War ers oder war ers nicht?

Es ist unverkennbar: Der Podcast hat es geschafft, zu einem eigenen, ernsthaften Medium zu werden – und er hat seine eigene Sprache gefunden. Er ist nicht mehr bloss Radio in Konservenform oder ein im Netz veröffentlichtes Stammtischgespräch. Er verwendet zwar bekannte Versatzstücke – doch auf eine eigenständige, glaubwürdige Weise.

Ich komme zu diesem Schluss, weil ich in letzter Zeit immer wieder Produktionen begegne, die das leisten, was nur ein Podcast zu leisten vermag. Sie sind kein  Radiofeature, keine Fernsehdokumentation ohne Bild und kein Hörspiel. Sondern eine Audio-Erzählung, bei der die Stimme des Erzähler im Zentrum eines dichten Geflechts aus Gesprächen, O-Tönen, Atmo und Musik steht. Die Geschichte beruht auf Tatsachen, doch die Präsentation erinnert an eine Abenteuergeschichte, die der Erzähler nun brühwarm am Lagerfeuer zum Besten gibt.

Der Podcast hat keine Angst, in die Tiefe zu gehen, Details auszuwalzen und auch Nebenaspekte in extenso zu beleuchten. „War ers oder war ers nicht?“ weiterlesen

Per Podcast in die Mörderseele blicken

Es gibt diesen Medientrend, den man im Satz «Krimis sind gut, aber echte Kriminalfälle sind besser» zusammenfassen könnte. Er nennt sich True Crime und kommt natürlich aus den USA. Ich habe neulich das Sachbuch «Chase Darkness with Me» zu diesem Thema vorgestellt (Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung). Heute habe ich eine dazu passende Podcast-Empfehlung.

In Man in the Window (RSS, Spotify, Itunes) wird der Fall des Golden State Killers aufgerollt. Das ist einer der spektakulärsten Serien-Verbrecher aus Kalifornien, der seine Taten vor Jahrzehnten verübte. Joseph James DeAngelo hat zwischen 1974 und 1986 Einbrüche verübt, Vergewaltigungen begangen und zuletzt auch gemordet.

13 Morde, fünfzig Vergewaltigungen und hundert Einbrüche waren all die Jahre unaufgeklärt, so genannte «Cold Cases» – die aber manche Leute nicht losgelassen haben. „Per Podcast in die Mörderseele blicken“ weiterlesen

Der Adler ist in der Podcast-App gelandet

Der 50. Jahrestag der Apollo 11 Mission ist ein Grund für Freude. Nicht  nur, weil es noch immer beeindruckend ist, dass dieses waghalsige Unterfangen vor einem halben Jahrhundert tatsächlich geklappt hat. Sondern auch, weil es viele Möglichkeiten gibt, dieses grandiose Ereignis noch einmal zu erleben – oder überhaupt erst zu entdecken.

Eine schöne Website zum Thema habe ich vor Kurzem vorgestellt. Heute geht es nun um einen sehr hörenswerten Podcast. Er heisst 13 Minutes to the Moon (RSS) und stammt von BBC World Service, respektive von Kevin Fong. Er ist von Berufes wegen Anästhesist, gehört aber zu jener Gattung Mensch, die aus ihrer Begeisterung für die Raumfahrt keinen Hehl machen will. Und darum hat er sich auf eine Reise zu den Schauplätzen und Personen gemacht, die vor fünfzig Jahren Teil dieses Menschheitsabenteuers waren.

Im Zentrum stehen die letzten 13 Minuten vor der Landung, die besonders dramatisch verliefen. Der Computer funktionierte nicht, wie er sollte, sondern gab einen Fehlercode von sich – ein Code, der erst einmal gedeutet werden musste. „Der Adler ist in der Podcast-App gelandet“ weiterlesen

Hansdampfinnen in der Podcastgasse

Ich habe unlängst einen Ausflug in die Gefilde der Sex-Podcasts unternommen und bin reichlich unbefriedigt zurückgekehrt. Daraufhin hat Kafi Freitag mir einen eindeutigen Vorschlag gemacht:

Hör besser unseren. Wir haben eine voll ehrliche, extrem aufregende Sexrubrik.

Kafi Freitag ist ihres Zeichens Schweizer Erfolgsbloggerin und Hansdampfin in diversen Gassen  (oder heisst es «Hänsinnendampf in diversen Gassen»?). Sie war auch schon bei mir im Nerdfunk, und zwar als der noch Digital hiess. Anno dozumal ging es zwar nur um vergleichsweise unheikle Themen, aber interessant war es trotzdem.

Und es kommt noch etwas dazu: Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich hier Podcasts aus aller Welt bespreche, doch noch nie einheimisches Schaffen gewürdigt habe. Das hat auch damit zu tun, dass Podcasts aus der Schweiz ziemlichen Seltenheitswert haben. Warum das so ist, wäre ein anderes Thema – das wir dann vielleicht demnächst im Nerdfunk erörtern werden, wo wir einen Gast zu Besuch haben werden, der zu der raren Spezies der Schweizer Podcaster zählt.

Also, darum heute eine Empfehlung zu einem Schweizer Podcast, dem ihr eine Chance geben solltet. Kafi am Freitag heisst er und man kann ihn via Spotify hören. Oder (so, wie es Gott gewollt hat) als RSS-Feed in seinem Podcatcher abonnieren. „Hansdampfinnen in der Podcastgasse“ weiterlesen

Seelen-Geklempere mit Folgen

The Shrink next Door ist ein Podcast, wie ich ihn gerne höre (und sehr gerne selbst machen würde): Eine schräge Geschichte, gründlich erzählt und serial-mässig produziert: Mit Musik, O-Tönen, teils auch Schauspielern und unterhaltsam.

Anders als bei meiner letzten Empfehlung, Faking Hitler, ist hier kein Jahrhundertskandal das Thema. Auch kein ungeklärter Mord, desertierter Soldat oder angehender Salafist. Und schon gar keine beschissene Stadt in Alabama. Es geht um eine Angelegenheit, die einerseits alltäglich ist, nämlich um eine Beziehung zwischen zwei Männern.

Andererseits ist sie doch reichlich bizarr: Es geht um einen Psychiater und seinen Patienten. Und diese Beziehung sollte, müsste eigentlich eine professionelle sein. Doch das ist sie bei weitem nicht. Der Psychiater, Ike, beginnt, seinen Patienten Marty zu vereinnahmen. Er drängt sich in sein Leben, verdrängt dessen Familie und lässt es sich selbst dabei ganz gut gehen.
„Seelen-Geklempere mit Folgen“ weiterlesen

Der gefälschte Hitler

Die Macher des «Stern» zeigen die Grösse, die unrühmlichste Affäre aus der Geschichte des Magazins in einer ausführlichen Podcast-Reihe aufzuarbeiten. Die heisst Faking Hitler und ist über diese Adresse hier abonnierbar.

Die Geschichte dürfte allen bekannt sein, die sich entweder ansatzweise für Medien interessieren oder aber den Film Schtonk! gesehen haben. (Der die Affäre für einen satirischen Spielfilm ziemlich adäquat darstellt.) Gerd Heidemann ist der Der beste Mann im Stall des «Stern», der von Henri Nannen, seines Zeichens ebenfalls Journalistenlegende, jeweils für die besonders kniffligen Recherchen aufgeboten wurde.

Heidemann hat eine kleine Schwäche für Überbleibsel des tausendjährigen Reiches. Er hat, wie «Schtonk!» zu sehen, tatsächlich Hermann Görings Yacht «Carin II» für sich gekauft, und verkehrte gerne in den Kreisen, in denen ein schwungvoller Handel mit Hinterlassenschaften von Nazi-Grössen stattfand. So bekam er auch Wind von angeblichen Hitler-Tagebüchern, die angeblich auf dem Schwarzmarkt angeboten worden waren.

Und sogleich gingen Heidemanns Leidenschaft für Nazikram mit dem Jagdinstinkt des Reporters eine unheilvolle Verbindung ein. Heidemann spürte den Verkäufer der Bücher, Conny Fischer auf und erwarb zwischen 1981 und 1983 tranchenweise 62 Bände dieser vermentlichen Hitler-Memoiren. „Der gefälschte Hitler“ weiterlesen

Sex-Podcasts: Ein Prickeln in den Ohren?

Die beiden gelegentlich Pimmelwitze erzählenden Podcaster Böhmermann und Schulz (Fest und flauschig, siehe auch hier, hier und hier) haben neulich einen gewissen Neid auf das offenbar aufstrebende Genre der Sex-Podcasts erkennen lassen. Ich glaube, es war in der Folge Leipziger Einerlei.

Bei der Gelegenheit ist mir eingefallen, dass mein Leistungsauftrag als Blogger es mir gebietet, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Ungeachtet persönlicher Opfer gilt es die Frage zu klären: Sind Sex-Podcasts ein Ding?

Geht man unvoreingenommen (und unbelastet von tatsächlichen Hör-Erlebnissen) an die Sache heran, kommt man zum Schluss, dass Sex-Podcasts ein tolles Ding sein müssen: Der Podcast ist ein intimes Medium, das eine so persönliche Beziehung zwischen Hörer und Macher entstehen lässt, wie das bei kaum einer anderen medialen Form der Fall ist. Der Podcast – und ich spreche hier vom Audio-Podcast, nicht von Videoproduktionen – ist optimal geeignet, das Kopfkino in Gang zu setzen. „Sex-Podcasts: Ein Prickeln in den Ohren?“ weiterlesen

Wie man Erinnerungen manipuliert

Vor einiger Zeit habe ich über die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sinniert. Wir habe immer mehr Möglichkeiten, mit Computern zu interagieren. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Was wäre, wenn wir Hirn und Chip direkt verbinden könnten? Wir würden uns Maus, Tastatur und Touchscreen sparen und könnten direkt in künstliche Welten eintauchen. Perfekte Immersion zu Lebzeiten. Und nach dem Tod womöglich die Chance, in emulierter Form weiterzuleben.

Das ist der Stoff, aus dem Sciencefiction-Romane sind. Andreas Eschbach hat ihn in seiner Black out/Hide out/Time out-Trilogie behandelt. Im (bislang offenbar nicht in Deutsch  erhältlichen) Buch Game Changer von Douglas E. Richards geht es um dieses Thema – aber aus einer etwas anderen und durchaus interessanten Perspektive.

In der nahen Zukunft haben die Neurowissenschaften rasante Fortschritte gemacht. Es ist möglich, Nanobots ins Hirn zu verpflanzen. Die interagieren nicht direkt mit einem System. Entsprechend ist es nicht möglich, mittels Gedanken zu kommunizieren und einen Computer zu steuern, so wie das in Eschbachs Geschichte passiert. Die Nanobots bauen eine Einweg-Verbindung auf: Sie beeinflussen die neuronalen Verknüpfungen und legen (komplett erfundene) Erinnerungen im Kopf eines Menschen ab. Sie können Gefühle wecken und stimulieren und einen epileptischen Anfall auslösen. Doch der Träger dieser Nanobots merkt nicht, dass sie da sind – und er ist komplett ahnungslos, während er aufs Übelste manipuliert wird.

Douglas E. Richards setzt bei den aktuellen Erkenntnissen zum Gedächtnis an, die der «New Yorker» in einem grossen Stück ausbreitet: You have no idea what happened, ist die Erkenntnis. Malcom Gladwell ist ein ehemaliger Autor des «New Yorker», und er geht dem Phänomen in den letzten drei Folgen der dritten Staffel seines «Revisionist History»-Podcasts nach (hier, hier und hier). Er macht es sehr deutlich: Unsere Erinnerungen funktionieren eben nicht wie Aufzeichnungen auf einer Festplatte. Sie sind trügerisch.  „Wie man Erinnerungen manipuliert“ weiterlesen

Eine Investition in die Podcast-Zukunft

Im Beitrag Spotify, das ist undurchsichtig! habe ich seinerzeit Spotifys Aufnahmeverfahren für Podcasts kritisiert: Der Streamingdienst hat zwar Podcasts aufgenommen. Die Kriterien dafür waren aber unklar – und anscheinend von seltsamen Bedingungen wie dem Hoster abhängig.

Nun hat mich Kevin neulich auf podcasters.spotify.com hingewiesen: Dort trägt man seinen Podcast ein, worauf er sogleich in der App erscheint. Er hat das mit den Nerdfunk-Sendungen getan, die nun hier zu finden sind.

Es ist hocherfreulich, dass Spotify auf mich gehört hat (hüstel, hüstel). Und ich bin gespannt, ob uns das helfen wird. Denn wie im erwähnten Beitrag und auch hier ausgeführt, finde ich es nach wie vor wichtig, dass ein Podcast nicht auf einer grossen Plattform steckt, sondern seine Unabhängigkeit wahrt. Doch dass er auch über einen Streamingdienst wie Spotify empfangbar ist, hilft enorm: Denn da ist das Publikum und die Aufmerksamkeit.

Es ist verblüffend, was für einen Effekt das hat: Meine Verschwörungstheorie der Woche ist bei Soundcloud untergebracht – unter Missachtung meines im letzten Abschnitt postulierten Grundsatzes, dass man seine Podcasts am besten unter Kontrolle hat, wenn man sie selbst hostet. Zu meiner Verteidigung ist zu sagen, dass diese Reihe nie als wirklich ernsthafter Podcast gedacht war, sondern quasi ein Abfallprodukt meiner Arbeit für den Morgomat bei Radio Stadtfilter war.

Egal, das ist nicht der Punkt:  „Eine Investition in die Podcast-Zukunft“ weiterlesen

Jeder ein Podcaster

Podcasts: Sie waren 2006 ein Ding, sind dann ausser bei ein paar Freaks in Vergessenheit geraten. Seit 2015 sind sie wieder ein Ding. Das liegt an bemerkenswert neuen und andersartigen Podcasts, die seitdem erschienen sind. Es liegt daran, dass das Podcasten einfacher geworden ist: Das technische Equipment, das man für einen gut klingenden Podcast braucht, ist erschwinglich und es gibt praktische Produktions- und Veröffentlichungshilfsmittel, zum Beispiel dank Auphonic und dem Podlove Player. Spotify und andere sind auf den Zug aufgesprungen, was die Verbreitung und Rezeption für Nicht-Tech-Freaks vereinfacht. Und Google hat eine Podcast-App gebracht.

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Direkt ab Smartphone podcasten: Jetzt braucht man nur noch eine Idee, worüber man denn reden könnte.

Aber natürlich ist der entscheidende Faktor das liebe Geld. Und da scheint sich Bemerkenswertes zu tun: Die US-Podcaster haben 2017 einen Umsatz von 314 Millionen US-Dollar erzielt. Das ist eine Steigerung um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und die Marktauguren behaupten, es gehe so weiter. Das lockt Investoren an und dürfte dem Genre noch weiter Auftrieb verleihen. Im deutschsprachigen Raum sind offenbar die Lebenshilfe-Podcasts auf dem Vormarsch oder «Spiritualität als Hype-Thema», wie es hier heisst: Eine Expertin für «Mindful Empowerment» erzielt millionenfache Downloads, was mich beeindruckt, da ich selbst niemals etwas anhören würde, was derartig dummdenglisch daherkommt.

Jedenfalls scheint der Podcast für diese neuen Podcaster mit dem Hang zum Influencertum vor allem ein Marketingverhikel zu sein. „Jeder ein Podcaster“ weiterlesen