Mechanisch twittern

Das Christkind, bzw. die Geschenke verteilende spirituelle Entität, der man in materialistischen Gesellschaften um diese Zeit im Jahr huldigt, hat mir heuer ein bemerkenswertes Präsent überbracht. Es handelt sich um eine mechanische Schreibmaschine namens Remette, produziert zwischen 1938 und 1942 von Remington, die hier in einer tollen Animation de- und rekonstruiert wird. Das Geschenk war inspiriert von einem Bild, das mein fünfjähriges Alter Ego zeigt, wie es konzentriert auf einer mechanischen Schreibmaschine tippt. Diese Maschinen hatten mich tatsächlich damals schon in ihren Bann geschlagen.

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Ain’t she a beauty?

Hinter dem Geschenk steckt mehr als ein Dekostück. Auch wenn einige der Grossbuchstaben etwas hakeln, ist sie voll funktionsfähig (von welchem technischen Gerät zum Verfassen von Texten kann man das nach 70 Jahren noch behaupten?). Aber nicht nur das: Es gibt ein USB-Kabel, mit dem man die Schreibmaschine an den Computer anschliessen und als externe Tastatur benutzen kann. Auch ein Betrieb mit einem Tablet ist möglich. Man kann somit seine Mails, Tweets oder Facebook-Status-Updates über die mechanische Tastatur tippen. Das ist einerseits etwas absurd und andererseits eine wunderbare Methode, den Botschaften Tiefe und Geschichtsträchtigkeit zu verleihen. Schliesslich ist die Maschine etwa ähnlich alt wie die legendäre Z3. Da man mechanisch deutlich langsamer schreibt als auf der Laptop-Tastatur, ist es auch eine gute Methode zur Entschleunigung.

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Als externe Tastatur am Macbook.

Der Clou, der die Generationen überbrückt, ist ein kleines USB-Board, das DIY Soldering Kit. Das Board arbeitet mit Sensoren, die die Bewegung der Hämmerchen mitkriegen. Die Position der Umschalttaste oder der Hebel für die Zeilenschaltung werden über Magnete erfasst. Ein Mann namens Jack Zylkin von usbtypewriter.com hat sich das 2009 ausgedacht und die Technik entwickelt. Diana hat es im grossen, weiten Web entdeckt und Daniel hat die die Arbeit übernommen, die in Luzern erstandene Remette damit auszustatten. Danke den beiden!

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Das USB-Board.

Natürlich muss man sich wieder ans mechanische Tippen gewöhnen. Und auch daran, dass die Tastenbelegung bei der Remette nicht eins zu eins der der Laptop-Tastatur entspricht. Witzigerweise hat sie auf der Shift-Ebene über den Punkt (da, wo bei der Schweizerdeutschen Tastatur der Doppelpunkt zu finden ist) den Einzweitel-Bruch (½). Natürlich gibt es, wie bei den mechanischen Maschinen üblich, auch keine 1 und keine 0, weil man dafür das l und O verwendet hat. Und das @ sucht man selbstverständlich auch vergebens. Das heisst, dass bei den Sonderzeichen nicht zwangsläufig das getippte Zeichen am Bildschirm erscheint. Da Microsoft für Windows den Microsoft Keyboard Layout Creator anbietet, werde ich mir den Spass erlauben, und ein Keyboard-Layout für die Remette entwickeln.

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Die Typen.

Konsequenterweise werde ich bei dem die Backspace-Taste abklemmen – denn Eingaben löschen geht bei der mechanischen Maschine nur mit Tippex, wie die Leute sich bestens erinnern mögen, die beim getippten Lebenslauf beim letzten Wort jemals herzhaft daneben gefasst haben. Bei weniger formalen Schreiben hat man jeweils einfach den Text ausgext. Ich überlege mir, ob das mit einem extra Unicode-Zeichensatz möglich wäre. Dieser müsste den gesamten Zeichenvorrat der Remette einmal normal und einmal ausgext enthalten. Fährt man dann mit der Rücktaste zurück und drückt x, wird das zuvor getippte Zeichen durch die ausgexte Variante ersetzt. Auf gleiche Weise müsste man Unterstreichungen realisieren – durch ein Zeichen, das den Unterstrich gleich angebaut hat, da man beim mechanischen Schreiben für die Unterstreichung mit der Rücktaste zurückfährt und dann den Unterstrich (_) daruntersetzt. Da taucht jedenfalls ein spannendes Projekt mit dem Layout-Creator und einem Fontdesign-Programm…

Autor: Matthias

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