Die CapsLock-Kontroverse

Am Montag habe ich im Tagi über die sechs grössten Computerärgernisse geschrieben und dabei die sog. CapsLock-Kontroverse™1 ausgelöst. Ich habe die Taste nämlich als überflüssig bezeichnet. Walter schrieb Folgendes:

Darf ich doch fragen. Wie halten Sie’s denn mit Überschriften oder ganzen Projektbeschrieben im Architektur-Look, den Umlauten auf Grossbuchstaben so ganz ohne den Schreibmaschinen-Feststeller?

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Seit Jahren (im Layout) unangetastet – die Tastatur.2 (Bild: Andres Rodriguez/Flickr.com)

Fred stiess ins gleiche Horn:

Wenn ich so in die Tasten meines Surface haue, wird mir klar, dass der CapsLock zwar in ungewöhnlicher Grösse gehalten ist und damit an der falschen Stelle für meine aus sehr grauer Vorzeit stammende Zehn-Finger-System-Fertigkeit liegt, aber doch nicht grundsätzlich unnötig ist. Bei der Tastatur meines Desktop stimmt der Abstand und ich greife erfreulicherweise viel weniger oft daneben. Die Taste selbst scheint mir aber durchaus noch zu gebrauchen.
Die deutsche Rechtschreibung hat sich verändert, und, wie es scheint, schreibt man nicht mehr «Ueberbleibsel» sondern «Überbleibsel». So mindestens steht es in Ihrem Artikel. Mich würde nun echt interessieren, wie Sie als Profi von heute mit der Tastatur-Situation aus sehr grauer Vorzeit (1983) umgehen. Wie sind Sie in Ihrem Artikel vorgegangen? Haben Sie etwa «Ueberbleibsel» getippt und dann die Korrektur per Rechtsklick dem Schreibprogramm überlassen, oder haben Sie, trotz Ihrer Rüge am CapsLock, die Kombination dieser Taste mit dem kleinen ü benutzt? Oder kennen Sie eine dritte Möglichkeit?

Und Hans kommentierte wie folgt:

Natürlich zerren «überflüssige» Tasten an den Nerven. Gleich nach dem Übergang von der Hermes3000 zum ATARI war auch ich noch treffsicherer und liess erst seither meine Finger-Disziplin verludern. (Können wir heute noch eine ganze A4-Seite fehlerfrei tippen, wenigstens beim dritten Anlauf?)
Aber jedes beseitigte Hindernis lässt unsere Fähigkeiten in diesem Bereich um eine weitere Stufe schrumpfen. Nehmen wir also die Caps-Lock-Taste als Fähigkeiten erhaltenden Stein des Danebenstossens. Sie hält uns fit für andere Regionen des Tastenfeldes.
Obs eine Caps-Lock-Taste braucht, will ich nicht entscheiden.
Aber eine einfach(!) zuschaltbare Caps-Lock-Funktion ist schon ganz praktisch. Einerseits können Prä-ABC-SchützInnen die Majuskeln leichter unterscheiden und diese als erstes Alfabet lernen. Anderseits wäre es beim Transkribieren von Majuskel-Texten oder –Inschriften mühsam, stets einen Kleinen Finger auf einer Umschalttaste halten zu müssen.

Natürlich, man kann die grossen Umlaute tippen, indem man CapsLock feststellt, dann Ö, Ä oder Ü betätigt. Ich mache das allerdings nie so. Ich schreibe grosse Umlaute mit Hilfe der Trema-Taste. Das ist die mit den beiden Punkten, die sich auf der Deutschschweizer Tastatur zwischen Ü und Enter befindet und auch das Ausrufezeichen beherbergt. Wenn man die drückt und A ergänzt, erhält man Ä. Analog entstehen auch Ü und Ö und sogar Ë oder Ï…

… und für die deutschen Leser dieses Blogs, die sich über die Ausführungen wundern: Die Deutschschweizer Tastatur nimmt Rücksicht auf die Mehrsprachigkeit des Landes und erlaubt es auch, französisch zu tippen. Darum müssen sich die Umlaute die Tasten mit den französischen Akzenten teilen. Auf der Shift-Position von ö liegt é, bei ä tippt man mit Umschalttaste à und bei ü gibt es auch das è.

GROSSBUCHSTABEN? WARUM DENN BLOSS?
Was Texte, Abschnitte oder Überschriften in Grossbuchstaben angeht, verwende ich selten Grossbuchstaben. Ich halte die nicht für besonders schön oder gut lesbar. Dann doch lieber Kapitälchen – aber echte müssen es sein!

Wenn Versalien unvermeidlich sind, verwende ich ein Absatz- oder Zeichenformat mit der Option Grossbuchstaben. Bei Word kann man Grossbuchstaben als Direktformatierung über Ctrl + d im Abschnitt Effekte zuweisen. Bei InDesign gibt es die Option in den Absatzformatoptionen in der Rubrik Grundlegende Zeichenformate bei Buchstabenart. In Word kann man durch Betätigen von Shift + F3 zwischen Normalschreibweise, Grossbuchstaben, Kleinbuchstaben und erstem Buchstabe im Satz gross wechseln. Ich bevorzuge aber klar das Zeichenformat, weil man diese Formatierung auch jederzeit wieder entfernen kann und bei Verwendung der Zwischenablage der Text in korrekter Gross-/Klein-Schreibweise übernommen wird. Nichts ärgerlicher, als wenn man eine in Versalien gesetzte Überschrift in einem Mail zitieren möchte, und sie erst manuell korrigieren muss, damit sie einem nicht mitten aus dem Mailtext anschreit.

Die Kontroverse um die CapsLock-Taste zeigt jedenfalls, wie schwer alte Gewohnheiten sterben. Da bieten die Textverarbeitungsprogramme (die bekanntlich wahre Bloatware-Monster sind – Punkt 4 im Beitrag Was Computernutzer nervt) allerhand Formatierungsmöglichkeiten. Nebst fetter und kursiver Auszeichnung kann man mit verschiedenen Schriften arbeiten, bei manchen Fonts von Ultraleicht bis Ultrafett aus bis zu neun Schriftschnitten auswählen und die Schriften für Fliesstext und Titel besonders aufeinander abstimmen. Aber die Leute arbeiten doch lieber mit der Arial und der Times New Roman und mit der CapsLock-Taste. Einer der drei zitierten Männer, die sich per Mail bei der Kummerbox meldeten, hat in seiner Nachricht sogar Sperrsatz benutzt. Äxgüsi, aber da schüttelt es mich.

Die Tastatur überdenken
Jedenfalls bestärkt mich die Diskussion in meiner Meinung, dass die Tastatur überdacht werden sollte. Nicht nur die CapsLock-Taste ist überflüssig, auch das Deutschschweizer Tastaturlayout ergibt im Computerzeitalter keinen Sinn. Einzelne Französisch-Akzente lassen sich problemlos über die Zeichentabelle abrufen. Man könnte sie auch auf die Alt Gr-Position verschieben – statt Shift + ü fürs é müsste man halt Alt + ü drücken. Kein Problem! Und wenn jemand längere französische Passagen tippt, wechselt er einfach aufs französische Tastaturlayout. Dafür stellt Windows schliesslich seit Jahr und Tag die Eingabegebietsschema-Leiste zur Verfügung.

Auf die Gefahr hin, weitere Kontroversen loszutreten: Auch die ScrollLock- und die Pause/Break-Taste sind komplett überflüssig. Und wenn man bei der Revision der Tastatur noch einen Schritt weitergeht, dann landet man bei der Dvorak-Tastatur. Diese arrangiert die Zeichen auf der Tastatur so, dass sich häufig benutzte Zeichen einfacher tippen lassen als weniger häufig verwendete. Die Motivation für die QWERTY-/QWERTZ-/AZERTY-Belegung kommt bekanntlich daher, dass sich die Typenhebel mechanischer Schreibmaschinen nicht verhaken sollen. Natürlich, Leute wie ich, die tagtäglich auf einer QWERTZ-Tastatur tippen, wäre die Umgewöhnung schwierig bis unmöglich. Aber was spräche dagegen, jedem Benutzer die Wahl zu lassen und die Leute, die heute das Zehnfingersystem lernen, auf das zeitgemässere Tastaturlayout zu trainieren?

Verfehlte Prioritätensetzung
Es bleibt eine interessante Feststellung: Vielen von uns kann es mit dem Fortschritt nicht schnell genug gehen: Google Glass, smarte Armbänder und Wearables an jeder Extremität, noch mehr Rechenpower und Heimautomatisierung bis zum Abwinken – aber bei unseren Arbeitsweisen sind wir so konservativ, dass wir selbst an Gewohnheiten festhalten, für die es keinen rationalen Grund mehr gibt (ausser den, dass es eben Gewohnheiten sind). Ein interessanter Widerspruch. Und ein Fall von völlig verfehlter Prioritätensetzung…

Footnotes

  1. Gelernt: Mein Blog darf im Titel kein ™ haben, sonst wird der Beitrag nicht gefunden (ächz)! ^top
  2. Abgesehen von dieser. Die hat ein Dvorak-Layout. ^top

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Die CapsLock-Kontroverse“

  1. Eine Sache gibt es, bei der ich die Feststelltaste gerne verwende: Wenn ich ein ellenlanges Passwort für eine WLAN eingeben muss und die Buchstaben, obwohl alle gross sind, tatsächlich auch als Grossbuchstaben getippt werden müssen.
    Aber du hast recht. Im Grunde ist sie überflüssig und dazu noch lächerlich gross auf der Tastatur. Vielleicht wird ja das Zehnfingersystem obsolet, wenn der Touchscreen zum wichtigsten Eingabegerät wird. Dann wäre der Weg frei für neue Konzepte, die es ja offenbar schon gibt.

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