Er (Zeus) ist wieder da

Ich bespreche ein Jugendbuch. Aber keine Angst: Am Freitag ist dann wieder Erwachsenenzeugs angesagt (nämlich, tease, tease, Stephen Kings «End of Watch»).

Leser und Innen dieses Blogs haben es womöglich mitbekommen: Trotz meines fortgeschrittenen Alters bin ich Kinder- und Jugendliteratur nicht abgeneigt. Böse Zugen behaupten wahrscheinlich, daran sei mein Kindskopf schuld. Ich meinerseits würde das nicht kategorisch abstreiten, das aber als Stärke deuten.


Die Verfilmung wird dem Buch nicht so wirklich gerecht.

Als Stärke von mir, aber vor allem als Stärke der zur Debatte stehenden Bücher. Denn die jugendlichen Leser sind im Schnitt anspruchsvoller als Erwachsene. Uns kann man mit Sperenzchen zufriedenstellen: Pseudopsychologische Vernebelungstaktiken funktionieren ebenso wie Rückgriffe auf banale Lebensweisheiten, die ältere Menschen in ihrer Lebenserfahrung bestätigen. Auch philosophisches Geschwurbel funktioniert bei uns, wenn es uns den Eindruck vermittelt, klug und gebildet zu sein, wenn wir in unserer Freizeit solche Dinge lesen. Und man kann uns mit Handlungssträngen beeindrucken, bei denen wir die Übersicht verlieren. Weil wir nicht zugeben würden, dass wir die Story nicht kapieren, merken wir nicht, wenn es gar nichts zu kapieren gibt.

Jugendliche ihrerseits muss man mit einfach vermittelbaren Plots, fantasievollen Szenarien und nachvollziehbaren Dialogen bei der Stange halten. Das heisst natürlich nicht, dass es keine schlechten Geschichten für diese Zielgruppe gäbe. Aber es fällt halt schneller auf. Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass man nicht von Jugendliteratur, sondern von Literatur, die auch für Jugendliche geeignet ist, sprechen sollte. Und man sollte den Fehlschluss meiden, sie sei anspruchslos. Das ist sie nicht. Gute Autoren muten ihrem jungen Publikum auch schwere Kost zu. Ich habe das beim Lesen von Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren kapiert.

Die beiden hier besprochenen Bücher sind nicht ganz auf dem Niveau dieser grossartigen Geschichte. Aber sie sind amüsant, fantasievoll und ein netter Zeitvertreib. Es handelt sich um die Percy-Jackson-Reihe von Rick Riordan, die ich als leichtfüssige Fantasy bezeichnen würde und zu der ich über die Filme gekommen bin – die den Buchvorlagen aber leider nicht gerecht werden.

Ich habe den ersten (The Lightning Thief, Deutsch: Diebe im Olymp) und den zweiten Teil (The Sea of Monsters; Deutsch: Im Bann des Zyklopen) als Hörbuch gehört. Es geht um einen zwölfjährigen Jungen, der feststellt, dass er mit Herakles im gleichen Boot hockt. Er ist nämlich, wie er und viele Heroen, ein Halbgott, so wie auch Perseus, Proteus oder Pollux. Die alten Götter sind nicht etwa verschwunden, sondern treiben im Hintergrund weiter ihr Unwesen – und zeugen nach wie vor Kinder mit sterblichen Frauen. Obwohl sie eigentlich vereinbart haben, das aus Gründen zu lassen. Percy findet sich, nachdem er an seiner Schule in halbgottbedingte Probleme hineingelaufen ist, im Camp Halfblood wieder, wo er mit seinesgleichen die traditionellen Fertigkeiten trainiert und herausfindet, dass er ein Sohn Poseidons ist.

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Gegenüber: Der Zyklop. (Aus der Verfilmung von «The Sea of Monsters»; Bild: Fanpop.com)

Im ersten Buch – Achtung, leichte Spoiler-Warnung – gilt es, den von Zeus geklauten Herrscherblitz aufzuspüren und gleichzeitig eine Intrige aufzudecken, die Zwietracht zwischen den Göttern säen soll. Es scheint so, als ob Ares hinter der ganzen Sache stecken würde. Aber Percy findet heraus, dass Ares seinerseits bloss eine Marionette von Kronos ist. Der Titan passt es nach wie vor nicht, dass er von den Göttern ausgetrickst wurde und sinnt auf Rache. Er findet nicht nur in Ares einen manipulierbaren Helfershelfer, sondern auch in Luke Castellan, der im Camp Halfblood die Heroen trainiert und ein netter Kerl zu sein scheint.

Percy bringt im ersten Band also nicht nur Zeus den Herrscherblitz zurück, sondern findet auch den Helm der Finsternis von Hades und klärt die ganze Sache auf, worauf Zeus erklärt, als Dank für diese friedensstiftende Mission bleibe Percy am Leben. Und er schafft es, seine Mutter aus der Unterwelt zu befreien, wo sie sich nach dem Kampf mit dem Minotauros, der sie und Percy vor dem Lager angegriffen hatte, wiederfindet.

Im zweiten Band muss gerät Percys Freund, der Satyr Grover in die Hände von Polyphem, jenem Zyklop, der schon Odysseus und seine Gefährten gefangen hielt (er hat deswegen auch noch eine Stinkwut). Dass er quasi ein Halbbruder von Percy ist, bringt in diesem Fall nicht viel. Aber nützlich ist, dass sich Percy am Anfang der Geschichte für einen ausgegrenzten Mitschüler eingesetzt hat. Tyson ist, seinerseits ein junger Zyklop und ein Halbbruder von Percy, aber anders als Polyphem ein freundliches Gemüt.

Gleichzeitig treibt Luke seine Intrige gegen die Götter voran. Er umgibt sich mit düsteren Gestalten, vergiftet Thalias Baum, der das Lager (Camp Halfblood) schützt und schafft es, den sympathischen Lagerleiter Chiron, ein Zentaur, in Misskredit zu bringen und ihn durch Tantalos ersetzen zu lassen, der den Job nicht eben mit viel Einfühlungsvermögen erledigt.

Die beiden Bücher sind zwei unterhaltsame Odysseen, in denen viele Figuren aus der griechischen Mythologie Auftritte haben: Furien, Medusa, Echidna, Hydra, die Zauberin Circe und die Sirenen, eine Chimäre, die Graien und die stymphalischen Vögeln, sowie Götter wie Dionysos, Hades, Ares, Zeus, Poseidon und Hermes – die griechische Mythologie hat schliesslich einen riesigen Fundus spannender Charaktere zu bieten.

Percy seinerseits bietet jungen und nicht mehr ganz so jungen Lesern genügend Identifikationsmöglichkeiten: Er sieht sich mit einer Lebenssituation konfrontiert, die er sich so nicht ausgesucht hat und in der keine Wahl hat, als sich zu bewähren. Er hat einen Vater, der sich nach seiner Zeugung aus dem Staub gemacht hat und sich seitdem nicht um ihn gekümmert hat. Plus einen sehr uncharmanten Stiefvater. Er ist, als Legastheniker und ADHS-Kind nicht eben das Epizentrum der Beliebtheit – aber er bahnt sich mit Witz und seinen Freunden seinen Weg. Seine Freunde sind der bereits erwähnte Satyr Grover Underwood und Annabeth Chase, die ihrerseits eine Tochter Athenes ist.

Die Bücher sind unterhaltsam und lassen die griechische Mythologie hochleben – auch wenn der Transfer in die Neuzeit gewisse Kollateralschäden bei der Glaubwürdigkeit mit sich bringt: Siehe Begründung, warum der Olymp nun über dem Empire State Building in New York thront. Sprachlich liegt Autor Rick Riordan sicherlich hinter Joanne K. Rowling zurück. Bei der Spannung hat Suzanne Collins (Die Tribute von Panem) mehr zu bieten. Und die hormonell geschwängerten Aufwallungen gehen bei Veronica Roth (Divergent) höher. (Ausserdem fand ich den Sprecher des englischen Hörbuchs, Jesse Bernstein, beim ersten Band etwas zu plakativ und stereotyp vortragend. Beim zweiten Band war er okay.)

Trotzdem eine Geschichte, mit der man sich selbst unterhalten oder die man zur Freude von eigenen oder fremden Kindern vorlesen kann…

Autor: Matthias

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