Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand

Nach Verbrechen, der Bibel und Sex nun auch noch die USA – ich bespreche «OK, America?» von «Die Zeit» und analysiere, warum es ausgerechnet einer Wochenzeitung gelungen ist, eine stringente Podcast-Strategie auf die Beine zu stellen.

Ich kann nicht versprechen, dass ich hier im Blog alle Podcasts von «Die Zeit» besprechen werde. Ich habe zwar hier «Zeit Verbrechen», hier «Woher weisst du das?», in dem es um Sex geht, vorgestellt. Und hier «Unter Pfarrerstöchtern» zur Bibel.

Aber es gibt bei «Die Zeit» noch eine ganze Menge mehr zu hören. Auf dieser Seite habe ich  ein Dutzend Serien gezählt. Plus drei, die im Moment auf Eis liegen. Zu den pausierenden Produktionen gehört ausgerechnet der Digitalpodcast mit dem klingenden Namen Wird das was? – was in dem Fall selbstreferenziell gemeint sein könnte.

Ob das noch was wird?

Zugegeben: Tech-Podcasts gibt es mehr als genug, auch in meinem Podcatcher. Ich bin mir übrigens meiner Schuld bewusst, selbst zu diesem Missstand beizutragen, indem wir auch beim Nerdfunk dieses übernutzte Feld beackern. „Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand“ weiterlesen

Ein Podcast über ein poetisches Geschichtsbuch

Da ich mich bei der Religion schon aufführe wie ein Veganer, der sich reflexartig von den Fleischfressern distanziert, habe ich mir selbst eine Therapie verortet: Ich höre mir jetzt den Podcast «Unter Pfarrerstöchtern» an.

Neulich wollte meine Tochter (knapp 4⅔ Jahre alt) wissen, wie das mit Adam und Eva war. Sie hatte die Geschichte irgendwo aufgeschnappt und sie interessant gefunden – was sie ohne Zweifel auch ist.

Aha, dachte ich: Das sind also diese Situationen, in die man als Vater unvermittelt hineingerät: Eine komplett spontane Erklärung zu einem Thema ist gefragt, bei dem man sich vorab gerne ein paar Gedanken zurechtgelegt hätte. Ähnlich wie im letzten Sommer im Kinderzoo Rapperswil, als vor aller Augen der Elefantenbulle die Elefantenkuh bestieg.

Ich habe ihr die Geschichte erzählt, die, wie gesagt, interessant genug ist, um jederzeit erzählt zu werden. Und ich habe über mein anfängliches Zögern nachgedacht und bin zur Erkenntnis gelangt, dass das weder mit der Bibel etwas zu tun hat, noch mit Adam und Eva, sondern vielmehr mit mir selbst. Ich betrachte mich als Atheist, bzw. genauer, als Agnostiker.

Genauso schlimm wie die Veganer

Das hat ein zwiespältiges Verhältnis zu der Religion zur Folge: Leute wie ich haben das Bedürfnis, sogleich zu betonen, dass wir genauso wenig an die Geschichte von Adam und Eva glauben, wie an das fliegende Spaghettimonster. Es gibt diesen Impuls, uns abzugrenzen; ähnlich, wie das die Vegetarier und Veganer gegenüber den Fleischfressern tun. Man könnte schliesslich für einen Kreationisten gehalten werden; Gott bewahre!

Aber diesen Drang muss man kontrollieren können, fand ich. Und zwar nicht einfach so, sondern mit Souveränität und Gelassenheit.

Darum habe ich etwas getan, was ich schon länger vorhatte: „Ein Podcast über ein poetisches Geschichtsbuch“ weiterlesen

Obamas und Springsteens Mogelpackung

Ist es ein klassischer Laberpodcast oder doch ein politisches Manifest? Ich habe mir «Renegades: Born in the USA» angehört.

Früher waren es ein paar einsame Technikfreaks, die in ihren Männerhöhlen hingehockt sind und angefangen haben, in Mikrofone zu sprechen – mit dem Ziel, nicht unter Leute zu müssen und Konversationen von Angesicht zu Angesicht abzuhalten. Und wenn diese Formulierung abschätzig klingen sollte, so ist sie absolut nicht so gemeint: Als bekennender Nerd habe ich maximales Verständnis für diese sozial distanzierte Form der kommunikativen Interaktion.

Heute komme ich nicht umhin zu bemerken, dass es nicht mehr die Streber, Nerds und Eigenbrödler sind, die Podcasts machen. Spotify hat diese romantische Vorstellung im Februar mit einer Pressemeldung gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gebe nun einen Podcast mit Barack Obama und Bruce Springsteen, schrieb der Streaminganbieter. Ein ehemaliger US-Präsident und einer der kommerziell erfolgreichsten Musiker im Rockgeschäft: Es gibt wenige Kombinationen, die weniger outsidrig wären. „Obamas und Springsteens Mogelpackung“ weiterlesen

Bahnbrechende Erkenntnisse zu Sex-Podcasts

Ich dachte, der Sexpodcast sei tot. Doch siehe da, er ist ein Stehaufmännchen!

Ich habe gedacht, das Thema sei abgeschlossen. Im Beitrag Ein Prickeln in den Ohren? habe ich mich zu den Sex-Podcasts geäussert und ein Urteil gefällt, von dem ich glaubte, es sei abschliessend: in der Theorie grossartig, aber in Echt völlig unbrauchbar.

Nun habe ich zufälligerweise festgestellt, dass auch «Die Zeit» einen Sexpodcast im Angebot hat. Ist das normal? heisst er und wird von Zeit-Wissensredakteur Sven Stockrahm und Sexualtherapeutin und Ärztin Melanie Büttner betreut (RSS, Apple iTunes, Spotify, Deezer).

Damit war meine erklärte Absicht, mich um das Thema zu foutieren, hinfällig. „Bahnbrechende Erkenntnisse zu Sex-Podcasts“ weiterlesen

Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört

«Verbrechen» von «Die Zeit» gehört zu den führenden Podcasts zu wahren Verbrechen im deutschsprachigen Raum. Nicht zu Unrecht – weil die starken Erzählungen auch ohne formale Sperenzchen wirken.

Hier im Blog habe ich immer mal wieder Podcasts zu wahren Verbrechen vorgestellt, zum Beispiel hier zum Schweizer Jahrhundert-Postraub oder hier zur epischen Aufarbeitung des Verschwindens einer Frau aus dem US-Bundesstaat Utah. Aber natürlich hat alles mit der Besprechung von «Serial» begonnen: Das ist die Mutter aller True-Crime-Podcasts, die stilbildend für den modernen Podcast war.

Leichen, auf dem Silbertablett serviert.

Es ist somit unvermeidlich, auf den folgenden Podcast einzugehen. Es handelt sich in meiner Wahrnehmung um den wichtigsten Podcast aus dem deutschsprachigen Raum, in dem wahre Verbrechen aufgearbeitet werden.

Er heisst schlicht Verbrechen, stammt von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und existiert seit April 2018. Zu finden ist er bei iTunes und bei Spotify, den RSS-Feed gibt es hier.

Ich muss zugeben, dass ich erst etwas enttäuscht war. Ich hatte eine Produktion nach dem Vorbild von «Serial» erwartet, mit einer aufwändig inszenierten Erzählung, O-Tönen, Atmosphäre und Musik – und einer wilden Aufklärungsjagd, bei der man als Hörer annähernd live mit dabei ist.

Stattdessen erwartet einen eine Situation, wie man sie von Laberpodcasts her kennt: „Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört“ weiterlesen

Cineastische Feinkost im Breitbildformat

Zweieinhalb heisse Tipps in einem einzigen Blogpost: Ihr erfahrt von zwei Filmpodcasts, die beide «70mm» heissen. Und von einem spannenden netzkulturellen Phänomen für Filmnerds.

Podcasts für Cineasten sind nicht gerade ein seltenes Phänomen – eher im Gegenteil. Es gibt sie in allen Geschmacksrichtungen und für sämtliche Vorlieben. Und auch in exotischen bis absurden Ausprägungen.

In die letztere Kategorie würde ich Minutenweise Matrix einsortieren. Bei diesem Projekt sind eine Handvoll Verrückter – und es tut mir leid, dass mir keine andere Bezeichnung für diese Leute einfällt – auf die Idee verfallen, den Film Matrix von 1999 und den Wachowskis, in Schnipsel von je einer Minute aufzuteilen und in einer einzelnen Podcast-Folge zu würdigen: «Insgesamt sind wir auf knapp 70 Stunden gekommen, um diesen 137 Minuten dauernden Film zu besprechen.»

Sosehr ich das Engagement schätze, fehlt mir leider die Zeit für derlei Eskapaden. Aber ich verspreche: Nach meiner Pensionierung werde ich mir ein, zwei Folgen anhören.

Aber ich habe einen Film-Podcast entdeckt, der mir nach einigen Folgen noch immer gut gefällt: „Cineastische Feinkost im Breitbildformat“ weiterlesen

Spotify fördert die Podcasts zu Tode

Aus dem freien Netz in die eigene App: Spotify setzt alles daran, Podcasts zu kommerzialisieren und zur dominanten Plattform zu werden. Das könnte das Ende einer Graswurzel-Bewegung bedeuten.

Beitragsbild: Tim Pritlove an der Konferenz «Das ist Netzpolitik!» von netzpolitik.org von Jason Krüger/Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Darf man Tim Pritlove als den Übervater der deutschen Podcast-Landschaft bezeichnen? Ich bin mir sicher, dass er sich über diesen Titel lustig machen würde. Wohl zu Recht, weil mit ihm eine Verantwortung einhergehen würde, die ich mir auch nicht auf die Schultern würde laden wollen. Darum vielleicht «Podcast-Übervater ehrenhalber»?

Unbestritten ist, dass Pritlove, den ich seinerzeit kurz persönlich getroffen habe, nicht unschuldig daran ist, dass Podcasts im deutschsprachigen Raum nicht nur Fuss gefasst haben, sondern aus dem Medienmix nicht mehr wegzudenken sind. Das wäre sicherlich auch ohne ihn passiert – aber die hiesige Landschaft wäre ohne seinen Einfluss weniger lebendig und vielfältig.

Und keine Angst, das wird kein Nachruf, der Podcast-Übervater h.c. lebt noch. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das für seinen Glauben an «sein» Medium noch gilt. Denn neulich gab es von ihm einen Tweet zu lesen, der einen niedergeschlagenen und betrübten Eindruck hinterliess: „Spotify fördert die Podcasts zu Tode“ weiterlesen

Was zum Teufel passiert da in Amerika?

Von wegen «It can’t happen here»: Die republikanische Partei liebäugelt mit dem Totalitarismus – und ich erkläre hier, wie ich versucht habe, das zu verstehen.

Wie den meisten von uns steckt mir die US-Wahl noch in den Knochen: Die Zitterpartie. Die Erleichterung. Und dann das Erstaunen über das demokratiefeindliche Verhalten der Wahlverlierer.

Nun, dass Donald Trump seine Niederlage nicht eingesteht, war nicht überraschend. Er hat uns schon 2016 zu verstehen gegeben, dass er nur einen Sieg akzeptieren werde. Doch was ich nicht erwartet habe, ist die Gefolgschaft seiner Partei. Was ist aus der guten alten Tradition geworden, einen Verlierer fallen zu lassen wie eine heisse Kartoffel?

Die Erkenntnis, wie stark die Methode Trump Fuss fassen konnte, hat mich erschüttert. Auch hier in der Schweiz: Wie eine kleine, aber lautstarke Minderheit ihn auf Twitter verteidigt und die Legende vom gestohlenen Sieg kolportiert, ist faszinierend. Zum Beispiel Roger Köppel: „Was zum Teufel passiert da in Amerika?“ weiterlesen

Was soll dieser Scheiss?

Die QAnon-Verschwörungstheorie gehört zu dem unerfreulichsten, was das Internet jemals hervorgebracht hat. Ein Podcast beleuchtet die Hintergründe – und erklärt Internetphänomene wie 8chan, die Normalos wie ich bis heute nicht verstanden haben.

Neulich habe ich Q Clearance entdeckt. Das ist ein Podcast über «QAnon», den es auch bei iTunes, Spotify und Google gibt.

«QAnon» seinerseits ist eine hirnrissige Verschwörungstheorie. Wikipedia beschreibt diese Theorie wie folgt: «Zentral ist die beleglose Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen.»

Die Heldenfigur der Leute, die an diese Verschwörungstheorie glauben, ist Donald Trump. Und bereits an dem Punkt stellt sich die Frage: Lohnt es sich überhaupt, sich mit dieser Verschwörungstheorie zu beschäftigen? Oder ist die Beschäftigung mit diesem Thema so sinnlos, dass man es besser gleich bleiben lässt?

Die Folge How to Extract Adrenochrome from Children des Skeptoid-Podcasts (siehe Ein besserer Aufklärer als Facebook) hat sich mit der zentralen Behauptung beschäftigt, es würde eine Droge aus Kindern extrahiert. Und der Befund ist eindeutig: „Was soll dieser Scheiss?“ weiterlesen

Statt ein guter hätte das ein hervorragender Podcast werden können

Teil zwei meiner grossen SRF-Podcast-Kritik: Die verpassten Chancen bei «Es geschah am – Postraub des Jahrhunderts».

Im Beitrag Was SRF von Old Shatterhand hätte lernen sollen ging es darum, dass sich SRF redlich bemüht, uns Podcast-Fans authentisches Hörfutter zu liefern – Produktionen, die nicht bloss abgefüllte Radiosendungen sind, sondern auch formal Neuland betreten.

Man nennt das auf Neudeutsch gerne Storytelling. Und weil ich mich jedes Mal schmutzig und unwürdig fühle, wenn ich diesen Begriff in den Mund nehme oder in meine Tastatur tippe, ist an dieser Stelle keine kleine Tirade unumgänglich. Also, bringen wir die schnell hinter uns:

Storytelling ist ein absoluter Bullshit-Begriff. Er zeigt vor allem, wie sehr wir uns nach wie vor von englischen Wörtern beeindrucken lassen. Wikipedia begründet das Phänomen mit der «Vorherrschaft der englischen Sprache in Wirtschaft, Wissenschaft, Popmusik und Informatik». „Statt ein guter hätte das ein hervorragender Podcast werden können“ weiterlesen