Verbündete gegen unseren eigenen Rassismus

Drei besonnene Stimmen zum Rassismus im Alltag und wie der Kolonialismus noch heute unser Denken prägt. Nachdem die Streitereien auf Facebook und Twitter abgeklungen sind, ist eine gute Gelegenheit, auf sie zu hören.

Malcolm Ohanwe, #kritischesweisssein

Im Medientalk von SRF vom 27. Juni 2020 ging es um die Idee von Journalist Malcolm Ohanwe, der unter dem Hashtag #kritischesweisssein folgenden Aufruf gestartet hat:

Ich fand die Idee erst seltsam, dann einleuchtend – und schliesslich befolgenswert. Meine ersten Anläufe, selbst etwas beizutragen, sind bis leider kläglich gescheitert. Ich verfiel in den weinerlichen Tonfall eines apologetischen Arschlochs. Davon hat niemand etwas. Darum habe ich meine Entwürfe an der tiefsten Stelle im Garten vergraben.

Vielleicht wird irgendwann doch etwas Vernünftiges daraus. Aber bis dahin muss ich mich noch intensiv mit dem Thema und auch mit mir selbst auseinandersetzen. Zwei Podcasts haben mir auf dem Weg dahin eine erste Schützenhilfe geleistet: „Verbündete gegen unseren eigenen Rassismus“ weiterlesen

Das geht zu weit. Selbst für einen Podcast

Ein Podcast, bei dem man bei echten Therapiesitzungen zuhören kann. Und ja: Das ist so gruselig, wie es klingt.

Normalerweise stelle ich hier Podcasts für, die ich abonniert habe – oder abonnieren würde, wenn ich Zeit hätte, sie zu hören. Heute ist es indes aber tatsächlich einmal Zeit für einen Verriss.

Es geht um den Podcast Other People’s Problems vom kanadischen Radio CBC. Er beschreibt sich selbst in diesen Worten:

Echte Menschen. Echte Probleme. Echte Gespräche. Normalerweise sind Therapiesitzungen vertraulich – aber dieser Podcast öffnet die Tür. Hillary McBride und ihre Klienten wollen helfen, psychische Krankheiten zu entmystifizieren. Keine Schauspieler. Kein Vorsprechen. Keine Tricks.

Der Podcast stürzt mich gleich zu Beginn in ein Dilemma: Wieso höre ich mir ihn an? Aus ehrlichem Interesse oder doch vor allem, weil ich ein kleiner Voyeur bin? (Oder, im Fall eines Podcasts, ein «petit sale Écouteur»?) „Das geht zu weit. Selbst für einen Podcast“ weiterlesen

Eine Schweizer Podcast-Initiative, die mich ratlos lässt

Podstellar ist eine neue Schweizer Plattform, die die Podcast-Industrie disrumpieren will. Ich gebe unverwunden zu: Ich habe lange gebraucht, bis ich die Idee dahinter auch nur ansatzweise verstanden habe.

Neulich habe ich ein Mail mit der ultimativen Aufforderung bekommen, mir doch endlich mal podstellar.com anzusehen. Schliesslich beschäftige ich mich seit Jahren mit Podcasts – und hier handelt es sich um eine Podcast-Initiative aus der Schweiz.

Also, wie könnte ich mich diesem dezenten Hinweis verschliessen, dass ich, wenn ich in diesem Feld glaubhaft bleiben will, diesen Dienst kennen sollte?

Ich lade mir also die App herunter, die es bislang erst für iOS gibt. Sie erinnert mich sofort an Anchor: Das ist der Dienst, den ich im September 2018 im Beitrag Jeder ein Podcaster vorgestellt habe. Er ist im Februar 2019 von Spotify gekauft worden und untermauert das Engagement des Streamingdienstes in diesem Bereich. Genauso, wie der jüngst bekannt gewordene Deal, bei dem sich Spotify für 100 Millionen US-Dollar die Rechte an den Produktionen von Joe Rogan gesichert hat. Falls euch der Mann bislang nicht bekannt war – ich hatte auch noch nie von ihm gehört.

Die Aufnahmefunktion

Aber zurück zu Podstellar: Wie bei Anchor kann man direkt aus der App seinen Podcast aufnehmen: Man drückt auf den Aufnahmeknopf, redet, drückt Stopp, trimmt die Aufnahme am Anfang und Ende – und dann ist das Werk auch schon bereit zur Veröffentlichung. Es braucht nur noch einen Titel, ein paar Tags und ein schönes Coverbildchen. Und eine Beschreibung, aber die ist optional.

An dieser Stelle stecke ich bereits in einem Dilemma: „Eine Schweizer Podcast-Initiative, die mich ratlos lässt“ weiterlesen

Spione, Geheimnisse, Sowjets. Und enge Lederhosen

Ein Podcast führt uns vor Augen, wie toll Verschwörungstheorien eigentlich wären – wenn man sie nicht so bierernst nehmen würde, wie die Verschwörungstheoretiker das tun.

Wieder einmal hat es ein Podcast geschafft, eine breite Resonanz auszulösen. Es hätte mich aber auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Denn dieser Podcast verfügt über genau jene Ingredienz, mit der man die Neugierde der Medienmacher und des Publikums weckt.

Er setzt bei einem Kult-Ereignis an, das zumindest den älteren von uns noch bestens in Erinnerung ist. Er verspricht, es in einem ganz neuen Licht darzustellen. Er stellt die Vermutung in den Raum, das wir über Jahrzehnte über die eigentlichen Machenschaften im Dunkeln gelassen worden sind – und er verspricht, nun alles aufzuklären.

Oder, wie es die Podcast-Macher selbst umschreiben: «Spione. Geheimnisse. Sowjets. Und enge Lederhosen.»

Und um mein höchstes Lob gleich vorwegzunehmen: Dieser Podcast bringt für mich die Lust an den Verschwörungstheorien zurück. Die ist mir in letzter Zeit abhanden gekommen, weil die heutigen Verschwörungstheoretiker allesamt ideologisch operieren und am Kopf festgewachsene Scheuklappen haben. Dabei könnte und sollte man Verschwörungstheorien natürlich als intellektuelles Spiel verstehen, als Übung im logisch-strategischen Denken. Und als leichte Spielerei.

Die meisten von euch werden sicher schon gemerkt haben, worauf ich hinauswill: „Spione, Geheimnisse, Sowjets. Und enge Lederhosen“ weiterlesen

Eine schlechte Angewohnheit, die Podcaster schleunigst aufgeben müssen

Mit den Podcasts ist eine Unsitte aus der US-amerikanischen Radiokultur auch hierzulande eingeschleppt worden: Die ungenügende Trennung von Werbung und Inhalt.

Es war 1990 1991 im Spätsommer, als ich einen Freitagabend in Nashville im «Opryland» verbrachte. Auf der Bühne des Grand Ole Opry House gab es eine Parade von Sängern zu sehen, die zwei Gemeinsamkeiten hatten: Jeder hatte einen Cowboyhut auf dem Kopf und alle gaben Countrysongs zum Besten. Im Bible Belt ist dieses Genre alternativlos.

Aber es erlebte auch im Rest des Landes einen Höhenflug. Das war Billy Ray Cyrus zuzuschreiben: Ein junger Schönling, der mit Achy Breaky Heart ein Stück auf Lager hatte, das als County-Rock galt – das ich aber eher als leicht traditionell angehauchten Schlager bezeichnen würde.

Für mich war der Besuch im Mekka der Countrymusik eine leicht surreale Erfahrung. Es wurde nämlich nicht nur musiziert. Zwischendurch wurden mit breitestem Southern Drawl Witze zum Besten gegeben, von denen ich meistens den Anfang, aber selten die Pointe verstanden habe. Und zwischendurch trug der Mann, der als eine Art Conférencier war, äusserst seltsame Dinge vor:

Es schien um Seife, Traktoren und die besten Angebote in Ole mom and pop farming accessories Store (oder so ähnlich) zu gehen. Doch konnte es tatsächlich sein, dass dort in Tennessee an Konzerten zwischen den Songs Werbesprüche rezitiert werden? „Eine schlechte Angewohnheit, die Podcaster schleunigst aufgeben müssen“ weiterlesen

Jetzt oder nie in die Podcast-Welt abtauchen

Wenn wir alle dieser Tage in unseren Wohnungen hocken, ermöglichen uns Podcasts mentale Ausbuchsversuche.

Mit der Themenfindung ist es so eine Sache: Manchmal fallen einem die spannenden Themen in den Schoss. Oft muss man um sie ringen. Und manchmal bleiben die Selbstzweifel bis am Schluss.

Bei diesem Video war es so. Es geht um den Lockdown, den Stillstand des normalen Lebens. Er beschäftigt uns alle – wie könnte er auch nicht! Und er verwandelt die normalen Themen, um die es in der digitalen Welt oft geht, in banale Nebensächlichkeiten.

Darum drängt sich ein Patentrezept-Video auf. Doch gleichzeitig ist die Fallhöhe enorm: Banale Empfehlungen, auf die jeder selbst gekommen wäre, sind eine Zeitverschwendung fürs Publikum. Wenn man den Ton nicht trifft, dann ist einem Ablehnung gewiss: Eine saloppe Schreibe verbietet sich ebenso wie Dramaqueen-Allüren. Jegliche Anflüge von Clickbaiting muss man sich unbedingt verkneifen. Und auch der routinierte Alltagston verbietet sich – denn wenn man so klingt, als ob man die Sache nicht ernst nehmen würde, ist das auch mehr als kontraproduktiv.

Knifflig ist auch, dass ich die Videos mit etwas Vorlauf produziere: „Jetzt oder nie in die Podcast-Welt abtauchen“ weiterlesen

Das Podcast-Echo von #MeToo

Die beiden Podcasts «The Mysterious Mr. Epstein» und «Chasing Cosby» erzählen beide, wie zwei skrupellose Männer ihre Macht und ihr Ansehen brauchen, um Dutzende Frauen zu missbrauchen. Es gibt auch einen Unterschied: Der erste Podcast stellt den Täter ins Zentrum, der zweite die Opfer.

Dieser Tage könnte man den Eindruck bekommen, dass die Menschheit an Ort und Stelle tritt oder sogar einen Rückwärtssalto in die Voraufklärung macht. Aber manche Dinge werden auch besser – und da zähle ich die #MeToo-Bewegung dazu. Und den Umstand, dass mächtige Männer, die während Jahren und Jahrzehnten Frauen für ihre eigenen Zwecke missbrauchten, zu Objekten degradierten und vergewaltigten, nicht mehr davonkommen.

Zwei Fälle – und zwei Podcasts, die sie aufrollen.

Er hielt sich für unantastbar.

Erstens The Mysterious Mr. Epstein (RSS, iTunes, Spotify): In sechs Folgen rollt Journalist Lindsay Graham die unfassbare Lebensgeschichte von Jeffrey Epstein auf.

Der Podcast erzählt den sagenhaften Aufstieg zum Finanzmogul und Milliardär: Wie Epstein zu einem Mann wird, der mit den Mächtigen per Du ist und nicht nur Präsident Clinton, sondern auch Donald Trump, Prinz Andrew oder Bill Gates kennt, trifft und umgarnt.  Und der sich junge Frauen und minderjährige Mädchen routinemässig zuführen lässt, um sie sexuell zu missbrauchen.

Die Stärke dieses Podcasts ist, dass er die Ungeheuerlichkeiten nüchtern, aber nicht ohne Empathie erzählt – und sich mit moralischer Entrüstung zurückhält. Die ist nämlich schlicht nicht nötig, weil die Fakten alleine empörend genug sind. „Das Podcast-Echo von #MeToo“ weiterlesen

Von Einhörnern und Geschäftskriegern

David Brown ist ein Journalist, der seine Sporen beim NPR abverdient und nebenbei auch ein Anwaltspatent hat. Er hat beim Wondery-Podcast-Netzwerk, das hier auch schon Thema war, zwei bemerkenswerte Podcasts.

Einer wird gewinnen.

Erstens Business Wars (RSS, Spotify, iTunes): Hier geht es, wie der Name sagt, um die Kämpfe in der Geschäftswelt. Die werden oftmals mit harten Bandagen ausgefochten, was man zum Beispiel im Fall Netflix gegen Blockbuster vor Augen geführt bekommt. Hier gibt es alles, was man sich für einen spannenden Krimi wünscht: Werkspionage, geltungssüchtige Risikokapitalgeber, unfähige und arrogante CEOs, ein technisches Wunderkind (Reed Hastings) und allerlei Irrungen und Wirrungen.

David Brown geht noch vielen anderen ikonischen Rivalen-Pärchen nach: Nintendo gegen Sony, Boeing gegen Airbus, Ford gegen Chevrolet, Hershey gegen Mars oder Facebook gegen Snapchat.

Natürlich ist dieser Podcast zwischendurch zu Amerika-zentristisch. „Von Einhörnern und Geschäftskriegern“ weiterlesen

Denkanstösse von der BBC

Die BBC macht hörenswerte Podcasts. Im Beitrag Der Adler ist in der Podcast-App gelandet habe ich «13 Minutes to the Moon» vorgestellt – noch immer ein heisser Tipp, der auch recht gut zu For All Mankind passt. Da sieht man nämlich, dass eine Dokumentation in Sachen Spannung nicht hinter der Fiktion zu verstecken braucht. Nebenbei bemerkt: Die zehnte Folge des Podcasts trägt genau den Titel «For all mankind».

Die grossen Fragen sind offensichtlich nur von einem dünnen Papierchen bedeckt.

Aus der gleichen Ecke, nämlich von BBC World Service kommt der Podcast The Inquiry. Vier Experten geben Antwort auf eine Frage. Und der Anspruch ist, dass diese Antworten tiefer blicken lassen, als es der typische News-Artikel und die klassische Schlagzeile tut. Es soll um, Zitat, «die Trends, Kräfte und Ideen gehen, die die Welt gestalten».

Das ist ein hoher Anspruch: Ein Podcast zu den wesentlichen Fragen – nicht zu den Nebensächlichkeiten, die in den Medien sonst so breitgetreten werden. Das ist auch ein bisschen arrogant. Aber wer, wenn nicht die BBC, darf sich einen gewissen Dünkel erlauben? „Denkanstösse von der BBC“ weiterlesen

Das Revival des Hörspiels

Blood Ties – zu Deutsch: Blutsbande.

Der Auslöser für diesen Blogpost ist der Podcast Blood Ties (RSS, iTunes, Spotify). Er erzählt, wie Eleonore und Michael Richland in die Bredouille geraten, nachdem die Eltern der beiden mit einem Flugzeug abgestürzt sind. Die Mutter ist tot, der Vater verschwunden. Und nicht nur das: Es ruft auch noch eine Reporterin an, die sagt, sie hätte belastende Informationen über den Vater Richland, einen Kardiologen von Weltruhm.

Der Podcast selbst ist ganz unterhaltsam, aber kein Meilenstein in der Podcastgeschichte. Zumindest inhaltlich nicht: Die Handlung ist ein locker-flockiges Gemisch aus Familiengeheimnissen, einer Verschwörung und #MeToo. Die etwas naive Hauptfigur, Eleonore Richland, muss erkennen, dass ihr Vater nicht der war, als den sie ihn kannte. Und auch ihr Bruder kommt reichlich schräg rüber.

Was ich allerdings bemerkenswert finde: Es handelt sich hier um einen Podcast mit fiktionalem Inhalt. «Blood Ties» ist ein klassisches Hörspiel. Diese Geschichte wäre früher im Radio ausgestrahlt worden. Selbst die Länge von um die 20 Minuten pro Folge würde passen.

Ich habe mich daraufhin gefragt, wie es eigentlich um das Hörspiel bestellt ist. „Das Revival des Hörspiels“ weiterlesen