Dreinschlagen oder nicht dreinschlagen, das ist hier die Frage

In meiner kleinen Reihe zu politisch unkorrekten Spielen (Plague Inc., First Strike) knüpfe ich mir einen Titel vor, der wirklich verdammenswert ist. GTA III nämlich. Da tauchen die eliminierten Menschen nicht bloss als abstrakte Opferzahl auf. Nein, bei diesem Spiel sieht man blutige Körper auf dem Asphalt liegen – und man hört es knirschen, wenn man Passanten mit dem Auto überfährt. Man hat die Möglichkeit, Gewalt gegen Frauen auszuüben und den pakistanischen Taxifahrer zu verprügeln, nachdem man ihn aus dem Auto gezerrt hat. Das gibt womöglich Extra-Geld, denn man kann seinen Opfern ihr Bares abnehmen.

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Leicht schuldbewusster Blick auf die Spuren des Massakers.

Die Grand Theft Auto-Reihe von Rockstar – sie zelebriert Gewalt und Kriminalität. Im neuesten Teil darf man sogar Terroristen waterboarden. Ich habe mir den neu für iOS aufgelegten dritten Teil besorgt (5 Fr. im App Store) besorgt, um herauszufinden, ob mir das Spass macht. Auf Gewaltverherrlichung im Film reagiere ich allergisch und die Tarantino-Filme – mit denen GTA oft verglichen wird – können mir im Schnitt gestohlen bleiben. (Naja, «Pulp Fiction» war schon cool. Und «Django Unchained» ebenfalls. Aber «Kill Bill» – nein danke!)

Gewaltorgien
Wie also steht es mit der Gewaltverherrlichung im Spiel? Ich habe festgestellt, dass es mir grosse Mühe macht, unschuldige Opfer grundlos zu verprügeln. Selbst wenn ich sie aus Versehen überfahre – und das passiert wegen der schwierigen Steuerung andauern – zucke ich innerlich zusammen. Ich habe festgestellt, dass ich auch nicht das Bedürfnis habe, aufgestaute Gewaltfantasien auszuleben. Ich erledige die Missionen und prügle dabei auch gerne auf ein rivalisierendes Bandenmitglied ein. Aber unschuldige Opfer sind unbedingt zu vermeiden.

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Das Polizeiauto lässt sich leider nicht klauen.

Und das gefällt mir an dem Spiel: Es lässt einem die Wahl. Ich kann mir Geld durch Raubüberfälle besorgen. Ich kann es mir aber auch mit dem (zugegebenermassen geklauten) Taxi verdienen. Ich kann die Prostituierten im Stadtpark verprügeln. Ich kann es aber auch bleiben lassen. Ich kann meine Autos direkt von der Strasse klauen, indem ich den Fahrer aus dem Wagen zerre und ihm vielleicht noch mit dem Baseball-Schläger eins überziehe. Ich kann die Autos aber auch vom Parkplatz einer Tankstelle entwenden, ohne dass jemand zu Schaden kommt.

Fördert das Spiel die moralischen Werte oder doch vor allem das Rowdytum? Schwer zu sagen, aber wenn ein Teenager für sich oder in seiner Peer-Group das Spiel entdeckt, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit von Gewaltexzessen sehr gross sein. Der legendäre Soundtrack aus dem Autoradio, der Lifestyle als Gesetzloser – das übt natürlich Faszination aus. Ich habe mir darum überlegt, ob ich das Spiel besprechen oder im Tagesanzeiger (Der Weg ist das Spiel) mit einem Tipp würdigen soll. Ich habe mich gerade wegen des Realitätsbezugs dafür entschieden. Die Opfer in GTA könnten wir sein (wenn wir denn das Pech hätten, in einer abgefuckten Stadt wie Liberty City zu leben). In vielen anderen Spielen ist das nicht der Fall. Im typischen Egoshooter sind Zombies, Nazis oder Aliens die Opfer. Subtext: Die abzumurksen, ist völlig okay.

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Ramponiert durch den Regen.

In Echt will keiner in LIberty City leben
Kultur hat die Aufgabe, sich mit den Phänomenen der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Videogames sind Kultur und wenn man bedenkt, wie tief verankert Gewalt in der Gesellschaft ist, dann steht es ausser Frage, dass sie auch in den Spielen ihren Niederschlag finden soll – und zwar nicht nur à la «Angry Birds», wo comichafte Vögel auf Schweine losgehen. Sicherlich ist GTA diesbezüglich nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein guter Anfang. Gerade auch wegen der grossartigen Durchsagen und Werbespots im Autoradio (zum Beispiel Pets Overnight) – wenn man nicht völlig unreflektiert an das Game herangeht, könnte einem die Lächerlichkeit einer so gewaltdominierten Lebensweise sehr wohl bewusst werden. Und wenn das die Kids nicht selbst merken, dann können es ihnen ihre Väter vermitteln, wenn sie gemeinsam GTA III zocken.

Das 2001 in der Originalversion veröffentlichte Spiel hat sich für meinen Geschmack sehr gut gehalten – ich habe allerdings nie eine Konsole besessen und bin nicht so richtig auf dem Laufenden, was man in Sachen 3-D-Grafik heute so für Ansprüche stellt. Mir gefällt das Open-World-Prinzip, durch das man sich auf dem grossen Stadtgebiet frei bewegen kann. Man bekommt Missionen gestellt, die man aber nicht sofort zu erfüllen braucht. Man kann auch einfach durch die Stadt cruisen und sich (wie erwähnt) als Taxifahrer verdingen. Die Wechsel der Tages- und Nachtzeiten und die unterschiedlichen Wetterlagen sind sehr schön gemacht und in LIberty City gibt es einiges zu entdecken.

Schwierige Steuerung
Das Problem an der iOS-Version ist die Steuerung. Das Spiel ist auf Joystick ausgelegt. Am iOS-Gerät wird der simuliert, aber das ist alles andere als komfortabel. Da man die Knöpfe und Hebel nicht ertastet, muss man sehen, wo sie sich befinden. Und das lenkt ganz gewaltig ab. Entsprechend ist leider auch die Zahl der unabsichtlich überfahrenen Passanten recht gross. Etwas besser klappt es, wenn man unter Optionen > Steuerung die Steuerung per Beschleunigungssensor einschaltet. Dann lässt sich das Auto durch Neigen des Geräts lenken, was besser klappt als mit dem virtuellen Joystick. Sollte mir Logitech einen iPhone-Game-Controller zur Verfügung stellen, werde ich gerne Bericht erstatten, wie es damit funktioniert. (Um selbst einen zu kaufen, spiele ich das Spiel dann doch zu wenig.)

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Die Steuerung hat am iPad ihre Tücken.

Zwei weitere Kritikpunkte noch: Zum einen stört mich, dass man die Leute zwar verprügeln, aber nicht ansprechen kann. Mir leuchtet schon ein, dass eine freie Dialogmöglichkeit mit Hunderten von Spielfiguren den Rahmen des Games gesprengt hätten. Aber dass sich die normale menschliche Interaktion auf die Zwischensequenzen beschränkt, ist deprimierend.

Zum anderen finde ich es unangenehm, dass man seinen Spielstand nur zwischen den Missionen speichern kann, und das auf recht mühsame Art und Weise tun muss, indem man sich zu seinem Versteck begibt. Das mag für die Konsole okay sein, aber für Gelegenheitsspieler am Mobilgerät wäre es nötig, dass man jederzeit unterbrechen und speichern kann.

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Zu wenig menschliche Interaktion.

Autor: Matthias

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