Geht es noch komplizierter?

Im Beitrag Fotobearbeitung für Minimalisten habe ich mich zwar darüber beklagt, dass mir langsam die Lust an der Besprechung von Lightroom-Alternativen vergangen ist – nach DxO PhotoLab, ACDSee, ON1 Photo RAW und Darktable. Aber einer geht trotzdem noch, fand ich. Und darum ist jetzt Capture One von Phase One an der Reihe.

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Es dauert eine ganz schöne Weile, bis man in dieser Software endlich zum Arbeiten kommt.

Die Software verwirrt nach der Installation mit dem Dialog «Bitte wählen Sie Ihr Capture One 11 Produkt». Er bietet die Optionen Pro, Pro (für Sony), Express (für Sony), DB, Enterprise und Kulturerbe an, die für einen nicht eingeweihten Nutzer grad überhaupt keinen Sinn ergeben. Kulturerbe? Muss man bei der UNO arbeiten, um diese Software zu verwenden?

Ich klicke auf die oberste Option Pro, und habe dann die Funktionen Testen, Kaufen und Aktivieren zur Verfügung. Wenn man probehalber auf Kaufen klickt, sieht man sich wiederum mit einer erschlagenden Auswahl an Möglichkeiten konfrontiert: Pro Yearly Subscription für 180 Euro, Pro Full license für 332 Franken, Pro + Styles Full License für 393.40 Franken statt 562 Franken, Pro Sony für 88 Franken, Pro Yearly Subscription pay Monthly für 20 Euro pro Monat, und so weiter… insgesamt sieben Varianten, mit Preisangaben mal in Euro, mal in Franken. Was ist aus dem guten alten KISS-Prinzip geworden?

Okay, man muss Phase One zu Gute halten, dass man die Software entweder mieten oder kaufen kann – diese Auswahl zu haben, ist gerade angesichts Adobes Abo-Diktat angenehm. Die Sony-Optionen rühren offenbar daher, dass «Capture One Express Sony für alle Besitzer einer Sony Kamera kostenlos» ist. Damit müsste man allerdings mich nicht behelligen. Man könnte den Besitzern einer Sony-Kamera ganz einfach eine spezielle Seriennummer zur Verfügung stellen mit der die entsprechende Variante des Produkts freigeschaltet wird. So umständlich wie die Benutzerführung gleich beim ersten Kontakt mit der Software daherkommt, lässt das nichts Gutes erahnen.

Da ich an dieser Stelle keinen Kaufentscheid würde treffen wollen, ändere ich meinen Entscheid im Dialog auf Testen. Es erscheinten nun die zwei Optionen Sitzungen und Kataloge. Äh, was? Das Kleingedruckte sagt, dass Sitzungen «Workflows für abgeschlossene Projekte bieten» würde: «Ein Projekt für jeden Auftrag. Ideal für verbundenes Fotografieren.» Ist mit «verbundenem Fotografieren» tethered Shooting gemeint?

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Wenn so ein Dialog das erste ist, was ein neuer Benutzer von einer Software sieht, dann ist etwas gehörig schief gegangen.

Die andere Option, Kataloge stellt «Workflows für grosse Projekte» zur Verfügung. «Speichern und Organisieren Sie Ihre Arbeit an einem Ort. Ideal als Archiv». Ich vermute, dass das eher der Art und Weise entspricht, wie ich Lightroom bislang genutzt habe. Mit einem Katalog für alle Fotos. Trotzdem habe ich keine Lust, mich für das eine oder andere zu entscheiden. Wie wäre es, wenn ich einfach den Katalog wechseln könnte.

Nun endlich startet die Software. Die Oberfläche ist wie bei den anderen Kandidaten in Schwarz gehalten und macht einen unübersichtlichen Eindruck. Man muss einen Ressource-Hub wegklicken, um dann Bilder importieren zu können. Der Import-Dialog macht einen leistungsfähigen, aber auch komplizierten Eindruck: Diese Software vermittelt den Eindruck, dass gelernt werden will – am besten in einem fünfteiligen Abendkurs, in dem jede die wahrscheinlich extrem ausgeklügelte Bedienphilosophie im Detail durchgenommen wird.

Endlich startbereit! Capture One scheint auf die Aufteilung nach Tätigkeiten zu verzichten: Es gibt nicht, wie bei Lightroom und den meisten anderen RAW-Entwicklern, Module wie Verwalten, Entwickeln, Präsentieren, etc. Es ist vielmehr so, dass die Auswahl der Bilder am rechten Rand erfolgt: Man kann hier das Archiv durchsuchen und Sternchen und Farbmarkierungen vergeben. Auch eine Filterung ist möglich: Man klickt aufs Lupen-Symbol, dann im aufklappenden Suchfenster noch einmal auf die Lupe, worauf ein Menü erscheint, in dem man die Auswahl X Sterne und mehr vorfindet. Das erfüllt den Zweck ganz gut, doch intuitiv ist es nicht.

Was auffällt: Capture One ist blitzschnell. Klickt man ein Bild an, wird es fast instantan in der grossen Ansicht geladen. Die Software erzeugt dafür Voransichten in unterschiedlichen Auflösungen, sodass erst eine grob aufgelöste, dann eine schärfere Ansicht zu Einsatz kommt. Das ist ein Vorteil gegenüber von Programmen, die auf diesen Trick verzichten (und entsprechend auch die Festplatte nicht mit einer Unzahl von Proxy-Bildern belasten). Aber es macht das Blättern sehr angenehm.

Am linken Rand findet sich eine Werkzeugleiste mit zehn Kategorien:

  • Bibliothek: Hier sieht man Angaben zum geladenen Katalog inklusive Zahl der Fotos, aufgeschlüsselt nach Bewertung, Farbmarkierung und Datum. Hier ist es ziemlich einfach, Fotos nach diesen Kriterien zu filtern.
  • Belichtungsbeurteilung: Rote, grüne und blaue Farbkurven geben die Helligkeitsverteilung an. Hier würde man wohl auch das tethered Shooting steuern, falls ich das richtig verstanden habe. Es geht hier aber nicht um die Korrektur der Belichtung.
  • Objektivkorrektur: Mit diesem Werkzeug entfernt man Verzeichnungen des Objektivs, ebenso Farbsäume und Trapezfehler. Man kann das Bild hier auch drehen und zuschneiden. Das sind Optionen, die ich nicht unbedingt in dieser Rubrik gesucht hätte.
  • Farbe: Diese Kategorie hält Werkzeuge für den Weissabgleich und die Farbbalance zur Verfügung. Auch Schwarzweiss-Umsetzungen kann man vornehmen und im Farbeditor werden einzelne Farbbereiche angepasst. Farbbalance stellt ungewohnte Werkzeuge zur Verfügung, die mich an Videoschnittprogramme erinnern.
  • Belichtung: An dieser Stelle findet nun das statt, was manche schon in der Rubrik Belichtungsbeurteilung hätten tun wollen: Man passt Helligkeit und Kontrast mit den Werkzeugen Belichtung, HDR, Tonwerte, Gradationskurve, Klarheit und Vignettierung an. Auch bei diesen Werkzeugen fällt auf, wie flüssig die Software reagiert – Änderungen an den Kurven sind innert Sekundenbruchteilen sichtbar.
  • Details: Im Navigator sieht man eine Übersicht des Bildes. Bei Fokus erhält man eine 1:1-Ansicht für die Beurteilung von Bildrauschen und Schärfe. Diese beiden Aspekte beeinflusst man bei Schärfung und Rauschreduzierung. Es gibt auch Einstellungsmöglichkeiten für Filmkorn, Moiré und Fleckenentfernung.
  • Stile und Voreinstellungen: Hier wählt man aus den mitgelieferten (eher bescheidenen) Stilen, d.h. Entwicklungsvoreinstellungen aus. Man kann auch eigene Einstellungen verwalten und Anpassungen vornehmen. Der Unterschied wird in der Hilfe so beschrieben: «Presets are saved on a tool-by-tool basis, whereas a style is combination of tool presets.»
  • Metadaten: In diesem Bereich sieht man die Exif- und IPTC-Angaben, vergibt Schlagwörter und hinterlegt Anmerkungen zum Bild.
  • Ausgabe: Hier werden die Vorgaben für den Export getroffen, inklusive Format, Grösse, Benennung, Speicherort und zu exportierende Metadaten.
  • Stapel: Hier sieht man, wie Bilder abgearbeitet werden. Capture One ist, das wissen die Profis natürlich, auch auf die Bearbeitung sehr grosser Bilder angelegt, wie sie zum Beispiel mit digtalen Mittelformatkameras entstehen. Da können sich Vorgänge schon einmal in die Länge ziehen – und für solche Fälle sieht man hier, wie weit die Sache fortgeschritten ist.

Fazit: Positiv an Capture One ist die blitzschnelle Arbeitsgeschwindigkeit sowohl beim Blättern im Katalog als auch bei der eigentlichen Bildbearbeitung. Keine Frage: Diese Funktion richtet sich an die Profis, die auch bei sehr hochaufgelösten Bildern und grossen Katalogen zügig ans Werk gehen wollen. Die Werkzeuge sind für Umsteiger von Lightroom und von Bildbearbeitungsprogrammen aus dem Consumer-Bereich ungewohnt, aber erlernbar – und es besteht kein Zweifel daran, dass man mit ihnen präzise und subtil ans Werk gehen kann.

Für Privatanwender und semiprofessionelle Fotografen ist Capture One aber nicht unbedingt das ideale Werkzeug: Die Benutzerführung ist gewöhnungsbedürftig und die Lernkurve vergleichsweise steil.


Zur Frage nach der Bereichsreparatur siehe auch hier.

Ich vermisse ausserdem die Bereichsreparatur, d.h. die Möglichkeit, nur bestimmte Teile des Bildes mittels eines Verlaufs oder einer Maske anzupassen. Diese gibt es in der getesteten Variante nicht. Hier ist allerdings die Rede davon, dass es diese Funktion in Capture One Pro 7 gibt. Warum sie dann in meiner Testversion fehlt, kann ich nicht sagen – aber ich habe eingangs des Beitrags ja klar zum Ausdruck gebracht, dass ich die Aufteilung in diverse Produktvarianten in der vorliegenden Form unsinnig und für neue Nutzer kaum durchschaubar finde. Vielleicht hätte ich die Option zur Verfügung, wenn ich bei dem Dialog irgendwo anders entschieden hätte. Vielleicht habe ich aber auch eine Möglichkeit übersehen, sie zu aktivieren. So oder so: In Sachen Benutzerfreundlichkeit stelle ich dieser Software ein schlechtes Zeugnis aus.

Fazit: Ob man diese Software mag, hängt ganz von den Erwartungen ab. Wenn man sich intensiv mit ihr auseinandersetzt, wird man sehr produktiv damit arbeiten können. Wenn die Bildbearbeitung und RAW-Entwicklung nicht zum Kerngeschäft gehört, dann gibt es Werkzeuge, die einen schneller ans Ziel führen. Und da würde ich sogar Lightroom dazu zählen, das preislich im Vergleich mit dieser Software gar nicht so schlecht abschneidet…


Wenn ihr eine gute Stunde übrig habt, könnt ihr euch hier die Software vorführen lassen.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

5 Gedanken zu „Geht es noch komplizierter?“

  1. Hallo und vielen Dank,
    kommt bei Euch diese Lizenzfrage auch bei jedem Start? Ich verwende Capture one Sony mit einer Sony Kamera, habe nicht vor zu Pro zu wechseln. Bei jedem Start erscheint diese Lizenzfrage, kann diese nicht deaktiviert werden?
    Danke

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