Wir haben schon alles gesehen. Ausser dieser App.

Vielleicht geht es euch wie mir: Ich stöbere zwar nach wie vor gerne in den diversen App-Stores. Aber meine Erwartungen sind nicht mehr die gleichen wie in der Anfangsphase, als diese Stores noch neu und aufregend waren. Die Apps damals waren oft ungeschliffen und nur halb fertig – aber voll von frischen Ideen und getrieben von Leuten, die nur auf die Möglichkeit gewartet hatten, ihre kreativen Ideen in Programmcode zu giessen.

Doch diese Phase hält nicht ewig – wie wir alle wissen, die wir der Kinderstube entwachsen und irgendwann in der Routine eines Erwachsenen-Alltags angekommen sind. Schon bald setzt die Reifephase ein. Für die App-Stores heisst das, dass sich die Entwickler daran machen, ihre Produkte zu perfektionieren, verschönern und mit jenen Funktionen auszustatten, für die während der Pionierphase keine Zeit war. Sie arbeiten den hinteren Teil der Prioriätenliste ab.

Damit verringert sich das Potenzial für Fortschrittssprünge und Aha-Erlebnisse. Als Nutzer schätzt man sicher das eine oder andere Feature – aber aus den Socken haut einen das Update von Version x.0 auf x.1 nicht.

Und in der Phase häufen sich die unerfreulichen Nutzerlebnisse: Da gibt es die Entwickler, die es trotzdem noch einmal wissen wollen und ihre App brutal verschlimmbessern (siehe z.B. hier). Es wird versucht, den Umsatz zu erhöhen – indem hier oder da ein In-App-Kauf eingebaut oder gleich auf das Abo-Modell umgeschaltet wird. Womöglich verschlechtern sich auch die Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen – und weil wir die EULAs nie lesen, merken wir gar nicht, dass unsere Daten nun an jeden verscherbelt werden können, die dafür ein paar Dollar locker machen.

Der Hype-Cycle (Jeremykemp/Wikipedia, (CC BY-SA 3.0))

Das alles ist normal. Manchen von euch ist sicher der Hype-Zyklus ein Begriff: Am Anfang steht der technologische Auslöser. Dann erklimmt man den Gipfel der überzogenen Erwartungen. Es folgt das Tal der Enttäuschungen. Und dann kommt, zumindest gemäss der Erfinderin des Hype-Zyklus‘, Jackie Fenn, der Pfad der Erleuchtung und das Plateau der Produktivität. Manche Technologie bleibt auch für unbestimmte Zeit oder für immer im Tal der Enttäuschungen stecken. (Und nein, es wäre unfair, an dieser Stelle an VR zu denken. Oder an das Hollywood-Kino.)

Stehen wir bei den Mobil-Apps und -Stores im Hype-Zyklus schon auf dem Plateau der Produktivität? Meines Erachtens Ja – aber natürlich ist es so, dass neue Entwicklungen auch neue Ausschläge nach oben (und später auch nach unten) auslösen können. Die App-Flatrate, die Apple mit Arcade im Bereich der Spiele und Google mit dem Play Pass auf den Weg bringen, könnten womöglich neue Euphorie entfachen. Ob die anhält, wird dann sehr davon abhängen, was bei den Entwicklern hängen bleibt. Wie Flatrates in anderen Bereichen zeigen, sind das oft nur Brosamen.

Zurück zu den Apps: Da habe ich tatsächlich oft das Gefühl, schon alles gesehen zu haben. Zum Glück gibt es aber auch immer mal wieder Augenblicke, in denen das Gefühl der Erwartungslosigkeit durchbrochen wird. Wo ich bei einer App denke: Das habe ich so aber noch nie gesehen!

Dagobert Duck im Geldspeicher, in Entenhausen, auf der Erde, im Weltall…

Eine App, bei der es mir so geht, ist Thoughts (für 2 Franken für iPhone und iPad). Die nennt sich «The thinking app» und stachelt damit schon mal die Neugierde an: Denkt die für mich – oder hilft sie mir beim Denken? Und wieso sieht sie dann aus wie eine normale App zum Kritzeln?

Natürlich – man könnte an dieser Stelle sagen, auch das sei schon da gewesen. Es ist tatsächlich nicht sonderlich revolutionär, fürs Entwickeln von Plänen und Ideen eine App zu verwenden. Ob Mindmaps oder Outlinerthere is an app for that.

Nun ist Thoughts aber nicht einfach eine digitale Umsetzung einer analogen Technik, sondern eine Idee, die sich tatsächlich nur digital umsetzen lässt. In dieser App – in der es tatsächlich ums Kritzeln geht – kann man nämlich nach Belieben ein- und auszoomen. Das heisst: Man hat quasi ein Blatt von unendlicher Grösse vor sich, auf dem man jederzeit nach aussen eine Ebene hinzufügen oder nach innen auf ein Detail fokussieren kann.

Die App ist simpel gehalten: Mit der Kneifbewegung bewegt man sich weg, und mit dem Fingerspreizen nähert man sich an. Bewegt man zwei Finger auf dem Display, dann verändert man den Ausschnitt. Man malt per Finger oder Stift – und zwar ohne dass man die Breite des Striches verändern könnte: Die reflektiert nämlich die Zoom-Stufe, sodass man beim Wegzoomen im Vergleich zu vorher dicker, und nach dem Reinzoomen dünner malt. Es gibt ausserdem einen Radiergummi und einen Farbwähler.

Fazit: Es liegt im Auge des Betrachters, ob man Thoughts toll findet oder sich denkt, man habe auch das schon einmal gesehen (Stichwort Prezi). Und es liegt in der Hand des Users, ob man es schafft, mit dieser App seine Ideen zu visualisieren. Ich bin mit dem Stift nicht gänzlich untalentiert – aber mir liegt es eher, meine Ideen in Worte als in Bilder zu fassen. Trotzdem ist Thoughts eine nette App – und der Beweis, dass es auch auf dem Plateau der Produktivität nicht komplett langweilig wird.

Beitragsbild: Wo bleiben die überraschenden Apps? Oder: Manchmal braucht es ein Auge fürs Detail (Emiliano Vittoriosi/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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