Der neue Arc-Browser in einem ersten Augenschein

Der Arc-Browser tritt an, das Rad neu zu erfinden und Chrome, Safari, Edge und Firefox in den Schat­ten zu stellen. Ein erster Test zeigt: In vielen Be­reichen erfüllt der Neu­ling seine An­sprüche – in anderen leider nicht.

Kann man den Browser neu erfinden? Neulich bin ich einem Unternehmen begegnet, das genau diese Behauptung aufstellt. Es ist The Browser Company aus New York, die mit 17 Millionen US-Dollar und der Unterstützung von, Zitat, Gründern von Instagram, Stripe, Twitter, Zoom, Figma und LinkedIn diesen Beweis antreten will.

Und zwar mit dem Arc-Browser, den es bislang noch nicht öffentlich gibt, den man aber auf Einladung hin testen kann.

Ich habe vor einiger Zeit meine E-Mail-Adresse deponiert und nun eine Einladung erhalten, den neuen Browser zu testen, den es erst einmal für den Mac gibt.

… womit wir auch schon bei meinem ersten Kritikpunkt angelangt sind: Sosehr ich mich persönlich dem Desktop verbunden fühle, sosehr pflege ich die Überzeugung, dass ein Browser heute mobil gedacht werden muss. Um gegen Chrome, Safari und Edge einen Stich zu haben, braucht man eine respektable Präsenz auf dem Smartphone und Tablet. Bekanntlich ist dort die Konkurrenz besonders hart, weswegen ich neulich die pessimistische Prognose gewagt habe, dass der Zug für Firefox vermuttlich abgefahren ist.

Ein neuer Browser müsste mit Hinblick auf die mobile Welt erfunden werden

Doch genau das wäre auch eine Chance: Die meisten der mobilen Browser sehen aus wie Desktop-Browser, die auf die Dimensionen der kleinen Bildschirme eingedampft worden sind. Ein Browser, der seinen Ursprung auf einem der kleinen Geräte nimmt, könnte einen bedeutenden Unterschied machen.

Und wenn ich die Besprechung mit Kritik beginne, kann ich einen zweiten Punkt nachschieben: Arc ist nicht von Grund auf neu entwickelt, sondern setzt auf der Chromium-Engine von Google auf. Das ist einerseits verständlich – führt aber andererseits unweigerlich dazu, dass auch Arc die Vorherrschaft von Google im Browsermarkt fördert. Diese Monokultur halte ich für bedenklich, und Arc hätte ihr entgegenwirken können, indem sie die Gecko-Engine von Mozilla verwendet, die auch in Firefox steckt.

Der Arc-Browser verlagert die wichtigen Bedienelemente an den linken Rand: Dort finden sich Favoriten, flüchtige und angepinnte Reiter und die Spaces.

Also, das meine beiden grundsätzlichen Kritikpunkte. Was den Browser selbst angeht, ist das Bemühen unverkennbar, das Rad neu zu erfinden und aus die Lehren aus den letzten bald dreissig Jahren, seit es Browser gibt, zu ziehen.

Der Browser, der nicht wie ein Browser aussieht

Arc sieht anders aus als die anderen Browser: Es gibt keine Adressleiste oben, sondern nur eine Spalte am linken Rand. Dort findet sich ein schmales Adress- und Suchfeld. Es gibt Favoriten, angeheftete Reiter und die temporären Reiter, die mit einem Klick auf den Clear-Knopf allesamt gelöscht werden können. Falls man das nicht tut, verschwinden sie bei Inaktivität automatisch, wobei man als Nutzer festlegen kann, wie lange diese Gnadenfrist dauert. (Diese Option findet sich in den Einstellungen in der Rubrik Archive bei Auto-close inactive tabs from Today after x hours).

Um Reiter vor der Auto-Archivierung zu schützen, zieht man sie per Maus aus dem unteren Bereich nach oben zu den angehefteten Tabs. Das ist ein Konzept, das mir hervorragend gefällt. Ich kann mir vorstellen, dass es einem in Fleisch und Blut übergeht, die Reiter so zu organisieren: Oben die Dinge, mit denen man länger arbeiten will, unten die Informationen, die man nur für eine kurze Dauer benötigt.

Das ist nicht alles: Es gibt auch die Spaces: Das ist ein ähnliches Konzept, das Apple bei den Reitergruppen verfolgt – aber hier scheint es mir einleuchtender gelöst: Man hat Bereiche für bestimmte Zwecke, die man sich einteilt, wie es gerade sinnvoll ist: Arbeit, Recherche, Privates, Social Media oder wie auch immer. Einen neuen Space richtet man über das Plus-Symbol ein, das in der Leiste unten rechts zu finden ist.

Der schnelle Wechsel zwischen den Spaces

Um zwischen den Spaces zu wechseln, braucht man bloss mit zwei Fingern horizontal übers Trackpad zu wischen. Ausgetauscht werden so die temporären und angehefteten Reiter. Doch die als Favoriten angehefteten Websites, die als kleine Icons direkt unter dem Adressfeld zu finden sind, bleiben in allen Spaces die gleichen.

Das gefällt mir ausgezeichnet. Ebenso die Art und Weise, wie man einen neuen Reiter öffnet. Da das Adressfeld reichlich klein geraten ist, verwendet man nicht das, um eine Adresse aufzurufen. Stattdessen betätigt man die Tastenkombination Command t. Es erscheint eine Art Eingabeprompt, in den man einen Suchbegriff für Google oder eine URL tippt.

Über die Tastenkombination «Control» und «t» werden Adressen aufgerufen, Google-Suchen durchgeführt und Programmbefehle initiiert (zum Beispiel zur Konfiguration des eingebauten Werbeblockers uBlock Origin).

Der Clou ist nun, dass man hier auch Befehle eingeben kann: Clear today löscht die Reiter, die man gerade verwendet hat. Add split view teilt das Fenster in zwei nebeneinander platzierte Ansichten auf. Downloads zeigt die heruntergeladenen Dateien an und Library öffnet die Screenshot- oder Notizensammlung. Das erinnert an die Cato-Erweiterung für Chrome, die ich weiterhin nachdrücklich empfehle.

Viele Ideen überzeugen sofort

Ein laufendes Video wird beim Wechseln des Reiters automatisch als Popup-Fenster ausgeklinkt.

Fazit: In Arc stecken vielversprechende Ansätze. Ich könnte mir in der Tat vorstellen, diesen Browser probehalber zu nutzen – und womöglich so viel Gefallen an den frischen Ideen zu finden, um ihn dauerhaft zu nutzen.

Dagegen spricht die eingangs erwähnte Verbandelung mit Google. Ich nutze aus Prinzip keinen Google-Browser – es braucht Vielfalt im Netz, und die ist durch Chromium gefährdet. Man kann sich zwar auf den Standpunkt stellen, das sei nicht so schlimm, weil das ganze Drumherum nicht von Google stammt. Doch die Engine ist nun einmal der Kern des Browsers, der bestimmt, wie Websites angezeigt werden und was im Web möglich ist und was nicht.

Über einen «Boost» werden Websites optisch oder funktionell angepasst. Man kann etwa Text ersetzen; was im Fall von Google nicht geklappt hat.

Für Leute, die derzeit Chrome nutzen, ist Arc meines Erachtens aber eine hervorragende Wahl: Der Browser hat viele spannende Funktionen – und man entfernt sich als Nutzer immerhin ein paar Schrittlein aus Googles direkter Einflusssphäre, wenn man Arc gegen Chrome eintauscht.

Ein eingebautes Notizprogramm – und weitere Goodies

Abschliessend einige weitere nette Funktionen, die ich in Arc entdeckt habe:

  • Im Adressfeld gibt es einen Knopf zum Kopieren der URL (Shift Command c).
  • Und an gleicher Stelle findet sich auch ein Screenshot-Knopf (Shift Command 2).
  • Die geteilte Ansicht (Split View) lässt sich aktivieren, indem man einen Reiter aus der Leiste links in den Bereich zieht, in dem man die Ansicht haben möchte.
  • Diese geteilte Ansicht bleibt erhalten, wenn man Reiter wechselt: In der Leiste links sind die geöffneten Sites nebeneinander gestellt, sodass die Fensterkombination mit einem Klick reaktiviert werden kann.
  • Wenn ein Video läuft und man den Reiter wechselt, wechselt das Videobild vollautomatisch in ein Popup-Fenster im Vordergrund, über das man den Clip weiter verfolgt. Die Videosteuerung ist am unteren Ende der Leiste am linken Rand zu finden.
  • Eine Sammlung von Websites, die man als Ganzes später weiterverwenden möchte, speichert man als Ordner (Folder).
  • Über das Plus-Symbol in der Leiste unten und New Boost gibt es die Möglichkeit, die Darstellung und Funktionsweise von Websites zu verändern, indem man eigene Scripts oder CSS-Stildateien hinzufügt.

Noch etwas ausführlicher zu erwähnen wäre die eingebaute Notiz-Funktion. Über das Plus-Symbol in der rechten unteren Ecke der Leiste und New Easel legt man eine Notizseite an. In die fügt man über den erwähnten Screenshot-Knopf Bildschirmfotos ein. Es ist sogar möglich, die Screenshots durch eine Live-Ansicht der Website zu ersetzen, in der man navigieren kann.

Die geteilte Ansicht funktionert mit allen Websites, eignet sich aber besonders gut in Kombination mit einer Notizseite, auf der man Links, Bilder und Informationen sammelt.

Man fügt auch Textblöcke, Bilder, Zeichnungen und geometrische Figuren in seine Informationssammlung ein und gibt Notizseiten für die gemeinsame Arbeit mit anderen Arc-Nutzern frei.

Ein «Easel» eignet sich hervorragend für eine geteilte Ansicht: Beim Googeln kann man interessante Links per Maus aus der Suchliste auf die Notizseite ziehen, worauf er als Vorschau mit Bild, Titel und Textanriss in den Notizen erscheint. Das macht die Recherche und das Informationssammeln überaus bequem.

Beitragsbild: Dieser schöne Bogen stammt von einer Space-X-Rakete. Was uns zur Überlegung bringt, dass die Macher von Arc uns dazu bringen möchten, unseren angestammten Browser auf den Mond zu schiessen (SpaceX, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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