Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film

Ein gutes Beispiel, wie die Medien ihre Rolle als vierte Macht wahrnehmen – per Podcast sogar global: Die «New York Times» erinnert mit «Day X» Deutschland daran, die Gefahr der rechtsextremen Netzwerke nicht zu unterschätzen.

Ich mag die Floskel «Wie in einem billigen Film» nicht. Sie besagt, dass in Realität eine ganz unglaubliche Sache passiert ist – eine Angelegenheit, die derartig unwahrscheinlich ist, dass wir keine realen Vergleichsgrössen haben. Darum wäre es uns eigentlich lieber, wenn dieses Vorkommnis nur ausgedacht wäre, weil dann die Grenzen unserer Wirklichkeit nicht verschieben müssten.

Zwei Dinge: Es kann sinnvoll und erhellend sein, wenn wir die Gelegenheit haben, die Grenzen unserer Wirklichkeit zu verschieben; darum sollte man das nicht leichthin abqualifizieren. Und zweitens sind Drehbuchautoren offenbar die Leute, mit der lebhaftesten Fantasie – weswegen sie eigentlich unseren Respekt verdienen und nicht zum Buhmann in einem platten Phraseologismus degradiert werden sollten.

Und was soll das mit dem «schlechten» Film? Wenn ein solcher angesagt ist, geben sich die Drehbuchautoren offenbar besonders wenig Mühe, glaubhaft zu sein und schämen sich noch nicht einmal für ihre deplatzierten geistigen Ausgeburten?

Es kann nicht fantastisch genug sein

Das ist natürlich Unfug. Es ist die Aufgabe der Kunst – nicht nur beim Film, sondern überhaupt –, auch den ganz fantastischen Gedanken Raum zu geben. Auch ganz unglaubwürdige Ideen sind erlaubt – was einen Film noch lange nicht zu einem schlechten Film macht. Ganz im Gegenteil: Schlecht ist ein Film nicht, weil er nicht mit unserem Alltagserleben übereinstimmt. Nein, schlecht ist ein Film, wenn er uns sein Thema – egal ob fantastisch oder realistisch – nicht zu vermitteln vermag.

Okay, jetzt bin ich ziemlich vom Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich nur zu verstehen geben, dass ich die Redewendung «Wie in einem billigen Film» heute verwenden würde, wenn ich nicht so eine grosse Abneigung gegen sie hegen würde. Denn die Beschreibung des Podcasts, um den es heute gehen soll, klingt so, als werde das Thema reichlich überverkauft:

Wie ein Militäroffizier und eine gefälschte Flüchtlingsidentität Teil eines angeblichen rechtsextremen Komplotts zum Sturz der deutschen Regierung waren.

Nur stammt der Podcast nicht von einem Medium, das für Clickbait-Exzesse bekannt wäre, sondern von der seriösen «New York Times». Und vor allem werden die Unterstellungen bereits in den ersten beiden Folgen, die bislang erschienen sind, solide untermauert. Darum muss man diese Ausgangslage für bare Münze nehmen.

Der Tag X – wenn in Deutschland die Rechtsextremen übernehmen

Übers Land verteilte «Patrioten».

Es geht um den Podcast Day X, verfügbar via RSSiTunes und Spotify. Katrin Bennhold, die Chefin des Berlin-Büros der «New York Times» beginnt ihre Recherche bei Franco A.:

Das ist ein Soldat der deutschen Bundeswehr, der als solcher erst untergetaucht und dann als angeblicher syrischer Flüchtling im Dezember 2015 wieder auftaucht ist. A. wollte in der Rolle als Flüchtling offenbar einen Terroranschlag verüben, um die Stimmung gegen die Ausländer anzuheizen und letztlich die politische Ordnung in Deutschland zu destabilisieren.

Schon die erste Folge mit dem Titel Shadow Army? räumt mit der Vermutung auf, es könnte sich bei Franco A. um einen Einzeltäter handeln. Es werden Verbindungen zur Nordkreuz-Gruppe nachgewiesen, die sich für den «Tag X» vorbereiten, der dem Podcast den Namen gab.

Am Tag X sollen politische Gegner ausgeschaltet und ein bewaffneter Umsturz herbeigeführt werden. Ein Aussteiger aus dieser Szene berichtet in der ersten Folge, wie weit diese Fantasien gingen. Und der Zuhörer erfährt, wie vernetzt die Verschwörer sind: Ein Lokalpolitiker beschreibt, wie eine Skizze seines Hauses, die die Polizei nach einer Drohung angefertigt hat, später bei Angehörigen dieser Prepper-Gruppe aufgefunden wurde.

Keine ganz neuen Erkenntnisse

Diese Erkenntnisse sind nicht neu; Sascha Lobo hat beim «Spiegel» vieles davon schon vor zwei Jahren in seiner Brandrede Das Problem der deutschen Politik heisst Nazi-Ignoranz zusammengefasst. Sie basiert u.a. auf Recherchen des MDR, der Taz und des Redaktionsnetzwerks Deutschland, aber es ist trotzdem eindrücklich, das als dicht gewobene Podcast-Reportage berichtet zu bekommen: Vor allem für das Publikum in den USA, für das der Podcast gedacht ist. Doch auch wir in der Schweiz haben diese Geschehnisse womöglich nicht mit allen erschreckenden Details mitbekommen.

Und auch in Deutschland darf man sich diese Fakten gerne noch einmal in Erinnerung rufen. Einerseits, weil die erwähnte Recherche des MDR-Magazins «Fakt» nicht mehr abrufbar ist, wohl wegen der unsinnigen Regelung, nach der in Deutschland Inhalte nach einer gewissen Zeit depuliziert werden müssen. Andererseits aber auch, weil der Podcast ein klares Zeichen setzt, wie die Welt auf die Geschehnisse in Deutschland blickt und nicht die Augen davor verschliesst, wie die Politik damit umgeht.

Die zweite Folge heisst In the Stomach und stellt zwei Frauen ins Zentrum, die beide auch im Text von Lobo bereits erwähnt sind: Es sind Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung und Claudia Roth, die beide gemäss Lobo zu den «meistgeschmähten und bedrohten Frauen im deutschsprachigen Internet» gehören. In diesem Podcast sagt Kahane in einem bemerkenswerten Anflug von Galgenhumor, dass «eine rechte Todesliste, auf der ich nicht stehe, als unseriös betrachtet werden» müsse.

Keine Informationen, keine Warnung

Im Podcast der «New York Times» erzählen die Frauen aus ihrer Biografie, wie sie mit der Bedrohung umgehen und wie allein die Tatsache, dass sie ein Bild Deutschlands verkörpern, dass den Rechtsextremen zuwider ist, eine Flut von täglichen Hassbotschaften auslöst. Claudia Roth berichtet auch, wie Franco A. an einem Anlass der Grünen teilgenommen hat, ohne dass sie wusste, wer er war und ohne, dass sie gewarnt worden wäre.

Es bleibt abzuwarten, ob «Day X» in den nächsten Folgen mit einem Primeur aufwarten kann. Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, bleibt das ein wichtiger Podcast, der den Finger in deine tiefe Wunde legt – und dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit wachsam bleibt. Und einmal mehr zeigt sich, wie gut das Medium Podcast dafür geeignet ist.

Beitragsbild: Nur um das klarzustellen: Das ist ein Symbolbild (Julien Dumas, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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