Massgebliche Apps

iOS 12, hier vorgestellt, enthält auch eine neue App namens Massband. Die tut das, was man anhand des Namens vermuten darf: Sie misst, und zwar via Kamera und Augmented Reality. Im Beitrag Die Venus im Vorgarten habe ich ausgeführt, dass ich der erweiterten Realität das revolutionäre Potenzial abspreche: Es gibt einfach zu wenig sinnvolle Dinge, die man damit tun kann. Zu den Dingen, die mir Spass machen, gehören Apps, die einem Dinge über die Umwelt verraten, zum Beispiel über vorbeifahrende Schiffe. Und Apps, die einem helfen, die Umgebung zu erschliessen – wie das Massband tut.

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Man kann sein Lieblingssofa per AR-App übrigens auch gefahrlos auf die Strasse stellen.

Allerdings ist Massband nun relativ bescheiden im Funktionsumfang. Es gibt nebst dem Massband auch eine Wasserwaage, die früher in der Kompass-App steckte. Sie zeigt die Neigung an, wobei man daran denken sollte, dass die Kamera bei vielen iPhone-Modellen etwas vorsteht. Sie verfälscht die Messung im zwei Grad, wenn sie beim Messen aufliegt. Man kann übrigens durch Tippen auf den Bildschirm die Messung auf Null stellen, wenn man einen freien Winkel ermitteln will. Das ist ganz praktisch.

Trotzdem: Im Beitrag Wer sich vermisst, hat die falsche App sind einige Apps aufgezählt, die mehr können als Apples neue App. Da fragt man sich doch, warum Apple nicht AR Measure Kit oder Magic Plan gekauft und zu iOS 12 dazugepakt hat. Das wäre allemal beeindruckender als die App hier, die zwar erstaunlich akkurate Resultate liefert – das aber nur tut, wenn ihr die Umstände annehmbar erscheinen. Das heisst, der zu vermessende Gegenstand muss ungefähr die richtige Grösse haben. Zu kleine und zu grosse Dinge werden ignoriert. Und es braucht genügend Licht, damit die App überhaupt in Aktion tritt. Im Vergleich zu einem echten Massband lässt sich sagen, dass das auch nur in gewissen Grössenbereichen funktioniert: Mehr als zwei Meter grosse Dinge zu vermessen, wird mühsam. Und auch in den Nanometerbereich dringt man damit nicht vor. Was die Lichtverhältnisse angeht, ist das Messband allerdings weniger heikel – das sind einzig die Augen des Benutzers der limitierende Faktor.

Also, frage ich mich, warum hat Apple eine relativ halbherzige Massband-App fabriziert? Wahrscheinlich, um zu demonstrieren, dass die Messfunktionen nun zum Standard-Skillset eines Smartphones gehören. Dem stimme ich zu – und damit sind wir wohl an dem Punkt angelangt, wo die Ehrenbezeichnung «Schweizer Taschenmesser» für ein vielfältig nutzbares Werkzeug nicht mehr dem Schweizer Taschenmesser gebührt, sondern dem modernen Smartphone.

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Die Massband-App erfasst die Abmessungen des Macbooks, die (abgerundet) genau mit den Spezifikationen übereinstimmen. Rechts die Wasserwaage, die sich um zwei Grad vermisst, wenn man die überstehende Kamera nicht überstehen lässt.

Aber damit nun nicht alle meine Beiträge zur Augmented Reality in der Aussage kulminieren, dass diese Technologie doch eigentlich zu langweilig sei, um Thema eines Blogbeitrags zu sein, hier noch eine App, die ich ebenfalls lustig finde. Sie kommt von einem bekannten schwedischen Möbelhaus und erlaubt die virtuelle Platzierung von Möbeln. Es gibt die Place-App kostenlos fürs iPhone und für Android. Simulierte Möbel in der eigenen Wohnung – das ist natürlich nahe liegend, auch wenn diese geldsparende Methode keine dauerhafte Lösung sein kann: Abends möchte man sich dann doch auf ein richtiges Sofa niederlassen. Aber wenn es darum geht, wie dieses oder jenes Teil aus dem Katalog in dieser oder jener Ecke des Domzils wirken würde, dann hilft die App sicherlich weiter. Ich denke auch, dass sie nach dem Aufbau eines Möbelstücks ganz praktisch ist: Man kann den Ist- mit dem Sollzustand vergleichen und sehen, wo man die Anleitung fundamental missverstanden hat. Hej, ich würde die App jedenfalls nutzen, wenn ich nicht zu alt wäre, um beim fraglichen Möbelhaus Kunde zu sein.

Autor: Matthias

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