So donnert das Mail!

Nach meiner ausführlichen Aktion mit dem Test von vier Mailprogrammen (Mailbird, Em Client, Mailspring und The Bat!) bin ich zum Schluss gekommen, dass die naheliegende Alternative zum Handkuss kommt: Mozilla Thunderbird.

Das ist leider überhaupt nicht originell. Aber manchmal bringt es nichts, auf Teufel komm raus originell sein zu wollen. Denn auch die Schwarmintelligenz sagt, dass Thunderbird die beste Wahl ist. Bei Alternativeto.net hat Mozillas Mailprogramm mit Abstand die meisten Likes (1912).

Beim Wechsel des Mailprogramms stellt sich üblicherweise ein Problem. Nämlich das der Datenübernahme. Es gibt zwar gewisse Standards für die Mailablage (Mbox, Maildir bzw. Eml). Aber typischerweise betreibt jedes Programm seinen proprietären Wildwuchs. Man kann auf eine Import- oder Exportfunktion hoffen oder ein Übersetzungsprogramm nutzen (ich empfehle jeweils Mailstore, siehe Vier Tricks fürs altehrwürdige E-Mail).

Die zweite Möglichkeit besteht darin, mit dem alten Programm den ganzen Bestand der über die Jahre eingetrudelten Mails in ein Imap-Konto hochzuladen. Das eröffent die Möglichkeit, alles von dort mit dem neuen Programm wieder herunterzuladen. Dieser Weg funktioniert universell und die meisten Mailanbieter unterstützten Imap inzwischen, zum Beispiel Gmail. Der Nachteil liegt auf der Hand: Bei grossen Mailbeständen entsteht ein beträchtlicher Datenverkehr. Schliesslich muss der ganzen Krempel erst hoch auf einen Server und dann wieder runter.

Justament zu meinem Umstieg gibt es in Thunderbird 68.1 Unterstützung für den dunklen Modus von Windows.

Da ich von Windows Live Mail zu Thunderbird wechsle, ist die Sache nicht so dramatisch. Windows Live Mail verwendet EML-Dateien: Da wird pro Mail eine Textdatei gespeichert, die nichts weiter als den Quellcode der Nachricht enthält. Das lässt sich leicht importieren; zur Not per Drag&Drop: Indem man die .eml-Dateien im Explorer markiert und bei Thunderbird in einen Ordner zieht. Nachteil: Auf diese Weise muss man Ordner für Ordner übernehmen.

Es geht jedoch automatisch mit der Erweiterung Import Export Tools. Wichtig: Diese Erweiterung funktioniert nur mit der 32-bit-Version von Thunderbird. Wenn man auf die 64-bit-Version umsteigen möchte, sollte man erst das nach der Datenübernahme tun.

Um die zu verwenden, geht man wie folgt vor:

  • Man legt unter Lokale Ordner einen neuen Unterorder an, den man zum Beispiel «Import» nennt.
  • Diesen neuen Ordner klickt man mit der rechten Maustaste an und wählt ImportExportTools > Importiere alle Nachrichten eines Verzeichnisses > Auch aus den Unterverzeichnissen. Dann wählt man den Ablageordner von Windows Live Mail, typischerweise %localappdata%\Microsoft\Windows Live Mail\Storage Folders.
  • Seltsamerweise importieren die Import-Export-Tools nichts, wenn im angegebenen Ordner nur Unterverzeichnisse, aber keine .eml-Datei zu finden ist. Es reicht aber, eine einzige .eml-Datei in den Ausgangsordner zu legen, um den Import anzustossen. Diese Datei kann man hinterher wieder zurücklegen.

Was nun das Backup angeht, schwören die meisten Nutzer auf Mozbackup. Das ist ein Programm, das nicht nur Thunderbird, sondern auch Firefox und diverse Abkömmlinge wie Seamonkey berücksichtigt. Man kann das Programm auch per Befehlszeile nutzen und deswegen auch via Task Scheduler auch leicht automatisieren. Leider wird Mozbackup nicht mehr weiter gepflegt.

Deshalb setze ich aufs klassische Backup, bei dem die veränderten Dateien aufs externe Speichermedium kopiert werden. Damit das nicht zu grosse Kopieraktionen auslöst, sind in den Ordnern mit dem Tagesgeschäft nur relativ wenige Nachrichten enthalten. Von Zeit zu Zeit verschiebe ich dann ältere Mails in die Archivablage, sodass diese dickeren Brocken nur sporadisch gesichert werden müssen.

Ein paar kleinere Probleme sind beim Umstieg aufgetreten:

Das nicht totzukriegende Problem mit den Sonderzeichen

Aus unerfindlichen Gründen haben manche meiner älteren Mails keine korrekten (bzw. gar keine) Angaben zur Codierung. Sie werden als Unicode interpretiert, obwohl sie das nicht sind (siehe dazu Die Krux mit den Sonderzeichen), was dazu führt, dass Umlaute und Sonderzeichen falsch dargestellt werden. Zur Korrektur klickt man auf  Extras > Einstellungen, öffnet die Rubrik Ansicht, klickt im Reiter Formatierung auf die Schaltfläche Erweitert und ändert bei Textcodierungen bei Empfangene Nachrichten die Option auf Westlich (ISO-8859-1).

Die falsch datierten E-Mails

Es kommt vor, dass Mails nicht korrekt datiert sind. Entweder fehlt das Absendedatum ganz. Oder es ist mit Absicht falsch gesetzt: Spam-Versender wählen ein Datum in der Zukunft, weil manche Mailprogramme sie dann pflichtbewusst immer am Anfang der Liste anzeigen. Auch Thunderbird sortiert solche falsch datierten Nachrichten seit jeher falsch. Sie erscheinen am Anfang der Liste bei den aktuellen Nachrichten. Man sieht deshalb in seinen Ordnern uralte Nachrichten, mit denen man längst abgeschlossen hat.

Um das Problem zu lösen, könnte man zumindest unwichtige Nachrichten einfach löschen. Wenn man wie ich zu den Datenarchivierungsfanatikern gehört, dann ist das keine Option. Es gibt zum Glück auch eine einfache Lösung: Man klickt auf Ansicht > Sortieren nach > Empfangen, und die Sortierung stimmt.

Das funktioniert – aber nicht in allen Fällen. Bei den importierten Mails ist es manchmal so, dass Thunderbird kein Empfangen-Datum zur Verfügung steht. Dann bleibt die Sortierung so falsch, wie sie von Anfang an war.

Wenn man ein wirklich neurotischer Kontrollfreak ist, wird man bei diesen Mails das Datum manuell korrigieren. Wie Mails manuell bearbeitet werden, ist ausführlich im Beitrag Edit a stored message in der (leider nicht mehr aktualisierten) Mozilla-Knowledge Base beschrieben – wünschenswert wäre natürlich eine Erweiterung, mit der die Bearbeitung direkt in Thunderbird möglich wäre. Eine solche habe ich aber nicht gefunden – Tipps dazu bitte gerne in die Kommentare.

Also, hier die Kurzfassung, wie man Nachrichten bearbeitet: Man verschiebt die betroffenen Nachrichten vorübergehend in einen separaten Ordner. Dieser Ordner erscheint im Explorer als einzelne Datei.

Wo sie gespeichert ist, sieht man, wenn man den Ordner mit der rechten Maustaste anklickt und Eigenschaften aus dem Kontextmenü wählt. Auch über das Menü Hilfe > Informationen zur Fehlerbehebung lässt sich der Speicherort öffnen. Dazu klickt man unter Allgemeine Informationen bei Profilordner auf Ordner öffnen. Typischerweise ist bei Windows die Ablage unter %appdata%\Thunderbird\Profiles\[ID].default\Mail\Local Folders zu finden.

Dort lokalisiert man eine Datei ohne Dateiendung, die den gleichen Namen wie der Ordner in Thunderbird trägt. Die Datei öffnet man in einem Editor wie Notepad++. Dort korrigiert man das Datum im Header (bei Date: Wed, 18 Sep 2019 14:00:04 -0700).

Und natürlich gibt es auch eine Erweiterung, die das Problem beheben sollte: IMAP Received Date.

Die 64-bit-Version

Man möchte natürlich die 64-bit-Version von Thunderbird nutzen. Das Umsteigen geht einfach: Hier gibt es die 64-bit-Variante zum Download. Nach der Installation startet man sie mit dem Parameter -ProfileManager (siehe auch hier). Im Profilmanager wählt man das alte Profil aus und gibt an, dass das standardmässig geladen werden soll. Das neue, leere, mit der Installation der 64-bit-Version angelegte Profil kann man auch gleich löschen.

Beitragsbild: (Mail-)Verkehr ohne Katalysator (Clem Onojeghuo/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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