Jetzt ist es offiziell: Ich bin kein Bot

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Manche werden am Display zum Tier. (Bild: Dariusz Sankowski, pixabay.com, CC0)

Mit Twitter kann man bekanntlich viel Schindluder treiben, selbst wenn man nicht Donald Trump heisst1. Beispielsweise kann man fremde Leute psychoanalysieren. Das funktioniert über die Website analyzewords.com. Man gibt das Twitter-Handle ein und erfährt etwas über die Gefühlswelt, das Sozialverhalten und die Denkweise.

Nun, nachdem ich eine Selbstanalyse durchgeführt habe, bin ich etwas erschüttert. Ich bin depressiv und furchtsam, arrogant und selten freundlich und überhaupt nicht analytisch. Die einzige Ausrede, die ich für dieses asoziale Verhalten habe, ist, dass die Analyse wahrscheinlich nur mit englischsprachigen Tweets richtig funktioniert und bei Deutsch komplett versagt.

Wenn man besagten Trump analysiert, könnte man allerdings auch zum Schluss kommen, dass dessen Persönlichkeit trotz seiner Verwendung von (meistens sogar richtig geschriebenen) englischsprachigen Wörtern nicht so richtig erfasst wurde. Obwohl das Analyseverfahren angeblich wissenschaftlich erhärtet ist:

The AnalyzeWords project analyzes data using the text analysis program Linguistic Inquiry and Word Count (LIWC) originally developed at the University of Texas at Austin and the Auckland Medical School in New Zealand. Unlike most traditional word counting methods, LIWC focuses on the almost-invisible function or junk words that we rely on. Junk words include pronouns (I, you they), articles (a, the, an), prepositions (to, with, for) and other small words that typically hold together more content-heavy nouns and regular verbs.

Across dozens of studies, junk words have proven to be powerful markers of peoples psychological states. When individuals use the word I, for example, they are briefly paying attention to themselves. People experiencing high levels of physical or mental pain automatically orient towards themselves and begin using I-words at higher rates. I-use, then, can reflect signs of depression, stress or insecurity.

Jedenfalls existiert das interessante Phänomen, dass sich die Persönlichkeit im Web und im realen Leben doch oft markant unterscheiden. Das haben viele von uns selbst erlebt, wenn sie zum ersten Mal jemandem begegnet sind, den sie vorher nur von Facebook und Twitter kannten. Mir ging es mit Réda so, der auf Facebook oft polemisiert, lärmt, flucht und auch pöbelt und beim Besuch im Nerdfunk freundlich, selbstkritisch und charmant war. Und wenn man sich Leute anschaut, die sich im Netz bloss als Hater aufführen, können die sich im direkten Umgang als normale Menschen entpuppen, mit denen man über die meisten Dinge ganz normal sprechen kann. Ein Beispiel, das zwar schon etwas älter ist, mir aber in Erinnerung geblieben ist, findet sich im Beitrag Boris wollte mich verbrennen.

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Wirklich? Da gibt es keinen grösseren Unterschied zwischen MrClicko und Mr Trump.

Nun kann man sich darüber streiten, welches die «echte» Persönlichkeit ist. Ist die im Web unverblümter, also ehrlicher, weil das Temperament der Leute nicht durch nutzlose soziale Gepflogenheiten wie Anstand gebremst wird? Oder ist es umgekehrt so, dass im Web die Leute halt auch mal eine Abscheulichkeit raushauen, die sie sich verklemmen würden, wenn sie genötigt wären, sie einem Menschen ins Gesicht zu schleudern? Ist es das Web, das das Böse im Menschen hervorbringt, weil es andere auf einen Avatar reduziert?

Ich kann nicht anders, als das positiv sehen und zur zweiten Ansicht neigen zu wollen. Natürlich gibt es auch die boshaften Figuren, die in der freien Wildbahn einfach zu feige sind, ihr Vitriol zu versprühen. Aber die meisten Leute nehmen die anderen Menschen im Netz als anonyme Masse wahr. Und da fällt das Pöbeln nun einmal leichter. Das ist wie bei den Ausländern: Viele jender Leute, die «die Ausländer» insgesamt überflüssig und für eine Landplage halten, finden einzelne, ihnen persönlich bekannte Ausländer ganz okay. Wenn man es mit einem Individuum zu tun bekommt, dann ist die Erkenntnis unvermeidlich, dass es nicht nur aus einer einzigen Eigenschaft («Ausländer») besteht, sondern aus ganz vielen Eigenschaften. Und wenn man genau hinschaut, findet man bei den meisten Leuten Eigenschaften, die man mit ihnen gemeinsam hat.

Soweit meine Weltsicht. Ich weiss natürlich, dass es Leute gibt, die geistig nicht in der Lage oder nicht willens sind, mehr als Schablonen für ihre eigenen Vorurteile in anderen Leuten zu sehen. Aber die werden mit der Evolution des Homo interneticus irgendwann mal aussterben. Weil das Internet im Kern eben doch verbindet und uns alle näher zuammenbringt.

Abschliessend noch ein Tipp zu einem Twitter-Tool, das womöglich etwas mehr Nutzen hat als analyzewords.com2: Auf twitteraudit.com findet man heraus, wie viele der eigenen Follower eigentlich echt und wie viele «fake», also Social Bots sind. Bei mir sind 89 Prozent echt, und twitteraudit.com ist zum Glück auch bei mir überzeugt davon, dass ich echt bin. Uff!

Footnotes

  1. Siehe Drei unverzichtbare Twitter-Tools, Wenn Twitter-User am Rad drehen, Lohnt sich eigentlich diese Twitterei? ^top
  2. Ausprobieren wollte ich auch tweetchup.com, aber dieser Dienst war gerade kaputt, als ich diesen Blogpost hier verfasst habe. ^top

Autor: Matthias

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