Jetzt oder nie in die Podcast-Welt abtauchen

Wenn wir alle dieser Tage in unseren Wohnungen hocken, ermöglichen uns Podcasts mentale Ausbuchsversuche.

Mit der Themenfindung ist es so eine Sache: Manchmal fallen einem die spannenden Themen in den Schoss. Oft muss man um sie ringen. Und manchmal bleiben die Selbstzweifel bis am Schluss.

Bei diesem Video war es so. Es geht um den Lockdown, den Stillstand des normalen Lebens. Er beschäftigt uns alle – wie könnte er auch nicht! Und er verwandelt die normalen Themen, um die es in der digitalen Welt oft geht, in banale Nebensächlichkeiten.

Darum drängt sich ein Patentrezept-Video auf. Doch gleichzeitig ist die Fallhöhe enorm: Banale Empfehlungen, auf die jeder selbst gekommen wäre, sind eine Zeitverschwendung fürs Publikum. Wenn man den Ton nicht trifft, dann ist einem Ablehnung gewiss: Eine saloppe Schreibe verbietet sich ebenso wie Dramaqueen-Allüren. Jegliche Anflüge von Clickbaiting muss man sich unbedingt verkneifen. Und auch der routinierte Alltagston verbietet sich – denn wenn man so klingt, als ob man die Sache nicht ernst nehmen würde, ist das auch mehr als kontraproduktiv.

Knifflig ist auch, dass ich die Videos mit etwas Vorlauf produziere: „Jetzt oder nie in die Podcast-Welt abtauchen“ weiterlesen

Das Podcast-Echo von #MeToo

Die beiden Podcasts «The Mysterious Mr. Epstein» und «Chasing Cosby» erzählen beide, wie zwei skrupellose Männer ihre Macht und ihr Ansehen brauchen, um Dutzende Frauen zu missbrauchen. Es gibt auch einen Unterschied: Der erste Podcast stellt den Täter ins Zentrum, der zweite die Opfer.

Dieser Tage könnte man den Eindruck bekommen, dass die Menschheit an Ort und Stelle tritt oder sogar einen Rückwärtssalto in die Voraufklärung macht. Aber manche Dinge werden auch besser – und da zähle ich die #MeToo-Bewegung dazu. Und den Umstand, dass mächtige Männer, die während Jahren und Jahrzehnten Frauen für ihre eigenen Zwecke missbrauchten, zu Objekten degradierten und vergewaltigten, nicht mehr davonkommen.

Zwei Fälle – und zwei Podcasts, die sie aufrollen.

Er hielt sich für unantastbar.

Erstens The Mysterious Mr. Epstein (RSS, iTunes, Spotify): In sechs Folgen rollt Journalist Lindsay Graham die unfassbare Lebensgeschichte von Jeffrey Epstein auf.

Der Podcast erzählt den sagenhaften Aufstieg zum Finanzmogul und Milliardär: Wie Epstein zu einem Mann wird, der mit den Mächtigen per Du ist und nicht nur Präsident Clinton, sondern auch Donald Trump, Prinz Andrew oder Bill Gates kennt, trifft und umgarnt.  Und der sich junge Frauen und minderjährige Mädchen routinemässig zuführen lässt, um sie sexuell zu missbrauchen.

Die Stärke dieses Podcasts ist, dass er die Ungeheuerlichkeiten nüchtern, aber nicht ohne Empathie erzählt – und sich mit moralischer Entrüstung zurückhält. Die ist nämlich schlicht nicht nötig, weil die Fakten alleine empörend genug sind. „Das Podcast-Echo von #MeToo“ weiterlesen

Von Einhörnern und Geschäftskriegern

David Brown ist ein Journalist, der seine Sporen beim NPR abverdient und nebenbei auch ein Anwaltspatent hat. Er hat beim Wondery-Podcast-Netzwerk, das hier auch schon Thema war, zwei bemerkenswerte Podcasts.

Einer wird gewinnen.

Erstens Business Wars (RSS, Spotify, iTunes): Hier geht es, wie der Name sagt, um die Kämpfe in der Geschäftswelt. Die werden oftmals mit harten Bandagen ausgefochten, was man zum Beispiel im Fall Netflix gegen Blockbuster vor Augen geführt bekommt. Hier gibt es alles, was man sich für einen spannenden Krimi wünscht: Werkspionage, geltungssüchtige Risikokapitalgeber, unfähige und arrogante CEOs, ein technisches Wunderkind (Reed Hastings) und allerlei Irrungen und Wirrungen.

David Brown geht noch vielen anderen ikonischen Rivalen-Pärchen nach: Nintendo gegen Sony, Boeing gegen Airbus, Ford gegen Chevrolet, Hershey gegen Mars oder Facebook gegen Snapchat.

Natürlich ist dieser Podcast zwischendurch zu Amerika-zentristisch. „Von Einhörnern und Geschäftskriegern“ weiterlesen

Denkanstösse von der BBC

Die BBC macht hörenswerte Podcasts. Im Beitrag Der Adler ist in der Podcast-App gelandet habe ich «13 Minutes to the Moon» vorgestellt – noch immer ein heisser Tipp, der auch recht gut zu For All Mankind passt. Da sieht man nämlich, dass eine Dokumentation in Sachen Spannung nicht hinter der Fiktion zu verstecken braucht. Nebenbei bemerkt: Die zehnte Folge des Podcasts trägt genau den Titel «For all mankind».

Die grossen Fragen sind offensichtlich nur von einem dünnen Papierchen bedeckt.

Aus der gleichen Ecke, nämlich von BBC World Service kommt der Podcast The Inquiry. Vier Experten geben Antwort auf eine Frage. Und der Anspruch ist, dass diese Antworten tiefer blicken lassen, als es der typische News-Artikel und die klassische Schlagzeile tut. Es soll um, Zitat, «die Trends, Kräfte und Ideen gehen, die die Welt gestalten».

Das ist ein hoher Anspruch: Ein Podcast zu den wesentlichen Fragen – nicht zu den Nebensächlichkeiten, die in den Medien sonst so breitgetreten werden. Das ist auch ein bisschen arrogant. Aber wer, wenn nicht die BBC, darf sich einen gewissen Dünkel erlauben? „Denkanstösse von der BBC“ weiterlesen

Das Revival des Hörspiels

Blood Ties – zu Deutsch: Blutsbande.

Der Auslöser für diesen Blogpost ist der Podcast Blood Ties (RSS, iTunes, Spotify). Er erzählt, wie Eleonore und Michael Richland in die Bredouille geraten, nachdem die Eltern der beiden mit einem Flugzeug abgestürzt sind. Die Mutter ist tot, der Vater verschwunden. Und nicht nur das: Es ruft auch noch eine Reporterin an, die sagt, sie hätte belastende Informationen über den Vater Richland, einen Kardiologen von Weltruhm.

Der Podcast selbst ist ganz unterhaltsam, aber kein Meilenstein in der Podcastgeschichte. Zumindest inhaltlich nicht: Die Handlung ist ein locker-flockiges Gemisch aus Familiengeheimnissen, einer Verschwörung und #MeToo. Die etwas naive Hauptfigur, Eleonore Richland, muss erkennen, dass ihr Vater nicht der war, als den sie ihn kannte. Und auch ihr Bruder kommt reichlich schräg rüber.

Was ich allerdings bemerkenswert finde: Es handelt sich hier um einen Podcast mit fiktionalem Inhalt. «Blood Ties» ist ein klassisches Hörspiel. Diese Geschichte wäre früher im Radio ausgestrahlt worden. Selbst die Länge von um die 20 Minuten pro Folge würde passen.

Ich habe mich daraufhin gefragt, wie es eigentlich um das Hörspiel bestellt ist. „Das Revival des Hörspiels“ weiterlesen

Ein Gerichtsdrama im Podcast-Format

Was würde besser zur Weihnachtszeit passen, als ein Hörbuch zur Roten Armeefraktion? Klar: Eine ganze Menge –all die Dinge, die typischerweise aus der eher kitschigen Ecke des Lebens kommen. Aber da wir alle sowieso auf eine Überdosis Zimt und Kardamom, Kerzenduft und Glöckchengeläut zusteuern, ist meine Empfehlung vielleicht doch nicht so schlecht.

Es handelt sich um die Audio-Dokumentation «Die Stammheim-Tonbänder». Das ist eine Produktion des WDR, die man sich dort auch anhören kann. Es gibt sie auch als Hörbuch bei Audible, das man auch bei Spotify hören kann. Und unter dem Titel «Die Stammheim-Bänder» findet man die Produktion auch bei Spotify.

O-Töne von der Gerichtsverhandlung.

Bei dieser Produktion gibt es Originaltöne aus der Gerichtsverhandlung gegen die Köpfe der RAF Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Verhandlung fand in einem eigens gebauten Gebäude neben dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim statt. Sie wurde damals auf Tonband mitgeschnitten, damit die Protokollführer sicherstellen konnten, dass die Mitschriften auch akkurat sind. Die Bänder sollten nach der Transkription jeweils überspielt werden. Das ist aber nicht vollständig passiert. „Ein Gerichtsdrama im Podcast-Format“ weiterlesen

Eine Handvoll Podcasts zu drei spannenden Themen

2019 wird als das Jahr eingehen, in dem die Podcasts so richtig in Fahrt gekommen sind. Ich habe einige denkwürdige Produktionen vorgestellt: Hier zum Beispiel die Aufarbeitung des Sterns  zum Skandal der gefälschten Hitler-Tagebücher. Oder hier eine grossartige Produktion der BBC zum fünfzigsten Jubiläum von Apollo 11 und der Landung auf dem Mond.

Darum hier noch einige Empfehlungen, mit denen dieses Podcast-Jahr gut ausklingt:

Dreissig Jahre Mauerfall. Ich habe einige spannende Podcasts dazu gehört: Marianne Birthler in der Zeitblende von Radio SRF von 2014. Holger Klein hat bei Wrint mehrere Gespräche geführt: Hier mit Historiker Matthias von Hellfeld, hier mit Sozialkundler Thomas Brandt und hier mit Ilko-Sascha Kowalczuk.

Das letzte Gespräch war für mich das spannendste, weil der Gesprächspartner die Materie einerseits theoretisch, andererseits aus eigener Erfahrung hervorragend kennt und die wissenschaftliche und die persönliche Sicht homogen miteinander verbindet. „Eine Handvoll Podcasts zu drei spannenden Themen“ weiterlesen

War ers oder war ers nicht?

Es ist unverkennbar: Der Podcast hat es geschafft, zu einem eigenen, ernsthaften Medium zu werden – und er hat seine eigene Sprache gefunden. Er ist nicht mehr bloss Radio in Konservenform oder ein im Netz veröffentlichtes Stammtischgespräch. Er verwendet zwar bekannte Versatzstücke – doch auf eine eigenständige, glaubwürdige Weise.

Ich komme zu diesem Schluss, weil ich in letzter Zeit immer wieder Produktionen begegne, die das leisten, was nur ein Podcast zu leisten vermag. Sie sind kein  Radiofeature, keine Fernsehdokumentation ohne Bild und kein Hörspiel. Sondern eine Audio-Erzählung, bei der die Stimme des Erzähler im Zentrum eines dichten Geflechts aus Gesprächen, O-Tönen, Atmo und Musik steht. Die Geschichte beruht auf Tatsachen, doch die Präsentation erinnert an eine Abenteuergeschichte, die der Erzähler nun brühwarm am Lagerfeuer zum Besten gibt.

Der Podcast hat keine Angst, in die Tiefe zu gehen, Details auszuwalzen und auch Nebenaspekte in extenso zu beleuchten. „War ers oder war ers nicht?“ weiterlesen

Per Podcast in die Mörderseele blicken

Es gibt diesen Medientrend, den man im Satz «Krimis sind gut, aber echte Kriminalfälle sind besser» zusammenfassen könnte. Er nennt sich True Crime und kommt natürlich aus den USA. Ich habe neulich das Sachbuch «Chase Darkness with Me» zu diesem Thema vorgestellt (Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung). Heute habe ich eine dazu passende Podcast-Empfehlung.

In Man in the Window (RSS, Spotify, Itunes) wird der Fall des Golden State Killers aufgerollt. Das ist einer der spektakulärsten Serien-Verbrecher aus Kalifornien, der seine Taten vor Jahrzehnten verübte. Joseph James DeAngelo hat zwischen 1974 und 1986 Einbrüche verübt, Vergewaltigungen begangen und zuletzt auch gemordet.

13 Morde, fünfzig Vergewaltigungen und hundert Einbrüche waren all die Jahre unaufgeklärt, so genannte «Cold Cases» – die aber manche Leute nicht losgelassen haben. „Per Podcast in die Mörderseele blicken“ weiterlesen

Der Adler ist in der Podcast-App gelandet

Der 50. Jahrestag der Apollo 11 Mission ist ein Grund für Freude. Nicht  nur, weil es noch immer beeindruckend ist, dass dieses waghalsige Unterfangen vor einem halben Jahrhundert tatsächlich geklappt hat. Sondern auch, weil es viele Möglichkeiten gibt, dieses grandiose Ereignis noch einmal zu erleben – oder überhaupt erst zu entdecken.

Eine schöne Website zum Thema habe ich vor Kurzem vorgestellt. Heute geht es nun um einen sehr hörenswerten Podcast. Er heisst 13 Minutes to the Moon (RSS) und stammt von BBC World Service, respektive von Kevin Fong. Er ist von Berufes wegen Anästhesist, gehört aber zu jener Gattung Mensch, die aus ihrer Begeisterung für die Raumfahrt keinen Hehl machen will. Und darum hat er sich auf eine Reise zu den Schauplätzen und Personen gemacht, die vor fünfzig Jahren Teil dieses Menschheitsabenteuers waren.

Im Zentrum stehen die letzten 13 Minuten vor der Landung, die besonders dramatisch verliefen. Der Computer funktionierte nicht, wie er sollte, sondern gab einen Fehlercode von sich – ein Code, der erst einmal gedeutet werden musste. „Der Adler ist in der Podcast-App gelandet“ weiterlesen