Alles gut auf der anderen Erde?

In meinem Zyklus zu den alternativen Welten gibt es heute einen Film zu besprechen, der sich schon allein durch den Titel aufdrängt: «Another Earth» (Wiki, IMDB, Amazon Affiliate) heisst er und bespricht das Schicksal von Rhoda Williams. Sie versaut sich eine vielversprechende akademische Karriere, als sie nach einer feuchtfröhlichen Feier ein Auto rammt und eine dreiköpfige Familie fast komplett auslöscht. Nur der Familienvater, der Musikprofessor John Burroughs kommt mit dem Leben davon.

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Gute Erde, du gehst so stille…

Rhoda sitzt ihre Strafe ab, wird die Schuld aber nicht los. In der Hoffnung auf Vergebung nähert sie sich dem nun alleine in einem zunehmend verwahrlosenden Haushalt lebenden John Burroughs. Doch sie getraut sich nicht zu sagen, wer sie ist und gibt sich als Putzfrau aus (die Katharsis wörtlich genommen) und nähert sich Burroughs an. Gleichzeitig entwickelt sich der andere Handlungsstrang: Die zweite Erde, die wie ein Mond am Himmel hängt und eine Kopie der ersten Erde zu sein scheint. Sie ist erst nur sehr klein sichtbar, nähert sich dann immer weiter an: Bis zu dem Punkt, an dem Funkkontakt und Beobachtung durchs Fernrohr möglich sind. Eine Expedition zur «Erde 2» – die Arroganz in dieser Bezeichnung wird von Burroughs explizit kritisiert – soll herausfinden, wie gross die Gemeinsamkeiten sind und wo die Unterschiede liegen. Rhoda gewinnt mit einem Aufsatz einen Sitz einen Platz bei dieser Expedition. Doch sie tritt ihn (Achtung, Spoiler!) an Burroughs ab. Denn, so die Hoffnung, vielleicht ist auf der «Erde 2» der Unfall niemals geschehen und die Frau und Kinder des Musikprofessors noch am Leben…

Die zweite Erde ist in diesem Film eine Metapher für die Hoffnung, eine Schuld endgültig zu tilgen, quasi ungeschehen zu machen. Das hat eine poetische Qualität – und so kommt die Geschichte denn auch daher: Die Filmbilder sind stark unterbelichtet, was die Düsternis von Rhodas Leben fassbar macht. Hell und licht ist nur der Himmel, an dem die zweite Erde im Verlauf der Geschichte immer grösser prangt. Als Mensch hätte man das Recht auf eine zweite Chance – das ist die Forderung, die Regisseur Mike Cahill aufstellt. Und über die man philosophisch diskutieren kann. Die aber nichts daran ändert, dass jemand wie Rhoda nur die Wahl hat, mit seiner Schuld leben zu lernen, da es unwahrscheinlich ist, dass genau im richtigen Moment eine zweite Erde auftaucht…

Denn man muss nicht unbedingt ein Kenner von Paralleluniversumsgeschichten zu sein, um sich Fragen zur Geschichte zu stellen. Zum Beispiel: Selbst wenn John Burroughs’ Familie auf der zweiten Erde überlebt hat, gibt es dort mit hoher Wahrscheinlichkeit auch John Burroughs ein zweites Mal. Er könnte somit vielleicht von fern einen Blick darauf erhaschen, was aus seiner Familie hätte werden können. Aber er kann nicht in sein altes Leben zurückkehren, weil seine Rolle bereits besetzt ist. Was noch viel schmerzhafter wäre, als sich mit dem Verlust abzufinden.

Und natürlich will man (als Nerd) auch wissen, wie das enden soll, wenn sich die beiden Planeten immer näher kommen – denn irgendwann werden sie aufeinanderstürzen und sich gegenseitig auslöschen, sodass von zwei Erden keine einzige mehr übrig bleibt. Klar – «Another Earth» will nicht Sciencefiction, sondern Drama sein, weswegen diese Fragen unbeantwortet bleiben beziehungsweise für die Botschaft überhaupt nicht relevant sind. Das ist schon von Anfang an klar, denn auch wenn die Spezialeffekte mit der zweiten Erde am Himmel sehr schön geraten sind, merkt man als erfahrener Filmkonsument sofort, dass das Budget für mehr als diesen Effekt nicht ausgereicht hat. Hier hat sich das Drama bei der Sciencefiction bedient, nicht wie üblich umgekehrt. Das ist okay, auch wenn es Leute wie ich andersherum bevorzugen…

Autor: Matthias

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