Das allzu patente Aufräumrezept

Mir war die Dame nicht bekannt, bevor die Gattin neulich auf dem Sofa ihre Netflix-Show angemacht hat. Eine zierliche Japanerin, die immer mit ihrer Übersetzerin unterwegs ist und Leute aufsucht, die mit dem Puff in ihrer Wohnung nicht mehr zurande kommen.

Die Frau fährt in einem Van bei ihren Klienten vor, der seinerseits alles andere als zierlich ist. Sie übernimmt sogleich das Kommando und erklärt, dass nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen werde. Sie begrüsst in einem seltsamen esoterischen Ritual die Wohnung. Dann instruiert sie ihre Klienten erst einmal alle Klamotten auf einen Haufen zu werfen. Die müssen nun jedes einzelne in die Hand nehmen. Wenn es «Freude entfacht», dann darf es bleiben. Wenn nicht, dann nicht.

Und so banal die Show auch ist – und so einfallslos produziert –, so einleuchtend ist ihr Potenzial: Leute, die sich beim Aufräumen helfen lassen müssen, wecken ein bisschen Mitleid und viel, viel Häme. Die Show gibt einem ein wohliges Überlegenheitsgefühl, weil man selbst in der Lage ist, ab und zu mal ein bisschen für Ordnung zu sorgen.

Und natürlich schwingt auch bei dieser Reality-Shows eine unterschwellige Botschaft mit. Nämlich, die dass das eigentliche Problem viel tiefer liegt: Das Aufräumen ist ein Symptom. Bei der Witwe für unbewältigte Trauer. Sie muss lernen mit dem Tod des Mannes umzugehen. Beim jungen schwulen Pärchen für Schwierigkeiten bei der Ablösung vom Elternhaus. Und bei der vielköpfigen schwarzen Familie für die sozialen Probleme, die so viele Leute zwingen, in einer viel zu kleinen Wohnung zu leben.

Die Sendung impliziert, dass das Aufräumen auch die tiefergehenden Probleme behebt und der Einsatz der Aufräumexpertin so gut ist wie drei Jahre Psychotherapie. Ob das stimmt, bleibt dahingestellt. Die Psychotherapeuten würden sicherlich widersprechen, aber denen müsste man auch ein offensichtliches Eigeninteresse unterstellen.

Ich denke, bei manchen funktioniert es – die Witwe konnte die Hilfe sicherlich gut gebrauchen. Bei ihr war die Aufräumexpertin mit ihrer herzlichen Unnahbarkeit vermutlich eine echte Hilfe. Am sozialen Gefälle und am Umstand, dass schwarze Familien in viel zu kleinen Wohnungen hausen müssen, kann Marie Kondo natürlich auch nichts ändern.

Was mich angeht, schaue ich normalerweise keine Reality-Shows. Die ist allerdings professionellem Interesse spannend für mich. Ich bin schliesslich in der gleichen Branche tätig. Ich bin ebenfalls Dienstleister für mein Publikum. Ich werde auch immer mal wieder gefragt, wie man entpufft und aufräumt, auch wenn es in meinem Fall nicht um Wohnungen, sondern um Smartphones, Macs und PCs geht.

Man muss der Frau zugute halten, dass sie mindestens um den Faktor Tausend erfolgreicher ist als ich. Ihre Bücher haben sich millionenfach verkauft, meine tausendfach. Ihre Videos laufen bei Netflix, meine beim Tagi.  Aber das ist okay. Denn ich sehe mich schlicht nicht in der Lage, ihr Erfolgsrezept zu kopieren oder zu adaptieren.

Ich bin nämlich nicht in der Lage, ein simples, eingängiges System für die völlige Nutzerzufriedenheit zu entwerfen. Am Computer kann man nun mal nicht alle Dateien und Programme auf einen Haufen werfen, in die Hand nehmen und sich eine Entscheidung aufgrund des Gefühls sparks joy/sparks no joy bilden.

Es gibt in der Welt der Technik bekanntlich einige zusätzliche Implikationen. Beim Wohnungsaufräumen stellt sich die Frage nicht, ob man einen Teil seiner Besitztümer in die Cloud auslagern will. Man hat nicht mit Fragen der Sicherheit und der Privatsphäre zu tun. Es ist nicht nötig, ein Backup des Kleiderschranks anzulegen, obwohl es manche Leute offensichtlich tun. Und generell geht es in meinem Feld nicht nur um die Ordnung, sondern auch um Arbeitsweisen und -methoden, Abläufe und Interaktion. Es wäre daher sinnlos, meine Klienten über einen Kamm zu scheren.

Darum ist es auch nicht ganz ernst gemeint, wenn ich mich im aktuellen Patentrezept-Video als Aufräumexpertin gebärde. Aber unterhaltsam und einleuchtend ist es hoffentlich trotzdem.


Digitale Entrümpelungsaktionen.

Und wo wir bei den Unterschieden sind: Ich bin froh, dass ich nicht bei meinen Klienten vorfahren muss. (Obwohl ich immer mal wieder danach gefragt werde.) Mir ist die Vorgehensweise letztlich auch viel zu statisch. So, wie Frau Kondo vorgeht, wird sie nie zum Schluss kommen, einer Familie zum Beispiel zum Umzug in eine grössere Wohnung zu raten – was aber in manchen Fällen der klügste Tipp wäre. Vielleicht liesse sich auch die Wohnung klüger aufteilen, Zimmer anders nutzen, zusätzlicher Stauraum anmieten (als Äquivalent zur Dropbox) oder eine Trennung vorschlagen.

Aber dann wäre die Sendung natürlich eine andere – und wahrscheinlich ist das genau ihre Stärke, dass alle wissen, dass es nie wirklich ans lebendige geht. Etwas was einem bei einem Experten wie mir durchaus passieren könnte – ich habe Leuten immer mal wieder empfohlen, ihre Computergewohnheiten grundsätzlich in Frage zu stellen. Siehe auch Video.

Beitragsbild: Robert Bye/Unsplash, Unsplash-Lizenz.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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