Der Berglöwe markiert sein Territorium

Besprechungen von Mountain Lion alias OS X 10.8 gibt es viele, zum Beispiel die von Kollega Zedi. Ich darf hier aber breittreten, was mir so aufgefallen ist (und übrigens: Einen Vergleich von OS X 10.8, Windows 8 und Windows Phone 8 lest ihr hier):

Die Softwareaktualisierung. Sie bringt nicht mehr nur die im Mac App Store gekauften Programme auf den neuesten Stand, sondern auch das System. Das ist folgerichtig und ein grosser Vorteil gegenüber Windows, wo viele Programme ihre eigenen Updater verwenden, die darum wetteifern, wer jetzt zuerst seinen Patch herunterladen darf.

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Sieht am Kopf etwas ausgehungert aus, hat aber eine Menge Fleisch auf den Rippen.

Die Benachrichtigungen. Die sind bei einem modernen Betriebssystem eigentlich unverzichtbar und man fragt sich, warum es sie nicht schon seit zehn Jahren gibt. Auch hier ist Windows das Negativbeispiel: Modale Dialoge, die sich mit irgendwelchen Nichtmeldungen in den Vordergrund drängen, der Infobereich, der Sprechblasen absondert und all die Programme, die sich auf diese oder jene Weise in den Vordergrund drängen – das ist uneinheitlich und lästig.

Die Umsetzung in Mountain Lion ist okay, aber das altehrwürdige Growl hat schon noch ein paar Funktionen mehr zu bieten.

Social Media. Die Twitter-Integration in der Benachrichtigungsleiste ist seltsam. Man kann zwar einen neuen Tweet absetzen, aber nicht auf einen Tweet, in dem man erwähnt wurde, antworten. Klickt man in der Benachrichtigungsleiste auf einen Tweet, geht im Browser ein neues Fenster auf – und zwar auch dann, wenn schon ein Twitter-Fenster offen war. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Und wenn schon Twitter – warum nicht auch Facebook? Facebook soll ab Herbst kommen, aber: Am besten wäre eine erweiterbare Social-Media-Integration, über die jedermann seine bevorzugten Netze einspeisen kann, wie man gerade lustig ist.

Kalender (das ist das Programm, das bis jetzt iCal genannt wurde). Beim Kalender kann ich nun mein Google-Konto hinterlegen. So kann man die Kalender – auch die, die für einen freigegeben wurde und für die man Schreibrechte besitzt – in der Anwendung bearbeiten. So muss es sein!

Und noch ein Tipp dazu: Wenn der Google-Kalender in der Liste links nicht erscheint dann könnte das an einem Leerzeichen oder Umlaut im Namen des Kalenders liegen. Mein Kalender «Matthias Schüssler» wurde nicht angezeigt, bis ich ihn via calendar.google.com > Einstellungen in «NoNoAgenda» umbenannt habe.

Kontakte. Das ist das Programm, das früher «Adressbuch» hiess. Diese Programm-Umbenennungen sind, das muss an dieser Stelle gesagt sein, ein Riesenschmerz im Arsch (a huge pain in the butt). Künftig muss ich in den Kummerbox-Beiträgen, die auf eines dieser Programme bezug nehmen solch elegante Formulierungen verwenden wie:

… falls Sie Mac OS X 10.7 oder älter verwenden, dann öffnen Sie das Programm Adressbuch, und Anwender von OS X 10.8 starten Kontakte auf. Klicken Sie dann bei Lion oder älter auf «iCal > Einstellungen» und bei Mountain Lion auf «Kalender > Einstellungen»…

Und warum muss man in Kontakte – dem ist das Programm, das früher «Adressbuch» hiess – die Synchronisation mit Google und GMail unter lokal einrichten? Google ist in meiner Wahrnehmung das Gegenteil von lokal, und bei Mail und Kalender fügt man Google als eigenes Konto hinzu. Wie es sich gehört.

Das Gamecenter. Das haben wir bei iOS fröhlich ignoriert und werden es nun auch bei Mountain Lion mit Freuden links liegen lassen. 😉

Vorschau und Textedit. Sie speichern Dokumente jetzt auch in der Cloud. Startet man die beiden Programme, dann erscheint ein graues Fenster, über das man Dokumente in die iCloud befördern kann. Wenn man ein lokales Dokument öffnen möchte, schaltet man über die Leiste am oberen Rand auf Lokal um. Im Dialog zum Sichern kann ich bei Ort die iCloud angeben oder eine lokale Ablage auswählen. Das ist wahnsinnig umständlich und gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe darum in den Systemeinstellungen bei iCloud die Option Dokumente & Dateien abgeschaltet.

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Aufdringlich: Die iCloud im Öffnen-Dialog von Vorschau und TextEdit.

Die Verbindung von lokalem Speicher und virtueller Ablage ist auch weiterhin bei Dropbox am besten gelöst. Eine gute Integration ins Betriebssystem sähe für mich so aus: Bei den Eingenschaften eines Dokuments oder Ordner kann man die Option iCloud ein- oder ausschalten. Sinnvollerweise würde diese Option beim Speichern eines Dokuments oder beim Erstellen eines Ordners gleich angeboten. Wenn die Option gesetzt ist, dann ist das Dokument über die iCloud verfügbar. Wenn nicht, dann nicht. Die Option für den Ordner gibt die Vorgabe für die Dokumente – zieht man eine Datei in einen Ordner, der für die iCloud aktiviert ist, landet auch das Dokument bei der iCloud. Und wenn nicht, dann nicht. Ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Dokumente umbenennen und bewegen. Genial finde ich hingegen, dass es in der Vorschau und bei TextEdit, aber auch bei Numbers und Pages nun über die Titelleiste möglich ist, ein Dokument zu verschieben oder umzubenennen. Das habe ich bei Notepad++ schätzen gelernt – nur, dass der obendrein einen Befehl zum Löschen bereithält.

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Dokumente im Programm in ein anderes Verzeichnis verschieben oder umbenennen.

Die Diktatfunktion. Wenn man die in der Systemsteuerung unter Diktat & Sprache einschaltet, kann man hinterher jedes Feld, in das man Text eintippen kann, sprechend befüllen. Dazu betätigt man zweimal die Fn-Taste. Ist man fertig mit Sprechen, tippt man wiederum auf Fn oder auf die Fertig-Schaltfläche. Das hat beim Testen trotz Ventilator im und Baulärm vor dem Fenster gut funktioniert.

Was ich jetzt sehr gern hinkriegen würde, wäre, diese Diktatfunktion mit einer Audioaufnahme zu füttern: Dann könnte ich ihr meine Interviews oder eine Radiosendung vorspielen und sie würde eine Transkription davon erstellen. Und das wäre einfach der Wahnsinn!

In den Systemeinstellungen ist als Quelle nur das interne Mikrofon, nicht aber der Systemmix oder ein anderes Programm auswählbar. Falls jemand einen Trick kennt, wie man das ändert: Ich bin ganz Ohr!

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Die Diktatfunktion lässt sich überall durch zweimaliges Drücken der Fn-Taste aufrufen.

Externe Laufwerke verschlüsseln. Das geht nun ganz einfach: Das Laufwerk anklicken und [Name] verschlüsseln aus dem Kontextmenü wählen. Allein dieses Feature ist den Update-Preis wert, finde ich.

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Ruck-Zuck-Verschlüsselung.

Der ominöse Gatekeeper. Er steckt in den Systemeinstellungen bei Sicherheit unter Allgemein. Diese Schutzfunktion erlaubt standardmässig nur die Ausführung von Programmen aus dem Mac App Store und von verifizierten Entwicklern (Programmen mit Signatur, ist damit gemeint). Ich habe auf meinem Rechner keine (vor dem Update auf Mountain Lion installierte) Anwendung gefunden, die von Gatekeeper gestoppt worden wäre. Ob die alle signiert sind oder ob Gatekeeper bereits vorhandene Apps in Ruhe lässt, kann ich nicht sagen. Das Feature scheint indes harmloser zu sein, als vorab befürchtet. Das ist einerseits erfreulich; andererseits weckt es den Verdacht, dass der Sicherheitsgewinn durch Gatekeeper nicht sehr gross sein wird.

Die Privatsphäre. In den Systemeinstellungen unter Sicherheit gibt es neuerdings eine Rubrik namens Privatsphäre. Sie erlaubt es, den Zugriff auf die Ortungsdienste, Kontakte, Twitter und die Diagnose-Daten einzuschränken.

Airplay. Der Bildschirminhalt lässt sich über das Airplay-Symbol in der Menüleiste an einen AppleTV senden. In den Systemeinstellungen bei Ton > Ausgabe stehen nun auch Airplay-fähige Geräte zur Verfügung, beispielsweise iOS-Geräte, auf denen die Airfoil-Speakers-App läuft.

Das ist nicht verkehrt, macht für meine Zwecke den Einsatz von Airfoil (siehe hier) nicht überflüssig. Einerseits ist die Wahl der Ausgabequelle über die Systemeinstellungen mehr als umständlich. Andererseits kann die Airfoil-App auch mehrere Geräte gleichzeitig bespielen und obendrein nur die Audio-Ausgabe eines Programms an das externe Gerät schicken. So höre ich Spotify dann (via iPhone, das am iStreamer angeschlossen ist) über die Stereoanlage und höre die Systemklänge weiterhin über die Lautsprecher des Mac. Und so möchte ich das auch haben.

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Airplay – aber mit Airfoil geht es einfacher.

Autor: Matthias

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2 Gedanken zu „Der Berglöwe markiert sein Territorium“

  1. Zur Erweiterung der Auswahl an Inputs über das interne Mikrofon hinaus:
    Meinst du so etwas:
    Das Programm soundflower wirkt wie ein HAL und nimmt den Output des Systems auf. Es wird in den Systemeinstellungen bei Input und Output angezeigt. In audacity o.ä kann ich dann soundflower als input wählen und alles, was vom Internet oder von einer sonstigen Quelle kommt, aufnehmen. Ob es ganz legal ist, weiss ich nicht, aber praktisch auf jeden Fall.
    Ruedi

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