Grosis Sonntagsbraten jetzt mit Quinoa

Coverversionen: Sind sie in Zeiten von Uploadfiltern überhaupt noch möglich? Eine berechtigte Frage, die man sich vielleicht früher hätte stellen müssen.

Jedenfalls spalten sie seit jeher die Musikwelt. Ich kenne Leute, die nur das Original stehen lassen wollen. Weil es dem Urheber zukommt zu bestimmen, wie ein Song interpretiert werden muss. Weil Coverversionen oft eine Anmassung sind. Und weil das Wie eben so wichtig ist wie das Was – und man etwas Gutes nicht besser macht, indem man es nochmals durch die Mangel dreht.

Diesen Standpunkt untermauern die Coverversionsverschmäher mit Listen wie The Worst Cover Songs of All Time von «Rolling Stone». Und klar, dass Britney Spears, die «I Love Rock & Roll» trällert geeignet ist, einen in den Selbstmord zu treiben. Madonnas Version von «American Pie» ist Kacke. Und wenn Miley Cyrus sich an «Smells Like Teen Spirit» vergreift, dann muss man dankbar sein, dass Kurt Cobain schon tot ist.

Und ich habe Verständnis dafür, dass es Künstler gibt, die die Covers ihrer Songs nicht mögen. Das ginge mir wahrscheinlich auch so: Ich würde finden, dass ich alles richtig gemacht habe und es niemanden braucht, der mir die Deutungshoheit meines eigenen Materials streitig macht. Prince mochte offenbar viele Covers nicht. Dionne Warwick, Don Henley und Etta James waren auch nicht begeistert, wenn man dieser Liste glauben darf.

Trotzdem: Es gibt auch Leute, die Coverversionen mögen. Weil ein guter Song wandlungsfähig ist. Weil man ihn auf verschiedene Arten interpretieren kann, sowohl musikalisch als auch semantisch. Weil gewisse Stücke nicht nur dem Interpret gehören, sondern in den Besitz von uns allen übergehen, die wir mit ihnen aufgewachsen sind und unsere ganz eigenen Erlebnisse und Geschichten mit ihnen verbinden. Weil ein Coversong ein hervorragender Weg ist, um als Interpret den Hut vor jemandem zu ziehen und zu sagen: Du hast mich mit deiner Musik geprägt – und das hört man meiner Interpretation von deinem Song hoffentlich an.

Es gibt noch einen weiteren Grund, der für Coverversionen spricht. Nämlich der Dudelfunk. Wenn Songs immer und immer wieder im Radio laufen, hat man sie irgendwann mal satt (Die Ursünde des Radios). Eine freche, unkonventionelle Version bringt in so einem Fall die Freude vielleicht zurück.

Spotify hat das als Erfolgsrezept erkannt: In meinem Mix der Woche hat immer ein oder zwei bekannte Songs, die von komplett unbekannten Leuten dargeboten werden. Klassiker, modern aufgelegt – das funktioniert nicht nur bei der Musik, sondern im Film (?), in der Architektur, bei der Mode und den Möbeln und in der Gastronomie («Grosis Sonntagsbraten jetzt mit Quinoa und Kimchi» – wer wäre nicht begeistert?).

Ich stelle mich klar auf die Seite der Cover-Fans. Ich finde spannend, was man aus einem Song herausholen kann. Und ich schätze gegen den Strich gebürstete Varianten. Wer sich noch an die Musikschwerpunkt-Folgen erinnert, die ich für den Morgomat von Radio Stadtfilter gemacht hat, der kann selbst davon ein Liedchen singen – da konnte es mir nicht schräg genug sein. Und ja, oft genug habe ich es auch übertrieben.

Die schöne Website secondhandsongs.com ist eine Datenbank für Coversongs: Man kann nach Interpreten und Stücken suchen und herausfinden, welche Songs sie geschrieben und welche sie gecovert haben. 85′829 Orignale sind verzeichnet, und 692′833 Coverversionen.

Was den Schluss nahelegt, dass manche Songs geradezu danach schreien, gecovert zu werden. Zum Beispiel John Denvers «Take Me Home, Country Roads» mit 154 Varianten. Oder «Bridge over Troubled Water» von Simon and Garfunkel mit geschlagenen 432 Versionen – genug, um auch komplett fanatische Fans zu entwöhnen.

Jedenfalls müsste hier für alle etwas dabei sein – und jeder hat hier die Chance, seine Lieblingssongs in einer anderen Fassung zu hören und vielleicht sogar in neuem Licht zu sehen. Sortiert sind die Songs nach Erscheinungsdatum. Das scheint mir sinnvoll, weil man sich so anhören kann, wie sich die Varianten über die Zeit verändern.

Ob diese Coverversionen hörenswert sind, kann ich leider beim besten Willen nicht sagen.

Speziell ausgewiesen sind die Varianten in anderen Sprachen. Das sind mutmasslich die, wo selbst die Toleranz von Cover-Fans  auf die Probe gestellt wird. Denn mit der Übersetzung einher geht oft auch eine Übertragung in die Musikgenres, die im jeweiligen Land besonders populär sind. Und da denkt man sicher eher «Sakrileg!» denn «Geniestreich!».

Man findet auch Adaptionen, Coverversionen aus dem Web und eine interessante Linkliste. Leider sind die meisten Coverversionen nicht bewertet, sodass es bei häufig gecoverten Songs in Arbeit ausartet, die Spreu vom Weizen zu trennen. Spannend wäre auch ein Index, der die Nähe zum Original angibt, z.B. 10 = eine exakte Kopie, 0 = nicht wiederzuerkennen. Aber es leuchtet ein, dass diese Zuweisung manuell erfolgen müsste und eine Heidenarbeit wäre. Aber vielleicht programmiert einer schon bald einen Algorithmus, der das kann.

Fazit: Eine meiner Lieblings-Musik-Datenbanken, nebst songfacts.com (Wer ist eigentlich diese Angie?).

Und ja, es gibt auch Coverversionen, die viel besser sind als das Original. Hier ist eine Liste mit 50 solchen Songs.

Beitragsbild: Er covert sicher gerade ein Nirvana-Stück (Gratisography/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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