Ein bisschen wütend und voll sinnlich

Heute Morgen habe ich einen grossen Knüppel genommen und damit kaltblütig einen Mord verübt. Erschlagen wurde mein innerer Schweinehund, der zwischen mir und meiner Steuererklärung stand. Als das Blut abgewischt und PrivateTax 2011 heruntergeladen war, kam ich zum Schluss, dass ich, wenn ich mich schon in mein Schicksal ergeben würde, das nicht ohne die passende Musik tun würde.

Doch zum Henker, welche Musik passt zu der Steuererklärung? Screamo? Hardpolka? Goregrind? Oder Speedcore? Nein, würde wohl alles die Konzentration nicht wirklich fördern. Also etwas Entspanntes, Nervenschonendes und gleichzeitig fröhlich, musikalischer Baldrian, quasi. Allerdings gibt es leider keine solche Musik in meiner Sammlung. Aber war mir da nicht neulich in Spotify der so genannte Moodagent begegnet, der von sich behauptet, automatisch Musik nach Stimmung zu liefern? Er steckt in der Spotify-Anwendung bei App > App Finder und ist dann unter Alle Apps zu finden. Die Idee: Man wählt aus vier Stimmungen die, die einem am ehesten entspricht. Zur Auswahl stehen Sensual (sinnlich), Tender (zärtlich), Happy (glücklich) und Angry (wütend).

Happy? Happy!
Ich klicke also mutig auf «happy» und wähle eine Stimmung, die meines Erachtens in der Musik nichts verloren hat, aber mir für diese spezielle Mission nun doch gelegen kommt. Moodagent schlägt mir Stevie Wonder mit «Shoo-Be-Doo-Be-Doo-Da-Day», Parliament mit «Unfunky UFO», Eddie Kendricks mit «Shoe shine boy» vor. Nein, doch zu fröhlich. Man kann aber Einfluss in die Playlist nehmen, indem man an den vier Stimmungsparamentern schräubelt. Diese erscheinen als rote, orangefarbene, gelbe und violette Kurve und als fünfte Kurve in grau erscheint das Tempo. Man wählt einen der fünf Parameter und gibt bei Control curve an, ob er ansteigen, abfallen, nach oben oder nach unten gewölbt sein soll. Das ist eigentlich recht klever: Man kann einstellen, dass das Tempo gegen Ende der Playlist immer schneller werden soll. Man auch einen Sinnlichkeits-Peak einbauen oder eine Wut-Delle. Auf der Kurve erscheinen Knotenpunkte, die einzelnen Songs entsprechen. Klickt man auf einen Punkt, zeigt Moodagent Titel und Interpret als kleines Popup-Fenster an.

Nun kann man die Stimmungskonfiguration nicht frei anpassen. Verändert man einen Parameter, passt Musicagent selbständig die anderen Kurven an. Es ist auch nicht möglich, eine Kurve frei zu verformen und zum Beispiel den Parameter angry von 0 auf 100 zu ziehen. Man kann nur mit den vier Symbolen bei Control curve operieren und die Musikauswahl graduell anpassen. Man kann auch einen Titel oder Interpret angeben, worauf Moodagent Stücke in der gleichen Stimmungslage wählt. Das ist etwas schade, denn natürlich würde man gern ohne Einschränkung wilde Stimmungsmixes erstellen – obwohl es natürlich einleuchtet, dass Angry und Happy sich so ziemlich ausschliessen. Würde man alle Kurven nach oben ziehen, käme nichts Gscheites dabei heraus.

Ein Auf und Ab
Man kann auch eine bereits vorhandene Playlist auf das Moodagent-Icon ziehen und erhält darauf eine Stimmungsvisualisierung dieser Liste angezeigt. Bei meinen Playlists ergibt sich ein wildes Auf und Ab, sodass man glauben könnte, ich sei ein Mensch mit schlimmen Stimmungsschwankungen. Bin ich aber eigentlich gar nicht.

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Stimmungsschwankungen in meinen Playlists.

Bleibt die Frage: Geht das überhaupt? Sprich: Lässt sich die Stimmung von Musik auf diese Weise erfassen und als Kriterium für automatische Playlists hernehmen? Meines Erachtens ist es wie mit anderen automatischen Musik-Vorschlags-Diensten (etwa museeka.com oder Genius von Apple): Man darf keine Wunder von ihnen erwarten. Aber sie sind natürlich besser als der reine Shuffle-Betrieb oder auch die Einschränkung nach Genre oder Aufnahmedatum. An Moodagent gefällt mir, dass man über die Kurven auf wenigstens ansatzweise einleuchtende Art Einfluss auf die Playlist nehmen kann. Das ist interessant genug, dass ich mir auch mal die iOS-App von Moodagent ansehen werde. (Hier nachzulesen.)

Was nun das Abenteuer Steuererklärung angeht, habe ich auf die Dienste von Moodagent verzichtet. Am tröstlichsten ist es dann doch, die aktuelle Lieblingsmusik zu hören. Und darum lief dann das hier:

Autor: Matthias

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