Wikipedia ergo sum

Teure Autos und ähnlich teure Uhren gelten in der Nerdwelt als Prestigeobjekte nichts. Bei uns zählt womöglich ein hoher Klout-Score, ein verifizierter Twitter-Account und natürlich die eigene Wikipedia-Seite. Nur schade, dass ein erfolgreiches Blog einen nicht relevant für Wikipedia macht. Und Youtube ist noch nicht einmal als Relevanzkriterium aufgeführt.

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Und was macht man nun mit so einem Abschluss in Altphilologie? Klar, man schreibt Beiträge bei Vicipædia Latina. (Bild: ACC Spring Commencement 2017 von Austin Community College/Flickr.com, CC BY 2.0)

Egal. Denn wirklich geschafft hat man es sowieso erst dann, wenn man einen Eintrag nicht in der deutschen und nicht in der englischen, sondern in der lateinischen Ausgabe von Wikipedia vorweisen kann. Nein, die Vicipædia Latina ist kein Witz. Die gibt es. Und sie hat ihren eigenen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel.

125′000 Artikel gibt es, zum Beispiel zu Donaldus Trump oder Vladimirus Putin. Und ja, ich scherze nicht: Auch zu Christophorus Blocher. Die usores geben sich augenscheinlich Mühe, auch die Namen zu lateinisieren. Typischerweise mit angehängtem -us bei Männern und -a bei Frauen (Elisabetha Kopp). Ausnahmen sind natürlich Namen mit einer lateinischen Form. Zum Beispiel Matthaeus Damon. Oder, haha, Gulielmus Gates.

Doch nicht nur die Namen werden adaptiert. Neologismen sind verboten und müssen adaptiert werden. Das Smartphone wird zum sollerterphonascum, die Textverarbeitung zum Programma editorium, das internet zum Interrete, das WLAN zum Rete areae localis quod filis electricis caret und der Fernseher zum Televisio. Okay, das letzte Beispiel ist nicht allzu spektakulär.

Was mich daran erinnert, dass ich am 29. Oktober 2001 über ein Wörterbuch geschrieben habe, das sich nicht um den Informatikslang herumgedrückt hat:

Auch Cäsar surft im TTT

Das druckfrische «Pons Wörterbuch des neuen Lateins» des Ernst Klett Verlags ist auf der Höhe der Zeit: Rund 15′000 Stichworte enthält es, auf die Julius Cäsar mit blanker Verwirrung reagiert hätte. Zu seiner Zeit arbeitete kein Mensch als orbium phonographicorum exhibitor (Diskjockey). Auch die iazensis musica (der Jazz) war unbekannt und kein Thema für Cicero, Ovid oder Vergil.

Natürlich finden sich im Lateinwörterbuch zuhauf Begriffe aus der Computerwelt: Das album televisificum nennen wir Bildschirm, discus durus Festplatte, und wenn der Computer (instrumentum computatorium) abstürzt, würde ein Lateiner einen collapsus beklagen.

Wer das Wörterbuch für einen error temporis (einen Anachronismus) hält, täuscht sich. Viele Programmierer mögen die lateinische Sprache. Ihr klarer, logischer Aufbau habe viel gemein mit einer Programmiersprache, sagen sie. Den Altphilologen ihrerseits ist es ein Anliegen, die Lebendigkeit des Lateins zu beweisen.

Im Internet findet man Dutzende von Vokabularlisten. Einig sind sich die Experten bei zentralen Begriffen der res computatrale (Informatik) nicht: Umstritten ist die Benennung des Internets – man könnte es forum electronicum, also elektronischen Marktplatz, nennen. Eine zweite Variante ist reticulatum internationalis. Andere machen es sich leichter – zumal das inter im Internet bereits Latein ist: internetum oder interrete ist ihr Vorschlag. Als Computerjournalist dränge ich nicht auf eine Entscheidung – wir, die wir häufig übers tela totius terrae (World Wide Web) schreiben, sind froh über eine reichhaltige Auswahl an Synonymen.

Nein, keine Sorge, die Umstellung des Computer-Bunds auf die Sprache der alten Römer steht nicht unmittelbar bevor – selbst wenn viele Technikmuffel und computeruninteressierte Zeitgenossen der Ansicht sind, Deutsch oder Latein mache bei diesem Thema keinen allzu grossen Unterschied. Das ist Unsinn; denn gross wäre der Segen der Latein-Wiedergeburt: Sie wäre ein probates Mittel, radikal mit den allgegenwärtigen Anglizismen aufzuräumen. Schluss mit den nichts sagenden Wortkreationen, die einem PR-Agenturen täglich um die Ohren hauen! Müssten diese Leute ihre Medienmitteilungen in Latein abfassen, fiele ihnen Schaumschlägerei unendlich schwerer.

Ja, die zweitausend Jahre alte Sprache würde die schnelllebige Informatikbranche mit einem Hauch von Ewigkeit adeln.

Der Fleiss der Latein-Nerds bei Wikipedia ist bewundernswert. Natürlich, man kann darauf hinweisen, dass viele Artikel noch sehr ausbaufähig sind. Beispielsweise der zu meinem Wohnort Vitudurum. Und man kann den Sinn überhaupt in Frage stellen. Denn wieso sollte man eine tote Sprache pflegen und trainieren wollen, ausser wenn man exzentrischer Altphilologe mit zu viel Freizeit ist?

Aber ich mag Webprojekte ohne offensichtlichen Nutzen. Das ist das schöne am Internet: Es ist riesengross und bietet Platz auch für Schräges, Fragwürdiges und total Unsinniges. Darum begrüsse ich auch die Wikipedia auf Klingonisch, die seinerzeit von Jimmy Wales himself dichtgemacht wurde. Mignoramus!

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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