Instagrams verkrachter Halbbruder ist zurück

Meine Liebe zu Instagram ist abgekühlt; letzte Woche habe ich darüber gebloggt. Darum habe ich mir die Foto-App Hipstamatic vorgenommen – um sie hier zu besprechen und wieder mehr zu benutzen.

Ich habe Hipstamatic hier im Blog einige Male erwähnt (hier oder hier), aber immer nur en passant. Ich habe die App als Halbbruder von Instagram wahrgenommen, der es nie aus dem Schatten dieses Überfliegers geschafft hat – und dessen Schicksal es ist, immer nur in Nebensätzen vorzukommen.

Nun habe ich im Beitrag Remember Hipstamatic? It’s Still Alive von vice.com– der ironischerweise auch schon wieder mehr als zwei Jahre alt ist – gelesen, dass die Sache sogar noch dramatischer ist. Hipstamatic ist in der Tat in gewisser Weise der Bruder von Instagram. Aber nicht der kleinere, der nie so richtig hintendrein gekommen ist. Nein, Hipstamatic ist der grössere Bruder, der vom kleinen überholt und überrundet wurde:

Back when Valencia and Nashville were just places, and Rise was just what you hoped to accomplish before 9 AM, the app Hipstamatic revolutionized mobile photography and helped make filtering photos mainstream. After winning Apple’s first ever “App of the Year” award in 2010 and collecting 4 million active users, it seemed like nothing could stop Hipstamatic’s meteoric rise.

Die beiden Städenamen sind Anspielungen an die bekannten Instagram-Filter Valencia und Nashville – und natürlich wurde der meteoritenhafte Aufstieg von Hipstamatic durch Instagram gestoppt. Es lag daran, dass Hipstamatic eine Bezahl-App war und ein kreatives Foto-Werkzeug, aber keine Social-Media-Plattform war:

“There was a lot of internal conflict over ,” Ryan Dorshorst, founder and current Chief Technology Officer of Hipstamatic told me over email. “We built the product to be a paid app that was a creative tool, and that is how it had been architected. Trying to shoehorn social on top of something, after the foundation is built and it has a core audience, was a mistake.”

Und es ging auch anderen so, dass Hipstamatic als Trittbrettfahrer wahrgenommen wurde, obwohl diese App vor Instagram da geweswen war und Erfolge gefeiert hatte. Nochmals der Beitrag von vice.com:

After Facebook bought Instagram, Hipstamatic was perceived by VCs as an Instagram copycat, and user downloads started to dwindle.

Auch Risikokapitalgeber hatten diesen Fehlschluss begangen. Deswegen gabe es kein frisches Geld, und offenbar hatten die beiden Gründer Lucas Buick und Ryan Dorshorst auch kein besonders glückliches Händchen, als sie das Haus (sic) of Hipstamatic gekauft hatten, das stark renovierungsbedürftig war. Es gab Entlassungen, aber der Bankrott konnte abgewendet werden.

Darum gibt es die App heute noch. Es gibt für 3 Franken Hipstamatic Classic und die modernere Variante Hipstamatic X Analog Camera. Und die ist noch (fast) brandneu: Sie ist im Oktober 2019 im Store erschienen – und sie soll, wenn man Petapixel glauben darf, die grandiose Rückkehr markieren:

The app was released on Hipstamatic’s 10th birthday, and it’s an obvious attempt to compete with the many photo sharing and filtering apps that have come up and stolen Hipstamatic’s thunder—most notably, Instagram.

Die App kommt zum zehnten Geburtstag, und sie soll es den Apps zeigen, die ihrerseits in den Fussstapfen von Hipstamatic gewandelt sind.

Ob das gelingen wird, ist fraglich – denn das Angebot an Foto-Apps ist inzwischen ebenso riesig wie unüberschaubar. Man muss der App aber zugute halten, dass sie viel origineller ist als Instagram ist, einen sympathischen Retro-Charme versprüht und darum auf alle Fälle eine neue Chance verdient.

Die Kamera mit «analogem Sucher» – inklusive Schnittbildindikator.

Die App zeigt den Rücken einer Analogkamera, mit einem grossen Sucherfeld in der Mitte, das liebevoll sogar einen Schnittbildindikator simuliert. Wenn man ein bisschen nach rechts wischt, erscheinen links die Einstellungen: Blitz, Bildformat und, bei Lens, einige feste Brennweiten.

Links: Die Bild-Einstellungen.

Wenn man weiter nach rechts zieht, öffnet man die Kameratasche (Camera Bag). Dort findet man weitere Kameras, die sich durch unterschiedliche Rückseiten auszeichnen und die unterschiedliche Voreinstellungen haben.

Die Kameratasche: Es gibt vorgefertigte Modelle zur Auswahl, und man kann sich auch selbst welche basteln.

Man kann sich auch seine eigene Kamera bauen, indem man ein Gehäuse und Farbe wählt, sich für ein Objektiv und dessen Eigenheiten entscheidet, einen bestimmten Film einlegt, die im Aufnahmemodus sichtbaren Knöpfe und Bedienelemente auswählt und der Kamera einen Namen gibt.

Ob das eine Spielerei oder eine ernsthafte Angelegenheit ist, kann ich noch nicht so richtig beurteilen – dafür habe ich noch zu wenig Zeit mit dem Bau eigener Kameras verbracht. Es gibt einem aber die Möglichkeit, Effekte, Einstellungen und Fotovorgaben wunschgemäss zu konfigurieren und als eigene «Kamera» abzuspeichern und sofort griffbereit zu haben.

Wischt man nach links, erscheinen rechts die vorhandenen Aufnahmen. Die lassen sich bearbeiten und – wie man das von Hipstamatic und Instagram gewohnt ist –mit Filtern versehen. Es gibt diverse Kategorien, in denen immer neun Effekte vorhanden sind.

Die Effekte sind nun in Kategorien sortiert.

Die Kategorien geben grob den Stil bzw. die fotografische Disziplin vor für die sie passen (zum Beispiel Portrait, Low Light, Black & White, Still Life, Landscape), beschreiben die Wirkung (Distressed, Creative, Retro, Clean) oder haben eine Meta-Funktion (Eazy Auto, Latest). Eine weitere Bearbeitung der Effekte, mit Anpassung der Parameter, ist offenbar nicht möglich.

Die App ist gratis, aber unter der Bezeichnung «Hipstamatic Makers Club» gibt es Zugriff auf 200 Objektive und Filme, diverse Kameramodelle und auch die so genannten Signature Cameras. Das scheinen besondere Retro-Kameras wie Tin Type zu sein, die Liebhabergefühle wecken und dem Nutzer auch etwas wert sind. Für den Hipstamatic Makers Club muss man nämlich bezahlen: 5 Franken monatlich oder 29 Franken im Jahr als Abo, oder aber 200 Franken als Einmalzahlung.

Beitragsbild: Womöglich war es auch nicht so klug, den gemeinen Hipster zum Maskottchen dieser App zu machen (Clem Onojeghuo/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen