeln arbeiten, die man auch selbst festlegen darf.

Und als ob das nicht genug wäre, findet sich im Menü bei Einstellung in der Rubrik E-Mail-Regeln die klassische Methode zur Mailverwaltung. Regeln lassen sich einfach aus mehreren Bedingungen bauen. Und es ist auch möglich, mehr als eine Aktion einzurichten. Man kann Nachrichtenregeln auf neue Mails oder aber auch auf den Posteingang anwenden.

Die Ablage auf der Festplatte. Bleibt die Frage, wo und wie Mailspring die Nachrichten lokal ablegt. Die App verrät es nicht, aber man entdeckt die Angabe im Supportbeitrag Can I change where Mailspring stores my mail?

Bei Windows wird man unter %appdata%\Mailspring fündig. Die Ablage ist offensichtlich nicht auf die Bedürfnisse von Backup-Neurotikern (wie ich) ausgelegt. Es handelt sich um einen Cache, der befürchten lässt, dass man die hier gespeicherten Daten kaum mehr vernünftig aus der App herausbekommt.

Fazit: Es gibt vieles, was mir bei Mailspring ausgezeichnet gefällt. Die App ist modern, auf eine schnelle Arbeitsweise ausgelegt und stellt eine effiziente Bedienung ins Zentrum. Das ist vorbildlich und so gut, wie ich es bei keinem anderen Mailprogramm gesehen habe.

Es gibt aber auch ein paar Dinge, die mir überhaupt nicht gefallen. Auf die Mailspring-ID würde ich liebend gerne verzichten. Ich bin nicht völlig davon überzeugt, dass die Macher den Datenschutz so ernst nehmen, dass man ihnen vorbehaltlos vertrauen sollte. Zwei Massnahmen könnten dabei helfen: Die Mailspring-ID sollte optional sein. Oder, für den Fall, dass das keinen Sinn ergäbe, müsste es wenigstens die Möglichkeit geben, den eigenen Server für die Metadaten zu nutzen.

Und meine Anforderungen an die lokale Datenhaltung und die Datensicherung sind nicht erfüllt. Es gibt auch andere Nutzer, denen solche Funktionen fehlen: Da deuten die Anzeichen klar darauf hin, dass sie für Entwickler keine Priorität geniessen.

Darum komme ich schweren Herzens zum Schluss, dass Mailspring trotz allem nichts für mich ist. Es gibt aber Leute, die weniger pingeling und anspruchsvoll sind – und die könnten mit diesem Programm glücklich werden…

Beitragsbild: Alexandru Tudorache/Unsplash, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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