Die Wandtafel fürs 21. Jahrhundert

Auf miro.com gibt es virtuelle Schreibtafeln, die man übers Netz mit anderen gemeinsam nutzen kann: Ein kollaboratives Whiteboard quasi, wobei mir sowohl das Wort «kollaborativ» als auch der Anglizismus «Whiteboard» aus sprachlicher Sicht suspekt sind. Aber die Wörter erfüllen ihren Zweck, und damit sind zumindest die Utilitaristen unter uns zufrieden.

Äh, jetzt bin ich schon beim Einstiegsabschnitt vom Thema abgekommen. Das wird auch immer schlimmer. Also, zurück zum Thema.

Man startet mit einer der diversen Vorlagen.

Man meldet sich bei Miro an, wobei der Einstieg erst einmal kostenlos ist. Man legt seine Rolle im Unternehmen fest und gibt die Grösse der Organisation an, für die man tätig ist – und natürlich hat man an dieser Stelle die Vermutung, dass sich diese Angabe nicht auf die Funktion der App auswirken wird, sondern vom Betreiber zu Marketingzwecken erhoben wird. Aber egal: Ich bin jetzt fürs Change Management eines Unternehmens mit Zehntausenden von Mitarbeitern zuständig.

Man wählt dann eine Vorlage für seine Schreibtafel aus. Man findet bekannte Visualisierungsmethoden wie Kanban, die klassische Mindmap und das Flussdiagramm. Es gibt aber auch ein paar Varianten, die mir bislang nicht bekannt waren: User Story Map Framework, Customer Journey Map und Brainwriting sind die Stichworte. Immerhin kann mich mir unter einer Product Roadmap etwas vorstellen und eine vage Idee stellt sich auch bei Retrospective ein.

Man kann die Auswahl aber nach den Anwendungsfällen sortieren und sieht auch da, dass Miro seinen Schwerpunkt bei der Softwareentwicklung hat. Die anderen Anwendungsfälle sind das gute alte Brainstorming, das man neuerdings offenbar auch Ideation nennt. Ferner kann man sich mit agilen Arbeitsabläufen – ich wäre auch enttäuscht gewesen, wenn dieses Zauberwort nicht mindestens nach dem dritten Klick aufgetaucht wäre – Strategie und Planung und über die Kategorie Mapping & Diagramming an die Sache heranwagen.

Etwas tiefer in der Auswahl findet man auch Dinge wie die Concept Map und eine Liste mit zufälligen Begriffen (Random Words). Verdienstvollerweise erhält man zu jeder Vorlage eie Beschreibung und man kann sich vorausgefüllte Beispiele ansehen.

Man darf sich an dieser Stelle fragen, ob die Wahl einer Vorlage sinnvoll ist. Eine analoge Schreibtafel zeichnet sich dadurch aus, dass man mit ihr machen kann, was man will – beziehungsweise, was die Fähigkeiten mit dem Stift einem erlauben. Es wäre ein Nachteil, wenn die Vorlage einen zusehr einschränken würden. Der Einwand liegt aber auf der Hand: Es ist nicht verkehrt, vorab zu wissen, was man tun will – und auf welche Weise man es zu tun gedenkt.

Ich wähle die Mindmap und erhalte eine Vorlage mit einem zentralen Knoten, der mit Problem beschriftet ist und von dem schon ein paar Äste abgehen. Wenn die einen stören (was sie mich tun), kann man sie einfach löschen.

Neben dem Knoten erscheinen nun Plus-Symbole, über die man per Mausklick weitere Äste hinzufügt. Das erklärt sich von selbst und ist das, was man gerne als intuitiv bezeichnet – wer schon einmal mit einer Grafiksoftware gearbeitet hat, sollte sich sofort zurechtfinden.

Drückt man die Enter-Taste, werden automatisch weitere Geschwister-Knoten hinzugefügt. So kann man auch während Präsentationen flott arbeiten und sollte, während man seine Ausführungen macht, auch nicht zu sehr durch die Software in Beschlag genommen werden.

Eine Mindmap – mit ein paar Mausklicks zusammengeschustert.

Auch die übrigen Elemente der virtuellen Tafel sind leicht verständlich:

  • Über eine schwebende Palette formatiert man das ausgewählte Elemente (Farbe, Art der Verästelung, Ausrichtung, Schrift, Linien, etc.).
  • Am linken Rand gibt es eine Werkzeugpalette für Text, Notizen, Formen, Pfeile, Stift, Kommentare und Rahmen.
  • Rechts oben finden sich Knöpfe für die Hilfe, Suche, Einstellungen z.B. für Gitternetz, automatische Ausrihctung, Startansicht für neue Nutzer, und so weiter.
  • Und links unten gibt es Befehle, die mit der Präsentation zu tun haben: Präsentationsmodus, Chatfenster, Frames (für weitere Gliederungseinheiten), Cards (die weitere Details in strukturierter Form enthalten), Screen-Sharing und Activity-Fenster mit der Übersicht der Aktivität.

Das macht einen durchdachten Eindruck und ist absolut brauchbar – aus Sicht des Einzelnutzers gesprochen. Und ist der Clou, dass man diese Funktionen auch im Team einsetzen kann.

Wie gut das funktioniert, kann ich an dieser Stelle nicht wirklich beurteilen, da ich bislang keine Gelegenheit hatte, Miro unter Ernstfallbedingungen zu testen – Journalisten und Blogger sind typischerweise Einzelkämpfer.

Aber die Demo lässt erahnen, wie das funktionieren könnte: Jeder, der an der Präsentation mitwirken möchte, hat einen eigenen Mauszeiger und ist in einem Videofenster zu sehen.

Das ist recht beeindruckend – und wenn es technisch einigermassen anständig funktioniert, dann rechne ich damit, dass Miro in der Tat ein leistungsfähiges Instrument für die Teamarbeit ist. Die Möglichkeiten gehen über das hinaus, was man von der klassischen Schreib- oder Wandtafel her kennt: Bei der trägt meistens nur einer aufs Mal etwas bei.

Und wenn in Gruppenarbeiten alle aufgerufen sind, ihre Beiträge zu leisten, dann führt das je nach Gruppen- und Whiteboard-Grösse dazu, dass man sich vor der Tafel auf die Füsse tritt und im Weg herumgeht. Da ist es tatsächlich komfortabler, wenn jeder seinen Anteil mittels eigenem Bildschirm beiträgt.

Fazit: Ein spannendes Werkzeug, dass ich gerne einmal in Echt ausprobieren würde. Falls jemand von euch dazu Gelegenheit hat, freue ich mich über eine Einschätzung zu den Kollaborationsfunktionen via Kommentare.

Fragt sich natürlich noch, wie viel der Spass kostet. Wenn man mit drei Tafeln zufrieden ist, kommt man gratis weg. Für kleine Teams bezahlt man 8 US-Dollar pro Monat und Person, für grössere 16 US-Dollar pro Monat und Person. Da sind die Boards unlimitiert, man kann eigene Vorlagen anlegen und Tafeln privat teilen. Bei der Business-Variante für 16 US-Dollar gibt es obendrein Single-Sign-on, sodass man den Dienst auch schön ins Intranet einbinden kann.

Eine wichtige Frage ist der Export: Denn wenn man nicht komplett in der Cloud lebt, möchte man die Früchte der Bemühungen wahrscheinlich in vernünftiger Form speichern. Vielleicht sogar so, dass man sie – und das meine ich jetzt völlig ernst – notfalls sogar in qualitativ ansprechender Form in eine gedruckte Publikation übernehmen könnte.

Die Exportmöglichkeit steckt links oben, wo man seine Tafel benennnt. Man kann sie als Bild und PDF exportieren, als Vorlage sichern, die Daten als CSV exportieren und das Meisterwerk auch einbetten. Allerdings, wie beim Abschnitt zu den Tarifen angedeutet, benötigt man für den Export in guter Qualität eine bezahlte Lizenz.

Beitragsbild: Mit diesem Dienst sieht man die Leute an der Wandtafel auch von vorn und nicht bloss von hinten (Startup Stock Photos/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen