Powerpoint? Braucht das noch einer oder kann das weg?

Kevin und ich habe neulich eine Sendung über Office gemacht, mit der Frage: Haben die dicken Bürosuiten ihren Status als «Standardsoftware» inzwischen eigentlich verloren? Ich merke, dass Word heute mehr aus Gewohnheit denn aus echter Notwendigkeit heraus benutze. Am iPad schreibe ich oft in der Notizen-App, weil die automatisch mit dem Macbook synchronisiert und ich dort dann mit dem Text das anstellen kann, was ich anstellen möchte. Die Manuskripte für den Nerdfunk sind früher in Word entstanden. Heute schreibe ich sie bei Google Docs, weil ich sie für alle Sendungsteilnehmer freigeben kann und man keine Mails mit Abläufen und möglichen Themenpunkten in der Weltgeschichte herumzuschicken braucht. Und der Windows-Editor ist bei mir noch immer hoch im Kurs.

Doch wie sieht es eigentlich in Powerpoints Domäne aus? Das ist eine Software, die ich selbst nicht ernsthaft benutze, weil ich selten klassische Präsentationen abhalte. Und wenn ich sehe, wie andere Leute Powerpoint benutzen, dann waren das meistens abschreckende Erfahrungen: Eine Folie nach der anderen, voller Aufzählungszeichen, hohlen Schlagworten und Marketingphrasen. Ich würde nicht so weit gehen, Powerpoint als Folterinstrument zu bezeichnen. Aber ein Segen für die Menschheit ist das Programm nicht.

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«Noch eine Folie?! Noch mehr Aufzählungszeichen?! Wirklich?!?!» (Bild: Kaboompics/Pexels.com, CC0)

Darum die Frage: Gibt es brauchbare Alternativen? Eine kleine Übersicht:

Prezi. Dieser Webdienst hat die Idee der Präsentation neu gedacht und ihn mit einem frischen Storytelling-Ansatz versehen. Das finde ich nach wie vor beeindruckend; im Beitrag Ein Webdienst tritt an gegen die Powerpoint-Monotonie habe ich seinerzeit geschrieben:

Statt vieler Folien nutzt man eine einzige Präsentationsfläche. Auf dieser werden Texte, Bilder und Videos platziert. Bei der Anordnung ist der Anwender frei. Die Elemente lassen sich quer über die Arbeitsfläche verteilen, gross oder klein ziehen, gruppieren oder separieren, drehen oder überlappend anordnen. Der Clou: Die Präsentation besteht in einem vorgegebenen Weg, auf dem man sich durch die Auslegeordnung bewegt. Aus der Abfolge von Folien wird eine Fahrt durch eine Ideenlandschaft.

Google Präsentationen: Natürlich hat Google Docs inzwischen eine eigene Alternative im Angebot. Die hat die gleiche Stärke wie der restliche Office-Kram des Suchmaschinenherstellers: Sie ist kostenlos, viel einfacher und überschaubarer als Microsofts Monstrum, und man kann hervorragend mit anderen zusammenarbeiten, auch in Echtzeit.

Es gibt vorgefertigte Designs, die nicht spektakulär, aber auch nicht aufdringlich sind. Der Fetisch bei den Präsentationen ist der Animationsschnickschnack. Auch bei Google kann man aus einer Handvoll von Übergängen auswählen und einzelne Objekte animieren, zum Beispiel Textelemente per Klick einblenden. Das ist nicht gänzlich nutzlos: So deckt man auf einer Liste Themenpunkte auf, sobald man sie anspricht.

Selbstverständlich kann man Bilder und Videos einfügen, ebenso Formen, Diagramme und sogar ein WordArt – da geht Google mit seiner Anbiederung ans klassische Powerpoint etwas gar weit. Aber für gestandene Powerpointer ist es nützlich, dass Google das Rad nicht neu erfunden hat, sondern sich am Office-Vorbild orientiert. (Für alle, die Powerpoint nicht sonderlich mögen, ist es hingegen eine verpasste Chance, dass Google das Rad nicht neu erfunden hat.)

Die Vorführung erfolgt direkt im Browser, was per se nicht sonderlich hübsch ist. Die Webanwendung macht ein neues Fenster auf, in der die Bildschirmelemente des Browsers und des Desktops sichtbar bleiben. Damit wirklich nur die Präsentation auf dem Bildschirm steht, muss man (bei Firefox, Edge, Chrome) F11 betätigen.

Es gibt ein paar Dinge, die mir gut gefallen: Google stellt ein Präsentationsfenster mit Notizen zur Verfügung, dass man auf dem Laptop-Monitor ansehen kann, während die Präsentation auf dem Beamer zeigt. Damit das klappt, muss man sein Betriebssystem richtig konfigurieren. Bei Windows ist das inzwischen einfrach: Man drückt die Windows-Taste und p für Projizieren und wählt Erweitern. Dann erhält man einen Desktop, der virtuell um die Projektionsfläche vergrössert wurde. Das Vollbildfenster platziert man auf dieser Erweiterung und selbst hat man seine Notizen vor sich.

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Google hat das Rad nicht neu erfunden, aber doch ein paar frische Ideen gehabt.

Gelungen ist auch der Punkt Fragen und Antworten im Präsentationsmenü. Er öffnet ein Fenster mit Tools zur Interaktion mit dem Publikum. Über einen Kurzlink wie goo.gl/slides/qh9gg2 – der dann auch gross auf der Folie erscheint – kann sich das Publikum einloggen und Fragen stellen. Das ist etwas Techie-haft, wie von Google nicht anders zu erwarten. Aber die Hürden liegen sicher tiefer, als wenn man sich im Saal erheben und seine Frage nach vorn brüllen muss.

Und man kann die Präsentation auch mittels Google Apps Script aufbrezeln – diese Scripts sind ein Thema, dem ich irgendwann in der Zukunft ein paar Minuten meiner Zeit und vielleicht sogar einen Blogpost widmen sollte.

Slides ist eine Webanwendung, die erfreulicherweise etwas moderner aussieht als die von Google. Sie setzt ganz auf HTML5 und ist auch auf die Teamarbeit ausgelegt, indem eine Gruppe von Leuten gemeinsam Bilder, Logos und ähnliche Dinge verwalten können.

Der Editor sieht aber erst einmal unspektakulär aus: Es gibt am linken Rand zwei vertikale Reihen mit Symbolen, mit denen man zurechtkommen sollte – und auch zurechtkommen müsste, wenn man keine wahnsinnig elaborierten Folienorgien abhalten will. Dieser reduzierte Funktionsumfang scheint zum Konzept zu gehören. In der Rubrik Style hat man eine Handvoll Farbkombinationen zur Auswahl. Man kann aus einem Dutzend Schriften wählen und sechs Hintergründen und Übergängen. Wenn man mehr will, braucht man einen der kostenpflichtigen Pläne; mehr dazu unten.

Man kann Bilder, Videos, Formen, Linien, Tabellen, Formeln und Code-Elemente in seiner Präsentation platzieren und in überschaubarem Rahmen formatieren. Quellcode wird automatisch farbcodiert, wobei eine Vielzahl an Sprachen zur Verfügung stehen (von 1C bis Yaml). Die Elemente lassen sich leicht am Gitternetz ausrichten, und über eine Toolbar am rechten Rand hat man die Möglichkeit, ein Bild in den Hintergrund zu legen oder die Farbe des Hintergrundes zu ändern. Man kann auch die Notizen für die Präsentation erfassen und so genannte Fragments anlegen. Die werden in der Präsentation dann nacheinander aufgerufen. Falls ich das richtig verstanden habe, sind sie ein Ersatz für die gefürchteten Bullet Points, die Aufzählungszeichen, die man dann Schritt für Schritt abarbeitet.

Die Funktion zum Bildereinfügen gefällt mir besser als bei Google: Sie sucht nicht via Google Fotos, was IMHO keine guten Resultate ergibt, sondern bei Unsplash (siehe Bilder zum freien Gebrauch) und giphy.com. Ob man seine Präsentation wirklich mit animierten GIFs vollkleistern sollte, bleibt eine andere Frage – aber es ist nicht verkehrt, die Möglichkeit anzubieten.

Auch Slides.com stellt eine Ansicht für den Präsentator mit Notizen zur Verfügung. Und da es sich um eine Webanwendung handelt, ergeben sich mehrere interessante Möglichkeiten:

Man kann seine Präsentation auch via Smartphone oder Tablet kontrollieren. Die Fernsteuerungsfunktion erlaubt es, weiter- und zurückzublättern. Man sieht seine Notizen und die Stoppuhr, die die Länge der Präsentation angibt.

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Slides.com sieht auf dem Screenshot eher dröge aus, nutzt die Möglichkeiten der Cloud aber innovativ aus.

Man kann seine Folien auch live übergragen. Diese Funktion wird «Streaming» genannt und bewirkt, dass die Präsentation synchronisiert auf den Smartphonen und Computerbildschirmen des Publikums zu sehen ist. Es gibt auch einen Live-Cursor, der anzeigt, wo der Präsentator die Aufmerksamkeit hinlenken möchte. Damit die Leute sich zuschalten können, gibt man die Live-URL bekannt, die im Steuerungspanel ersichtlich ist.

Das ist eine interessante Idee, die im Notfall sogar den Projektor einspart – und dafür sorgt, dass auch die in den hintersten Reihen etwas sehen können. Wenn man allerdings ein Video eingebunden hat, und das, leicht verschoben auf 30 Computern losplärrt, dann ist das womöglich nicht ganz so spassig. Aber gut, Videos in Präsentationen sind sowieso Unfug. 😉

Slides.com importiert vorhandene Folienwerke aus Powerpoint, und exportiert sie als PDF oder ZIP-Datei. Das ergibt einen Ordner mit HTML, Bildern und JavaScript-Schabernack, aus dem man seine Präsentation auch offline vorführen kann.

Slides ist kostenlos, doch beim Free-Account sind alle Präsentationen öffentlich einsehbar und per Suche zu finden. Andere dürfen die Präsentation auch «forken», sprich, kopieren und abwandeln. Wenn man seine Präsentationen privat halten will, braucht man ein kostenpflichtiges Abo. Die Preispläne umfassen Lite, Pro und Team und kosten 5, 10 bzw. 20 US-Dollar pro Monat. Dafür erhält man mehr Speicherplatz, mehr Funktionen wie die Anpassungsmöglichkeit der Präsentation über CSS-Dateien, Support und Statistiken per Google Analytics.

Sway Microsoft hat selbst den Versuch unternommen, eine zeitgemässere Alternative zu Powerpoint zu schaffen. Ich habe sie im Beitrag Mit Sway ein Tänzchen wagen vorgestellt und auch mit einem Video gewürdigt. Ein Pluspunkt dieser App ist, dass sie sich nicht auf die klassische Präsentationssituation beschränkt, sondern ein breiteres Feld von «Storytelling» abdeckt: Man kann auch Präsentationen bauen, die Leute für sich am Tablet oder Computer ansehen. Und es ist sogar möglich, zeitgemässe, von der Online-Ästhetik inspirierte Drucksachen zu fabrizieren.

Fazit: Wenn ich ernsthaft eine Präsention anlegen wollen würde, dann würde ich wahrscheinlich mit Slides mein Glück versuchen. Ich habe aber auch noch ein paar andere Dienste gefunden, nämlich haikudeck.com, venngage.com und powtoon.com. Die konnte ich bislang nicht ausführlich testen. Falls sich etwas daraus ergibt, erfahrt ihr es auf diesem Kanal.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Powerpoint? Braucht das noch einer oder kann das weg?“

  1. Powerpoint mag veraltet sein, ist aber (leider?) immer noch eine Art Standard für Präsentationen. Als Wissenschaftler kommt man nicht so leicht davon los:

    1) Off-line Bearbeitung: Nicht alle haben permanent high-speed Internet. Und bei Präsentationen schaltet man das Internet am besten ab, damit man nicht durch ungewollte Software Update oder andere Benachrichtigungen aus dem Takt geworfen wird…

    2) Mit der Zeit hat man einen Fundus von guten Folien, die man oft, allenfalls aktualisiert, recyceln möchte. Bei einem Wechsel zu einem anderen System kann die Konvertierung der alten Folien sehr zeitaufwendig werden.

    Besser als Powerpoint ist Apple’s Keynote. Viel eleganteres Design und in der Bedienung/Bearbeitung viel intuitiver. Über Cloud-Anbindung problemlos mit iPad oder Kollegen zu nutzen. Funktioniert perfekt auch off-line und kann Powerpoint mit kleinen Mängeln importieren oder exportieren.

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