Wenn Körper und Geist getrennte Wege gehen

Pandemien sind in diesem Blog überaus populär – ob als Computergame oder in der Literatur. Nun hat wieder ein Virus zugeschlagen, und zwar wieder ein literarisches. John Scalzi (siehe hier und hier) lässt in seinem neuesten Werk Lock in eine überaus garstige Grippe auf die Menschheit los. Die ist äusserst ansteckend. Einige wenige sterben. Vier Prozent der Infizierten erleben die Komplikation einer Hirnhautentzündung. Und ein Prozent schliesslich bleibt im Locked-in-Syndrom gefangen: Der Geist funktioniert, aber der Körper ist komplett gelähmt – als Gefängnis für die Seele.

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Links der Sprecher (Wil Wheaton), rechts der Autor (John Scalzi). Quelle: scalzi.com)

First Lady als erstes Opfer
Das Buch spielt in der nahen Zukunft und die Menschheit ist nicht gewillt, die Lock-In-Patienten ihrem Schicksal zu überlassen. Der technische Fortschritt wird mit enorm viel Geld in den Turbomodus versetzt. Und tatsächlich: Einem kleveren Wissenschaftler gelingt die Implementation eines neuronalen Netzes, über das die Patienten wieder mit der Aussenwelt in Verbindung treten können. Grund für den Geldsegen für die Wissenschaft ist der nicht ganz wichtige Umstand, dass die Ehefrau und die Tochter des Präsidenten von der Krankheit betroffen sind. Die erhält daraufhin auch den Namen des prominentesten Opfers und wird nach der First Lady «Haden’s syndrome» genannt. Die Details zur Krankheit, zu ihrem Ausbruch und zu den Gegenmassnahmen kann man übrigens gratis und franko unter Unlocked: An Oral History of Haden’s Syndrome nachlesen.

Und weil nachher einige Spoiler folgen, hier schon mal das vorgezogene Fazit, sodass diejenigen Leserinnen und Leser, die sich für die Geschichte erwärmen könnten, nachher die Lektüre einstellen und zum Buch überwechseln können:

Scalzi serviert eine spannende Zukunftsvision. Er spinnt die Idee mit den neuronalen Netzen noch etwas weiter, und er wirft die interessante Überlegungen auf, was die Konsequenzen sein würden, wenn es der Menschheit gelingt, den Geist vom Körper zu trennen und beide unabhängig voneinander interagieren können. Die Identität ist ab diesem Zeitpunkt teilbar. Niemand kann sich mehr sicher sein, ob ein Gegenüber auch wirklich die Person ist, für die man sie hält. Das ergibt gerade für die Strafverfolgungsbehörden ganz ungeahnte Probleme, weil sich Personen im wortwörtlichen Sinn für Verbrechen instrumentalisieren lassen. Entsprechend hat die Hauptfigur des Buches, Chris Shane, es in seinem Job als FBI-Ermittler nicht gerade leicht.

Near-future-Krimi
Scalzi hat interessante Figuren entworfen und breitet seine Scifi-Kriminalgeschichte mit Geschick aus. Die Technologie ist glaubwürdig und gut mit der Handlung verwoben. Die technischen Details dominieren nicht, sondern unterstützen den Plot und machen die eine oder andere überraschende Wendung möglich. Trotz des düsteren Themas ist die Geschichte locker und amüsant erzählt. «Lock in» hat mir sehr viel besser gefallen als The Android’s Dream, aber ich war emotional nicht ganz so berührt wie bei Fuzzy Nation. Es ist kein gnadenloser Pageturner, doch er hält das Interesse wach und bietet ein brauchbares Ende. TIch kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass Scalzi seine Flughöhe noch nicht ganz erreicht hat. Stilistisch, sprachlich und bei den Dialogen liegt noch mehr drin und auch sein Hang zum Fabulieren scheint mir noch etwas gebremst. Ob ihm seine Ambitionen im Weg stehen oder ob er noch mehr Übung braucht, kann ich nicht sagen. Jedenfalls freue ich mich darauf, was da noch kommen mag.

Gelesen wird das (englische) Hörbuch wie üblich bei Scalzi von Wil Wheaton. Der macht seine Sache wie üblich gut, auch wenn es bei Audible begnadetere Sprecher gibt, was Stimmenimitation oder Emotionalität angeht. In Deutsch ist das Buch meines Wissens bislang nicht erhältlich.

Zurück zu der Geschichte und dem Kampf gegen Haden – ab hier werden Spoiler folgen:

Die Wissenschaft gibt sich mit den simplen neuronalen Netzen nicht zufrieden. Sie entwickelt die Möglichkeit, die Präsenz einer Person in einen per 3-D-Drucker hergestellten Roboter zu versetzen. Diese heissen in Anspielung an C-3PO, den goldenen Roboter aus «Star Wars» «Threeps», und sie geben dem Geist der Haden-Opfer die Mobilität zurück, während deren Körper weiterhin immobil darnieder liegt. Je nach Vermögen des Patienten in einem privaten Pflegezimmer oder aber in einem entsprechend dafür vorgesehenen kleinen Apartement.

Einen Geist Huckepack nehmen
Die Forschung stellt dann fest, dass manche genesenen Haden-Patienten ganz spezielle Talente aufweisen. Sie haben die Fähigkeit, über ein implantiertes neuronales Netz den Geist eines Haden-Patienten in sich aufzunehmen und sich gewissermassen fernsteuern zu lassen. Man nennt diese Personen Integratoren, und es liegt auf der Hand, dass sie gefragte Spezialisten sind. Sie erlauben es den Haden-Patienten, sich wieder normal zu bewegen und Dinge zu tun, die mit einem Threep nicht möglich sind oder nicht sonderlich viel Spass machen. Also essen, trinken und vögeln. Der Integrator selbst zieht sich während der Integration in die Rolle des Zuschauers zurück. Aber er kann jederzeit die Kontrolle zurückerlagen. Zumindest theoretisch. Welche Probleme sich damit in der Praxis ergeben, erfährt Chris Shane von seiner FBI-Partnerin, Agent Vann. Sie ist eine gescheiterte Integratorin, die um ein Haar ihr Leben gelassen hätte, weil ein Teenager mit ihr eine Todeserfahrung machen wollte. Bei dem Experiment hätte sie sterben und der Integrierte mit einer einmaligen Erfahrung überlebt.

Diese Integratoren liessen sich auch hervorragend für Verbrechen verwenden – aber nur dann, wenn sie während der Integration nicht eingreifen und sich hinterher nicht mehr an die Geschehnisse erinnern könnten. Und genau bei diesem «Hack» setzt der Plot an. John Sani, ein junger Angehöriger des Navajo-Stamms, wird unter seltsamen Umständen tot aufgefunden, sodass die Agenten Shane und Vann auf den Plan treten, und die FBI-Ermittlungen aufnehmen…

Das perfekte Verbrechen
Ach ja, ein wichtiges Puzzleteil blieb bis jetzt unerwähnt: Shane ist selbst ein «Eingeschlossener». Er gehörte zu den ersten Patienten, die ein neuronales Netz implantiert bekommen haben und sein Besuch als kleiner Junge beim Papst hat die Forschungsgelder umso üppiger fliessen lassen. Am Anfang der Geschichte ist er umso entschlossener, diesem Ruf als Vorzeige-Haden-Opfer abzulegen und ein normaler Bürger und Ermittler zu werden. Und es zeigt sich, dass es als Agent Vorteile hat, ein Haden-Patient zu sein: Er kann seinen Geist problemlos in einen Miet-Threep versetzen lassen, um an der gegenüberliegenden Küste des Landes zu ermitteln. Er kann, wenn er in eine Schiesserei geraten ist, den beschädigten Threep durch einen neuen ersetzen. (Was er im Verlauf der Geschichte auch mehrfach tut.) Und er kann auch in der virtuellen Welt ermitteln, wo sich beispielsweise Cassandra Bell aufhält. Sie ist eine Haden-Aktivistin, die sich weigert, per Threep oder Integrator in die Realität zurückzukehren…

Falls ich die Sache richtig verstanden habe, ist «Lock in» als Serie geplant. Es wird weitere Fälle geben – meines Erachtens zu Recht. Das Spiel mit den Identitäten hat Potenzial und lässt sich durchaus noch etwas weiter auf die Spitze treiben.

Autor: Matthias

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